Zuchtlachs: Polizei ermittelt wegen entkommener Fische in den Westfjorden

aquaculture farm iceland

Die Lebensmittel- und Veterinaraufsichtsbehörde MAST hat im Fall der mutmasslichen Fischflucht beim Lachszuchtkonzern Arctic Sea Farm eine polizeiliche Ermittlung angefordert. Dem Unternehmen wird ein Verstoss gegen die Fischzuchtbestimmungen zur Last gelegt.
Konkret geht es um aus dem offenen Meeresgehege entwichene Zuchtlachse im Kvígindisdalur im Patreksfjörður, nachdem dort im Sommer zwei Löcher in den Netzen festgestellt worden waren. Angler hatten in bekannten Lachsflüssen im Westen und Norden Dutzende von Zuchtlachsen an der Angel gehabt. Eine Zählung im Meeresgehege ergab, dass dort von 73.000 Zuchtlachsen 3500 Exemplare fehlten.
“Gemäss Art. 22 des Fischzuchtgesetzes drohen Vorstandsmitgliedern und Geschäftsführern des Lizenzinhabers Geldstrafen oder eine Haft von bis zu zwei Jahren, wenn es sich um einen schweren Verstoss handelt, wenn Zuchtfische aus einer Zuchtanlage entweichen, wo die Ausrüstung für die Fischfarm aufgrund vorsätzlicher oder fahrlässiger Handlungen oder Unterlassungen zu wünschen übrig lässt,“ heisst es in einer Mitteilung von MAST.
Die Polizeidirektion in den Westfjorden ermittelt in der Angelegenheit, MAST zufolge erteilt das Büro derzeit keine weiteren Informationen.

Taucher durchkämmen Flüsse
Derweil befinden sich im Fluss Ísafjarðará zwei norwegische Taucher, die dort nach Zuchtlachsen suchen und sie per Harpune töten. RÚV berichtet, die Taucher seien von einem norwegischen Unternehmen geschickt worden. In Norwegen durchkämme man jedes Jahr mehr als 100 Flüsse auf diese Weise, um sie von Zuchtlachsen zu reinigen. Die Problematik von entwichenen Zuchtlachsen in die Wildnis, die von den vor allem norwegischen Lachszuchtkonzernen in Island lange vehement bestritten worden war, ist im Mutterland der Konzerne also wohl bekannt.
MAST hatte im Sommer zahlreiche aus westfirdischen Flüssen geangelte Lachse genetisch bestimmt und in den allermeisten Fällen Zuchtlachse gefunden.

Keine weiteren Lizenzen
Gestern hatte die isländische Regierung angekündigt, vorerst keine weiteren Lizenzen für meeresgestützte Lachszucht auszugeben, nachdem die Industrie in den vergangenen Jahren stark angewachsen war. Der Exportwert von Zuchtlachs hatte im Jahr 2014 bei 1,4 Mrd ISK gelegen, letztes Jahr waren er auf 40,5 Mrd ISK gestiegen. Gleichzeitig ist der Export von Zuchtlachs um das 26-fache gestiegen, von 1.460 Tonnen auf 38.840 Tonnen.
Grösster Kunde für den industriell hergestellten Speisefisch aus isländischen Gewässern war im letzten Jahr die USA mit einem Gegenwert von rund 9,4 Mrd ISK. Auf Platz zwei folgten die Niederlande mit 7,3 Mrd ISK, gefolgt von Polen, Dänemark, Frankreich und Grossbritannien.
Die Zahl der Beschäftigten in der Lachszuht hat sich in Island von 309 Personen im Jahr 2014 auf 685 im Jahr 2022 erhöht.

Rechnungshof monierte das Fehlen von Kontrolle
In einem Bericht des nationalen Rechnungshofes zu Jahresbeginn waren Verwaltung und Kontrolle in der Lachszucht als schwach und fehlerhaft moniert worden. Geänderte Bestimmungen seien nicht befolgt worden, dafür sei die Branche unkontrolliert gewachsen, und der Aufbau von meeresgestützen Zuchtbecken sei beinahe diskussionslos und ohne Reaktion der Politik vonstatten gegangen. Unternehmen hätten Zuchtgewässer langfristig gratis zur Verfügung gestellt bekommen, und Zuchtbecken seien zu dicht an Schifffahrtsrouten und entlang von Telekommunikations- und Stromkabeln aufgesetzt worden.
In den Westfjorden verfügen die Lachskonzerne über Lizenzen für die Zucht von 53.000 Tonnen Lachs, in den Ostfjorden sind es 43.800 Tonnen.

