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Brief von Ingunn Reynisdóttir

Im Nachfolgenden ist der Volltext von Ingunn Reynisdóttirs Brief zum Thema “Pferd ablegen” auf deutsch zu lesen:

Im Sinne des Pferdes

Von klein auf habe ich gelernt, dass man mit Pferden fair und respektvoll umgehen soll. Die Art des Zureitens beruhte darauf, Vertrauen aufzubauen und eine harmonische Kooperation zwischen Mensch und Pferd entstehen zu lassen. Da es sich ja stets um unterschiedliche Individuen handelt, dauert es bei manchen Pferden etwas länger, bei anderen kürzer. Wenn ein Pferd nach Ansicht meines Vaters, Reynir Aðalsteinssons, zu hart angefasst, oder ungerecht behandelt wurde, nannte er das “einen Griff nach der Seele”. Das aber musste unter allen Umständen vermieden werden. In meiner Reiterei habe ich mich darum bemüht, diese Maxime zu beherzigen.

Vor kurzem fanden an einigen Orten im Land Vorführungen/Kurse statt, bei denen gezeigt wurde, wie Pferde mit Gewalt, d.h. mit Hilfe von Seilen abgelegt werden können. Zudem ist auch das sogenanne “flooding” demonstriert worden. Ich möchte hier erläutern, was die Anwendung dieser beiden Methoden für das rohe oder auch das schon gerittene Pferd bedeutet und darüber in Kenntnis setzen, welche Folgen diese für das Pferd haben können.

Wie lernt das Pferd?

Pferde haben ein hervorragendes Gedächtnis. Sie lernen aus Erfahrungen und indem sie vieles auskundschaften. Sie sind Spezialisten darin, sich kleinste Einzelheiten einzuprägen, und was das betrifft, dem Menschen weit überlegen. Für Pferde ist es hingegen viel schwieriger, lauter Einzelheiten im Zusammenhang und über längere Zeiträume abzuwägen. Nur mit intensivem Training ist es möglich, Pferde komplexe Abläufe verstehen zu lassen. Pferde verfügen nicht über ein rationales Denkvermögen und können daher keine Schlussfolgerungen ziehen. Da sie nur aus Erfahrungen lernen (verallgemeinern), müssen alle Übungen in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen durchgeführt werden. Eine besondere Problematik besteht in diesem Zusammenhang darin, dass Pferde sich am lebhaftesten an Spannung und Angstsituationen erinnern. Das Pferd ist und bleibt ein Fluchttier. Vor allem sollte beachtet werden, dass sich insbesondere erste Eindrücke sehr stark einprägen. Daher muss vor allem zu Beginn des Grundtrainings, d.h. bei der ersten Annäherung an das junge Pferd, sehr sorgfältig gearbeitet werden. Ein aufgeregtes, gestresstes Pferd hat Mühe zu lernen. Die Aufnahmefähigkeit des Pferdehirns ist stark reduziert, wenn sich das Tier in einem Erregungszustand befindet.

Um unsere Ziele beim Einreiten zu erreichen, müssen wir ein Milieu schaffen, in welchem sich das Pferd wohlfühlt. Dann wird der gemeinsame Weg für uns und das Pferd angenehm werden. Die Arbeit mit Pferden darf kein Kampf sein, und wir sollten diesen Tieren nie unseren Willen aufzwingen, sondern ihnen vermitteln, dass sie unserer Anführerrolle vertrauen können.

Obwohl wir das Pferd dazu bringen wollen, uns zu respektieren und gehorsam zu sein, dürfen wir es nicht dominieren. Es geht vielmehr darum, dass das Pferd einen als Anführer wählt und anerkennt. Nun möchte ich nicht missverstanden werden; man kann ein Pferd lehren, sich hinzulegen, und diese Übung kann ein Beweis für großes Vertrauen zwischen Mensch und Pferd sein. Es vertraut darauf, dass man es nicht umbringen will, sondern ganz im Gegenteil sogar vor anderen Raubtieren beschützen wird.

Man muss bedenken, dass ein liegendes Pferd gänzlich wehrlos ist. Es will sich nicht in eine solche Situation begeben, außer es hat volles Vertrauen zu dem Menschen, der dies von ihm verlangt. In freier Wildbahn ist das Pferd ein Beutetier. Wenn es kann, wird es immer vor allen denkbaren Gefahren und ebenso bei allem, was ihm unangenehm ist oder Schmerz bereitet, die Flucht ergreifen. Um sich in Sicherheit zu bringen, flieht das Pferd von Natur aus so schnell und so weit es kann, und für das rohe Jungpferd ist der Mensch ein Raubtier.

Iben Andersen ist möglicherweise eine tüchtige Bereiterin und hat mancherlei Fähigkeiten. Nun ist es jedoch wichtig, dass man sich darüber im klaren ist, welche Auswirkungen ihre beiden Methoden auf Pferde haben können, einerseits das sogenannte “flooding” und zum anderen das erzwungene Ablegen.

