Interview mit Umweltministerin zu Aluminium, Energienutzung und Naturschutz Skip to content

Interview mit Umweltministerin zu Aluminium, Energienutzung und Naturschutz

svandissvavarsdottir_althingiDer US-Konzern Alcoa hatte im Oktober 2011 seine Pläne, in Bakki in der Nähe der nordisländischen Stadt Húsavík eine Aluminiumfabrik zu errichten, aufgegeben, da der staatliche isländische Energiekonzern Landsvirkjun die benötigte Menge an Energie nicht bereitstellen konnte.

Dafür kündigte Alcoa an, die Produktion der Aluminiumschmelze Fjarðaál in Reyðarfjörður, Ostisland, erhöhen zu wollen. Zu diesem Komplex hat Bernhild Vögel der isländischen Umweltministerin Svandís Svavarsdóttir einige Fragen gestellt.

Die ersten Fragen beziehen sich auf die Situation nach dem Rückzug von Alcoa vom Bakki-Projekt.

bv: Ist dies nicht eine Gelegenheit, um die Projekte für geothermale Kraftwerke in der Region zwischen Mývatn und Húsavík zu reduzieren – speziell die Ausweitung des Bjarnarflag-Kraftwerkes im ökologisch sensiblen Mývatngebiet? (Einheimische sind besorgt über das Risiko der Kontamination von Grundwasser und See durch thermale Flüssigkeiten – vgl. den deutschen Report.)

Svandís: Die Reduzierung der Pläne für geothermale Energie in der Region kam vor Alcoas Rückzug aus Bakki und war in der Tat ein wichtiger Grund für ihre Entscheidung. Seit einiger Zeit schon sah sich Landsvirkjun außer Stande, den Bedarf für eine Aluminiumfabrik von der Größe, die Alcoa plante, zu decken – dies hätte etwa 600 MW benötigt. Schätzungen, was realistischerweise von geothermalen Quellen in der Region entnommen werden kann, belaufen sich auf 200 bis 400 MW.

Bjarnarflag ist eines der Gebiete, die gegenwärtig im „Masterplan für hydro- und geothermale Energieressourcen in Island“ untersucht werden. Die Ergebnisse des Masterplans werden einen Einfluss auf die maximale Energieentnahme der Region haben, abhängig davon, welche Ressource unter Energienutzung und welche unter Naturschutz fallen wird.

Bevor die Resultate des Masterplans nicht vorliegen, bin ich nicht in der Lage, über einzelne Alternativen ins Detail zu gehen.

bv: Gibt es eine Diskussion über die Ersetzung energieintensiver Fabriken durch beschäftigungsintensive Betriebe und darüber, wie die Effizienz der geothermalen Kraftwerke durch die Nutzung der Abwärme vor Ort, zum Beispiel in Gewächshäusern, genutzt werden kann?

Svandís: Das ist ein sehr lebhaft diskutiertes Thema, besonders nach Alcoas Rückzug aus Bakki. Diskussionen werden gegenwärtig mit einer Anzahl von Firmen geführt, die weniger energieintensive Fabriken planen als die Aluminiumschmelze. Das wird hoffentlich in mehr Arbeitsplätzen pro Energieeinheit resultieren und den Aufschwung für die lokale Wirtschaft größer machen, als das bei der Aluminiumschmelze der Fall gewesen wäre.

Das Beispiel der Gewächshäuser, die geothermale Abwärme nutzen, wurde in Verbindung mit dem Hellisheiði-Kraftwerk diskutiert. Das ist eine sehr faszinierende Idee, aber eine, die kritisch untersucht werden muss.

Zum Beispiel: Wie „grün“ sind die Pläne, wenn das Produkt auf Märkte in andere Ländern geflogen wird – das heißt: Ist die gesamte CO2-Bilanz des Gewächshauses im Lebenszyklus der Pflanzen niedriger oder höher als die eines Gewächshauses, das näher am Verbraucher liegt.

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Bjarnarflag. Foto: bv.

Der zweite Fragenkomplex beschäftigt sich mit der von Alcoa geplanten Ausweitung der Aluminiumproduktion im Werk Fjarðaál in Reyðarfjörður, Ostisland.

bv: Welche Umweltfolgen wird die Erweiterung nach sich ziehen?

Svandís: Jede Änderung in der Produktion der Aluminiumfabriken muss der Nationalen Planungsbehörde gemeldet werden, die entscheidet, ob die Änderung eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung erfordert.

Die Medien haben im Oktober über die Erweiterung von Fjarðaál berichtet. Meines Wissens hat das Projekt noch nicht das Stadium erreicht, bei dem die Planungsbehörde benachrichtigt wird. Wenn die Planungsbehörde in dieser Sache entscheidet, kann diese Entscheidung zum Ministerium zurückgestellt werden.

bv: Gibt es irgendeine Entschädigung für ökologische Langzeitschäden, die Resultat des Kárahnjúkar-Staudamms sind? Beispiele: Der sterbende Fischbestand im Lagarfljót und die wachsenden Probleme für Menschen, Flüsse, Robben und Vögel im Gebiet Tungahreppur, wo das Wasser mehr und mehr Land wegnimmt.

Svandís: Die Entscheidung, das Kárahnjúkar-Projekt zu genehmigen, wurde trotz vieler Kritik getätigt – viele dieser kritischen Stimmen stammten von den Links-Grünen, die damals in der Opposition waren.

Als die Entscheidung fiel, lag unter anderem eine Umweltfolgenabschätzung vor, was zeigte, dass die möglichen Folgen für die Tierwelt im Bereich der Flussläufe und für die natürliche Umwelt großenteils bekannt waren.

Die Behörden entschieden damals, andere Faktoren seien wichtiger als etwaige Umweltfolgen; man hielt die sozialen und ökonomischen Ziele des Projektes für so groß, dass sie die Umweltschäden übertreffen würden.

Dennoch ist das Kárahnjúkar-Projekt höchstwahrscheinlich im Einklang mit der damaligen Gesetzgebung errichtet worden. Wenn es irgendwelche ökologischen Langzeitschäden infolge des Kárahnjúkar-Damms gibt, müssen diejenigen, die glauben, sie hätten Schaden erlitten, vor dem isländischen Gerichtshof um Entschädigung auf der Basis der allgemeinen Haftpflichtregelungen nachsuchen.

Die 1964 geborene Svandís Svavarsdóttir studierte Sprachwissenschaften und arbeitete unter anderem als Lehrerin für Gehörlose. 2005-2006 war sie Generalsekretärin der Partei „Links-Grüne Bewegung“ und von 2006 bis 2009 Mitglied des Stadtrates von Reykjavík.

2009 wurde sie als Abgeordnete des Wahlkreises Reykjavík-Süd ins isländische Parlament Alþingi gewählt. Seit dem 10. Mai 2009 ist sie isländische Umweltministerin. Svandís ist verheiratet und hat vier Kinder.

Bernhild Vögel – [email protected]

www.birdstage.net

Weitere Artikel zum Thema Aluminium und geothermale Energie:

23.12.2011: Dichter, Dämme, Dynamit

21.11.2011: Staudamm Kárahnjúkar nicht rentabel

22.08.2011: Salz oder Silizium – Geothermale Projekte in Island

09.08.2011: Geothermische Bohrungen in Nordost-Island wieder

29.06.2011: Neues Kraftwerk in der Nähe von Mývatn

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