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Þorlákshöfn: Lachszucht gegen Sandmühle

In der südisländischen Küstenstadt Þorlákshöfn, wo zur Zeit ein beispielloses industrielles Wachstum stattfindet, zeichnet sich ein Machtkampf zwischen Interessenvertretern der Industrie, Gemeindeverwaltung und Behörden ab, berichtet Heimildin.

Brief mit neuen Fakten

Am 17. Mai hatte eine Abstimmung der Einwohner darüber stattfinden sollen, ob der deutsche Zementhersteller Heidelberg Cement seine umstrittene Sandmühle in Þorlákshöfn bauen darf. Der Gemeinderat entschied überraschend kurzfristig, die Abstimmung zu verschieben, ein in Island nie dagewesener Vorgang.
Vísir berichtet, bei Bürgermeister Elliði Vignisson sei am Vortag ein Brief des Landfischzuchtunternehmens First Water eingegangen, in welchem dieser seiner Besorgnis Ausdruck verleihe, dass Sandmühlenbetrieb und Lebensmittelproduktion nicht nebeneinander existieren könnten. Ausserdem sei eine Hafenanlage genau dort geplant, wo First Water geothermales Meerwasser für seine Fische an Land pumpe.

Der Brief war an den Bürgermeister und die Gemeinderatsmitglieder persönlich verschickt, dann aber angeblich an die Medien “geleakt” worden. Aus der Opposition verlautete, es habe sich nicht um ein Geheimdokument gehandelt, vielmehr zeige die Diskussion um den Brief klar, dass die Mehrheit im Gemeinderat offenbar doch Geheimhaltung praktiziere, um Bürgern wichtige Daten vorzuenthalten und eine demokratische Debatte zu verhindern.
Möglicherweise ist die Abstimmung verschoben worden, weil der Brief die Haltung der Einwohner in Bezug auf die Sandmühle negativ hätte beeinflussen können.

Sandige Pläne
Das Projekt der Heidelberg Cement hat eine lange Vorgeschichte. Vulkansand kann als Ersatz für Flugasche in der Zementproduktion verwendet werden. Die Heidelberg hat die Genehmigung, einen Berg westlich des Þrengsli-Passes zu Exportzwecken abzubaggern, ausserdem sollen vom Meeresgrund der Strandlinie zwischen Landeyjar und Eyjafjöll, direkt gegenüber von den Westmännerinseln, 75 Millionen Tonnen Sand ausgegraben und per Pumpschiff nach Þorlákshöfn gebracht werden. Dort soll der Sand in der Sandmühle gemahlen und anschliessend exportiert werden.

Einwohner einseitig informiert
Informationen über negative Auswirkungen auf das Leben und die Lebensqualität in Þorlákshöfn selbst seien den Einwohnern hingegen niemals so wirklich präsentiert worden, wirft das oppositionelle Gemeinderatsmitglied Ása Berglind Hjálmarsdóttir dem Bürgermeister vor. Vielmehr habe der dem antragstellenden Unternehmen die Projektdarstellung einseitig überlassen, wie etwa bei einer offenen Bürgerversammlung am 15. Mai.

Nun kommt der oben genannte Brief ins Spiel: Bürgermeister Elliði wirft dem Lachszuchtunternehmen First Water vor, kurz vor Toresschluss mit Bedenken über Staubbelastung und negative Auswirkungen auf die Fische aufzuwarten. Ása Berglind wirft der Gemeinde Ölfus hingegen Fahrlässigkeit vor, weil diese die Umweltauswirkungen der Sandmühle nicht angemessen berücksichtigt habe, die offenbar mit diesem Brief aufgetaucht sind. Mit anderen Worten: eigentlich hätte die Gemeinde diese Informationen beibringen müssen, damit der Bürger umfänglich informiert zur Abstimmung schreiten kann.

Die beiden anderen Lachszuchtkonzerne vor Ort hatten bislang keine mögliche Umweltbelastungen befürchtet. Der Brief von First Water allerdings hat sie aufgescheucht, nun macht sich auch dort Sorge breit, der Heidelbergstaub aus der unmittelbaren Nachbarschaft könnte sich negativ auf den Produktionsbetrieb auswirken.
Bürgermeister Elliði war selbst wegen seiner engen Verbindungen zu Heidelberg und angeblicher Vergünstigungen schon mehrfach Gegenstand der öffentlichen Kritik gewesen.

Sandabbau nicht nachhaltig
Sämtliche Einschätzungen der beteiligten Kommunen, der Fischereibehörde, sowie Meeresforschungsinstitut, Naturkundeinstitute, Gesundheitsbehörden, Wasser- und Stromversorger, Küstenwache, Verkehrsbehörde, Umweltbehörde, Strassenverwaltung und Kommunikationsunternehmen etc zu dem Sandprojekt waren negativ ausgefallen. Unter anderem wurde kritisiert, dass in dem Küstenabschnitt alle Versorgungsleitungen für die Westmännerinseln liegen, die durch das Abgraben gefährdet werden. Ausserdem befindet sich südlich von Island das grösste Ablaichgebiet isländischer Nutzfischarten, eine massive Abgrabung von Meeresboden verursacht Wassertrübung und spült mit dem Sand alles marine Leben in die Pumpschiffe. Das Marineforschungsinstitut (Hafró) hatte das Sandprojekt gar als „beispiellos“ bezeichnet.
Es könne schon allein deshalb nicht als nachhaltig gelten, weil Heidelberg 10-27 mal mehr Sand entnehme als der grösste Gletscher Südislands über den Markarfljót nachliefere. Man könne überdies nicht ausschliessen, dass die Abgrabung am Ende zu einer Stranderosion an der Südküste führen werde.

Einflussnahme per Anwalt
Heimildin berichtet, dass die Heidelberg versucht habe, per Anwalt die Teilnahme eines Hafró-Mitarbeiters an der Bürgerversammlung zu verhindern. Dabei handelte es sich um den Mitarbeiter, der die Auswirkungen der Sandabgrabung bei Landeyjar untersucht hatte und zu dem Ergebnis gekommen war, dass dies den Nutzfischbestand und die Küstenlinie gefährde. Er hatte in seinem Bericht auch festgehalten, dass mit den Ressourcen des Landes vorsorglich und nachhaltig umgegangen werden solle.
Das Marineforschungsinstitut habe die Email des Anwalts ignoriert, den Mitarbeiter zur Versammlung geschickt, und dem Anwalt später erklärt, dass eine staatliche Institution gesetzlich verpflichtet sei, über ihre Forschungsergebnisse zu informieren. Bei Hafró hiess es, es komme nicht jeden Tag vor, dass ein privatwirtschaftliches Unternehmen auf diese Weise versuche, Druck auf eine staatliche Insttution auszuüben.

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