Lawinengefahr: Evakuierungen in mehreren Fjorden

Slysavarnafélagið Landsbjörg / ICE‑SAR

Für die Betroffenen im Lawinengebiet Ostislands gibt es noch keine Entwarnung. Zahlreiche Menschen mussten auch heute ihre Häuser verlassen, weil Evakuierungen in Neskaupstaðir, Eskifjörður, Stöðvarfjörður und im Fáskrúpsfjörður vorgenommen wurden. In den vergangenen Stunden sind mehrere Schneelawinen abgegangen, allerdings nicht in bewohntem Gebiet. Die Strasse zwischen Eskifjörður und Reyðarfjörður hatte man vorsichtshalber gesperrt, nachdem gegen 16 Uhr eine Lawine am Hólmatindur abgegangen war.

Evakuierungen im Fáskrúðsfjörður sind in der Region die Ausnahme, sagt Einsatzleiter Óskar Þór Guðmundsson. “Das ist hier nicht normal, dass man räumen muss, und ich kann mich nicht erinnern, dass das schon mal vorgekommen ist,” sagte er RÚV gegenüber. Seiner Einschätzung nach tragen die Leute das jedoch mit Fassung und begreifen, dass es sich um reine Vorsichtsmassnahmen handle. “Wir haben noch nicht gesehen, dass sich in diesem Gebiet eine Lawine nach unten bewegt, und auch keine Anzeichen dafür, dass etwas passieren könnte, aber Vorsicht ist immer besser.”

Die meisten sind bei Freunden und Verwandten untergekommen, einige wenige haben Schutz im Auffangzentrum des Roten Kreuzes gesucht. Die Stimmung sei relativ munter, aber natürlich fühle es sich für so manchen nicht gut an, im Angesicht einer solchen Gefahr leben zu müssen. Aber jetzt habe der Regen zugenommen und es werde wärmer.

Schlimmste Lawinenserie seit 50 Jahren
Der Überschwemmiungsexperte Tómas Jóhannesson vom isländischen Wetterdienst erklärt, die Evakuierungen seien die weitreichendsten seit 1995 gewesen. Diese Lawinenserie bezeichnete er als die schlimmste in Neskaupstaðir seit 1974, nachdem es dort jahrzehntelang vergleichsweise ruhig gewesen sei. Für die Einwohner sei dies eine grosse Sache. Er hoffe, so Tómas, dass der Regen die Lawinengefahr morgen reduziere. Regen und Schneematsch festigen den Schnee ziemlich schnell und die Schwächen in der Schneedecke verschwinden in kurzer Zeit.

In Neskaupstaðir hatte sich am Nachmittag eine Lawine oberhalb des Lawinenbauwerks gelöst, sie war jedoch auf halber Strecke liegengeblieben. Der örtliche Polizeileiter Ólafur Tryggvi Ólafsson ist froh darüber, zeige es doch dass der Berg sich befreie und die Schlucht reinige. Die Evakuierung sei so gut wie beendet, und die Experten seien wegen möglicher Lawinen nun nicht mehr allzu besorgt.
Währenddessen hat das Küstenwachschiff Þór den Hafen von Neskauptstaðir verlassen, wo es die letzten zwei Tage vor Anker gelegen hatte, und ist nach Seyðisfjörður gefahren, um dort einen Patienten abzuholen und ins Krankenhaus zu bringen. Da sämtliche Strassen unbefahrbar sind, dient das Schiff nun auch als Krankentransporter.

Lawinengebiet: Heute Verschnaufpause, ab morgen wieder Schneefall und Wind

avalanche neskaupstaður

Im Städtchen Neskaupstaðir herrscht nach den gestrigen Lawinenabgängen immer noch eine Art Ausnahmezustand. Drei Lawinen waren auf Wohnhäuser abgegangen, eine von ihnen an der gleichen Stelle wie 1974, als 12 Menschen ums Leben kamen. Diesmal hatte es zum Glück nur geringfügige Verletzungen durch Glassplitter gegeben. Alle Zufahrtswege sind seit gestern durch Schneemassen versperrt, der Tunnel war am Morgen geschlossen worden.
Im Auffangzentrum des Roten Kreuzes hatten sich 300 Menschen versammelt, die aus ihren Häusern evakuiert worden waren.

Aus allen Landesteilen waren freiwillige Helfer und Experten nach Egilsstaðr geflogen worden, darunter auch Suchhunde und ein Anästhesist für das Krankenhaus in Neskaupstaðir, doch sassen sie alle in Egilsstaðir fest, weil es selbst für schwere Fahrzeuge nicht möglich war, in die Stadt vorzudringen. Sie sollen vorerst in Egilstaðir bleiben, solange die Lage es erfordert.
Von Akureyri aus hatte sich das Küstenwachschiff Þór auf den Weg nach Süden gemacht und war gegen Abend am Kai von Neskaupstaðir angekommen. An Bord befanden sich Helfer, Gerät und Lebensmittelvorräte, und 20 Helfer fanden dort auch einen Schlafplatz für die Nacht. Am Abend hatte der Hubschrauber eine Schwangere mit Arzt und zwei Rotkreuzmitarbeitern von Neskaupstaðir nach Egilsstaðir gebracht, die Mannschaft übernachtete dort, am Morgen flog der Hubschrauber dann zurück in die eingeschlossene Stadt.

Víðir Reynisson, der Leiter des isländischen Zivilschutzes, der den Einsatz vom Hauptquartier in Reykjavík aus koordiniert, sagte gestern Abend, dies sei mit insgesamt um die 500 Personen die mit Abstand grösste Evakuierung der letzten Jahre.
In Seyðisfjörður hatten 40 Häuser evakuiert werden müssen. Hier hatte man auch die Maschinen der Heringsfabrik heruntergefahren, weil das Gebäude im Evakuierungsgebiet liegt. Es ist soviel Schnee gefallen, dass die Einwohner der Stadt in ihren Häuern festsitzen. Auch in Eskifjörður waren wegen unsicherer Schneelage 16 Wohnhäuser geräumt worden.
Für heute
rechnet man mit eher ruhigem Wetter und einer Normalisierung der Lage, aber ab Morgen stehen wieder Wind und Schneefall bevor und die Situation in den Ostfjorden könnte sich verschlechtern.