Ehemaliger “COVID-Kapitän” ohne Wissen der Besatzung als Steuermann angeheuert

Júlíus Geirmundsson

Drei Mannschaftsmitglieder des Gefriertrawlers Júlíus Geirmundsson haben ihre Stellung gekündigt, und weitere denken über eine Kündigung nach. Die Kündigungen gingen ein, nachdem der Mann, dem das Kapitänspatent zeitweilig entzogen worden war, für die nächste Fangfahrt als Steuermann angeheuert worden ist, berichtet RÚV.

Die Júlíus Germundsson liegt derzeit am Kai in Ísafjörður. Sie war gestern vor Anker gegangen und soll am Mittwoch zur nächsten Fangtour in See stechen. Für diese Tour ist Sveinn Geir Arnarsson als Steuermann verpflichtet worden. Er war Kapitän an Bord des Trawlers gewesen, auf dem sich im Oktober 2020 eine Clusterinfektion der COVID-19 Krankheit ereignete, bei dem 22 von 25 Besatzungsmitglieder mehr oder weniger schwer erkrankten. Das Schiff wurde trotz der vielen Krankheitsfälle erst zum Auftanken in den Hafen verbracht.

Der ehemalige Kapitän gestand vor dem Bezirksgericht der Westfjorde, dass er das Seemannsgesetz gebrochen habe, als er entschied, die kranken Seeleute nicht an Land zu bringen. Daraufhin wurde ihm das Kapitänspatent für vier Monate entzogen, dazu musste er eine Strafe von 750.000 ISK zahlen. Trotz Verlust seines Kapitänspatentes darf er jedoch andere Tätigkeiten an Bord ausüben, unter anderem den Job des Steuermanns. Als solcher, der zweite Mann nach dem Kapitän, wird er am Mittwoch auf dem gleichen Schiff mit der gleichen Mannschaft in See stechen.

In einer Pressemitteilung hatte das Gefrierhaus Gunnvör im Oktober wissen lassen, dass man alles tun wolle, um das Vertrauen wieder aufzubauen, welches zwischen Besatzung und Reederei verloren gegangen sei. In einem Brief an die Unternehmensleitung im November hatten viele Matrosen ihren Vertrauensverlust in den Kapitän geäussert und klargemacht, dass sie Sveinn Geir nicht als Mitarbeiter an Bord haben wollten.

Drei Männer der Besatzung haben nun ihren Job auf dem Trawler gekündigt, weiter überlegen noch, es ihnen gleichzutun. Einer äusserte seine Unzufriedenheit mit dem Mangel an Informationsfluss zwischen Reederei und Besatzung, und gab an, dass die mangelnde Kommunikation geradezu unglaublich sei. Der Besatzung sei von der Reederei nicht mitgeteilt worden, dass Sveinn Geir auf dem Weg an Bord sei, sie seien nur durch Nachfragen dahinter gekommen.
Die Besatzung hatte sich gestern auf Eigeninitiative getroffen, um die Lage zu besprechen. Von der Unternehmensleitung gab es keinen Kommentar zu der Angelegenheit.

Polizei nimmt Ermittlungen im Fall des COVID-Trawlers auf

Die Polizei in den Westfjorden hat im Fall der 22 an COVID-19 erkrankten Seeleute an Bord des Trawlers Júlíus Geirmundsson die Ermittlungen aufgenommen. Polizeileiter Karl Ingi Vilbergsson sagte RÚV gegenüber, die Angelegenheit werde als Straftat behandelt. Die Arbeiten befänden sich noch in den Anfängen.
Der erste Schritt bestehe darin, mit allen Seeleuten zu sprechen. Bislang gebe es keinen Beschuldigten, und man könne nicht sagen, wie lange die Untersuchung andauern würden.

Von den 25 Seeleuten an Bord des Gefriertrawlers Júlíus Geirmundsson waren auf See 22 an COVID-19 erkrankt, dennoch war das Schiff erst nach drei Wochen in den Hafen von Ísafjörður eingelaufen, in erster Linie, um Kraftstoff aufzunehmen, doch dann wurden die Seeleute auch zum Test geschickt. Das Schiff verliess den Hafen, bevor die Testergebnisse vorlagen.
Der erste Seemann waren zwei Tage nach Beginn der dreiwöchigen Fangtour erkrankt. Er wurde für drei Tage isoliert, danach erkrankte ein Seemann nach dem anderen, und jeder Erkrankte wurde in eine dreitägige Isolierung an Bord geschickt.

