Blutstuten: Ísteka behält Betriebslizenz für Blutgewinnung

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Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST ist der Ansicht, dass es keine ausreichenden rechtlichen Gründe für einen Widerruf der Betriebslizenz des Pharmaunternehmens Ísteka gibt, und dass der Betrieb auf der Grundlage einer bis Oktober 2025 gültigen Lizenz weitergeführt werden kann. Ísteka ehf. ist das einzige Unternehmen in Island, welches das Blut tragender und laktierender Stuten aufkauft und daraus ein Hormon extrahiert, das in der europäischen Nutztierindustrie zum Einsatz kommt.

Daten und Standpunkte geprüft
Auf der Webseite heisst es, dass Mitarbeiter der Behörde verfügbare Daten und den Standpunkte der Ísteka geprüft worden seien. Das Blutfarming steht seit 2021 in Island in der Kritik, nachdem ausländische Tierschutzverbände Videos veröffentlicht hatten, in denen katastrophale Einrichtungen für die Blutgewinnung und brutale Misshandlungen der tragenden Stuten zu sehen gewesen waren. Im Jahr 2022 waren acht Todesfälle im Zusammenhang mit der Blutgewinnung gemeldet worden, Tierschützer vermuten, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. MAST und Ísteka hatten die Verantwortung für die Todesfälle auf ausländische Veterinäre geschoben.

MAST schreibt, dass die Ísteka seit Jahrzehnten über eine Lizenz zur Blutgewinnung aus tragenden Stuten verfügt. Die derzeit gültige Lizenz des Unternehmens war im Jahr 2022 nach Veröffentlichung einer entsprechenden Verordnung ausgestellt worden und ist bis zum 5. Oktober 2025 gültig.

Trotz EFTA-Mahnbrief keine “starken Gründe”
Im vergangenen Jahr hatte die Überwachungsbehörde der EFTA (ESA) Islands Regierung darauf hingewiesen, dass die Stuten unter die Verordnung Nr. 460/2017 zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere fallen müssen. Dort waren sie zwei Jahre zuvor herausgenommen worden, stattdessen hatte man damals die Blutgewinnung als „landwirtschaftliche Tätigkeit“ umgemünzt. In einer neuen Verordnung aus dem vergangenen Jahr ist ein Widerruf der Lizenz nicht erwähnt, vielmehr wird ausdrücklich auf der Vorliegen der Betriebslizenz verwiesen.
Daraufhin hat MAST geprüft, ob das Verwaltungsrecht eine Grundlage für den Widerruf der Lizenz hergibt, und ist auch dort nicht fündig geworden. Vielmehr müssten „starke Gründe“ vorliegen, um eine Verwaltungsentscheidung wie die des Ministeriums aus dem vergangenen Jahr zu widerrufen.

Keine ausreichenden Quellen vorhanden
„Die Veterinäraufsichtsbehörde ist der Ansicht, dass die derzeit verfügbaren Kontroll- und Forschungsergebnisse keinen Anlass zur Annahme geben, dass ausreichende Quellen im Hinblick auf das Wohlergehen und die Gesundheit der für die Blutentnahme verwendeten Stuten vorliegen.“ Mit anderen Worten, die Beweise für tierquälerische Vorgänge bei der Blutgewinnung sind der Behörde nicht ausreichend.
 Eine Anzeige wegen Tierquälerei aus dem Jahr 2022 wurde wegen Mangel an Beweisen fallengelassen, eine weitere aus dem letzten Jahr ist bei der Polizei in Reykjavík anhängig.
„Der Widerruf einer bereits genutzten Lizenz bedarf zwingender Gründe und ist inhaltlich und zeitlich begrenzt.“ heisst es weiter bei MAST. Zudem habe die Behörde die betriebswirtschaftlichen Erwartungen des Lizenzinhabers berücksichtigt.

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Misshandlungen und merkwürdige Studie
Kritiker des Blutgeschäfts hatten der Branche nicht nur systematische Misshandlung von Stuten und Fohlen vorgeworfen, sondern auch die grosse Blutmenge angeprangert. Über acht Wochen lang werden jeder Stute wöchentlich rund fünf Liter Blut entnommen, in der Summe ist diese Blutmenge grösser als das Gesamtblutvolumen der Stute. Mediziner hatten zudem kürzlich darauf hingewiesen dass die Studie zum Gesundheitszustand der Stuten, auf die Behörde und Befürworter sich beziehen, auf unzureichenden Daten beruht und falsche Schlüsse zieht.
Die Verordnung 460/2017 zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere, sowie die Forderungen der ESA sehen eine weitaus geringere Blutmenge vor, die aus jeder Stute entnommen werden darf. Bislang ist nicht zur Sprache gekommen, wie dieses Problem betriebswirtschaftlich gelöst werden soll. Im Februar hatte Ísteka wegen dieser Verordnung gegen den isländischen Staat geklagt, ein Urteil ist noch nicht gesprochen.

