Blutstuten: Monopolstellung der Ísteka bleibt ohne Konsequenzen

horse, horses, hestur, hross

Das Pharmaunternehmen Ísteka benutzt seine starke Marktposition dazu, Preisverhandlungen mit Blutfarmern zu normalen Bedingungen zu vermeiden. Zu diesem Ergebnis ist die isländischen Wettbewerbsbehörde in einer aktuellen Resolution gekommen, berichtet Bændablaðið. Ísteka ehf. ist der größte Pferdehalter in Island und führt im Wettbewerb mit Blutfarmern die Blutgewinnung aus eigenen Blutstuten durch.  Im Dokument der Wettbewerbsbehörde heißt es, das Unternehmen sei an allen Gliedern der Wertschöpfungskette beteiligt, was als vertikale Integration definiert werden kann (also die Internalisierung von vor- oder nachgelagerten Fertigungsstufen). Ísteka ist das einzige Unternehmen, das Stutenblut in Island kauft, verarbeitet und exportiert.

Fehlen jeglicher Transparenz
Die Wettbewerbsbehörde stellt fest, dass Ísteka den Preis für Stutenblut einseitig und ohne jede Transparenz festlegt. Blutlieferanten erhalten keine Informationen über Ergebnisse aus den durchgeführten Blutproben (die Stuten müssen dazu ebenfalls regelmässig punktiert werden, zusätzlich zur Punktion an den Blutgewinnungstagen)
Die Bauern finden es wichtig, Zugang zu den Daten zu erhalten, die sich auf die Blutgewinnung aus Nutztieren in ihrem Besitz beziehen. Offenbar hat die Ísteka aber auch weiterhin nicht vor, Informationen über die Blutqualität an die Besitzer der Tiere herauszugeben. Da der Zugriff der Landwirte auf die von Ísteka gesammelten Daten begrenzt ist, trägt dies zu Informationsungleichgewicht bei und fördert Misstrauen auf dem Markt.
Ísteka selbst hält Blutstuten im Wettbewerb mit den Landwirten und verfügt über Informationen über seine Konkurrenten auf dem Markt. Ísteka kann daher im Gegensatz zu den Landwirten fundierte unternehmerische und züchterische Entscheidungen treffen. Beispielsweise hat die Ísteka erfolgreich Stuten mit einem höheren PMSG-Gehalt im Blut gezüchtet.

Monopolstellung der Ísteka
Ísteka steht auf dem Standpunkt, die isländischen Blutfarmer könnten ihr Blut ja ausländischen Produzenten verkaufen. Bei der Wettbewerbsbehörde sieht man jedoch nicht, wie das zu bewerkstelligen ist. Nur wenige Unternehmen führen solche betrieblichen Aktivitäten auf internationaler Basis durch. Ísteka ist das einzige Unternehmen in Island, das über eine Lizenz zur Herstellung von eCG/PMSG verfügt, welches aus dem Blut tragender Stuten extrahiert wird.
Die Wettbewerbsbehörde ist daher der Ansicht, dass die Ísteka als einziger Blutaufkäufer eine Monopolstellung im Land hält. Die hohen Kosten in der Biotechnologie stellen ein großes Hindernis für den Markteintritt dar, der Eintritt anderer Unternehmen in den Wettbewerb gilt daher als unwahrscheinlich.
Nach Einschätzung der Wettbewerbsbehörde handelt es sich bei zwischen Ísteka und Blutfarmern geschlossenen Verträgen um sogenannte Alleinkaufverträge. Die Pferdezüchter verpflichten sich, während der Vertragslaufzeit ausschließlich der Ísteka Blut zu verkaufen. Der Privatverkauf umfasst sämtliche Stuten des jeweiligen Landwirts, ganz gleich ob die Ísteka sie zur Blutgewinnung auswählt oder nicht.

Kein Geld für Abschlussbericht
Die Feststellungen der Behörde drohen nun jedoch ohne Konsequenzen zu bleiben, denn „aufgrund fehlender finanzieller Mittel und Personalmangel war die Wettbewerbsbehörde nicht in der Lage, ihre Ermittlungen gegen Ísteka durch formelle Intervention abzuschließen.“
Stattdessen geht eine Stellungnahme an das Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei als für die Blutbranche zuständige Behörde.
Gleichzeitig wird Ísteka über ihre Marktposition informiert und erhält Hinweise auf mögliche Maßnahmen, mit denen das Unternehmen die Wettbewerbsgesetze besser befolgen könnte. Die Stellungnahme diene auch der Information der Landwirte.
Mehr zum kontroversen Thema Blutstuten finden Sie hier.

Blutlizenz bis Oktober 2025
Zuletzt hatte die Veterinäraufsichtsbehörde (MAST) geprüft, ob Anlass für eine Einziehung der bestehenden Betriebslizenz besteht. Diese Lizenz war im letzten Jahr auf der Basis einer bestehenden Verordnung erteilt worden. Die Regulierungsbehörde der EFTA hatte im Herbst verfügt, dass die Blutstutenhaltung nicht unter diese Verordnung fallen soll, sondern unter eine Verordnung zum Schutz von Tieren, die für wissenschaftliche Zwecke benutzt werden. Momentan gelten Blutstuten in Island als „landwirtschaftliche Nutztiere“. Dagegen hatten Tierschützer bei der EFTA Beschwerde eingelegt.

MAST sieht jedoch keinen Grund, die bis zum Oktober 2025 geltende Betriebslizenz einzuziehen. Es brauche schon schwerwiegende Gründe für den Einzug einer Lizenz, die der Lizenzhalter bereits nutze, hiess es bei der Veterinäraufsichtsbehörde.

Der Stellung des Tierschutzes in der Blutstutenbranche scheint trotz Videodokumentation durch ausländische Tierschutzorganisation und durch Journalisten der staatlichen Sendeanstalt RÚV, und trotz Fachartikel von in- und ausländischen Tierärzten in Bezug auf die enorme Blutmenge, um die isländische Blutstuten allsommerlich erleichtert werden, weniger Gewicht zugestanden zu werden als dem jährlichen Exportertrag des Hormons von mehr als zwei Milliarden ISK. Hauptabnehmer des Trächtigkeitshormons ist weiterhin Deutschland und die deutsche Schweinezuchtindustrie.

Blutstuten: Ísteka behält Betriebslizenz für Blutgewinnung

bloodmare

Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST ist der Ansicht, dass es keine ausreichenden rechtlichen Gründe für einen Widerruf der Betriebslizenz des Pharmaunternehmens Ísteka gibt, und dass der Betrieb auf der Grundlage einer bis Oktober 2025 gültigen Lizenz weitergeführt werden kann. Ísteka ehf. ist das einzige Unternehmen in Island, welches das Blut tragender und laktierender Stuten aufkauft und daraus ein Hormon extrahiert, das in der europäischen Nutztierindustrie zum Einsatz kommt.

Daten und Standpunkte geprüft
Auf der Webseite heisst es, dass Mitarbeiter der Behörde verfügbare Daten und den Standpunkte der Ísteka geprüft worden seien. Das Blutfarming steht seit 2021 in Island in der Kritik, nachdem ausländische Tierschutzverbände Videos veröffentlicht hatten, in denen katastrophale Einrichtungen für die Blutgewinnung und brutale Misshandlungen der tragenden Stuten zu sehen gewesen waren. Im Jahr 2022 waren acht Todesfälle im Zusammenhang mit der Blutgewinnung gemeldet worden, Tierschützer vermuten, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. MAST und Ísteka hatten die Verantwortung für die Todesfälle auf ausländische Veterinäre geschoben.

MAST schreibt, dass die Ísteka seit Jahrzehnten über eine Lizenz zur Blutgewinnung aus tragenden Stuten verfügt. Die derzeit gültige Lizenz des Unternehmens war im Jahr 2022 nach Veröffentlichung einer entsprechenden Verordnung ausgestellt worden und ist bis zum 5. Oktober 2025 gültig.

