Immer mehr Hörbücher, immer mehr Nichtleser

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Immer mehr Leser in Island lassen sich von Hörbüchern in andere Welten entführen, seit dem Jahr 2018 ist der Anteil stark angestiegen, als noch 11% der Bevölkerung einmal wöchentlich oder einem öfter einem Hörbuch lauschte. Heute liegt der Anteil bei 27%. Im gleichen Zeitraum ist die wöchentliche Lektüre von normalen Büchern aus Papier um 17% zurückgegangen, im Jahr 2018 waren es noch 36% gewesen, in diesem Jahr liegt der Anteil bei 30%.

Mehr junge Leser, mehr Nichtleser
Umfragedaten des Zentrums für isländische Literatur in Zusammenarbeit mit sechs weiteren Beteiligten aus dem Herbst brachten zutage, dass das Hörbuch am eifrigsten von der Gruppe der 35 bis 54-Jährigen genutzt wird. Die durchschnittliche Zahl der gelesenen Bücher pro Monat liegt derzeit bei 2,4 Titeln, und daran hat sich in den vergangenen Jahren nur wenig geändert. Die jüngste Gruppe der Befragten liest mehr als letztes Jahr, die älteste Gruppe liest weniger.
Im gleichen Zeitraum wuchs die Gruppe der Isländer, die wenig bis gar nichts lesen, um die 14 % aller Landsleute verbringt weder Zeit mit Lesen noch mit dem Hören von Hörbüchern.
Ein Drittel der Landsleute verbringt 30 bis 60 Minuten pro Tag mit einem Buch, 24% widmen ihm zwei Stunden pro Tag oder mehr. Frauen lesen oder hören mehr als Männer.

Beliebtester Lesestoff ist der Roman, bei allen Altersgruppen. Die überwiegende Mehrheit der Isländer (77%) hält es für wichtig, dass die isländische Literatur Zugang zu öffentlicher Unterstützung erhält, das sind drei Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr.
Zwischen dem 10. und dem 27. Oktober waren 2500 Personen über 18 Jahren befragt worden, 51% waren zu einer Antwort bereit gewesen. Ähnliche Befragungen werden seit dem Jahr 2017 jährlich durchgeführt.

Hörbuch bringt geringeres Autorenhonorar
Auf der anderen Seite der Hörbuchmedaille stehen die geringeren Einnahmen für Autoren. Vor einigen Tagen berichtete mbl.is, dass isländische Schriftsteller mit den vom Streamingdienst Storytel ausgezahlten Honoraren ausgesprochen unzufrieden sind. Ausserdem hätten die Hörbücher Auswirkungen auf den Verkauf von normalen Büchern. Sie verlangen daher Vertragsänderungen, unter anderem möchten sie, dass die Hörfassung von Büchern noch später erscheint als bisher.

50 Kronen für ein Hörbuch
Der Autor und Leiter des isländischen Schriftstellerverbandes, Sverr­ir Nor­land, meinte, die Hörbuchrevolution sei durchaus zu begrüssen, allerdings seien die Einnahmemöglichkeiten in den letzten Jahren dadurch gesunken. Der Hörbuchriese Storytel habe in der gleichen Zeit seinen Marktanteil ausbauen können.
“Wenn ich meinen Roman im Laden verkaufe, erhalte ich 1000 Kronen,” erklärt Sverrir. “Wenn du das Buch als Hörbuch bei Storytel kaufst, bekomme ich nur 50 Kronen. Es müssen als 20 Leute das Buch hören, damit ich die gleiche Summe wie für das gedruckte Buch erhalte.”
Er halte die Summen für lächerlich, niemand könne davon leben, falls so die Zukunft aussehen solle. Eine gesamte Branche werde da in Grund und Boden gerichtet, und am Ende habe niemand was davon. Nicht mal der Hörbuchriese, so Sverrir, denn der bekäme auch keine Bücher mehr.