In Island gibt es ca 5000 Blutstuten auf rund 90 Höfen. Das extrahierte Hormon PMSG hat einen Exportwert von rund 2 Mrd ISK. Hauptabnehmer ist die industrielle Schweinezucht in Deutschland. In Island ist kein PMSG-haltiges Medikament für die Nutztierhaltung registriert, stattdessen kommt das synthetische Prostaglandin Cloprostenol zum Einsatz. Für eine Registrierung in der Arzneimittelliste müsste eine Ausnahmeregelung beantragt und der Einsatz vom PMSG besonders begründet werden.

 

Blutstuten: Reaktionen auf Kveikur-Beitrag

Nach dem TV-Beitrag zur Blutstutenhaltung vom 27. Februar ist die Debatte über die umstrittene Branche in Island wieder aufgeflammt. In dem Beitrag war unter anderem über vier im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendete Stuten berichtet worden. Die Besitzerin hatte angegeben, sie sei vom Blutaufkäufer Ísteka angewiesen worden, die Kadaver so schnell wie möglich zu vergraben, bevor Tierschützer Wind davon bekämen. Das letzte Pferd hatte sie auf eigene Initiative obduzieren lassen, dabei stellte sich heraus, dass die Entnahmekanüle das Pferd tödlich verletzt hatte. Es war an seinem Blut erstickt.

MAST sieht keinen Beweis für Kunstfehler
Heute veröffentlichte die Veterinäraufsichtsbehörde MAST einen Kommentar zum Kveikur-Beitrag über Blutstuten und die vier verendeten Pferde im Besonderen. Darin wird hervorgehoben, dass man nicht sagen könne, ob es sich um einen Kunstfehler des Veterinärs gehandelt habe, weil keine schriftlichen Daten vorlägen. Ausserdem sei der damals mit der Blutgewinnung betraute Veterinär polnischer Nationalität gewesen und damit polnischen Behörden unterstellt. Er gehörte zu den ausländischen Veterinären, die der Blutaufkäufer Ísteka für die Saison 2021 ins Land geholt hatte, weil sich immer mehr isländische Tierärzte wohl aus Furcht vor Rufschädigung aus der Blutbranche verabschiedeten. Für die Saison 2023 hatten alle beteiligten Veterinäre ein Sondertraining absolvieren müssen.
MAST schreibt, aus Tierwohlperspektive sei die Blutgewinnung im letzten Sommer gut verlaufen, damit sei klar, dass prophylaktische Massnahmen wie das Training neuer Veterinäre und die verstärkte Kontrolle erfolgreich gewesen seien. Im Jahr 2023 waren sechs Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet. Im Jahr 2022 waren es acht gewesen. Tierschutzorganisationen gehen von einer höheren Dunkelziffer aus, weil nur das blutaufkaufende Pharmaunternehmen Ísteka die Todesfälle an MAST meldet.

Studie zum Stutenwohl nach Blutentnahme
MAST verweist auf eine aktuelle Studie, in der der Hämoglobingehalt während der Entnahmesaison untersucht worden war. Demnach wurde bei 8,6 Prozent der untersuchten Blutstuten eine durchschnittliche Blutarmut festgestellt, und bei 1,2 Prozent eine manifeste Blutarmut. Damit bestätige sich die fachliche Einschätzung von MAST hinsichtlich der „milden Auswirkung“ der in Island praktizierten Blutgewinnung auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Stuten.
Für die erwähnte Studie war während der gesamten Saison 160 Stuten aus zwei Herden – eine im Norden, eine im Süden – Blutproben entnommen worden. In Island werden insgesamt rund 5000 Stuten für die kommerzielle Blutgewinnung benutzt. Der Studie nach fiel der Hämatokrit bei allen Stuten nach der dritten Entnahmewoche und hatte sich drei Wochen nach der letzten Blutgewinnung wieder erholt. Die Blutstuten haben während der „Saison“ ein Saugfohlen bei Fuss und sind tragend.
Die Studie erwähnt ausserdem 17 Vorfälle im Fixierstand, wo Stuten sich gegen die Punktion wehrten.

