Magma könnte Grindavík erneut und mehrfach bedrohen

grindavík evacuation

In den kommenden Tagen oder Monaten könnte Magma von neuem in den unterirdischen Tunnel unter dem Küstenort Grindavík unterwegs sein. Die Stadt bleibt daher auch weiterhin evakuiert. Experten sagen, es sei unklar, wann die Bewohner in ihre Häuser zurückkehren können. Ein Vulkanausbruch scheint zumindest in naher Zukunft immer unwahrscheinlicher, aber eine neue Phase seismischer Aktivität könnte bevorstehen.

Ende Oktober hatte sich die Erde auf der Halbinsel Reykjanes angehoben, die Hebung im Zusammenspiel mit einer Serie zum Teil schwerer Erdbeben hatte Hinweise darauf verdichtet, dass sich Magma unter der Erdoberfläche sammelt. Ein unterirdischer Magmagang bildete sich vom Berg Keilir aus in Richtung Grindavík, die dort entlangströmende Magma füllte einen Graben unterhalb des Ortes, weswegen die Behörden am 10. November den Ort evakuieren liessen, weil die Gefahr einer Eruption bestand.

Der Magmafluss in den Tunnel ist sehr wahrscheinlich zu einem Halt gekommen, wie es in einer Mitteilung der Wetterehörde heisst. Die Chancen für einen Vulkanausbruch entlang des unterirdischen Tunnels sind gesunken. Dennoch sammelt sich Magma nördlich von Grindavík, und zwar unterhalb des Erdwärmekraftwerks Svartsengi und der Blauen Lagune.
Die anhaltende Aktivität in Svartsengi, die im Oktober einsetzte, ist noch nicht vorüber, und es könnte auch ein neues Kapitel beginnen haben, mit einer erneuten Magmaausbreitung, und einer langsam ansteigenden Wahrscheinlichkeit einer Eruption, heisst es in der Mitteilung.
„Der Tunnel unterhalb von Grindavík ist durch Magmaansammlung unterhalb von Svartsengi gespeist worden. Es ist wahrscheinlich, dass sich diese Ereignisfolge wiederholt. Eine neue Magmaausbreitung würde sich durch Erdbeben und Bodenverformungen ankündigen, die von Geräten erkannt würden, „einige Stunden bevor die Magmaausbreitung wahrscheinlich eine Bedrohung für Svartsengi oder Grindavík darstellt“.

Nach Ansicht des Wetteramtes wiederholt sich dieses Muster der Magmaansammlung unter Svartsengi und das Eindringen in den unterirdischen Tunnel, möglicherweise sogar mehrfach. Ob dies jedoch „in den nächsten Tagen oder möglicherweise erst nach mehreren Monaten“ der Fall sein wird, lässt sich nicht abschätzen. Ebensowenig lässt sich sagen, wann die Bewohner endgültig in ihren Ort zurückkehren können.

 

Reykjanes: Magmagang liegt unter Grindavík und reicht bis ins Meer

Auf der Halbinsel Reykjanes und besonders rund um den Küstenort Grindavík bebt die Erde weiter, von Mitternacht bis 12 Uhr Mittag sind 800 Erdbeben aufgezeichnet worden, heisst es in einer Mitteilung der Erdbebenabteilung beim isländischen Wetterdienst. Neue GPS-Daten zeigen, dass die Verformungsrate mittlerweile um ein Vielfaches höher liegt als bei früheren Erdbeben. Auch der Magmafluss ist um ein Vielfaches größer. Ein vulkanischer Ausbruch in den kommenden Stunden oder Tagen scheint unausweichlich. Der Magmaintrusionsgang reicht den Daten zufolge von Stóra-Skógsfell im Norden über die alte Kraterreihe Sandhjnúkargígar nach Süden bis in den Küstenort Grindavík und von dort aus bis ins Meer. Satellitenmessungen von gestern Abend weisen darauf hin, dass sich das Dach des Magmaganges in einer Tiefe von nur noch 1,5 Kilometern befindet, berichtet Vísir. Die Gesamtlänge des Intrusionsganges wird auf 12 Kilometer beziffert.

Mehr Tempo in kürzerer Zeit
Bei einer Informationsveranstaltung von Einsatzkräften und Wissenschaftlern am Mittag hatte der Geophysiker Magnús Tumi Guðmundsson erklärt, dass das Auseinandergleiten der Erdschichten mit 120 Zentimetern weitaus geringer ausgefallen sei als beispielsweise in der Holuhraun im Jahr 2014, damals waren zwei Meter gemessen worden. Doch diesmal habe sich der Prozess in höherem Tempo zugetragen als jemals zuvor gemessen werden konnte. Das Auseinandergleiten dauerte nur wenige Stunden an – die Frage bleibt, was als nächstes passieren wird. Immer noch bestehe die Möglichkeit, dass die gesamte Aktivität zu einem Stillstand komme.
Am stärksten war der oben genannte Driftprozess an den Sandhnjúkargígar ausgefallen, einige Experten halten einen Beginn des Ausbruchs dort für am wahrscheinlichsten. Der Geologe Þorvaldur Þórðarsson interpretierte die unerwarteten Ereignisse des gestrigen Abends – das plötzliche Auseinanderdriften und die Bildung des langen Ganges unter den Meeresboden – dahingehend, dass auch mit einem Ausbruch im Meer gerechnet werden muss.