Andersen demonstrierte u.a. das „flooding“. Dabei wird das Pferd mit einer Gerte, an der eine Plastiktüte befestigt ist, oder mit irgendeinem anderen Gegenstand in Schrecken versetzt, und damit wird erst aufgehört, wenn das Tier endlich stillsteht. Zunächst ist das Pferd außer sich vor Furcht, es kann jedoch nicht entkommen, gibt schließlich auf und bleibt stehen. Beim “flooding” wird das Pferd also daran gehindert zu fliehen. Die Bedrohung wird fortgesetzt, bis das Pferd keinen Ausweg mehr sieht, aufgibt und still steht. Dann erst wird das Pferd zufriedengelassen. Die Methode soll das Pferd daran gewöhnen, bei einer Bedrohung nicht entsprechend seinem Fluchtinstinkt zu reagieren. Dabei ist es wichtig, dass das Pferd, auch wenn es Furcht empfindet, nicht in der Lage ist, davonzulaufen, d.h. dass man es also absolut in seiner Gewalt hat. Auf diese Weise soll es sich an bedrohliche Situationen gewöhnen.

Es gibt vielerlei Methoden ein Pferd an Reize zu gewöhnen. Die am häufigsten angewandte nennt sich „systematic desensitation“ (systematische Desensibilisierung). Dabei wird das Pferd in aller Ruhe wiederholt mit Dingen konfrontiert, die es zunächst fürchtet. Eine Panikreaktion wird tunlichst vermieden, es passiert nichts Schlimmes und das Pferd erhält zudem im passenden Moment eine Belohnung. Auf diese Weise gewöhnt sich das Pferd ohne Aufregung daran, das betreffende Objekt oder den Reiz nicht mehr zu fürchten.

Das Flooding, welches hier vorgeführt wurde, kann man als eine überbrandende Bedrohung ansehen. Das Pferd wird gezwungen, Dinge, die es fürchtet, so lange zu ertragen und hinzunehmen, bis es keine Angst mehr zu haben scheint. Das Flooding lehrt angstvolle Pferde, dass ihre einzige Möglichkeit aus einer bedrohlichen Situation zu entkommen, darin besteht, physisch und psychisch aufzugeben, keine Reaktionen mehr zu zeigen. Es ist anzunehmen, dass die Angst weiterhin vorhanden ist, nur hat das Pferd gelernt, nicht mehr zu reagieren. Man kann nichtausschließen, dass gewisse Pferde auf diese Weise tatsächlich ihre Angst verlieren, meistens verlieren sie aber auch gleichzeitig das Vertrauen zu dem Bereiter. Und vereinfacht dargestellt: Du leidest an Höhenangst, und dir steht nur die Möglichkeit offen, einem großen Krokodil zu entkommen, indem du auf einen Baum kletterst. Wie die meisten Leute würdest auch du auf den Baum klettern. Das bedeutet aber nicht, dass du damit von deiner Höhenangst geheilt bist. Du sitzt auf einem Ast – voller Angst.

Die Methode kann recht schnell wirken, ist aber sehr problematisch und kann gefährliche Situationen herbeiführen. Wenn das Flooding misslingt, also falls es dem Pferd gelingt zu entkommen, verstärkt sich seine Furcht um ein Vielfaches, und das kann zukünftige panische Reaktionen zufolge haben.

Die zweite Vorführung der dänischen Bereiterin bestand darin, ein Pferd abzulegen. Dazu wurde ein Vorderbein mit einem Seil hochgebunden und das Pferd genötigt, sich niederzulegen. Die Grundidee dabei ist es, die Oberherrschaft zu erlangen und den Willen eines schwierigen Pferdes zu brechen.

Was geschieht, wenn ein Pferd gezwungen wird, sich zu hinzulegen?

Meistens wehren Pferde sich gegen das Ablegen. Wann sie schließlich aufgeben, ist individuell verschieden, oft aber erst nach heftigem Kampf, und die Pferde beginnen stark zu schwitzen. Endlich gibt das Tier auf und bleibt nun still liegen. Das Pferd kann überall gestreichelt werden, ohne dass es reagiert. Die Augen sind offen, die Lidbewegungen normal, der Blick aber ist nicht fokussiert. Das Pferd ist, wie man auch sagt, “nicht zuhause”. Was geschieht hier? Wahrscheinlich hast du im Fernsehen schon einmal zugeschaut, wenn ein Raubtier seine Beute schlägt. Das Beutetier hört plötzlich auf, sich zu wehren, und obwohl es noch lebt, bewegt es sich nicht mehr. Dieses Verhalten ist in der Tierwelt unter der Bezeichnung Tonic Immobility (TI) bekannt.