Verband der Tierärzte kritisiert Angriff auf MAST
Gegen die Kritik der Parteivorsitzenden der Volkspartei, Inga Sæland, bei MAST müsse mal „aufgeräumt“ werden, verwahrte sich heute der Verband isländischer Tierärzte. Inga hatte gestern angegeben, MAST und die tierärztliche Leitung hätten in Bezug auf die Blutstutenhaltung ihre Aufgaben nicht erfüllt. In einer Erklärung schreibt der Verband, dass es keine Daten gebe, die die Behauptung Sælands stützten. Der Verband unterstreicht, ein solcher Angriff auf die Berufsehre öffentlicher Angestellter, die zur Vertraulichkeit verpflichtet sind, müsse sachlich begründet werden und dürfe nicht auf persönlicher Meinung basieren. Medien und Öffentlichkeit seien zu einer sachlichen Debatte aufgefordert.

Ísteka vergleicht Blut mit Käse
Die derzeit amtierende Landwirtschaftsministerin und Premierministerin Katrín Jakobsdóttir verwies gestern Abend im RÚV-Magazin Kastljós darauf, dass für die Blutstutenbranche europäisches Recht gelte – Islands 5000 Blutstuten sind seit dem 1. November 2023 für wissenschaftliche Zwecke genutzte Tiere. Es stehe nicht zur Debatte, dies zu ändern. Ein Verbot der Blutgewinnung sei derzeit nicht geplant, wohl aber die Prüfung des gesamten Betriebsumfelds. Katrín gab zu bedenken, dass die Blutgewinnung ethische Fragen aufwerfe, etwa wie weit man gehen darf, ein Tier als Werkzeug zu benutzen, um einen bestimmten Stoff herzustellen. Ihrer politischen Ansicht nach müsse man da ausgesprochen vorsichtig sein.

In der gleichen Sendung trat auch Ísteka-Geschäftsführer Arnþór Guðlaugsson vor die Kamera. Er betonte unter anderem, dass Island das einzige Land in Europa sei, wo aus Pferden Blut gewonnen werde, daher fehle ausländischen Tierärzten die Erfahrung für die Tätigkeit, und sie müssten speziell geschult werden. Die derzeit gültige Lizenz stehe für zwei weitere Jahre. Die Stuten seien keine für wissenschaftliche Zwecke eingesetzten Tiere, wie die EU-Verordnung es vorsieht.
„Im Gegenteil, das sind Tiere, die in der Landwirtschaft genutzt werden, das [Blut] ist ein landwirtschaftliches Produkt wie jedes andere.“ Arnþór zufolge ist die Blutstutenhaltung mit der Käseherstellung vergleichbar. Nach dem Melken werde Milch von Kühen zu einem neuen Produkt weiterverarbeitet. Er habe keine ethischen Vorbehalte gegen die Praxis.

Zahl der Blutstuten könnte steigen
Die Ísteka ist nicht nur Islands grösster Blutstutenbesitzer, sie hält auch eine Monopolstellung am Markt, mit einem Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Kronen. Im letzten Jahr hatte die Umweltbehörde dem Pharmaunternehmen eine Lizenz für die Gewinnung von 600 Tonnen Stutenblut ausgestellt. Das ist die fünffache Menge des derzeitigen Ertrages aus 5000 Stuten. Tierschützer befürchten, dass die Zahl der Blutstuten dadurch auf 20.000 und mehr ansteigen könnte.
Das aus dem Blut tragender und laktierender Stuten extrahierte Hormon PMSG wird in Europa zu Medikamenten verarbeitet, mit denen die Fruchtbarkeit von Nutztieren (Schweine, Ziegen) in der industriellen Tierhaltung gesteigert wird. Hauptabnehmer ist Deutschland.

In Island ist kein PMSG-haltiges Medikament für die Nutztierhaltung registriert, stattdessen kommt das synthetische Prostaglandin Cloprostenol zum Einsatz. Für eine Registrierung in der Arzneimittelliste müsste eine Ausnahmeregelung beantragt und der Einsatz vom PMSG speziell begründet werden.

Mehr zu Thema Blutstuten gibt es hier.

Staatssender RÚV prangert Blutstutenhaltung an

Gestern Abend war im staatlichen TV-Sender RÚV eine Dokumentation über die Stutenblutgewinnung in Island zu sehen. Die Journalisten des Investigativmagazins Kveikur hatten sich aufgemacht, Blutfarmer zu befragen, aber nur eine Landwirtin gefunden, die nicht mehr im Geschäft ist und bereit war, vor der Kamera zu sprechen.