Seuchen und Fischsterben
Auch Krankheiten tauchten in den letzten Jahren auf, nachdem der isländishe Zuchtlachs lange als ausgesprochen gesund und parasitenfrei vermarktet worden war. Im letzten Jahr hatten im Berufjörður und im Reyðarfjörður alle Lachse in den Becken geschlachtet werden müssen, weil sich dort die infektiöse Fischanämie ISA ausgebreitet hatte. An dieser Virusinfektion erkrankte Fische sind für den menschlichen Verzehr nicht geeignet. MAST hatte seinerzeit behauptet, an ISA leidender Zuchtfisch sei durchaus essbar. Das Virus kann im Meerwasser überleben und sich auf andere Bestände übertragen.
Der Fachtierarzt für Fischkrankheiten bei MAST, Gísli Jónsson, gab an, in Norwegen seien aus den Abfällen Düngemittel hergestellt worden.
Im Februar 2020 waren in den Westfjorden 500 Tonnen Lachs verendet, vermutlich starben die Fische wetterbedingt.

Die Fischereiministerin plant einen Gesetzentwurf, der die Lachszucht gründlich auf den Prüfstand stellt. Schon im vergangenen Winter waren deswegen zahlreiche Anträge auf Produktionsstätten im Osten des Landes auf Eis gelegt worden. Im piktoresken Fährhafen Seyðisfjörður hatte sich ein Grossteil der lokalen Bevölkerung gegen Lachszuchtanlangen im Fjord ausgesprochen.

 

Lawinengebiet: Heute Verschnaufpause, ab morgen wieder Schneefall und Wind

avalanche neskaupstaður

Im Städtchen Neskaupstaðir herrscht nach den gestrigen Lawinenabgängen immer noch eine Art Ausnahmezustand. Drei Lawinen waren auf Wohnhäuser abgegangen, eine von ihnen an der gleichen Stelle wie 1974, als 12 Menschen ums Leben kamen. Diesmal hatte es zum Glück nur geringfügige Verletzungen durch Glassplitter gegeben. Alle Zufahrtswege sind seit gestern durch Schneemassen versperrt, der Tunnel war am Morgen geschlossen worden.
Im Auffangzentrum des Roten Kreuzes hatten sich 300 Menschen versammelt, die aus ihren Häusern evakuiert worden waren.

Aus allen Landesteilen waren freiwillige Helfer und Experten nach Egilsstaðr geflogen worden, darunter auch Suchhunde und ein Anästhesist für das Krankenhaus in Neskaupstaðir, doch sassen sie alle in Egilsstaðir fest, weil es selbst für schwere Fahrzeuge nicht möglich war, in die Stadt vorzudringen. Sie sollen vorerst in Egilstaðir bleiben, solange die Lage es erfordert.
Von Akureyri aus hatte sich das Küstenwachschiff Þór auf den Weg nach Süden gemacht und war gegen Abend am Kai von Neskaupstaðir angekommen. An Bord befanden sich Helfer, Gerät und Lebensmittelvorräte, und 20 Helfer fanden dort auch einen Schlafplatz für die Nacht. Am Abend hatte der Hubschrauber eine Schwangere mit Arzt und zwei Rotkreuzmitarbeitern von Neskaupstaðir nach Egilsstaðir gebracht, die Mannschaft übernachtete dort, am Morgen flog der Hubschrauber dann zurück in die eingeschlossene Stadt.

Víðir Reynisson, der Leiter des isländischen Zivilschutzes, der den Einsatz vom Hauptquartier in Reykjavík aus koordiniert, sagte gestern Abend, dies sei mit insgesamt um die 500 Personen die mit Abstand grösste Evakuierung der letzten Jahre.
In Seyðisfjörður hatten 40 Häuser evakuiert werden müssen. Hier hatte man auch die Maschinen der Heringsfabrik heruntergefahren, weil das Gebäude im Evakuierungsgebiet liegt. Es ist soviel Schnee gefallen, dass die Einwohner der Stadt in ihren Häuern festsitzen. Auch in Eskifjörður waren wegen unsicherer Schneelage 16 Wohnhäuser geräumt worden.
Für heute
rechnet man mit eher ruhigem Wetter und einer Normalisierung der Lage, aber ab Morgen stehen wieder Wind und Schneefall bevor und die Situation in den Ostfjorden könnte sich verschlechtern.