 

Storytel kauft Mehrheit an Islands grösstem Verlag

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Der schwedische E-Buch und Audiobuch Gigant Storytel AB hat 70 Prozent des isländischen Verlagshauses Forlagið erworben. Forlagið ist Islands grösster Verlag. Einer Pressemitteilung zufolge wird der Literaturverein Mál og menning (einer der fünf Teilhaber von Forlagið und Hauptverkäufer) die anderen 30 Prozent am Verlag halten.
Forlagið soll auch weiterhin “unabhängig von Storytel das Streaminggeschäft auf dem lokalen isländischen Markt” bedienen.

Mit dem Deal, der noch vom Wettbewerbsbüro genehmigt werden muss, gehört das Verlagshaus Forlagið dann zu den drei anderen nordischen Herausgebern unter dem Dach von Storytel: Norstedts Förlagsgrupp (Schweden), People’s Press (Dänemark) und Gummerus Publishers (Finland). “Wir freuen uns, Forlagið in der Storytel-Familie und in unserem Verlagsgeschäft willkommen zu heissen,” schrieb Jonas Tellander, der Geschäftsführer und Gründer von Storytel. “Es ist grossartig, mit den kompetenten und fähigen Herausgebern bei Forlagið zusammenzuarbeiten, die unsere Leidenschaft für tolle Autoren und Geschichten teilen.”

Der Geschäftsführer von Forlagið, Egill Örn Jóhannesson, drückte sich ähnlich optimistisch aus, vor allem in Bezug auf die Chancen für isländischen Autoren in der internationalem Literaturszene. “Das öffnet neue Märkte für die Autoren bei Forlagið und hilft uns, einen grossen Schritt in die Zukunft zu tun, und näher an den modernen Leser und Zuhörer heran zu kommen. Dieser Deal wird sicherlich die Geschäfte von Forlagið stärken und zukunftssicher machen. Er wird auch unsere Mission festigen, die beste isländische Literatur herauszugeben, diese Literatur mit allen zu erwartenden Mitteln einer Zuhörerschaft nahebringen und neue Türen für unsere Autoren auf der ganzen Welt öffnen.”

Isländische Autoren “überrumpelt”
Nicht alle in der Literaturszene waren gleichermassen entzückt von der Nachricht. Die Geschäftsführerin des isländischen Schriftstellerverbandes sieht isländische Autoren durch den Verkauf überrumpelt. Seit die Nachricht vom Deal die Runde machte, steht das Telefon beim Verband nicht mehr still, zahllose Autoren machen sich Sorgen, was denn nun aus ihren Urheberrechten und zukünftigen Veröffentlichungen wird.

“Unsere Hauptsorge ist, ob ein ausländischer Konzern … scharf drauf ist, isländische Literatur zu veröffentlichen,” meint Ragnheiður. “Die Leute sind geschockt, dass ein derart grosser Anteil eines isländischen Verlages jetzt einem ausländischem Unternehmen gehört. Weil wir uns fraglos als Wahrer der isländischen Sprache sehen, und die isländische Sprache ist die Basis unserer nationalen Kultur. Unsere erste Reaktion war, dass das überhaupt keinen Sinn hat.”

Der Verband und seine Mitglieder hätten niemals gedacht, dass es möglich sein würde, die Copyrights eines derart grossen Anteils des nationalen Literaturerbes an ein ausländisches Unternehmen zu veräussern.
“Bis gestern morgen ist allein die Idee für uns vollkommen abwegig gewesen.”

Aufkauf legendärer Verlagshäuser
Storytel betreibt den Streamingservce für Audiobücher in 20 Ländern, darunter Brasilien, Bulgarien, Italien, Mexiko, Polen, Singapur und die Vereinigten Arabischen Emirate. Der Nordische Markt – Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden und jetzt auch Island – machen jedoch den Löwenanteil im Geschäft aus.

Zusätzlich zum Aufkauf von vielversprechenden Neukonkurrenten auf dem Audiobuchmarkt, wie es in einem Artikel in Publishers weekly letzte Woche hiess, hat Storytel sein Auge nun auch auf den Printmarkt geworfen und legendäre Verlagshäuser in regionalen Märkten aufgekauft.
Wie etwa das isländische Verlagshaus Forlagið.