Sæland kritisiert MAST
Heute kritisierte Inga Sæland, die Vorsitzende der Volkspartei, die Veterinäraufsichtsbehörde MAST für ihre mangelnde Aufsichtsführung und Tatenlosigkeit und warf der leitenden Tierärztin der Behörde vor, ihren Aufgaben nicht gewachsen zu sein.
„Das kommt ja nicht unerwartet,“ sagt Inga. „MAST versagt seit vielen vielen Jahren, wenn nicht sogar einfach immer.“ Im vergangenen Jahr hatte der nationale Steuerprüfer ein vernichtendes Urteil zur Aufsichtsführung der Behörde abgegeben. Inga verlangt, dass bei MAST aufgeräumt und die Leitung ausgetauscht wird. Die Landwirtin, die im Filmbeitrag vor laufender Kamera aussagte, was mit ihren Blutstuten geschehen war, bezeichnete Inga als Heldin.
Bereits zum dritten Mal liegt dem Parlament von der Parteivorsitzenden ein Gesetzesentwurf zum Verbot der Blutwirtschaft vor.

Am eigenen Blut erstickt
Sæunn Þóra Þórarinsdóttir auf Lágafell in Landeyjar steht im Kveikur-Beitrag vor der Kamera Rede und Antwort. Sie hat im Jahr 2022 vier Stuten nach der Blutgewinnung verloren. Ihrer Einschätzung nach seien die beteiligten Tierärzte der Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Vom blutaufkaufenden Pharmaunternehmen Ísteka sei sie aufgefordert worden, die Kadaver so schnell wie möglich zu vergraben, damit die Tierschützer nicht Wind davon bekämen,  und den Mund über die Sache zu halten. Das vierte tote Pferd hat Sæunn dann auf eigene Verantwortung obduzieren lassen. Dabei stellte sich heraus, dass die bleistiftdicke Entnahmekanüle durch die Halsschlagader in den Kehlkopf der Stute gedrungen war. Das Pferd war noch im Fangstand an seinem eigenen Blut erstickt.
Der obduzierende Tierarzt habe ihr geraten, den Obduktionsbericht in der Schublade verschwinden zu lassen und nicht darüber zu reden. Sæunn ist nicht mehr bei Ísteka unter Vertrag und verkauft derzeit ihren Stutenbestand.

Meldepflicht für Todesfälle
Im Jahr 2022 war eine neue Verordnung in Kraft getreten, die eine weitaus strengere Kontrolle der Bluthöfe mit sich brachte. Unter anderem wurden die Höfe verpflichtet, am Jahresende eine Statistik über Vorfälle, Krankheiten und Todesfälle im Zusammenhang mit der Blutgewinnung abzuliefern. Dabei stellte sich heraus dass in 2022 weitaus mehr Stuten bei der Blutgewinnung verendet waren als im Jahr zuvor. Heimildin hatte seinerzeit berichtet, dass acht tote Stuten in den Statistik auftauchten.  Der isländische Tierschutzbund geht von einer höheren Dunkelziffer aus. Allerdings waren alle Kadaver vor Feststellung der Todesursache vergraben worden. Im letzten Jahr sind sechs tote Pferde verzeichnet. MAST hatte vor der Saison alle beteiligten Veterinäre zu einem Blutabnahmekurs verpflichtet.

Blutstuten sind nach EU-Recht Versuchstiere
Die oben genannte Verordnung fiel am 1. November 2023 ausser Kraft. An ihre Stelle trat eine Verordnung der EU zum Schutz von Tieren in Kraft, die für Versuchszwecke eingesetzt werden. Die Regulierungsbehörde der EFTA hatte Islands Regierung dafür gemassregelt, dass das Land eine „Sonderregel“ für die Blutstutenwirtschaft unterhalte. Treibende Kraft für das Eingreifen der EU waren isländische und Schweizer Tierschutzverbände gewesen, Videos des Schweizer Tierschutzbundes AWF hatten Tierquälereien während der Blutsaison offenbart. Eine Anzeige gegen die beteiligten Landwirte war im Sand verlaufen, eine neue Anzeige ist bei der Reykjavíker Polizei in Bearbeitung.
Doch das EU-Regelwerk kommt mit grossen Einschränkungen daher. „In erster Linie müssen strenge Auflagen hinsichtlich der Anzahl der Tiere eingehalten werden.“ erklärte die leitende Veterinärin bei MAST, Sigurborg Daðadóttir Vísir gegenüber. „Wie viele Tiere sind für die Durchführung eines Experiments mindestens erforderlich? Die grosse Zahl an Tieren, die es hier in Island gibt, da sind ja tausende von Stuten für Blut genutzt worden. Das wird nie funktionieren, wenn das unter Tierversuche fällt.“
Sollte es eine Genehmigung für die Blutgewinnung geben, dann werde die in diesem Jahr für weitaus weniger Stuten ausgestellt. Jeder einzelne Hof müsse eine Betriebsgenehmigung beantragen, danach müsse die Ísteka eine Genehmigung für Tierversuche beantragen, erklärt Sigurborg.