Trotz EFTA-Mahnbrief keine “starken Gründe”
Im vergangenen Jahr hatte die Überwachungsbehörde der EFTA (ESA) Islands Regierung darauf hingewiesen, dass die Stuten unter die Verordnung Nr. 460/2017 zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere fallen müssen. Dort waren sie zwei Jahre zuvor herausgenommen worden, stattdessen hatte man damals die Blutgewinnung als „landwirtschaftliche Tätigkeit“ umgemünzt. In einer neuen Verordnung aus dem vergangenen Jahr ist ein Widerruf der Lizenz nicht erwähnt, vielmehr wird ausdrücklich auf der Vorliegen der Betriebslizenz verwiesen.
Daraufhin hat MAST geprüft, ob das Verwaltungsrecht eine Grundlage für den Widerruf der Lizenz hergibt, und ist auch dort nicht fündig geworden. Vielmehr müssten „starke Gründe“ vorliegen, um eine Verwaltungsentscheidung wie die des Ministeriums aus dem vergangenen Jahr zu widerrufen.

Keine ausreichenden Quellen vorhanden
„Die Veterinäraufsichtsbehörde ist der Ansicht, dass die derzeit verfügbaren Kontroll- und Forschungsergebnisse keinen Anlass zur Annahme geben, dass ausreichende Quellen im Hinblick auf das Wohlergehen und die Gesundheit der für die Blutentnahme verwendeten Stuten vorliegen.“ Mit anderen Worten, die Beweise für tierquälerische Vorgänge bei der Blutgewinnung sind der Behörde nicht ausreichend.
 Eine Anzeige wegen Tierquälerei aus dem Jahr 2022 wurde wegen Mangel an Beweisen fallengelassen, eine weitere aus dem letzten Jahr ist bei der Polizei in Reykjavík anhängig.
„Der Widerruf einer bereits genutzten Lizenz bedarf zwingender Gründe und ist inhaltlich und zeitlich begrenzt.“ heisst es weiter bei MAST. Zudem habe die Behörde die betriebswirtschaftlichen Erwartungen des Lizenzinhabers berücksichtigt.

Mehr zum Thema Blutstuten.

Misshandlungen und merkwürdige Studie
Kritiker des Blutgeschäfts hatten der Branche nicht nur systematische Misshandlung von Stuten und Fohlen vorgeworfen, sondern auch die grosse Blutmenge angeprangert. Über acht Wochen lang werden jeder Stute wöchentlich rund fünf Liter Blut entnommen, in der Summe ist diese Blutmenge grösser als das Gesamtblutvolumen der Stute. Mediziner hatten zudem kürzlich darauf hingewiesen dass die Studie zum Gesundheitszustand der Stuten, auf die Behörde und Befürworter sich beziehen, auf unzureichenden Daten beruht und falsche Schlüsse zieht.
Die Verordnung 460/2017 zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere, sowie die Forderungen der ESA sehen eine weitaus geringere Blutmenge vor, die aus jeder Stute entnommen werden darf. Bislang ist nicht zur Sprache gekommen, wie dieses Problem betriebswirtschaftlich gelöst werden soll. Im Februar hatte Ísteka wegen dieser Verordnung gegen den isländischen Staat geklagt, ein Urteil ist noch nicht gesprochen.

In Island gibt es ca 5000 Blutstuten auf rund 90 Höfen. Das extrahierte Hormon PMSG hat einen Exportwert von rund 2 Mrd ISK. Hauptabnehmer ist die industrielle Schweinezucht in Deutschland. In Island ist kein PMSG-haltiges Medikament für die Nutztierhaltung registriert, stattdessen kommt das synthetische Prostaglandin Cloprostenol zum Einsatz. Für eine Registrierung in der Arzneimittelliste müsste eine Ausnahmeregelung beantragt und der Einsatz vom PMSG besonders begründet werden.

 

Blutstuten: Reaktionen auf Kveikur-Beitrag

Nach dem TV-Beitrag zur Blutstutenhaltung vom 27. Februar ist die Debatte über die umstrittene Branche in Island wieder aufgeflammt. In dem Beitrag war unter anderem über vier im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendete Stuten berichtet worden. Die Besitzerin hatte angegeben, sie sei vom Blutaufkäufer Ísteka angewiesen worden, die Kadaver so schnell wie möglich zu vergraben, bevor Tierschützer Wind davon bekämen. Das letzte Pferd hatte sie auf eigene Initiative obduzieren lassen, dabei stellte sich heraus, dass die Entnahmekanüle das Pferd tödlich verletzt hatte. Es war an seinem Blut erstickt.

MAST sieht keinen Beweis für Kunstfehler
Heute veröffentlichte die Veterinäraufsichtsbehörde MAST einen Kommentar zum Kveikur-Beitrag über Blutstuten und die vier verendeten Pferde im Besonderen. Darin wird hervorgehoben, dass man nicht sagen könne, ob es sich um einen Kunstfehler des Veterinärs gehandelt habe, weil keine schriftlichen Daten vorlägen. Ausserdem sei der damals mit der Blutgewinnung betraute Veterinär polnischer Nationalität gewesen und damit polnischen Behörden unterstellt. Er gehörte zu den ausländischen Veterinären, die der Blutaufkäufer Ísteka für die Saison 2021 ins Land geholt hatte, weil sich immer mehr isländische Tierärzte wohl aus Furcht vor Rufschädigung aus der Blutbranche verabschiedeten. Für die Saison 2023 hatten alle beteiligten Veterinäre ein Sondertraining absolvieren müssen.
MAST schreibt, aus Tierwohlperspektive sei die Blutgewinnung im letzten Sommer gut verlaufen, damit sei klar, dass prophylaktische Massnahmen wie das Training neuer Veterinäre und die verstärkte Kontrolle erfolgreich gewesen seien. Im Jahr 2023 waren sechs Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet. Im Jahr 2022 waren es acht gewesen. Tierschutzorganisationen gehen von einer höheren Dunkelziffer aus, weil nur das blutaufkaufende Pharmaunternehmen Ísteka die Todesfälle an MAST meldet.

Studie zum Stutenwohl nach Blutentnahme
MAST verweist auf eine aktuelle Studie, in der der Hämoglobingehalt während der Entnahmesaison untersucht worden war. Demnach wurde bei 8,6 Prozent der untersuchten Blutstuten eine durchschnittliche Blutarmut festgestellt, und bei 1,2 Prozent eine manifeste Blutarmut. Damit bestätige sich die fachliche Einschätzung von MAST hinsichtlich der „milden Auswirkung“ der in Island praktizierten Blutgewinnung auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Stuten.
Für die erwähnte Studie war während der gesamten Saison 160 Stuten aus zwei Herden – eine im Norden, eine im Süden – Blutproben entnommen worden. In Island werden insgesamt rund 5000 Stuten für die kommerzielle Blutgewinnung benutzt. Der Studie nach fiel der Hämatokrit bei allen Stuten nach der dritten Entnahmewoche und hatte sich drei Wochen nach der letzten Blutgewinnung wieder erholt. Die Blutstuten haben während der „Saison“ ein Saugfohlen bei Fuss und sind tragend.
Die Studie erwähnt ausserdem 17 Vorfälle im Fixierstand, wo Stuten sich gegen die Punktion wehrten.

Verband der Tierärzte kritisiert Angriff auf MAST
Gegen die Kritik der Parteivorsitzenden der Volkspartei, Inga Sæland, bei MAST müsse mal „aufgeräumt“ werden, verwahrte sich heute der Verband isländischer Tierärzte. Inga hatte gestern angegeben, MAST und die tierärztliche Leitung hätten in Bezug auf die Blutstutenhaltung ihre Aufgaben nicht erfüllt. In einer Erklärung schreibt der Verband, dass es keine Daten gebe, die die Behauptung Sælands stützten. Der Verband unterstreicht, ein solcher Angriff auf die Berufsehre öffentlicher Angestellter, die zur Vertraulichkeit verpflichtet sind, müsse sachlich begründet werden und dürfe nicht auf persönlicher Meinung basieren. Medien und Öffentlichkeit seien zu einer sachlichen Debatte aufgefordert.

