Walfangsaison bis 31. August ausgesetzt

In diesem Sommer werden keine Finnwale gejagt, berichtet Vísir. Das hat die Ministerin für Landwirtschaft, Fischerei und Lebensmittel, Svandís Svavarsdóttir heute morgen entschieden. Eigentlich hätten die Walfangschiffe morgen früh in See stechen sollen, doch nun ist klar, dass die Jagdsaison frühestens am 1. September beginnt.

Im Mai 2023 war ein Überwachungsbericht der Veterinäraufsichtsbehörde MAST veröffentlicht worden, nach der die Tötung der erbeuteten Wale aus Sicht des Tierschutzgesetzes zu lange gedauert habe. Manche Wale hatten mehrfach harpuniert werden müssen, der Todeskampf hatte bis zu zwei Stunden gedauert. Nach Bekanntwerden der Videos hatte die Ministerin mehrfach angegeben, über keine rechtliche Handhabe zu verfügen, um den Walfang im Sommer auszusetzen.

Dann war der Fachrat für Tierwohl in seiner am 19. Juni veröffentlichten Bewertung zu dem Ergebnis gekommen, dass die für Grosswale angewandte Jagdmethode nicht mit dem Tierschutzgesetz in Einklang steht.

Im Lichte dieser Ergebnisse sei es notwendig, so die Ministerin, den Beginn der Waljagd so zu verschieben, damit ein Ermessensspielraum entstehe, um zu prüfen, ob sichergestellt werden kann, dass die Jagd im Einklang mit den Bestimmungen des Tierschutzgesetzes durchgeführt wird.
„Ich habe die Entscheidung getroffen, die Waljagd im Lichte der eindeutigen Meinung des Fachrats für Tierschutz vorübergehend auszusetzen,“ gab Svandís Svavarsdóttir an. „Die Bedingungen des Tierschutzgesetzes sind meiner Meinung nach nicht umgehbar, und wenn Regierung und Lizenznehmer die Tierschutzanforderungen nicht gewährleisten können, hat diese Aktivität keine Zukunft.“ steht in ihrer Erklärung auf der Webseite der Regierung zu lesen.

Das Ministerium wird in den kommenden Monaten mögliche Verbesserungen und die rechtlichen Voraussetzungen für weitere Beschränkungen der Jagd auf der Grundlage des Tierschutzgesetzes und des Walfangesetzes prüfen und dazu die Einschätzung von Experten und Lizenzinhabern einholen.
In diesem Jahr geht es auch darum, ob die mit dem Herbst auslaufende Jagdlizenz des einzigen in Island tätigen Walfangunternehmens Hvalur hf. generell verlängert werden kann. Svandís hatte im Winter in einem Kommentar im Morgunblaðið geschrieben, sie sehe im Walfang keine Zukunft.

Fachrat für Tierwohl sieht im Walfang Gesetzesverstoss

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Der Fachrat zum Tierwohl ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Jagdmethoden, mit denen Grosswale erlegt werden, nicht mit dem Gesetz 55/2013 zum Tierwohl in Einklang stehen. Es sei nicht möglich, die Voraussetzungen zu erfüllen, die notwendig sind, um das Tierwohl beim Töten sicherzustellen, berichtet Vísir. Die Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte den Fachrat für Tierwohl am 22. Mai um eine Bewertung der Waljagd gebeten.  Der Fachrat gründet seine Ergebnisse auf dem Inspektionsbericht von MAST zum Tierwohl bei der Waljagd im Sommer 2022, sowie auf Gesprächen mit Fachleuten.

Fehler bei der Jagd nicht umstandsbedingt
In der Bewertung heisst es unter anderem, nach Einschätzung des Fachrates habe es in der Jagdsaison im Sommer 2022 in Island viele Fehler gegeben. Weder aus dem Bericht von MAST noch in den dazugehörigen Daten sei es für den Rat ersichtlich gewesen, dass die Fehler bei der beobachteten Jagd umständebedingt passiert seien.
„Den vorliegenden Daten nach zu urteilen, sowie Ergebnissen aus den Gesprächen mit Fachleuten ist der Rat der Ansicht, dass es bei der Jagd auf Grosswale nicht möglich ist, die Voraussetzungen zu erfüllen, die notwendig sind, um das Tierwohl beim Töten der Tiere sicherzustellen. Der Fachrat kommt zu dem Ergebnis dass die Tötungsart, die bei der Jagd auf Grosswale zur Anwendung kommt, nicht mit dem Gesetz 55/2013 zum Tierwohl in Einklang zu bringen ist,“ heisst es in der Bewertung.
Selbst wenn der Harpunenschuss die gewünschte Körperregion des Wales treffe, würden die Überwachungsvideos und andere Daten doch darauf hinweisen, dass es nicht möglich sei, damit eine rasche Bewusstlosigkeit oder den sofortigen Tod des Tieres herbeizuführen.