Lukrative Landwirtschaft
Die Ísteka ist das einzige Unternehmen in Island, welches Stutenblut aufkauft und daraus das Trächtigkeitshormon PMSG extrahiert. Das Hormon wird ins Ausland exportiert und dort zur Zyklussteuerung in der Schweinezucht und bei kleinen Ruminanten verwendet. Hauptabnehmer ist Deutschland. Für das isländische Unternehmen springt dabei ein Jahresumsatz von um die zwei Milliarden ISK heraus.
Im Februar hatte die Ísteka Klage gegen den isländischen Staat erhoben. Die Blutgewinnung sei keine Versuchstierhaltung, sondern ein Zweig der Landwirtschaft, und das seit mehreren Jahrzehnten, argmentierte das Unternehmen. Der isländische Bauernverband unterstützt die Blutstutenhaltung und befürchtet einen grossen Stellenverlust, wenn sich die Blutgewinnung nach der neuen Verordnung als unrentabel herausstellt.

Blutstuten: Ísteka klagt gegen Staat

Das Pharmaunternehmen Ísteka hat Klage gegen die isländische Regierung eingereicht, weil die Landwirtschaftsministerin im letzten Jahr entschieden hatte, alle Aktivitäten des Unternehmens im Zusammenhang mit Blutprodukten aus tragenden Stuten unter die Verordnung Nr. 460/2017 zum Schutz von Versuchstieren einzuordnen, berichtet Bændablaðið.

ESA verlangte Statusänderung
In der Entscheidung der Ministerin heißt es, dass die für die Tätigkeit geltende Verordnung Nr. 900/2022 über die kommerzielle Blutgewinnung aus tragenden Stuten aufgehoben werde und stattdessen die Verordnung 460/2017 über Tierversuche in Kraft trete, die eine Umsetzung der Richtlinie der Europäischen Union zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere ist. Zu der Änderung war es im vergangenen Jahr gekommen, nachdem mehrere isländische Tierschutzvereine bei der Regulierungsbehörde ESA Beschwerde eingelegt hatten. Die Blutgewinnung aus isländischen Stuten verstösst gegen europäische Tierschutzbestimmungen, auch weil es bereits künstlich hergestellte Hormonprodukte auf dem Markt gibt. Die ESA hatte daraufhin von Island verlangt, den Status der Blutstuten zu ändern, sie gelten nun wieder als Versuchstiere.

Landwirtschaftliche Produktion
Im September war Ísteka von der ministeriellen Entscheidung unterrichtet worden. Das Unternehmen fordert nun vor Gericht dass die Entscheidung als rechtswidrig anerkannt wird.
Bei den Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Verwendung vom Blut tragender Stuten handle es sich nicht um Tierversuche, sondern um eine landwirtschaftliche Produktion zur Produktverwertung, die seit Jahrzehnten in gleicher Weise durchgeführt werde, so der Anwalt des Unternehmens. Die Verordnung über Tierversuche sei ihrem Inhalt nach nicht auf die Tätigkeit anwendbar. Daher habe die Ministerin keine Befugnis, sie dort einzuordnen.
Die Entscheidung des Ministers beinhalte neben der Tatsache, dass die Verhältnismäßigkeit bei der Entscheidung nicht beachtet wurde und weit über das Erforderliche hinausgehe, auch eine belastende Einschränkung der verfassungsrechtlich geschützten Beschäftigungsfreiheit des Unternehmens.

Das Reykjavíker Bezirksgericht stimmte einem beschleunigten Verfahren zu, gestern war dem Staat eine Frist zur Verteidigung gesetzt worden.
Ministerin Svandís Svavarsdóttir ist seit zwei Wochen wegen einer ernsthaften Erkrankung krankgeschrieben. Während ihrer Abwesenheit übernimmt Premierministerin Katrín Jakobsdóttir die Leitung der Amtsgeschäfte.

Tierquälereien dokumentiert
In Island gibt es rund 5400 Blutstuten, die jedes Jahr ein Fohlen austragen, damit während der Trächtigkeit über einen Zeitraum von acht Wochen Blut entnommen werden kann. Die Blutmenge beträgt rund fünf Liter pro Woche. Aus dem Blut wird ein Trächtigkeitshormon extrahiert, welches nach Europa exportiert und dort zur Zyklussteuerung in der kommerziellen Schweinezucht verwendet wird. Die Ísteka ist nicht nur Islands einziges Blutunternehmen, sie besitzt auch die meisten Blutstuten.
In der Vergangenheit hatten Tierschutzorganisationen haarsträubende Zustände bei der kommerziellen Blutgewinnung dokumentiert, unter anderem wurden da Stuten und Fohlen getreten, geschlagen, von Hunden gehetzt, und Verletzungen blieben unbehandelt. Die Stuten müssen für die Punktion an Kopf und Körper fixiert werden, viele wehren sich gegen die Fixierung und verunfallen. In einem Bericht der Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte es im letzten Jahr gehiessen, dass 2022 acht Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet waren. Für das vergangene Jahr hatte Ísteka sehs verendete Stuten gemeldet. Das Unternehmen hatte die Todesquote auf die Unerfahrenheit der Veterinäre zurückgeführt, und MAST hatte Blutentnahmekurse durchgeführt.
Nach Veröffentlichung des ersten Dokumentarvideos im November 2020 war eine polizeiliche Untersuchung der Tierquälereien aus Mangel an Beweisen zu den Akten gelegt worden. Eine neue Anzeige wegen Tierquälerei auf der Basis aktueller Videoaufnahmen liegt derzeit den Polizeibehörden in der Hauptstadt vor.
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Blutstuten: Anzeige wegen Tierquälerei vorgelegt