Tonic Immobility oder eine zeitweise Lähmung ist eine instinktive Schutzreaktion, welche das Verhalten des Tieres in Situationen steuert, in denen es sich in höchster Lebensgefahr sieht, bzw. große Angst empfindet und sich extrem bedroht fühlt. Bei Tieren, die TI erleben, kann man eine totale Unterdrückung der Muskeltätigkeit feststellen. Sie sind bewegungslos und verlieren ihr Schmerzempfinden. Die Gegenwehr hört auf, das Tier gibt keinen Laut von sich, denn das könnte den Angreifer dazu veranlassen, die Attacke erst recht fortzusetzen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Ähnliches bei Menschen auftreten kann, die Opfer physischer oder psychischer Gewalt werden, z.B. Frauen, denen sexuelle Gewalt angetan wird, Menschen bei einem Unfall oder in höchster Lebensgefahr. Das Pferd hat dem Raubtier (Bereiter) gegenüber aufgegeben, es ist bereit zu sterben und bereitet sich darauf vor, gefressen zu werden.

Was geschieht, wenn das Pferd schließlich aufstehen darf?

Während solche Pferde am Boden liegen, scheinen sie sich oft in einer Art Trance zu befinden, müssen aufgeweckt, angestoßen werden, damit sie aufstehen. Manche Pferde tun das hingegen sofort. Da das Tier ruhig und ausgewogen erscheint, meint man, alles sei in Ordnung, die ganze Prozedur berechtigt, und dem Pferd sei nichts Schlimmes zugestoßen. Das hingegen stimmt nicht, wenn TI vorliegt. Für ein Tier, das derartig starkem psychischen und physischen Stress ausgesetzt worden ist und in TI verfällt, hat das viele Folgen.

Bei lang andauernder Gegenwehr, können z.B. muskuläre Schäden entstehen, und in schlimmsten Fällen kann das zum Tode des Tieres führen. Der psychische Schaden, den TI hervorruft, ist in der Regel aber schwerwiegender. Die Methode gibt dem Tier keine Möglichkeit “eine Antwort zu finden”, um den körperlichen und seelischen Druck loszuwerden und kann einen Zustand hervorrufen, der als “learned helplessness” (erlernte Hilflosigkeit) bezeichnet wird.

Diese wird definiert als seelischer Zustand in dem das Tier/ Individuum lernt, dass es keinerlei Einfluss auf unangenehme oder gefährliche Situationen haben kann. Alle Reaktionen sind vergeblich, und es entsteht tiefste Hilflosigkeit. Wenn ein Pferd annehmen muss, dass der Schmerz nicht nachlässt, die Quälerei nicht aufhört, ist Gegenwehr die erste Reaktion. Wenn diese nichts bewirkt, was immer es auch versucht, gibt das Pferd auf und ist nun in Gefahr, die erlernte Hilflosigkeit zu entwickeln. Das hat anhaltende und tiefer wirkende Folgen als jene, die sich bei TI ergeben. Bei Pferden, welche die erlernte Hilflosigkeit entwickelt haben, kann ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel (Stresshormon) festgestellt werden. Nicht selten treten Magengeschwüre auf, und das Immunsystem ist beeinträchtigt. Solche Pferde werden oft als inaktiv, matt und depressiv beschrieben. Sie tun ohne Widersetzlichkeit oder Furcht alles, was von ihnen verlangt wird. Der Funken, die Initiative und die Freude aber fehlen.

Erlernte Hilflosigkeit kann sich also bei Pferden entwickeln, die üblen und gar schmerzhaften Situationen ausgesetzt werden, welchen sie nicht entkommen können. Beispiele dafür sind Ausbinden, Flooding, ständiges Zügelzerren, starkes, unablässiges Treiben gegen den Zügel und keinerlei Nachgeben.

Ein Pferd abzulegen, wie hier beschrieben, ist eine der ältesten Zähmungsmethoden der Welt, wird seit Jahrhunderten praktiziert und gilt daher nirgends als Neuheit. Sie ist, gelinde ausgedrückt, sehr umstritten und entspricht nicht den Vorstellungen, die wir heutzutage vom Umgang mit Tieren haben. Wir kennen viel bessere, schonendere Methoden, und etliche Untersuchungen zum Verhalten des Pferdes und seiner Art zu lernen, haben uns gezeigt, dass die hier besprochenen Vorgehensweisen veraltet und schädlich sind, und keinerlei Berechtigung haben.

Mit der Anwendung derartiger Praktiken zerstören wir genau das, was uns an diesen Tieren doch so fasziniert, ihre Lebendigkeit. Wir ersticken das Feuer, das die Lebensfreude antreibt. Wir sollten die einzigartige Persönlichkeit unseres Pferdes nicht schädigen, seinen guten Charakter, seine Gelassenheit, Geduld, Lernbereitschaft und Ausdauer bewahren. Auf diesen Kursen wird ohne Zweifel die Seele der Pferde angegriffen, und das ist unakzeptabel.

Ingunn Reynisdóttir

Tierärztin und Reiterin

Quellenangaben:

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