Walfang: Tierschutz im EWR-Vertrag gilt nicht für Jagd auf Meeressäuger

Whale

Die EFTA-Überwachungsbehörde hat eine Beschwerde der isländischen Naturschutzvereinigung bezüglich der Lizenzerteilung zum Walfang zu den Akten gelegt und den Fall abgeschlossen. Die Naturschutzvereinigung hatte die Ansicht vertreten, die Entscheidung, eine Lizenz für den Walfang zu erteilen, entspreche nicht europäischem Recht.

Tierschutzgesetz betrifft nicht Wale
Laut ESA ist es aber so, dass die Jagd auf Meeressäuger nicht unter das Tierschutzgesetz fällt, so wie es im Regelwerk des EWR-Vertrags für den europäischen Wirtschaftsraum steht. Die isländische Naturschutzvereinigung hatte im Mai 2023 ihre Beschwerde an die ESA geschickt, nachdem die Veterinäraufsichtsbehörde in einer Studie zu dem Ergebnis gekommen war, dass der Walfang nicht mit dem isländischen Tierschutzgesetz zu vereinbaren ist. Die Naturschutzvereinigung war der Meinung, die isländische Regierung habe mit der Lizenzerteilung gegen die Verpflichtungen Islands auf Grundlage des EWR-Vertrags verstossen.

Die Regulierungsbehörde weist darauf hin, dass das Regelwerk des EWR-Vertrags zum Tierschutz nicht für die Jagd auf Meeressäuger gelte, also auch nicht für Wale. Daher liege dieser Fall ausserhalb des vertraglichen Geltungsbereichs, und es gebe keine Voraussetzung dafür, den Fall weiter zu untersuchen. Nur drei Länder im europäischen Wirtschaftsraum betreiben noch Jagd auf Meeressäuger: Island, Norwegen und die Färöerinseln.

Hygiene ist Ländersache
Bezüglich der Beschwerde über mangelnde Hygiene aufgrund der Arbeit im Freien (die Walschlachtkörper werden bei Hvalur hf. unter freiem Himmel zerteilt) erklärt die ESA, dass es in der Verantwortung der zuständigen Behörden liege, sicherzustellen, dass Verarbeitungsbetriebe jederzeit die Bedingungen des EWR-Abkommens und die einschlägigen Vorschriften einhalten. Die ESA überwache öffentliche Institutionen und stelle sicher, dass diese im Einklang mit den EWR-Vorschriften arbeiten.

Wie das Dach verschwand
Islands einziges kommerzielles Walfangunternehmen Hvalur hf. zerteilt seine erlegten Wale in der Anlage im Hvalfjörður unter freiem Himmel. Das Fleisch ist für den menschlichen Verzehr vorgesehen. Im Jahr 2009 war eine Verordnung erlassen worden, nach der die Zerteilung von Walfleisch unter einem Dach zu erfolgen hat. Diese Verordnung war von Hvalur hf. aber nie in die Tat umgesetzt worden.

Im Mai 2018 erreichte den damaligen Fischereiminister Kristján Þór Júlíusson eine Email von Hvalur-Chef Kristján Loftsson, in der letzterer die Verordnung als uralt bezeichnete und darauf hinwies, dass sein Unternehmen Methoden entwickelt habe, die viel besser seien als das was in der Verordnung verlangt werde. Er bat den Minister darum, das Dach aus der Verordnung herauszunehmen. Beide Amtsvorgänger hätten die Idee gut gefunden, aber nicht weiter verfolgt. Es sei zudem sinnlos, eine neue Jagdlizenz zu beantragen, wenn die Verordnung diesbezüglich nicht geändert werde. Der Email folgte ein Änderungsentwurf für die Verordnung. Der Minister übernahm Heimildin zufolge Kristjáns Änderungsentwurf, holte das Dach aus der Verordnung heraus, und seither darf Walfleisch in Island unter freiem Himmel produziert werden.

 

Fachrat für Tierwohl sieht im Walfang Gesetzesverstoss

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Der Fachrat zum Tierwohl ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Jagdmethoden, mit denen Grosswale erlegt werden, nicht mit dem Gesetz 55/2013 zum Tierwohl in Einklang stehen. Es sei nicht möglich, die Voraussetzungen zu erfüllen, die notwendig sind, um das Tierwohl beim Töten sicherzustellen, berichtet Vísir. Die Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte den Fachrat für Tierwohl am 22. Mai um eine Bewertung der Waljagd gebeten.  Der Fachrat gründet seine Ergebnisse auf dem Inspektionsbericht von MAST zum Tierwohl bei der Waljagd im Sommer 2022, sowie auf Gesprächen mit Fachleuten.