Zwei Tierschutzverbände haben Fälle von körperlicher Gewalt gegen tragende Stuten und Fohlen, sowie unzumutbare Umstände bei der Blutgewinnung aus den tragenden Stuten bei der isländischen Polizei zur Anzeige gebracht, berichtet Heimildin. Die Verbände verlangt von den Polizeibehörden, dass der im Zusammenhang mit der kommerziellen Blutgewinnung stehende Fall strafrechtlich verfolgt wird, da ihrer Ansicht nach Daten vorliegen, die schwere Gewalt gegen Pferde belegen. Die Anzeige lautet auf Tierquälerei und Verletzung des Tierschutzgesetzes und wurde der Polizeidirektion in Reykjavík von der Anwaltskanzlei Réttur vorgelegt.

Unbefriedigend und gesetzeswidrig
Der Tierschutzbund Zürich (TSB) und die Animal Welfare Foundation (AWF) untersuchen seit einigen Jahren die Umstände, unter denen in Island aus tragenden Stuten Blut zur kommerziellen Verwertung gewonnen wird. Zwei Dokumentarvideos sind bereits entstanden, das letzte stammt vom November letzten Jahres und zeigt Filmmaterial von zwei Blutfarmen. In der Anzeige heisst es, sowohl Haltungsbedingungen als auch Stalleinrichtung sei unbefriedigend, „aber auch die Massnahmen und das Verhalten der Personen, die sich mit den Stuten befassen, ist brutal und gegen das Gesetz.“ Im Film sieht man wie Stuten und ihre Fohlen mehrfach getreten werden, „unter anderem ein kräftiger Tritt in das Gesicht einer Stute, die in der Fangbox festhängt.“
An anderer Stelle ist ein Mann zu sehen, der offenbar kein Veterinär ist, und der aber mit der Blutgewinnung betraut wurde. Über eine Minute lang versucht er mehrfach, die Halsvene zu treffen, was der Stute Leiden und Unwohlsein zufügt. Zusätzlich zu den brutalen Punktionversuchen benutze er ein Holzscheit, um die Stute abzuwehren. Die Anzeige führt weitere Attacken an, wie Tritte in den Bauch von tragenden Stuten und gegen Fohlen.

Im Filmmaterial von dem zweiten Hof sieht man wie Stuten in den Fangboxen mit dem Kopf gegen Bretter schlagen beim Punktionsversuch immer wieder zucken. „Der Kopf einiger Stuten ist so hoch gebunden, dass er überstreckt ist und sich in sehr unbequemer Haltung für die Blutentnahme befindet.“ Eine sich wehrende Stute muss dreimal gestochen werden, bevor die Vene punktiert werden kann.

Verstoss gegen geltenes Tierschutzrecht
Die Verbände sind Heimildin zufolge der Ansicht, dass das in den Videos gezeigte Verhalten einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellt. Dieses Gesetz verbietet die Misshandlung von Tieren und schreibt vor, dass Tierhalter für eine gute Pflege der Tiere sorgen und sie vor Verletzungen schützen müssen
Der Gesetzesvorstoss vor allem im zweiten Fall sei vorsätzlich durchgeführt worden, was die Verbände als schwerwiegend bezeichnen. Die Verfahrensweise stehe weder mit der seinerzeit geltenden Verordnung zur Blutgewinnung aus tragenden Stuten noch mit der aktuellen Verordnung im Einklang.
Alle verfügbaren Informationen und Erklärungen zu den in der Dokumentation gezeigten Vorfällen liessen kriminelles Verhalten erkennen. Die Verbände erklärten sich zur Zusammenarbeit bereit und Mithilfe bei der Beweissicherung an.