Blindschuss kann Muttertier oder tragende Kuh treffen
Es sei nicht ersichtlich, dass äussere Umstände wie Wetterlage, Wellenhöhe oder der Harpunenschütze eine letztendliche Auswirkung auf die Effektivtät dieser Jagdmethode hätten, und auch da habe es für das Nachladen der Harpune mindestens zehn Minuten und bis zu 22 Minuten zwischen den Schüssen gedauert.
Der Fachrat ist sich einig darüber, dass viele der bedingungslosen Voraussetzungen, die für die Jagd auf wilde Säugetiere erfüllt werden müssen, bei der Jagd auf Grosswale nicht erfüllt werden können.

Unter anderem sei es ja nicht möglich, vom Schiff aus das Geschlecht eines gestellten Wales zu ermitteln – ob man also im Begriff ist, einen Bullen, eine tragende Walkuh oder ein säugendes Muttertier zu erlegen. Die Überlebenschancen mutterloser Walkälber seien verschwindend gering. Die Jagd sei auch nicht möglich, ohne die Wale vorher verfolgt zu haben, was Stress und Angst auslöse, und eine Tötung sei nicht auf schnelle und schmerzlose Art möglich.

Experte: Keine Waffe kann einem Wal schnellen Tod bringen
Der Fachrat prüfte auch die Antwort des Walfangunternehmens auf den Überwachungsbericht von MAST. Hvalur kündigte unter anderem die Einführung neuer Jagdmethoden an. Der Fachrat beurteilte die Vorschläge des Unternehmens als unrealistisch. Die Verwendung von Strom bei der Tötung etwa sei kein Weg, dem Tier einen sicheren und schnellen Tod zu bringen.
Der Fachrat zitiert den Biologen Egil Ole Øen, der in einem Text für das Journal Ethnological Studies1 schrieb: “Eine empfindliche und lebenswichtige Region zu treffen ist wichtig für einen schnellen Tod. Keine Waffe, nicht einmal explosive Granaten, sind so wirksam, dass ein Wal sofort verendet, oder schnell verendet, ganz gleich, wo das Projektil den Körper trifft und wo die Explosion ausgelöst wird.“
Informationen unter anderem aus Norwegen, die besagen, dass ein Todeskampf, wie er bei der Jagd 2022 protokolliert worden war, nicht zwingend passieren müsse, beziehen sich nicht auf Grosswale sondern auf Zwergwale, die um ein Vielfaches kleiner sind als die von Hvalur hf. gejagten Finnwale. Ein Zwergwal bringt bis zu sieben Tonnen auf die Waage, ein Finnwal bis zu 70 Tonnen.
In Anbetracht der Grösse der Beute und der Umstände auf hoher See – der Wal befindet sich unter der Wasserfläche, das Schiff tanze auf der Wasseroberfläche, je nach Wetter mehr oder weniger – sei es kaum absehbar, dass die Jagd auf grosse Meeressäuger mit mehr Tierwohl durchzuführen sei.

Bauernverband: Resourcen für Lebensmittelproduktion schützen
Der Bewertung ist ein Beitrag des isländischen Bauernverbandes beigefügt, der zustimmt, dass die derzeitig angewandten Walfangmethoden nicht mit den Tierschutzgesetz vereinbar seien. Der Verband bezieht jedoch keine Stellung zum Walfang als solches, vielmehr hält er es für wichtig, die nachhaltige Nutzung von Ressourcen für die Lebensmittelproduktion zu schützen.
Der Vertreter des Bauernverbandes stellte in Frage, ob der Geltungsbereich des Tierschutzgesetzes eigentlich auch für Wale gedacht war, da für den Walfang ja besondere Gesetze gälten.

Für Mittwoch ist der Beginn der diesjährigen Jagdsaison vorgesehen. Nach Bekanntwerden der Bewertung hat die Antiwalfang-Organisation Hvalavinir für heute um 17 Uhr zu einem stillen Protest an der Anlegestelle der Walfängerschiffe aufgerufen.