Schneesturm, von nahem betrachtet Skip to content

Schneesturm, von nahem betrachtet

In diesem Winter wechseln sich Sturmwarnungen und Nachrichten über gesperrte Pässe miteinander ab, man liest sie und denkt sich, naja. Schon wieder Sturm.

Ganz anders jedoch, wenn man drin landet, wider besseren Wissens. Dann bekommen Worte und Bilder einen Sinn.

Auch für diesen Abend hatte der Wetterdienst wieder eine Warnung herausgegeben, Windstärken von 23 m/s, Niederschläge und möglicherweise Verkehrsbehinderung auf dem Pass. Ein Grund für „að drífa sig“ – sich zu beeilen, eine Dreiviertelstunde bis über den Berg, das schafft man noch, bevor das Wetter kommt.

In Reykjavík regnet es quer durch die Strassen, der Schneematsch in den Wohngebieten quatscht genüsslich um die Reifen, Tauwetter vom feinsten, naja halt.

Gleich hinter der Stadt, wo keine Bebauung mehr stört, nimmt der Wind langsam zu, bläst von links, und dass da Berge sind, ist ihm egal. Hatten wir schon oft. Um wieviel Wind es sich wirklich handelt, weiss nur der kleine Jeep, der sich im Allradbetrieb tapfer dagegenstemmt und schliesslich um den dritten Gang bettelt – dort, wo man sonst locker im fünften rollt.

Am Reykjavíker Skigebiet Bláfjöll auf weniger als 200 Metern Höhe ist aus Regen Schnee geworden, das Auto schiebt sich unter Sturmböen leicht aus der tiefverschneiten Fahrspur. Schon lange hat man den vierten Gang nicht mehr angefasst. Hinter der nächsten Kurve dann ist Schluss mit lustig: bis dahin konnte man sich noch an den Strassenbegrenzungspfosten orientieren, die im Scheinwerferlicht aufblinkten und einen davor bewahrten, in die Mittelleitplanke zu fahren, doch nun raubt der Schnee von links auch die allerletzte Sicht, während es sich unter dem Fahrzeug verdächtig weich nach Schneeverwehungen anfühlt. Die Sicht beträgt Null Meter. Alles keine 15 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Auf dem Sandskeið, in der endlosen Lavawildnis der Bláfjöll, fühlt man sich mit Tempo 30 in überhöhter Geschwindigkeit, das Geradeausfahren wird zwischen frischem Schnee und Schneeverwehungen von einem Zufallsgenerator bestimmt. Noch während man überlegt, wo man eigentlich gerade ist und was für Möglichkeiten es gibt, taucht wie ein Gespenst die Leuchtafel von Vegagerðin auf. Der Þrengsli-Pass (die gerade noch angedachte Alternative) ist gesperrt, auf der Hellisheiði Windstärken von 17 m/s und Windböen von 21 m/s. Dann ist für ca. 50 Meter wieder nichts ausser dem Licht der ratlosen Scheinwerfer im blinden Nachtweiss zu sehen.

Das Hochlandcafé ‘Litli Kaffistofan’ kommt in Sicht, und mit ihm der einzige Linksabbieger auf die Gegenfahrbahn. Sechs Jahre isländische Umerziehung zur Spontanität fruchten: das Steuer herumgeworfen und die einzige Möglichkeit für eine Kehrtwende genutzt. Auf dem Rückweg nach Reykjavík kommt einem in den Sinn, dass man den Hochlandpass noch lange nicht erreicht hatte. Wenn man ihn heute Abend überhaupt erreicht hätte.

Isländisches Wetter hält sich weder an Breitengrade noch an Höhenmeter. Es kann sich im Minutentakt ändern und benötigt keine Vorlaufzeit für grosses Kino. Und es ist in keinster Weise mit dem Wetter in Europa vergleichbar.

Die Wettervorhersage von vedur.is sollte vor jeder Fahrt konsultiert werden. Die Strassenzustandskarte von vegagerdin.is verlinkt Webcams von Hauptstrassen im ganzen Land.

Und einen Plan B sollte man zusammen mit einer Tafel Schokolade stets in der Tasche haben.

— update 21.45: Sandskeið und Hellisheiði sind wegen Schneesturm nun auch geschlossen, ebenso wie die Strasse am Hafnarfjall nach Borganes herunter.

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