Polizei im Süden legte Fall zu den Akten
Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde (MAST) hatte bereits eine Voruntersuchung des im November erschienenen Videomaterials durchgeführt und den Fall im Anschluss an die Polizeidirektion im Südland weitergeleitet.
Diese Polizeidirektion hatte jedoch im Jahr 2022 eine Untersuchung zur Gewalt gegen Blutstuten zu den Akten gelegt. Damals hatte MAST Gewalt gegen tragende Stuten zur Anzeige gebracht, die in dem ersten Dokumentarfilm der Tierschutzorganisationen aus dem November 2021 zu sehen gewesen waren. Dieser Film hatte in Island für grossen Unmut gesorgt. Im Jahr 2022 waren im unmittelbaren Zusammenhang mit der kommerziellen Blutgewinnung in Island mindestens acht tragende Stuten verendet.

Hinter der kommerziellen Blutgewinnung steht das Pharmaunternehmen Ísteka, das mit den Pferdehaltern einen Abnahmevertrag schliesst und aus dem Stutenblut ein Hormon extrahiert, welches die Fruchtbarkeit von Nutztieren steigert. Das Hormon kommt vor allem in der deutschen Landwirtschaft zur Anwendung.

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Blutstutenhaltung: Neuer Verbotsversuch, neues Tierschutzvideo

Zum vierten Mal liegt dem isländischen Parlament in diesem Herbst ein Vorschlag zum Verbot der Blutstutenhaltung vor, berichtet Vísir. Der Vorschlag kommt einmal mehr von der Vorsitzenden der Volkspartei, Inga Sæland.  Vísir gegenüber gab sie an, sie hoffe dass die neue EU-Regelung dazu führe, dass sie den Vorschlag zum letzten Mal einreichen müsse.

Neue Verordnung nach ESA-Mahnung
Die zuletzt geltende Bestimmung für die Durchführung der kommerziellen Blutgewinnung aus tragenden Stuten war am 1. November ausser Kraft getreten, nachdem die europäische Regulierungsbehörde ESA dem isländischen Landwirtschaftsministerium vorgeworfen hatte, gegen europäisches Recht zum Schutz von Tieren zu verstossen, die für Versuchszwecke benutzt werden. Das Mahnschreiben war vom Ministerium erst kommentiert worden, so schreibt Heimildin, als die Blutsaison 2023 auf isländischen Höfen fast vorüber war.
Ende vom Lied ist, dass die Blutstutenhaltung seit dem 1. November unter eine Verordnung aus dem Jahr 2017 zum Schutz von Versuchstieren fällt, mit entsprechenden verschärften Anforderungen für die Branche. Unter anderem muss die Blutmenge aus jeder Stute radikal reduziert werden. In Island werden über acht Wochen lang um die 40 Liter aus jeder tragenden und laktierenden Blutstute gewonnen, das entspricht etwa der Menge ihres Gesamtblutvolumens. Ausländische Tierschützer und Tierärzte hatten diese Menge und Häufigkeit scharf kritisiert, isländische Tierschutzorganisationen hatten sich schliesslich mit einer Beschwerde an die ESA gewandt. Die Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass älteren Bluttests zufolge diese Mengen keine Belastung für die Stuten darstellten. Die Fohlen gehen nach dem Sommer ohnehin in die Schlachtung.

Tierschützer: Quälereien gehen weiter
Dieser Tage erschien ein weiterer Aufklärungsfilm der deutschen und Schweizer Tierschutzorganisationen AWF/TSB, zum Teil geht es da um die deutsche Schweinezuchtindustrie, die auf dem in Island gewonnenen Stutenhormon PMSG zur Zyklusmanipulation der Zuchtsauen basiert, sowie um Betriebe, die gangbare Alternativen gefunden haben und weniger Todesfälle bei den Ferkeln verzeichnen – es geht aber einmal mehr auch um die Blutstuten in Island. Dort hat sich offenbar trotz der Verordnung aus 2022 und trotz vorgeblich vermehrter Aufsichtsführung des staatlichen Tierschutzes sowie besserer Schulung der Veterinäre für die Stuten offenbar nicht viel geändert. Ausser dass auf vielen Höfen jetzt im geschlossenen Stall Blut abgenommen wird.

In dem mit versteckter Kamera aufgenommenen Film sieht man, wie Stuten in der Fixierbox drangsaliert, an den Kopf getreten und geschlagen werden, man sieht erfolglose Punktionsversuche, man sieht lahme Pferde und Fohlen auf drei Beinen, um die sich niemand kümmert, und man sieht wie Hunde verängstigte Pferde jagen. Man sieht durch häufige Punktionen vernarbte Hälse und verängstigte, gestresste Tiere.
Der Film ist hier zu finden und nichts für sensible Gemüter.