Ísteka vergleicht Blut mit Käse
Die derzeit amtierende Landwirtschaftsministerin und Premierministerin Katrín Jakobsdóttir verwies gestern Abend im RÚV-Magazin Kastljós darauf, dass für die Blutstutenbranche europäisches Recht gelte – Islands 5000 Blutstuten sind seit dem 1. November 2023 für wissenschaftliche Zwecke genutzte Tiere. Es stehe nicht zur Debatte, dies zu ändern. Ein Verbot der Blutgewinnung sei derzeit nicht geplant, wohl aber die Prüfung des gesamten Betriebsumfelds. Katrín gab zu bedenken, dass die Blutgewinnung ethische Fragen aufwerfe, etwa wie weit man gehen darf, ein Tier als Werkzeug zu benutzen, um einen bestimmten Stoff herzustellen. Ihrer politischen Ansicht nach müsse man da ausgesprochen vorsichtig sein.

In der gleichen Sendung trat auch Ísteka-Geschäftsführer Arnþór Guðlaugsson vor die Kamera. Er betonte unter anderem, dass Island das einzige Land in Europa sei, wo aus Pferden Blut gewonnen werde, daher fehle ausländischen Tierärzten die Erfahrung für die Tätigkeit, und sie müssten speziell geschult werden. Die derzeit gültige Lizenz stehe für zwei weitere Jahre. Die Stuten seien keine für wissenschaftliche Zwecke eingesetzten Tiere, wie die EU-Verordnung es vorsieht.
„Im Gegenteil, das sind Tiere, die in der Landwirtschaft genutzt werden, das [Blut] ist ein landwirtschaftliches Produkt wie jedes andere.“ Arnþór zufolge ist die Blutstutenhaltung mit der Käseherstellung vergleichbar. Nach dem Melken werde Milch von Kühen zu einem neuen Produkt weiterverarbeitet. Er habe keine ethischen Vorbehalte gegen die Praxis.

Zahl der Blutstuten könnte steigen
Die Ísteka ist nicht nur Islands grösster Blutstutenbesitzer, sie hält auch eine Monopolstellung am Markt, mit einem Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Kronen. Im letzten Jahr hatte die Umweltbehörde dem Pharmaunternehmen eine Lizenz für die Gewinnung von 600 Tonnen Stutenblut ausgestellt. Das ist die fünffache Menge des derzeitigen Ertrages aus 5000 Stuten. Tierschützer befürchten, dass die Zahl der Blutstuten dadurch auf 20.000 und mehr ansteigen könnte.
Das aus dem Blut tragender und laktierender Stuten extrahierte Hormon PMSG wird in Europa zu Medikamenten verarbeitet, mit denen die Fruchtbarkeit von Nutztieren (Schweine, Ziegen) in der industriellen Tierhaltung gesteigert wird. Hauptabnehmer ist Deutschland.

In Island ist kein PMSG-haltiges Medikament für die Nutztierhaltung registriert, stattdessen kommt das synthetische Prostaglandin Cloprostenol zum Einsatz. Für eine Registrierung in der Arzneimittelliste müsste eine Ausnahmeregelung beantragt und der Einsatz vom PMSG speziell begründet werden.

Mehr zu Thema Blutstuten gibt es hier.

Blutstuten: Ísteka klagt gegen Staat

Das Pharmaunternehmen Ísteka hat Klage gegen die isländische Regierung eingereicht, weil die Landwirtschaftsministerin im letzten Jahr entschieden hatte, alle Aktivitäten des Unternehmens im Zusammenhang mit Blutprodukten aus tragenden Stuten unter die Verordnung Nr. 460/2017 zum Schutz von Versuchstieren einzuordnen, berichtet Bændablaðið.

ESA verlangte Statusänderung
In der Entscheidung der Ministerin heißt es, dass die für die Tätigkeit geltende Verordnung Nr. 900/2022 über die kommerzielle Blutgewinnung aus tragenden Stuten aufgehoben werde und stattdessen die Verordnung 460/2017 über Tierversuche in Kraft trete, die eine Umsetzung der Richtlinie der Europäischen Union zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere ist. Zu der Änderung war es im vergangenen Jahr gekommen, nachdem mehrere isländische Tierschutzvereine bei der Regulierungsbehörde ESA Beschwerde eingelegt hatten. Die Blutgewinnung aus isländischen Stuten verstösst gegen europäische Tierschutzbestimmungen, auch weil es bereits künstlich hergestellte Hormonprodukte auf dem Markt gibt. Die ESA hatte daraufhin von Island verlangt, den Status der Blutstuten zu ändern, sie gelten nun wieder als Versuchstiere.

Landwirtschaftliche Produktion
Im September war Ísteka von der ministeriellen Entscheidung unterrichtet worden. Das Unternehmen fordert nun vor Gericht dass die Entscheidung als rechtswidrig anerkannt wird.
Bei den Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Verwendung vom Blut tragender Stuten handle es sich nicht um Tierversuche, sondern um eine landwirtschaftliche Produktion zur Produktverwertung, die seit Jahrzehnten in gleicher Weise durchgeführt werde, so der Anwalt des Unternehmens. Die Verordnung über Tierversuche sei ihrem Inhalt nach nicht auf die Tätigkeit anwendbar. Daher habe die Ministerin keine Befugnis, sie dort einzuordnen.
Die Entscheidung des Ministers beinhalte neben der Tatsache, dass die Verhältnismäßigkeit bei der Entscheidung nicht beachtet wurde und weit über das Erforderliche hinausgehe, auch eine belastende Einschränkung der verfassungsrechtlich geschützten Beschäftigungsfreiheit des Unternehmens.

Das Reykjavíker Bezirksgericht stimmte einem beschleunigten Verfahren zu, gestern war dem Staat eine Frist zur Verteidigung gesetzt worden.
Ministerin Svandís Svavarsdóttir ist seit zwei Wochen wegen einer ernsthaften Erkrankung krankgeschrieben. Während ihrer Abwesenheit übernimmt Premierministerin Katrín Jakobsdóttir die Leitung der Amtsgeschäfte.

Tierquälereien dokumentiert
In Island gibt es rund 5400 Blutstuten, die jedes Jahr ein Fohlen austragen, damit während der Trächtigkeit über einen Zeitraum von acht Wochen Blut entnommen werden kann. Die Blutmenge beträgt rund fünf Liter pro Woche. Aus dem Blut wird ein Trächtigkeitshormon extrahiert, welches nach Europa exportiert und dort zur Zyklussteuerung in der kommerziellen Schweinezucht verwendet wird. Die Ísteka ist nicht nur Islands einziges Blutunternehmen, sie besitzt auch die meisten Blutstuten.
In der Vergangenheit hatten Tierschutzorganisationen haarsträubende Zustände bei der kommerziellen Blutgewinnung dokumentiert, unter anderem wurden da Stuten und Fohlen getreten, geschlagen, von Hunden gehetzt, und Verletzungen blieben unbehandelt. Die Stuten müssen für die Punktion an Kopf und Körper fixiert werden, viele wehren sich gegen die Fixierung und verunfallen. In einem Bericht der Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte es im letzten Jahr gehiessen, dass 2022 acht Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet waren. Für das vergangene Jahr hatte Ísteka sehs verendete Stuten gemeldet. Das Unternehmen hatte die Todesquote auf die Unerfahrenheit der Veterinäre zurückgeführt, und MAST hatte Blutentnahmekurse durchgeführt.
Nach Veröffentlichung des ersten Dokumentarvideos im November 2020 war eine polizeiliche Untersuchung der Tierquälereien aus Mangel an Beweisen zu den Akten gelegt worden. Eine neue Anzeige wegen Tierquälerei auf der Basis aktueller Videoaufnahmen liegt derzeit den Polizeibehörden in der Hauptstadt vor.
Mehr zum Thema.