Junger Matrose bricht das Schweigen
Der Matrose Arnar Hilmarsson hatte am Samstagabend als Erster das Schweigen gebrochen und in den Abendnachrichten in einem detaillierten Bericht ausgesagt, dass die Männer auch nach Bekanntmachung der Ansteckung hätten weiter arbeiten müssen und dass es schwerwiegend gewesen sei, kranke Männer zur Arbeit zu zwingen. Nach Angaben der Seemannsgewerkschaft der Westfjorde stimmten die Beschreibungen des jungen Matrosen mit Aussagen anderer betroffener Seeleute überein, dass Männer krank zum Dienst geschickt worden seien und dass es eine Kontaktsperre zum Krankheitsthema gegeben habe. Der Chefmaschinist hatte Arnars Aussage öffentlich in Zweifel gezogen und als “bullshit” bezeichnet, schreibt kjarninn.

Ein Sprecher der Küstenwache hatte angegeben, bei der Küstenwache sei keine Meldung über die erkrankten 22 Seeleute eingegangen. Den Pandemieregeln zufolge muss ein Kapitän solche Krankheitsfälle unverzüglich melden und sich dann an die Anweisungen der Küstenwache halten.

Der Geschäftsführer des Gefrierhauses Gunnvör, Einar Valur Kristjánsson hatte zunächst angegeben, nicht gewusst zu haben, was COVID-19 sei. Gestern Abend veröffentlichte er eine Erklärung, in der es hiess, es wäre korrekt gewesen, den Verdacht um die COVID-19 Erkrankung an Bord des Trawlers Júlíus Geirmundssin ÍS 270 an die Küstenwache zu melden und die Behörden beurteilen zu lassen, ob das Schiff hätte in den Hafen gebracht werden müssen.

“Leider ging das daneben und die Verantwortung für den Fehler wird das Unternehmen selbstverständlich auf sich nehmen. Das Unternehmen bitte die Aktionäre eindringlich um Entschudligung für diesen Fehler,” heisst es in der Erklärung des Geschäftsführers.

 

Erkrankte Seeleute festgehalten, Fischereiunternehmen unter Beschuss

Júlíus Geirmundsson

Die Schiffssbesatzung des Gefriertrawlers Júlíus Geirmundsson, die Anfang der Woche mehrheitlich (22 von 25 Mann) positiv auf das neuartige Sars-CoV-2 Virus getetstet worden war, hatte offenbar entgegen erster Meldungen doch mehr oder weniger schwere Ssymptome der COVID-19 Infektion auf See entwickelt. Zunächst hatte es gehiessen, die Seeleute seien kaum krank. Trotz Ausbruch der Krankheit war das Schiff für 23 Tage auf See geblieben und erst am vergangenen Samstag zum Tanken in den Hafen von Ísafjörður gekommen. Hier waren die Seeleute dann auch getestet worden.

Noch vor Eintreffen der Ergebnisse hatte der Trawler den Hafen wieder verlassen und alle Erkrankten an Bord gehabt. Als die Ergebnisse vorlagen, musste das Schiff kehrtmachen, die Seeleute wurden an Land je nach Stand der Infektion in Isolation und Quarantäne verteilt.

Gefrierhaus wäscht die Hände rein
Über diese Aktion ist nun die ausrichtende Gefrierfabrik HG Gunnvör unter Beschuss geraten. Sie hatte auf ihrer Webseite eine Erklärung veröffentlicht, nach der es hiess “Das Unternehmen informiert, dass kurz nachdem sich die ersten Grippesymptome bei der Besatzung zeigten, Kontakt zum Gesundheitszentrum der Westfjorde aufgenommen worden ist. Zu dem Zeitpunkt sah man keinen Grund, das Schiff in den Hafen zurückzubeordern. Als sich nach drei Wochen beim Fischfang durch den Test herausstellte, dass sich alle Besatzungsmitglieder mit COVID-19 an Bord angesteckt hatten, wurde das Schiff sofort in den Hafen zurückgebracht. Mit unserem heutigen Wissen hätte man das Schiff vorher in den Hafen beordern und alle Besatzungsmitglieder testen müssen.”