Ascheschichten aus 1240 zeugen von grossem Ausbruch
Heimildin berichtet, dass es im 13. Jahrhundert schon einmal einen Vulkanausbruch im Meer vor der Küste von Reykjanes gegeben hat. Ein solches Ereignis würde Aschefall bringen. Aus der Zeit sind bei Ausgrabungen Ascheschichten gefunden worden, in isländischen Quellen und Annalen ist die Rede vom „Sandsommer“ und vom „grossen Sandwinter“, wonach die Vegetation auf der Halbinsel entweder verbrannt oder unter dicken Ascheschichten begraben lag. Das Vieh verhungerte oder starb in “Sandstürmen”.
Ein Gefahrengutachten für die Halbinsel Reykjanes, das im Sommer für den isländischen Wetterdienst erstellt worden war, thematisiert einen möglichen Aschefall als Folge eines Vulkanausbruchs im Meer, und seine Auswirkungen auf den Flugbetrieb in Keflavík. Im schlimmsten Fall könnten 45 Millimeter Asche fallen. Nach Ansicht des Geochemikers Halldór Geirsson ist auch ein Aschefall über Reykjavík denkbar, denn die sogenannte Mittelalter-Ascheschicht aus den Jahren um 1240 herum sei genau dort gefunden worden.

Evakuierung und kein Ende in Sicht
In der vergangenen Nacht war der Küstenort Grindavík vollständig evakuiert worden. Weil die Lage als unübersichtlich und gefährlich galt, hatten auch Polizeistreifen und Rettungskräfte den evakuierten Ort verlassen müssen. Auch das Küstenwachschiff Þór, das noch in der Nacht mit Dieselaggregat und starken Pumpen (um einen möglichen Lavafluss herunterzukühlen) von Reykjavík gekommen war, ankerte aus Sicherheitsgründen vor der Küste und fuhr nicht in den Hafen ein.
Der Ort ist für alle gesperrt, nicht nur weil überall zum Teil starke Schäden an Gebäuden und Strassenbelag zutage getreten sind. Das Absacken über dem Intrusionsgang zieht sich durch den gesamten Ort. Doch überlegen die Behörden nun, den Bewohnern strassenzugweise zu erlauben, ihre Häuser aufzusuchen, um sich mit Kleidung und mehr Notwendigem einzudecken, denn niemand weiss, ob und wann die Leute in ihr altes Leben zurückkehren können.

Tierrettung mit viel Herz und Problemen
Der isländische Tierschutzverein Dýrfinna sammelt auf einer Facebookseite Adressen und Telefonnummern von Haustierbesitzern, die ihre Katzen, Hühner oder andere Haustiere hatten zurücklassen müssen. Man hofft auf eine Genehmigung, mit Hilfe einer Liste diese Tiere systematisch einsammeln zu können. Ein paar Schafe und Pferde befinden sich noch in Ortsnähe, auch für sie ist andernorts Platz geschaffen worden, die Retter warten nur auf die Erlaubnis, die Tiere holen zu dürfen.

Zwei Retter mit Pferdehänger warten derzeit in Hafnir, nachdem die Polizei ihnen die Einfahrt nach Grindavík verwehrt hatte, berichtet mbl.is. Da Mitarbeiter der örtlichen Fischfabrik jedoch in den Ort durften, um Gegenstände aus den Gebäuden zu holen, nahmen die Pferdeleute Kontakt zu MAST auf, um sich über das Verbot der Polizei zu beschweren. Sie argumentieren, die Tiere in der grossen Gefahr sich selbst zu überlassen verstosse gegen Paragraf 7 des Gesetzes zum Tierwohl.  Mit einer Rettung der 22 Pferde und einer ganzen Anzahl an Schafen bis morgen zu warten könnte für alle zu spät kommen, so die beiden Freiwilligen, die Pferde für Besitzer ohne Transportmöglichkeit fahren wollen.

Präsident lobt Solidarität und Hilfsbereitschaft
In einer Ansprache lobte Staatspräsident Guðni Th. Jóhannesson die Solidarität seiner Landsleute. “Wir sind eine kleine Nation, Isländer. In einer rauen Welt kann das ziemlich gut sein. Wir können unsere Kleinheit in Stärke verwandeln. Manchmal sind wir wie eine kleine Familie,” sagte Guðni und erinnerte daran, dass viele ausländische Betroffene besonders auf die Solidarität aller angewiesen seien. Die Kräfte der Natur könne man nicht kontrollieren, aber unsere Reaktion auf diese Kräfte sei durchaus steuerbar, so der Präsident.