 

Blutstutenhaltung: Neuer Verbotsversuch, neues Tierschutzvideo

Zum vierten Mal liegt dem isländischen Parlament in diesem Herbst ein Vorschlag zum Verbot der Blutstutenhaltung vor, berichtet Vísir. Der Vorschlag kommt einmal mehr von der Vorsitzenden der Volkspartei, Inga Sæland.  Vísir gegenüber gab sie an, sie hoffe dass die neue EU-Regelung dazu führe, dass sie den Vorschlag zum letzten Mal einreichen müsse.

Neue Verordnung nach ESA-Mahnung
Die zuletzt geltende Bestimmung für die Durchführung der kommerziellen Blutgewinnung aus tragenden Stuten war am 1. November ausser Kraft getreten, nachdem die europäische Regulierungsbehörde ESA dem isländischen Landwirtschaftsministerium vorgeworfen hatte, gegen europäisches Recht zum Schutz von Tieren zu verstossen, die für Versuchszwecke benutzt werden. Das Mahnschreiben war vom Ministerium erst kommentiert worden, so schreibt Heimildin, als die Blutsaison 2023 auf isländischen Höfen fast vorüber war.
Ende vom Lied ist, dass die Blutstutenhaltung seit dem 1. November unter eine Verordnung aus dem Jahr 2017 zum Schutz von Versuchstieren fällt, mit entsprechenden verschärften Anforderungen für die Branche. Unter anderem muss die Blutmenge aus jeder Stute radikal reduziert werden. In Island werden über acht Wochen lang um die 40 Liter aus jeder tragenden und laktierenden Blutstute gewonnen, das entspricht etwa der Menge ihres Gesamtblutvolumens. Ausländische Tierschützer und Tierärzte hatten diese Menge und Häufigkeit scharf kritisiert, isländische Tierschutzorganisationen hatten sich schliesslich mit einer Beschwerde an die ESA gewandt. Die Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass älteren Bluttests zufolge diese Mengen keine Belastung für die Stuten darstellten. Die Fohlen gehen nach dem Sommer ohnehin in die Schlachtung.

Tierschützer: Quälereien gehen weiter
Dieser Tage erschien ein weiterer Aufklärungsfilm der deutschen und Schweizer Tierschutzorganisationen AWF/TSB, zum Teil geht es da um die deutsche Schweinezuchtindustrie, die auf dem in Island gewonnenen Stutenhormon PMSG zur Zyklusmanipulation der Zuchtsauen basiert, sowie um Betriebe, die gangbare Alternativen gefunden haben und weniger Todesfälle bei den Ferkeln verzeichnen – es geht aber einmal mehr auch um die Blutstuten in Island. Dort hat sich offenbar trotz der Verordnung aus 2022 und trotz vorgeblich vermehrter Aufsichtsführung des staatlichen Tierschutzes sowie besserer Schulung der Veterinäre für die Stuten offenbar nicht viel geändert. Ausser dass auf vielen Höfen jetzt im geschlossenen Stall Blut abgenommen wird.

In dem mit versteckter Kamera aufgenommenen Film sieht man, wie Stuten in der Fixierbox drangsaliert, an den Kopf getreten und geschlagen werden, man sieht erfolglose Punktionsversuche, man sieht lahme Pferde und Fohlen auf drei Beinen, um die sich niemand kümmert, und man sieht wie Hunde verängstigte Pferde jagen. Man sieht durch häufige Punktionen vernarbte Hälse und verängstigte, gestresste Tiere.
Der Film ist hier zu finden und nichts für sensible Gemüter.

Belastung von Blutstuten niedriger als von Reitpferden
Zur Vorlage des Blutstutenhaltungsverbotes im Parlament hat das einzige in Island blutverarbeitende Pharmaunternehmen, Ísteka, eine Kommentierung eingereicht, nach der man hoffe dass die Vorlage zum Verbot der Blutstutenhaltung nicht zur „alljährlichen Tradition“ werde.
Ísteka-Chef Arnþór Guðlaugsson schreibt, die Wiedervorlage verschwende die Zeit aller, die mit der Sache zu tun hätten und baue auf „ganz besonders vielen Vorurteilen gegenüber einer kleinen Gruppe in der Gesellschaft.“  Er bezeichnete die Debatte als vorurteilsbeladen und unausgewogen und von Parlamentariern vorangetrieben. Ísteka zufolge hätten die Blutfarmer Kontrollbesuche nach höchsten Vorgaben über sich ergehen lassen müssen, seit die Branche vor zwei Jahren “im Auge des Sturms” gelandet sei, mit dem Ergebnis dass Vorfälle und Todesfälle in diesem landwirtschaftlichen Zweig besonders niedrig ausfielen und die Belastung der Tiere geringer sei als bei anderen Nutztieren, darunter auch bei Reitpferden.

Acht tote Stuten nach Blutgewinnung
Im Sommer hatte Heimildin berichtet dass es im Jahr 2022 mindestens acht registrierte Todesfälle von Stuten unmittelbar nach der Blutgewinnung gegeben habe, eine davon sei noch während des Eingriffs im Beisein des Tierarztes verblutet. Von der Fachtierärztin für Pferde bei MAST war damals verlautet, das sei “keine Katastrophe”. Die Schuld wurde auf ausländische Veterinäre geschoben, die in der Blutabnahme nicht ausreichend ausgebildet seien. Ausländische Veterinäre waren vermehrt zum Einsatz gekommen, weil sich isländische Tierärzte immer öfter weigerten, den Job zu übernehmen. Nach den Bestimmungen aus 2022 hatten alle im Sommer eingesetzten Blutsammler einen Kurs in der Blutabnahme besuchen müssen. Die Kanüle, mit der die grosse Halsvene punktiert wird, ist etwa so dick wie ein Bleistift.

Braucht es PSMG?
Nach Ansicht der Tierschützer muss die Veterinäraufsichtsbehörde nun prüfen, ob es andere Medikamente zur Steigerung der Fruchtbarkeit gibt, bei denen keine lebenden Tiere zum Einsatz kommen. Der Schaden und das Leid, das die Blutgewinnung als Tierversuch verursachen könnte, müsse unter Berücksichtigung ethischer Gesichtspunkte, sowie seines Nutzens für Mensch, Tier und Umwelt bewertet werden.
In Island gab es im Jahr 2022 auf 90 Höfen um die 4800 Stuten, die zur kommerziellen Blutgewinnung genutzt werden. Grösster Stutenbesitzer ist das Pharmaunternehmen Ísteka, das im letzten Jahr auch angekündigt hatte, Pferde mit einer grösseren Blutmenge züchten zu wollen. Die Stuten werden jedes Jahr gedeckt und haben ein Saugfohlen bei Fuss, wenn sie in die Blutgewinnung gehen. Aus dem Blut wird das Trächtigkeitshormon PMSG extrahiert, das in Europa zu Medikamenten für die Zuchtindustrie verarbeitet wird. Hauptabnehmer solcher Medikamente ist Deutschland.


 

Dienstaufsichtsbeschwerde gegen südisländische Polizei eingereicht

horse, horses

Gegen die südisländische Polizeidienststelle ist eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht worden, weil der zuständige Polizeileiter seine Ermittlungen im Fall der misshandelten Blutstuten eingestellt hat. Beschwerdeführer sind die deutsch/schweizerischen Tierschutzverbände AWF und TSB, die sowohl die Einstellung der Ermittlung als auch das Verhalten des damit betrauten Polizeichefs als verwerflich bezeichnen und über einen isländischen Anwalt nun rechtliche Schritte eingeleitet haben, berichtet Heimildin.

Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte nach Erscheinen des Blutstutenvideos im Winter 2021 eine Aushändigung des ungeschnittenen Videomaterials verlangt, um die im Video dokumentierten Tierquälereien zu untersuchen. Wie einem Briefwechsel zwischen dem deutschen Anwalt der Verbände und den isländischen Behörden zu entnehmen ist, hatten die Verbände darum gebeten, dass das personenschutzrechtlich sensible Datenmaterial per offizieller Amtshilfe aus Island angefordert wird, damit das Material im Fall eines Gerichtsverfahrens juristisch verwendbar bleibt. Dies ist der übliche Amtsweg auch auch in zwischenstaatlichen Angelegenheiten.
Bei der Staatsanwaltschaft in Freiburg ist ein solches Amtshilfeersuchen jedoch niemals eingegangen.
Ein Jahr später, am 25. Januar 2023, ging die Bitte eines polizeilichen Ermittlers um bürokratische Hilfe ein, nur einen Tag später stellte die südisländische Polizei ihre Ermittlungen ein, mit der Begründung, es fehle an Beweismitteln.

Nicht gerechtfertigt und inakzeptabel
Die Tierschutzverbände halten die Einstellung der Ermittlungen für nicht gerechtfertigt und verlangen in ihrer Dienstaufsichtsbeschwerde eine Untersuchung darüber, warum die Polizei ihre Arbeit nicht gemacht hat. Das Verhalten des Dienststellenleiters sei völlig inakzeptabel, widerspreche jeglicher Moral und stehe im Widerspruch zu Wahrheit und Datenlage.
Es wecke Besorgnis, dass die Polizeidienststelle offenbar „nicht in der Lage zu sein scheint, die Beschaffung von Informationen für Ermittlungen in einem Fall kriminellen Verhaltens, der Verbindungen ins Ausland hat, weiterzuverfolgen und abzuschliessen.“
Die Aussagen des Polizeileiters in den Medien stünden nicht im Einklang mit der Datenlage – der dokumentierten Misshandlung der Stuten und Fohlen durch Veterinäre und Helfer – oder der Kommunikation zwischen Dienststelle und Verbänden und seien unwahr. Dies schade der Debatte zum Thema, untergrabe die Glaubwürdigkeit der Tierschutzverbände und schade ihrem Ruf. Dasselbe liesse sich über die Glaubwürdigkeit der Polizei selbst sagen.

Ísteka meldet tote Stuten an MAST
Nachdem der isländische Tierschutzbund (DÍS) gestern offiziell eine Beendigung der kommerziellen Blutgewinnung gefordert hatte, weil dem DÍS vorliegenden zuverlässigen Informationen zufolge weitaus mehr als die acht bei MAST gemeldeten Blutstuten verendet waren, hat sich nun Ísteka-Chef Arnþór Guðlaugsson zu Wort gemeldet und Daten zu den zusätzlichen toten Pferden gefordert, ansonsten halte er die Behauptung für unglaubwürdig.

MAST-Direktorin Hrönn Ólína Jörundsdóttir gab Heimildin gegenüber an, der Behörde lägen aus dem letzten Jahr nur acht gemeldete Fälle vor. MAST habe DÍS schriftlich aufgefordert, Daten zu den nicht bei MAST gemeldeten Todesfällen zu übermitteln.

Die DÍS-Vorsitzende Linda Karen Gunnarsdóttir sagt, es sei sogar die Pflicht der Behörde, solche Fälle zu untersuchen, immerhin sei sie für das Tierwohl zuständig. Weiter erklärt Linda Karen, dass Blutstutenhalter vom blutaufkaufenden Pharmaunternehmen Ísteka eine Entschädigung erhalten können, wenn ihnen eine Stute bei der kommerziellen Blutgewinnung verendet. Die Meldung solcher Todesfälle an die Behörden obliege jedoch der Ísteka. MAST habe gar nicht genug Personal, um alle 90 Höfe während der Blutsaison permanent zu überwachen. Daher kümmert sich der Blutaufkäufer nicht nur um die Blutgewinnung selbst, sondern auch um die Registrierung und Meldung von sogenannten “Vorfällen” und Todesfällen.

Zu schnell verblutet für Euthanasie
Weiterhin wird die Verantwortung am Tod der gemeldeten acht Stuten unerfahrenen ausländischen Veterinären angelastet, die auch in dieser Saison für die Ísteka tätig sein werden, aber zuvor bei MAST in der kommerziellen Blutgewinnung geschult wurden.

Den Fall der Stute, bei der die Kanüle in der Luftröhre landete, worauf sie qualvoll verblutete, kommentierte der Ísteka-Chef damit, die Stute sei ja so schnell verendet, dass man sie nicht mal habe klinisch untersuchen können. Daher habe es auch keine Nottötung gegeben. „Ein paar Minuten sind in diesem Zusammenhang eine sehr kurze Zeit, und alles Gerede über Tierquälerei richtet sich selbst.“ zitiert Heimildin Arnþór Guðlaugsson.
Von MAST heisst es, man führe „erhebliche Kontrollen“ bei der Blutgewinnung durch und untersuche alle gemeldeten Fälle in allen Branchen.

 

 

Tierschutzbund hat Informationen über mehr als acht tote Stuten

Der isländische Tierschutzverband DÍS hat eine Erklärung veröffentlicht, in der ein sofortiger Stopp der kommerziellen Blutgewinnung aus tragenden Stuten gefordert wird, berichtet Heimildin. Vor etwa zwei Wochen war bekannt geworden, dass im vergangenen Jahr acht Stuten bei oder nach der kommerziellen Blutgewinnung verendet waren. Der Verband fordert, dass sämtliche Fälle, wo eine Stute im Zusammenhang mit der Blutgewinnung im vergangenen Sommer verendet ist, untersucht und rechtliche Konsequenzen gezogen werden.
Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte dem Bericht zufolge schon im letzten Jahr Kenntnis von acht im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendeten Stuten erhalten, das waren soviele wie noch nie zuvor. Eine der Stuten verendete, weil offenbar die Kanüle nicht korrekt eingestochen wurde. Sie ist an Ort und Stelle ausgeblutet oder erstickt. Keiner der Fälle war untersucht worden, weil die Kadaver sofort vergraben worden waren.

Veterinäre ohne Erfahrung stechen daneben
Das blutaufkaufende Pharmaunternehmen Ísteka nahm Heimildin zufolge an, dass die Stuten verendet sind, weil die mit der Blutgewinnung betrauten Veterinäre über zuwenig Erfahrung verfügten. Viele isländische Tierärzte hatten ihren Blutjob an den Nagel gehängt, nachdem im Winter 2021 durch die Dokumentation des deutschen Tierschutzvereins AWF bekannt geworden war, mit welch brutalen Methoden in der Branche offenbar gearbeitet wird. Der Mangel an willigen Tierärzten wurde durch die Ísteka mit der Anwerbung von ausländischen Veterinären aufgefangen. Denen fehlt aber offenbar jede Erfahrung: die tragenden Stuten mit Saugfohlen bei Fuss werden etwa achtmal pro Sommer in die Fixierbox getrieben, wo sie an Rücken und Kopf festgebunden werden, dann wird ihnen nach lokaler Betäubung mit einer dicken Kanüle zwischen fünf und acht Litern Blut abgezapft.
Aus diesem Blut extrahiert die Ísteka das Hormon PMSG, welches im europäischen Ausland zur Zyklusregulierung in der Schweinezuchtindustrie verwendet wird. Einer der Hauptabnehmer des Hormonpräparates ist Deutschland.