Anweisungen wurden missachtet
Mit dieser Erklärung sind nicht alle einverstanden. Für so manchen klingt sie so, als ob das Gesundheitszentrum grünes Licht für die Weiterfahrt gegeben habe. Die Bezirksseuchenschutzärztin Súsanna Björg Ástvaldsdóttir‎ sagt jedoch, ihre Anweisungen seien sehr einfach, wenn es um Leute mit COVID-19 Symptomen gehe: es spiele keine Rolle, ob sie sich zu Land oder zu Wasser befänden, sie müssten sich sofort zum Test begeben. Sie hatte das Unternehmen mehrfach aufgefordert, das Schiff in den Hafen zu bringen, doch war man der Aufforderung nicht nachgekommen.

Chefmaschinist Hákon Blöndal findet noch deutlichere Worte. “Das ist hässliches, verfluchtes menschliches Versagen und eine Drecksschlacht. Hier wird nicht die ganze Geschichte erzählt, und die Leute sollten sich in die Augen schauen und Fehler zugeben,” wettert er in einem Facebookbeitrag. “Bei Verdacht einer Infektion an Bord muss der Kapitän sich mit der Küstenwache in Verbindung setzen, die über den nächsten Schritt entscheidet. In diesem Fall war dieser Anweisung nicht Folge geleistet worden, es wurde nicht im Zweifel für die Mannschaft agiert, und sie in grosse Gefahr gebracht!”
Ásgeir Erlendsson, der Pressesprecher der Küstenwache, sagte am Morgen Vísir gegenüber, die Küstenwache habe keine Meldung über die erkrankten Seeleute erhalten.
Kapitän Sveinn Geir Arnasson hat sich zu keinem Zeitpunkt in der Angelegenheit geäussert.

Geringschätzung für die Mannschaft
Der Dachverband der isländischen Seemannsgewerkschaften veröffentlichte ebenfalls eine Erklärung zu dem Vorfall. Wenn man die Aussage der Bezirksseuchenfachärztin darüber betrachte, wie ihre Aufforderung zur Rückkehr in den Hafen mehrfach ignoriert worden sei, dann zeige die Antwort des Unternehmens Geringschätzung für seine Mannschaft. “Das Unternehmen scheint nur an seinen finanziellen Gewinn gedacht zu haben, ohne auf die Gesundheit und das Wohlergehen der Besatzung zu achten. Die Gewerkschaft der isländischen Seeleute verurteilt die Geringschätzung, die das Unternehmen der Schiffsbesatzung gegenübergebracht hat, indem sie trotz Krankheit an Bord das Fischen fortgesetzt hat.”

Das Unternehmen habe gegen sämtliche Seuchenschutzmassnamen in Pandemiezeiten verstossen. Der Dachverband verlangt, dass isländische Fischereiunternehmen beim Auftreten von Krankheiten an Bord die Richtlinien minutiös befolgen, und dass sie Leben und Wohlergehen der Mannschaft in diesen gefährlichen Zeiten nicht unnötigen Risiken aussetzen.

Gewaltsam auf See festgehalten, Kontaktsperre
Gestern stellte sich heraus, dass zahlreiche Seeleute doch kränker waren als zunächst berichtet, laut Vísir litten sie unter anderem unter hohem Fieber, Grippesymptomen und Atemproblemen. Der Kapitän, so zitiert Vísir die Seemannsgewerkschaft, habe die Erkrankten in Isolation in ihre Kajüte gesteckt, die Kajütennachbarn hätten im Fernsehraum schlafen müssen, ohne an ihre privaten Gegenstände zu dürfen. Ein Seemann nach dem anderen sei krank geworden. Ihre wiederholten Bitten, den COVID-Test machen zu dürfen, wurden ignoriert. Als die Medikamente knapp wurden, habe es eine Vorzugsliste gegeben, wer Medizin bekam und wer nicht.

Die Gewerkschaft der Seeleute gibt Vísir zufolge an, die Seeleute auf der Júlíus Geirmundsson seien “in Krankheit gewaltsam bei der Arbeit auf See festgehalten worden”, während die Infektionskrankheit auf dem Schiff grassierte.  Auf See habe es eine Kontaktsperre für die Seeleute gegeben, niemand habe mit der Presse sprechen dürfen. Mit der Familie hätten sie sprechen dürfen, es sei aber verboten gewesen, die Krankheit zu erwähnen.

Inzwischen prüft die Polizei, ob in dem Fall strafrechtlich ermittelt werden muss. Bislang liegt keine Anzeige vor. Weder Seeleute noch Angehörige wollen sich zu dem Skandal äussern, auch vom Gefrierhaus und Gesundheitszentrum gibt es derzeit keine Kommentare.