Fehler bei der Jagd nicht umstandsbedingt
In der Bewertung heisst es unter anderem, nach Einschätzung des Fachrates habe es in der Jagdsaison im Sommer 2022 in Island viele Fehler gegeben. Weder aus dem Bericht von MAST noch in den dazugehörigen Daten sei es für den Rat ersichtlich gewesen, dass die Fehler bei der beobachteten Jagd umständebedingt passiert seien.
„Den vorliegenden Daten nach zu urteilen, sowie Ergebnissen aus den Gesprächen mit Fachleuten ist der Rat der Ansicht, dass es bei der Jagd auf Grosswale nicht möglich ist, die Voraussetzungen zu erfüllen, die notwendig sind, um das Tierwohl beim Töten der Tiere sicherzustellen. Der Fachrat kommt zu dem Ergebnis dass die Tötungsart, die bei der Jagd auf Grosswale zur Anwendung kommt, nicht mit dem Gesetz 55/2013 zum Tierwohl in Einklang zu bringen ist,“ heisst es in der Bewertung.
Selbst wenn der Harpunenschuss die gewünschte Körperregion des Wales treffe, würden die Überwachungsvideos und andere Daten doch darauf hinweisen, dass es nicht möglich sei, damit eine rasche Bewusstlosigkeit oder den sofortigen Tod des Tieres herbeizuführen.

Blindschuss kann Muttertier oder tragende Kuh treffen
Es sei nicht ersichtlich, dass äussere Umstände wie Wetterlage, Wellenhöhe oder der Harpunenschütze eine letztendliche Auswirkung auf die Effektivtät dieser Jagdmethode hätten, und auch da habe es für das Nachladen der Harpune mindestens zehn Minuten und bis zu 22 Minuten zwischen den Schüssen gedauert.
Der Fachrat ist sich einig darüber, dass viele der bedingungslosen Voraussetzungen, die für die Jagd auf wilde Säugetiere erfüllt werden müssen, bei der Jagd auf Grosswale nicht erfüllt werden können.

Unter anderem sei es ja nicht möglich, vom Schiff aus das Geschlecht eines gestellten Wales zu ermitteln – ob man also im Begriff ist, einen Bullen, eine tragende Walkuh oder ein säugendes Muttertier zu erlegen. Die Überlebenschancen mutterloser Walkälber seien verschwindend gering. Die Jagd sei auch nicht möglich, ohne die Wale vorher verfolgt zu haben, was Stress und Angst auslöse, und eine Tötung sei nicht auf schnelle und schmerzlose Art möglich.

Experte: Keine Waffe kann einem Wal schnellen Tod bringen
Der Fachrat prüfte auch die Antwort des Walfangunternehmens auf den Überwachungsbericht von MAST. Hvalur kündigte unter anderem die Einführung neuer Jagdmethoden an. Der Fachrat beurteilte die Vorschläge des Unternehmens als unrealistisch. Die Verwendung von Strom bei der Tötung etwa sei kein Weg, dem Tier einen sicheren und schnellen Tod zu bringen.
Der Fachrat zitiert den Biologen Egil Ole Øen, der in einem Text für das Journal Ethnological Studies1 schrieb: “Eine empfindliche und lebenswichtige Region zu treffen ist wichtig für einen schnellen Tod. Keine Waffe, nicht einmal explosive Granaten, sind so wirksam, dass ein Wal sofort verendet, oder schnell verendet, ganz gleich, wo das Projektil den Körper trifft und wo die Explosion ausgelöst wird.“
Informationen unter anderem aus Norwegen, die besagen, dass ein Todeskampf, wie er bei der Jagd 2022 protokolliert worden war, nicht zwingend passieren müsse, beziehen sich nicht auf Grosswale sondern auf Zwergwale, die um ein Vielfaches kleiner sind als die von Hvalur hf. gejagten Finnwale. Ein Zwergwal bringt bis zu sieben Tonnen auf die Waage, ein Finnwal bis zu 70 Tonnen.
In Anbetracht der Grösse der Beute und der Umstände auf hoher See – der Wal befindet sich unter der Wasserfläche, das Schiff tanze auf der Wasseroberfläche, je nach Wetter mehr oder weniger – sei es kaum absehbar, dass die Jagd auf grosse Meeressäuger mit mehr Tierwohl durchzuführen sei.

Bauernverband: Resourcen für Lebensmittelproduktion schützen
Der Bewertung ist ein Beitrag des isländischen Bauernverbandes beigefügt, der zustimmt, dass die derzeitig angewandten Walfangmethoden nicht mit den Tierschutzgesetz vereinbar seien. Der Verband bezieht jedoch keine Stellung zum Walfang als solches, vielmehr hält er es für wichtig, die nachhaltige Nutzung von Ressourcen für die Lebensmittelproduktion zu schützen.
Der Vertreter des Bauernverbandes stellte in Frage, ob der Geltungsbereich des Tierschutzgesetzes eigentlich auch für Wale gedacht war, da für den Walfang ja besondere Gesetze gälten.

Für Mittwoch ist der Beginn der diesjährigen Jagdsaison vorgesehen. Nach Bekanntwerden der Bewertung hat die Antiwalfang-Organisation Hvalavinir für heute um 17 Uhr zu einem stillen Protest an der Anlegestelle der Walfängerschiffe aufgerufen.