Schwerwiegende Tierquälerei
Der DÍS schreibt in seiner Mitteilung weiter, dem Verband lägen zuverlässige Informationen dazu vor, dass “im vergangenen Jahr viel mehr Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet sind”. Auf mindestens 10 Höfen seien eine oder mehrere Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet, auf einem dieser 10 Höfe seien es gar vier Stuten gewesen.
Ferner habe der DÍS Hinweise erhalten, dass bei einer Stute im letzten Sommer versehentlich die Luftröhre durchstochen worden sei. Der unerfahrene Veterinär reagierte nicht mit einer sofortigen Euthanasie des Pferdes, wie es seine Pflicht gewesen wäre, stattdessen habe die Stute fast zehn Minuten am Boden gelegen, während sie langsam verblutete.
„Es handelt sich hier um schwerwiegende Tierquälerei,“ schreibt der Tierschutzverband.

„Auf Grundlage der derzeit verfügbaren Informationen fordert der isländische Tierschutzverband einen sofortigen Stopp der Blutgewinnung bei tragenden Stuten und dass alle Fälle, in denen eine Stute im Zusammenhang mit der Blutgewinnung im letzten Sommer verendet ist, untersucht und rechtliche Konsequenzen gezogen werden.“ schreibt der Verband in seiner offiziellen Mitteilung.

ESA sieht Verstoss gegen europäisches Gesetz
Während die diesjährige Blutsaison hinter verschlossenen Türen anläuft, hat die zuständige Ministerin für Landwirtschaft, Fischerei und Lebensmittel, Svandís Svavarsdóttir, in der Angelegenheit allerhand auf dem Tisch liegen: Die EFTA-Regulierungsbehörde ESA hatte nämlich Anfang Mai ein Mahnschreiben geschickt, wonach die kommerzielle Blutgewinnung unter die europäische Richtlinie zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere fällt. In Island gilt die kommerzielle Blutgewinnung jedoch als „landwirtschaftliche Tätigkeit”.

Im vergangenen Jahr hatten 17 isländische Verbände gegen die kommerzielle Blutgewinnung aus tragenden Stuten in Island bei der ESA Beschwerde eingelegt, und nicht nur mit der alten Regelung von 2017, der neuen von 2020, ob mit oder ohne Genehmigungspflicht und selbst unter Anwendung der strengeren Bestimmungen aus dem letzten Jahr scheint Island offenbar mit seinem Blutstutengeschäft gegen europäisches Recht zu verstossen.

Sollte die kommerzielle Blutgewinnung in Island beendet werden, besteht nach Ansicht des isländischen Verbandes für das Tierwohl diesbezüglich nicht mal die Gefahr einer Schadensersatzforderung durch den Blutaufkäufer, weil immer die Schuldregel gilt: um jemanden in die Verantwortung zu nehmen und Schadensersatz zu fordern, muss etwas Gesetzwidriges oder eine Tat aus Leichtsinn vorgefallen sein. Im Fall der Blutstuten wäre das jedoch schlicht die Anwendung geltender Gesetze, nämlich das Gesetz zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere. Und sollte Islands Blutstutensache vor dem EFTA-Gerichtshof landen, könnte sich, so der Verband, herausstellen, dass das Gewerbe bereits seit 2017 gesetzeswidrig ist.

 

Acht tote Stuten im Sommer 2022

horse, horses, hestur, hross

Von den acht Blutstuten, die im Sommer 2022 im Rahmen der Blutgewinnung verendeten, ist mindestens eine Stute noch im Fixierstand verblutet oder erstickt, berichtet Heimildin. Diese acht Fälle, soviele wie nie zuvor, seien der Veterinäraufsichtsbehörde MAST gemeldet worden. Mindestens drei Todesfälle ereigneten sich auf dem gleichen Hof.  Eine tragende Stute mit Saugfohlen war gleich nach der Blutentnahme im Paddock verendet, sechs weitere in den drei Tagen danach. Die Kadaver waren vor einer möglichen Obduktion vergraben worden. Man habe der Sache daher nicht auf den Grund gehen können, so die Fachtierärztin für Pferdemedizin bei MAST, Sigríður Björnsdóttir.

Schuld liegt bei unerfahrenen Veterinären
Die Todesfälle waren auf Höfen aufgetreten, wo isländische und ausländische Veterinäre in der Blutgewinnung tätig waren. “Es besteht vor allem der Verdacht, dass dort Veterinäre gearbeitet haben, die nicht ausreichend ausgebildet waren,” glaubt Sigríður.
Diese Ansicht teilt Ísteka-Chef Arnþór Guðlaugsson. Fehlende Erfahrung der beteiligten Veterinäre könne noch am ehesten die Todesfälle der letzten Saison erklären, sagte er Heimildin gegenüber. Nach der Berichterstattung um die Blutwirtschaft hätten viele lokale Tierärzte ihren Tätigkeit im Blut aufgegeben und man habe im Ausland nach willigen Arbeitskräften suchen müssen. Drei polnische Tierärzte seien angeworben worden, die aber natürlich angelernt werden mussten, weil es die Blutbranche in Polen nicht gebe. Ausser in Island betreiben nur Argentinien, Uruguay, Russland und China Blutgewinnung aus tragenden und laktierenden Stuten.

“Keine Katastrophe”
Ob die achte Stute verblutet oder erstickt sei, dazu liegen MAST keine näheren Information vor, sagte Sigríður auf Anfrage des isländischen Tierschutzbundes SDÍ. Aber sie sei unter Aufsicht eines unerfahrenen, ausländischen Tierarztes verendet. MAST halte “vorbeugende Massnahmen” jetzt für notwendig. Mit einem Trainingsplan für Neulinge in der Blutgewinnung könne man die Todeszahlen zumindest weiter drücken. Aber auch erfahrene Veterinäre hätten schon Stuten bei der Blutgewinnung verloren.
“Das ist keine Katatrophe, in Bezug auf Todesfälle in der Tierhaltung,” sagt Sigríður über die acht verendeten tragenden Stuten.

Die Ísteka hält eine Blutverarbeitungslizenz der Umweltbehörde, hat sogenannte “Tierwohlverträge” mit den Blutbauern geschlossen und muss nach einem Regelwerk arbeiten, das nach heftiger öffentlicher Kritik im letzten Jahr mit deutlichen Verschärfungen erneuert worden war. Sigríður sieht bei den verbluteten Pferden keinen Verstoss gegen das Gesetz zum Tierwohl.

Mehr tote Pferde vor der Registrierung?
“Das ist absolut untragbar, dass Stuten bei der Blutgewinnung sterben, und die einzige Reaktion von MAST besteht darin, Tierärzte zu einem Kurs zu schicken.” kritisiert Meike Witt, Vorstandsmitglied und eine der GründerInnen des Tierschutzvereins. Seit November habe man die Kontrollberichte der letzten Saison bei der Behörde angefordert, doch erst jetzt, lange nachdem die Informationen anderweitig vorlagen, sei auf mehrmalige Anfrage ein Bericht eingegangen. Gemeldet worden waren die Todesfälle bereits im Herbst.
Der SDÍ hat Meike zufolge von weitaus mehr Vorfällen gehört. “Wir haben den Verdacht, dass Stuten schon vorher wegen der Blutgewinnung verendet sind, dass das aber vor dem letzten Jahr nicht registriert wurde, als MAST mit der Überwachung begann.” sagt Meike. Der letzte Sommer sei daher keine Ausnahme gewesen, was Todesfälle von Blutstuten angehe.

Mehr zum Thema.

