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Í ÞÁGU HESTSINS – Im Interesse des Pferdes

Etwa 50 Teilnehmer waren zum Seminar mit Gerd Heuschmann gekommen, welches am vergangenen Wochenende von der isländischen Landwirtschaftsschule in Hvanneyri unter dem Titel „Im Interesse des Pferdes” veranstaltet worden war. Das Seminar fand im Gedenken des kürzlich verstorbenen Reitmeisters Reynir Adalsteinsson statt. Auffallend war, dass sich unter den Teilnehmern weder Sport- oder Zuchtrichter, keine führenden Persönlichkeiten aus der Zuchtszene oder dem Sport und keine Vertreter der Ausrüstungsindustrie befanden.

heuschmann_einaro_jeDr. Gerd Heuschmann und Einar Öder Magnússon, ehemaliger Trainer der isländischen Reiternationalmannschaft. Foto: Jens Einarsson. ff

Dr. Heuschmann ist Tierarzt und ehemaliger Berufsreiter der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Vor etwa 15 Jahren begann er seinen Kampf gegen schlechtes Training und Reiten in der Warmblutszene, vor allem im Bereich des Dressursports. Er ist Herausgeber zweier Bücher und eines Videos, in welchen er seine Kritik und Ideen auf klare und gut verständliche Weise kommuniziert. Unter anderem liest man von einer holländischen Studie, die vor einigen Jahren ans Licht brachte, daß 70% aller Sportpferde im Warmblutbereich getötet oder aus dem Sport genommen werden, bevor sie das achte Lebensjahr erreichen. Gerd fragt nach der Verantwortung der Richter, die ein Reiten mit solchem Hintergrund mit Preisen überhäufen. Er fragt auch nach der Verantwortung der Tierärzte, die in der Regel zu den Vorgängen schweigen.

Alte Reitmeister werden ignoriert

Seiner Ansicht nach haben die alten klassischen Meister bis auf den heutigen Tag Gültigkeit. Ihr Ziel sei es gewesen, „eine gesunde Seele in einem gesunden Körper” aufzubauen. Noch vor hundert Jahren hing das Leben eines Soldaten von seinem gut ausgebildeten Pferd ab. Es gebe keinen Grund, Kapitel in der Pferdeausbildung zu überspringen. Heute jedoch bestimmt das Geld, wohin die Reise geht. Pferde müssen im Sport laufen, lange bevor ihre körperliche Entwicklung und Ausbildung sie dazu befähigt.

Trainer und Reiter zwingen dem Pferd, oft genug auf Geheiß gieriger Pferdebesitzer eine falsche Kopfhaltung auf, welche gefährliche Folgen für die Gesundheit des Pferdes hat. Die erzwungene Kopfhaltung verhindert, dass das Pferd seinen Hals als von der Natur gegebene Balancierstange nutzt. Es verspannt seine langen Rückenmuskeln, um die Last des Reiters zu tragen. Damit verschwindet jegliche Bewegung und Elastizität aus dem Pferderücken.

Freiheit für die Lende

Dr. Heuschmann zufolge sind es nicht die langen Rückenmuskeln, die den Reiter tragen. Sie müssen entspannt und locker sein. Sind sie verspannt und steif, verkürzt das Pferd die Schritte seiner Hinterhand, auf Kosten seiner Gelenke. Die häufigste Ursache für ein Karriereende bei Sportpferden ist der Fesselträgerschaden.

Heuschmann ist auch der Meinung, daß sich das Pferd verspannt, weil der Sattel zu weit hinten liegt. Im Lendenbereich des langen Rückenmuskels dürfe keine Last aufliegen, da hier der Motor des Pferdes beginne. Allzu oft beruhten Taktfehler auf einem zu weit hinten liegenden Sattel, oder einem Sattel, der einfach zu groß für das jeweilige Pferd sei.

Falsch gearbeitete Pferde werden zunächst ohne Sattel an der Longe im Zirkel gearbeitet – ebenso wie Pferde nach langer Pause. Hier zeigen sich die alten Trainingsfehler. Heuschmann demonstrierte am Video einer sechsjährigen Stute, die wegen diagnostizierter Lahmheit zum Schlachter sollte, wie das Pferd nach dem fünften Mal an der Longe ohne Lahmheit lief. Die Lösung des Problems war ganz einfach: das Pferd hatte gelernt, seinen Hals zu senken, worauf der Rücken zu schwingen begann. Damit war die Lahmheit aus der Welt.

Beispiele zum Anfassen

Im Praxisteil des Seminars ließ Heuschmann die Pferde sprechen. Die von der Kursleitung ausgewählten Pferde zeigten eine deutliche Reaktion, zum jeweils besseren und schlechteren, je nachdem, wo der Sattel platziert wurde. Pferde, die verspannt und unausbalanciert in den Gängen liefen und Anlehnungsprobleme hatten, zeigten ein besseres Gesamtbild, nachdem der Sattel nach vorne geschoben wurde. In einigen Fällen wurde der hintere Teil des Sattels durch ein gefaltetes Handtuch solcherart entlastet, daß er sich vom Lendenbereich etwa 5 bis 10 Zentimeter abhob.

Heuschmann wies auch darauf hin, daß die Sattelkammer nicht zu eng sein dürfe, weil sie die Beweglichkeit der Schulter einschränke. Im Verlauf entspann sich eine Diskussion um Sattellänge und Bauart und um die Notwendigkeit, den Sattelbau generell kritisch zu überprüfen. Heuschmann betonte, daß jedoch allzuoft das Problem im Sattel sitze. Und das aus dem Mund eines Reiters!

Schenkelgänger versus Rückengänger

Obwohl das Pferd durch falsche Reitweise im Rücken blockiert ist, könne es dennoch die Vorderfüße heben und Richter wie Zuschauer beeindrucken. Diese Pferde wurden von den alten Meistern „Schenkelgänger” genannt (Pferde mit verspanntem Rücken). Der Rückengänger hingegen (zufriedenes Pferd mit schwingendem Rücken) sollte das Ziel eines jeden guten Reiters sein.

„Gut ausgebildete Pferde, die genug Zeit bekommen, um Kraft und Gleichgewicht unter dem Reiter zu entwickeln, leben länger und fühlen sich natürlich wohler. Abgesehen davon ist es viel schöner, solch ein Pferd zu reiten. Ein wunderbares Gefühl. Selbst ein Warmblut ist gut zu sitzen, wenn es ein Rückengänger ist. Sicher dauert es lange, um den Blickwinkel der Leute zu verändern. Geld und Werbung haben viel Macht. Ich bin bereit, mein Leben darauf zu verwenden, für die Sache der Pferde zu kämpfen”, sagte Gerd Heuschmann.

Jens Einarsson

(ehem. Chefredakteur des Hestablaðið)

Hier gelangen Sie zu Dagmar Trodlers Eindrücken vom zweiten Teil des Seminar.

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