Die Hilfsbereitschaft der Landsleute ist in der Tat überwältigend, aus dem ganzen Land haben sich Hausbesitzer gemeldet, um Evakuierte auch längerfristig aufzunehmen oder ihnen Ferienhäuser zur Verfügung zu stellen. Je länger die Situation andauert, desto wahrscheinlicher wird es ja, dass Kinder aus Grindavík in anderen Kindergärten und Schulen untergebracht werden müssen.
Bislang haben sich allerdings längst nicht alle Leute aus Grindavík unter der Telefonnummer 1717 gemeldet und registriert, schreibt Vísir. Von vielen sei der momentane Aufenthaltsort nicht bekannt. Daher kann Schule und Kindergarten für die Kinder des Ortes noch nicht organisiert werden.
Das isländische Rote Kreuz betreibt zur Zeit mehrere Auffangstationen für die Betroffenen des Evakuierungsgebietes und hat auch eine Spendenaktion ins Leben gerufen.

Reykjanes: Neue Magma-Intrusion am Þorbjörn

Thorbjorn, Þorbjörn, efitr Pálmi Erlendsson Veðurstofan

Derzeit sammelt sich Magma in einer Tiefe von vier Kilometern unter der Oberfläche der Halbinsel Reykjanes, nicht weit von der Region, wo sich innerhalb der letzten drei Jahre Ausbrüche ereignet haben. Die neue Intrusion befindet sich nordwestlich von Grindavík, ganz in der Nähe des Berges Þorbjörn und der Blauen Lagune. Für eine unmittelbar bevorstehende Eruption gibt es keine Anzeichen, sie könnte sich nach Angaben eines Vulkanologen beim isländischen Wetterdienst aber durchaus am Þorbjörn oder am Fagradalsfjall ereignen.

Magmabewegung muss nicht in Ausbruch enden
Erdbeben und eine Landhebung waren allen drei Eruptionen vorangegangen. Am 24. Oktober hatte nordwestlich von Grindavík eine Bebenserie begonnen, mittlerweile hat sich die Erde dort um drei Zentimeter angehoben. Das stärkste Erdbeben war mit mit 4,0 M gemessen worden und hatte in Reykjavík verspürt werden können.
Auch wenn Experten davon ausgehen, dass sich Magma unter der Oberfläche sammelt, muss dies nicht zwingend in einem Vulkanausbruch enden. Benedikt Ófeigsson, ein Koordinator beim Wetterdienst sagt, ein Ausbruch sei auch am Fagradalsfjall denkbar. “Wir können Fagradalsfjall nicht ganz abschreiben,” sagte Benedikt RÚV gegenüber. “Wir sehen auch weiterhin dort Deformation (Landhebung), und es könnte durchaus sein, dass der nächste Ausbruch dort stattfindet, aber wir überwachen jetzt beide Orte.”
Vorsichtshalber hat der Zivilschutz die Ungewissheitsstufe für die Halbinsel ausgerufen. Immer wieder hatten Vulkanologen darauf hingewiesen dass die Halbinsel sich in einer Periode gestiegener vulkanisher Aktivität befindet, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte andauern könne. Die drei bislang stattgefudenen Eruptionen hatten keine Bauwerke oder Infrastrukturen zerstört.

Blaue Lagune gefährdet
Nun sieht die Sache allerdings etwas anders aus, denn vor den Hängen des Þorbjörn liegt nicht nur ein Erdwärmekraftwerk, dass die Ortschaften auf der Halbinsel mit Strom und heissem Wasser versorgt, sondern auch die Blaue Lagune, ein beliebter touristischer Ort, der gerne vor An- und Abreise genutzt wird. Seitens der Lagune hiess es, man sei auf alles bestens vorbereitet und schliesse nicht. Man stehe mit Behörden und Einsatzkräften in ständiger Verbindungm und halte zwei Stunden für eine Evakuierung für ausreichend.

An den Bohrlöchern des Kraftwerks habe sich bislang keine Veränderung gezeigt, und HS Orka-Direktor Tómas Már Sigurðsson zeigt sich entspannt. Alle Notfallpläne stünden bereit, und man wisse ganz genau, was im Ernstfall zu tun sei.
Auch Feuerwehr und Rettungsmannschaften der Region haben sich auf alles vorbereitet. Kein Anwohner müsse Angst haben, hiess es, es müsste schon sehr viel passieren, damit der Ort Grindavík evakuiert werde, selbst im Fall eines Lavaflusses in Ortsnähe gebe es genügend Fluchtwege, und sollte es in der Nähe des Þorbjörn einen Lavafluss geben, bestehe wegen der grossen Entfernung kaum Gefahr für die Ortschaft.