Lukratives Gewerbe mit umstrittenen Methoden
Aus dem Blut der tragenden Stuten wird das Hormon PMSG gewonnen, welches vor allem nach Deutschland in die industrielle Schweinezucht exportiert wird.
Die Blutgewinnung findet im Sommer einmal pro Woche in schmalen Fixierständen statt. Dabei wird die in die Box getriebene Stute am Rumpf gefesselt und ihr Kopf wird an einem Pfosten fixiert, damit sie sich nicht bewegen kann, das Injektionsgebiet wird betäubt, dann wird eine bleistiftdicke Kanüle in die Halsvene gestochen, und fünf Liter Blut durch einen Schlauch in den Kanister abgelassen. Über acht Wochen lang sind das 40 Liter Blut pro Stute, die tragend ist und ein Saugfohlen bei Fuss hat. Im vergangenen Sommer war auf 90 Höfen aus 4,141 Stuten Blut gewonnen worden.
Das bei Isländern weitgehend unbekannte Gewerbe hatte jahrelang Zuwachsraten verzeichnet, bis im November 2021 die Dokumentation einer deutschen Tierschutzvereinigung schlimme Zustände bei der Blutgewinnung aufdeckte. Da wurden Stuten und Fohlen systematisch getreten, mit Stangen geschlagen, misshandelt und von Hunden gehetzt, und immer wieder sah man Stuten mit Todesangst bei der Prozedur im Fixierstand. In Reaktion auf Video und öffentliche Empörung war dann das Regelwerk um die Blutgewinnung verschärft worden. Die im Video agierenden Personen konnten zwar identifiziert werden, im Januar war der Fall aber “aus Mangel an Beweisen” von der südisländischen Polizei einfach zu den Akten gelegt worden.

Alles “im Rahmen”
Jetzt sei das ganze Gewerbe besser überwacht und dokumentiert, so Sigríður Björnsdóttir. Mit den neuen Bestimmungen habe sich auch der Stress bei der Blutgewinnung reduziert, denn statt 100 Stuten dürften nur noch 75 pro Tag bearbeitet werden. Jeder Veterinär dürfe nur noch drei Stuten gleichzeitig im Fixierstand haben, statt zuvor vier, so die MAST-Tierärztin. Weitere Massnahmen über das Training der Veterinäre hinaus seien nicht geplant. Sigríður selbst ist in der Fachaufsicht des Gewerbes tätig. Die Stuten würden am Kopf gefesselt, das sei natürlich “unbequem”, aber es helfe, die Sache kurz zu halten.

Und überhaupt gehe es den Blutstuten von allen isländischen Tieren in der Landwirtschaft doch am allerbesten. Blutstuten seien viel besser dran als Schafe oder Kühe. Auch die von Tierärzten und Humanmedizinern scharf kritisierte hohe Blutmenge sieht sie nicht als problematisch. Pferde verfügten über ausreichende Hämoglobinreserven in der Milz. Die Blutstuten stünden nur auf der Weide, grasten und gäben Milch. Die reite ja niemand durchs Hochland. Deshalb sei es möglich, soviel Blut aus ihnen herauszuholen, so die Veterinärin. Sie habe bei ihren Kontrollen keinen Stress und keine klinischen Symptome gesehen, alles sei da “im Rahmen”.
Von den Überwachungskameras, die der Fachrat für Tierwohl im letzten Jahr in seinem Gutachten empfohlen hatte, hält Sigríður nichts. “Ich habe sehr fähiges Aufsichtspersonal,” sagt sie. “Wir üben viel, viel mehr Aufsicht als in anderen landwirtschaftlichen Zweigen. Und wir fotografieren auch, wenn es nötig ist. Ich denke, das reicht.” Zumal man eine Begründung finden müsse, warum im Blutstutenstall eine Überwachungskamera hängt, im Schafstall aber nicht.
Im vergangenen Jahr war die mangelnde bzw. gänzlich fehlende Aufsichtsführung der Tierschutzbeauftragten von MAST immer wieder kritisiert worden. Bei näherer Prüfung hatte sich herausgestellt, dass die Ísteka sich selbst kontrolliert, und MAST lediglich Stichproben durchführt.

Meike Witt vom SDÍ findet, in Sachen Tierschutz müssten jetzt mal Nägel mit Köpfen gemacht werden. Immerhin habe die Ministerin im Frühjahr gesagt, dass wenn Politik und Lizenzinhaber die Anforderungen zum Tierwohl der Wale nicht gewährleisten könnten, die Branche keine Zukunft habe.
“Wir fordern sie auf, den Worten Taten folgen zu lassen im Hinblick auf die Stuten, die zur Blutgewinnung benutzt werden.”

Blutstuten: Polizei hat Ermittlungen eingestellt

Die Ermittlungen im Fall der möglichen Misshandlungen von Stuten bei der kommerziellen Blutgewinnung sind eingestellt worden, weil aus dem Ausland kein ausreichendes Beweismaterial vorgelegt worden ist. Die Polizei hatte in der Vergangenheit mehrfach versucht, weitere Daten von der Tierschutzorganisation zu erhalten, die den Fall ans Licht gebracht hatte, doch diese Daten sind nie geliefert worden, berichtet mbl.is.
Der südisländische Polizeidienststellenleiter Sveinn Kristján Rún­ars­son gab auf Anfrage von mbl.is an, die Organisation habe sich hinter deutschem Recht versteckt, wonach sie keine weiteren Daten liefern müssten. Der Fall sei in Island bereits Ende Januar zu den Akten gelegt worden. Ein Jahr lang habe man ermittelt und versucht, weiteres Material zu erhalten, jedoch ohne Erfolg.

Umstrittene Praktiken
Der Tierschutzbund Zürich (AWB/TSB) hatte im November 2021 ein Video veröffentlicht, wo per versteckter Kamera die Misshandlung von Stuten bei der kommerziellen Blutgewinnung in Island dokumentiert worden war. Unter anderem ist im Video zu sehen, wie Stuten geschlagen und getreten werden, sowohl beim Einsperren in den Fangstand, beim Fesseln und bei der Blutgewinnung selbst durch einen Veterinär. Die Stuten werden mit einem Gurt über den Rücken fixiert, damit sie nicht steigen, und ihr Kopf wird am Pfosten festgebunden, damit sie sich beim Einstich der dicken Kanüle nicht bewegen. Auch zu sehen ist im Video, wie gefesselte Stuten im Fangstand in Panik verfallen und zu steigen versuchen. Den tragenden Stuten mit Saugfohlen bei Fuss werden im Sommer jede Woche bis zu acht Litern Blut entnommen, diese hohe Menge war von ausländischen Tierärzten als tierschutzrelevant kritisiert worden.

Ermittlungen versackten
Die Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte die Sache untersucht und angegeben, sie sehr ernst zu nehmen. Versuche, das ungeschnittene Videomaterial von den Tierschützern zu erhalten, schlugen jedoch fehl. MAST gab an, die Tierschutzorganisation habe sich geweigert, das ungeschnittene Material zu übersenden, sie habe nur Informationen dazu übermittelt, wann das Material aufgenommen worden war.
MAST hatte ermitteln können, wo sich die Vorfälle ereignet hatten und wer daran beteiligt war.
“Bei den Ermittlungen verlangte die Behörde nach Erklärungen und einer Stellungnahme der Leute, die in dem Video zu sehen sind. Wie bereits erwähnt, hatte die Behörde keinen Zugang zu ungeschnittenem Bildmaterial, was ihre Möglichkeiten einschränkt, den Ernst der Verstösse zu bewerten, daher kann die Behörde den Fall nicht vollständig untersuchen.” hatte es in einer Mitteilung im Januar 2022 gehiessen, als die Angelegenheit an die Polizei weitergereicht wurde.
Im Februar 2022 hatte Medienberichten zufolge Blutbetriebe ihren Vertrag mit dem blutverarbeitenden Pharmaunternehmen Ísketa ehf. gekündigt. Die Ísteka extrahiert aus dem Stutenblut das Hormon PMSG, welches im Ausland zur Zyklusregulierung vor allem in der industriellen Schweinezucht benutzt wird.

Neue Bestimmungen für weitere drei Jahre
MAST zufolge liegt die Verantwortung der Blutgewinnung bei Ísteka, und die Blutgewinnung wird durch unternehmenseigene Veterinäre durchgeführt.
Im vergangenen Jahr hatte die Ministerin für Landwirtschaft, Fischerei und Lebensmittel neue und strengere Bestimmungen für die kommerzielle Blutgewinnung eingeführt und die Blutwirtschaft für weitere drei Jahre genehmigt.
Auf dem Tisch der Ministerin liegt seit Ende Mai auch ein Schreiben der EFTA-Regulierungsbehörde ESA, wonach in der kommerziellen Blutgewinnung ein Verstoss gegen europäisches Recht vorliegt, denn in Europa fallen Blutstuten unter die Richtlinie zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere. Die isländische Regierung vertritt jedoch den Standpunkt, dass die Blutstuten keine Versuchstiere sind, weil das aus ihnen gewonnene Blut ein landwirtschaftliches Produkt darstelle, daher falle die Blutstutenhaltung auch nicht unter die genannte Bestimmung. Das Mahnschreiben der ESA war eingegangen, nachdem bei der EFTA im April letzten Jahres eine von 17 isländischen Verbänden formulierte Klage eingegangen war. Islands Regierung hat zwei Monate Zeit, auf den Brief zu reagieren.
Mehr zum Thema Blutstuten.

Jahresbericht zu Blutstuten: aus 4.141 Stuten auf 90 Höfen wurde Blut gewonnen

In diesem Sommer ist aus 4.141 Stuten Blut für die Herstellung des PMSG-Hormons gewonnen worden, die Gesamtzahl der Blutstuten in Island beträgt 4.779. Auf den 90 Höfen ist 24.000 Mal Blut gewonnen worden. Im vergangenen Jahr waren es noch 120 Höfe gewesen, zitiert Vísir Daten aus einer Übersicht zum Betrieb des Pharmaunternehmens Ísteka im Jahr 2022.

“Züchterischer Fortschritt” bei Stuten, die öfter Blut geben
Dem Bericht zufolge wurde aus den Stuten zwischen Mitte Juli und Anfang Oktober Blut gewonnen. Bei „mittelguten“ Stuten wurde 5,8 Mal Blut entnommen, 20 Prozent der Stuten wurden acht Mal herangezogen, 31 Prozent mussten siebenmal zur Blutgewinnung.
Die Zahl der Stuten, die sieben oder achtmal Blut „geben“, steigt an, in den Jahren 2017 bis 2021 lag sie bei 45,7 Prozent, im Jahr 2022 lag der Anteil trotz des Rückgangs von Blutpferden und Höfen bei 51 Prozent. Das Unternehmen bezeichnet dies als Hinweis auf züchterischen Fortschritt in den Herden der Blutfarmer.

Die Gesamtblutmenge, die im Jahr 2022 gewonnen wurde, lag um ein Viertel niedriger als noch im Jahr 2021, unter anderem weil die Zahl der Produktionsstätten gesunken ist. “Das Unternehmen geht davon aus, dass dies in erster Linie auf die Auswirkungen der unehrlich aufbereiteten und zusammengesetzten Videofragmente der AWF zurückzuführen ist, die viral verbreitet und u.a. im Fernsehen gezeigt wurden, welche den Bauern zusammen mit dem Stress das Gefühl von gesellschaftlicher Ausgrenzung gaben. Leider ist es der Organisation gelungen, viele Menschen und Organisationen mit leeren Behauptungen davon zu überzeugen, dass sie sich auf die Branche als Ganzes beziehen. Der Grund für den Rückgang wird auch auf die schwierige Personallage bei den Tierärzten zurückgeführt, aber die Flexibilität anderer Tierärzte sowie der Einsatz ausländischer Tierärzte verhinderten, dass im Berichtszeitraum mehr Schaden entstand als erwartet“, heisst es in dem Bericht der Ísteka.
Für einen Liter Blut aus einer „mittelguten Produktionsstute“ erhält der Blutfarmer in diesem Jahr 95.000 Kronen, statt wie bisher 70.000 Kronen.

Mehr Kontrollen, 391 dokumentierte Vorfälle
Der aufsichtsführende Tierarzt der Ísteka hat in dieser Saison 90 Prozent aller Blutfarmen aufgesucht, ausserdem waren Aufsichtspersonen der ausländischen Aufkäufer ins Land gereist, um die Höfe zu besuchen. Zudem legte Ísteka Wert darauf, dass die Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsbehörde MAST sämtliche Blutfarmen während der Blutgewinnungssaison aufsuchte.

In diesem Jahr wurden zum ersten Mal seit Beginn der Blutgewinnung vor 40 Jahren sämtliche Vorkommnisse rund um die Blutgewinnung dokumentiert. Insgesamt gab es 391 Auffälligkeiten. Die meisten betrafen Angst und Stress bei den Blutstuten. Der grösste Teil der Tiere habe sich, so der Report, im Zwangsstand wieder beruhigt. Wiederholte Auffälligkeiten wurden bei 41 Stuten dokumentiert.
Unfälle ereigneten sich bei fünf Stuten und einem Fohlen. Sieben Stuten kamen im Zusammenhang mit der Blutgewinnung ums Leben.

Keine Hunde mehr beim Bluttermin
In der Dokumentierung finden sich Vísir zufolge auch Vorfälle, die als “Gewaltanwendung” bezeichnet werden und immer noch zu zahlreich sind. Nach Ansicht der Ísteka sei es sehr wichtig, dass alle, die an der Blutproduktion beteiligt sind, nicht die Sicht auf ihre Arbeit verlören und “das Hauptgewicht auf Wohlergehen und Feingefühl im Umgang mit ihren Stuten legen. Das gilt natürlich für jede kommerzielle Tierhaltung,” heisst es in dem Report.
Die Anweisung des Unternehmens, Hunde während der Blutgewinnung vom Gelände zu entfernen, wurde in den meisten Fällen befolgt. Ein Hund war vor Ort geblieben, und sein Herumgerenne und Gebelle hatte negative Auswirkungen auf die Pferde. Das Unternehmen besteht auch weiter darauf, dass die Blutgewinnung nicht stattfinden kann, solange ein Hund anwesend ist.

Weiter heisst es in der Übersicht, dass man Vertreter der Tierschutzorganisation AWF und des deutschen Fernsehens in der Nähe von 15 Höfen gesehen habe. Die Gruppe habe sich angeblich unhöflich und unverschämt aufgeführt. Das Verhalten sei bedrohlich gewesen, offenbar mit dem Ziel, so die Ísteka, die Reaktionen der Bauern filmisch festzuhalten. Man erwarte, das die Inhalte in den kommenden Monaten veröffentlicht würden.

Nach Veröffentlichung eines Videos des AWF im vergangenen Winter, wo Tierquälereien im Zusammenhang mit der Blutgewinnung filmisch festgehalten worden waren, waren die Branche selbst, sowie die für die Tierschutzkontrolle verantwortliche Behörde MAST in die öffentliche Kritik geraten. Landwirtschaftsministerin Svandís Svavarsdóttir setzte daraufhin eine Arbeitsgruppe ein, die den wirtschaftlichen Nutzen und Tierschutzaspekte der Industrie prüfen sollte. Sie kam Ende Juni zu dem Ergebnis, dass man die Praktik weiter befristet erlaube, jedoch unter strengen Auflagen, die sowohl für die Blutfarmen als auch für das Aufsichtspersonal von MAST galten.

Das Blut der Stuten wird für die Produktion des Hormons PMSG benutzt, welches in Europa zur Zyklussteuerung bei Schweinen und kleinen Ruminanten zum Einsatz kommt. PSMG ist nur im Blut tragender Stuten vorhanden. Ausländische Tierärzte haben ausgerechnet, dass jede Stute ihr gesamtes Blutvolumen (rund 40 Liter) einmal pro Sommer durch Entnahme verliert und neu bilden muss, während sie tragend ist und ein Saugfohlen bei Fuss hat.  Die Fohlen der Blutstuten werden im Alter von drei Monaten abgesetzt und in der Regel geschlachtet, manche werden auch lebend verkauft.
Mehr zum Thema gibt es hier.