Belastung von Blutstuten niedriger als von Reitpferden
Zur Vorlage des Blutstutenhaltungsverbotes im Parlament hat das einzige in Island blutverarbeitende Pharmaunternehmen, Ísteka, eine Kommentierung eingereicht, nach der man hoffe dass die Vorlage zum Verbot der Blutstutenhaltung nicht zur „alljährlichen Tradition“ werde.
Ísteka-Chef Arnþór Guðlaugsson schreibt, die Wiedervorlage verschwende die Zeit aller, die mit der Sache zu tun hätten und baue auf „ganz besonders vielen Vorurteilen gegenüber einer kleinen Gruppe in der Gesellschaft.“  Er bezeichnete die Debatte als vorurteilsbeladen und unausgewogen und von Parlamentariern vorangetrieben. Ísteka zufolge hätten die Blutfarmer Kontrollbesuche nach höchsten Vorgaben über sich ergehen lassen müssen, seit die Branche vor zwei Jahren “im Auge des Sturms” gelandet sei, mit dem Ergebnis dass Vorfälle und Todesfälle in diesem landwirtschaftlichen Zweig besonders niedrig ausfielen und die Belastung der Tiere geringer sei als bei anderen Nutztieren, darunter auch bei Reitpferden.

Acht tote Stuten nach Blutgewinnung
Im Sommer hatte Heimildin berichtet dass es im Jahr 2022 mindestens acht registrierte Todesfälle von Stuten unmittelbar nach der Blutgewinnung gegeben habe, eine davon sei noch während des Eingriffs im Beisein des Tierarztes verblutet. Von der Fachtierärztin für Pferde bei MAST war damals verlautet, das sei “keine Katastrophe”. Die Schuld wurde auf ausländische Veterinäre geschoben, die in der Blutabnahme nicht ausreichend ausgebildet seien. Ausländische Veterinäre waren vermehrt zum Einsatz gekommen, weil sich isländische Tierärzte immer öfter weigerten, den Job zu übernehmen. Nach den Bestimmungen aus 2022 hatten alle im Sommer eingesetzten Blutsammler einen Kurs in der Blutabnahme besuchen müssen. Die Kanüle, mit der die grosse Halsvene punktiert wird, ist etwa so dick wie ein Bleistift.

Braucht es PSMG?
Nach Ansicht der Tierschützer muss die Veterinäraufsichtsbehörde nun prüfen, ob es andere Medikamente zur Steigerung der Fruchtbarkeit gibt, bei denen keine lebenden Tiere zum Einsatz kommen. Der Schaden und das Leid, das die Blutgewinnung als Tierversuch verursachen könnte, müsse unter Berücksichtigung ethischer Gesichtspunkte, sowie seines Nutzens für Mensch, Tier und Umwelt bewertet werden.
In Island gab es im Jahr 2022 auf 90 Höfen um die 4800 Stuten, die zur kommerziellen Blutgewinnung genutzt werden. Grösster Stutenbesitzer ist das Pharmaunternehmen Ísteka, das im letzten Jahr auch angekündigt hatte, Pferde mit einer grösseren Blutmenge züchten zu wollen. Die Stuten werden jedes Jahr gedeckt und haben ein Saugfohlen bei Fuss, wenn sie in die Blutgewinnung gehen. Aus dem Blut wird das Trächtigkeitshormon PMSG extrahiert, das in Europa zu Medikamenten für die Zuchtindustrie verarbeitet wird. Hauptabnehmer solcher Medikamente ist Deutschland.


 

Tierschutzaufsicht: Vernichtendes Urteil vom Rechnungshof

Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST hat es nicht geschafft, das Vertrauen aufzubauen, das für jede aufsichtsführende Behörde notwendig ist. In Einzelfällen, wo es um Tierschutz ging, habe die Behörde ausgesprochenen Langmut an den Tag gelegt. Das ist einem Urteil des nationalen Rechungshofes zu entnehmen, der nach den Tierschutzskandalen des vergangenen Sommers vor allem die Tierschutzkontrolle der Behörde unter die Lupe genommen hatte, berichtet Vísir.
Es sei zwar wichtig, dass das Verfahren zur Anwendung von Zwangsmassnahmen von hoher Qualität sei, die Behörde müsse jedoch mehr Wert darauf legen, sicherzustellen, dass der Verwaltungsprozess nicht zu Lasten des Tierschutzes gehe. Ausserdem müsse die Behörde an ihrem internen wie öffentlichen Informationsfluss arbeiten, intern besser kooperieren und Kontakt wie Zusammenarbeit mit den Betroffenen verbessern. Verbesserungswürdig seien zudem Struktur, Verfahren und Durchführung der Kontrollen, und auch eine Risiko- und Leistungsbewertung müsse in größerem Umfang als bisher angewendet werden.

Vernichtendes Urteil für MAST
Vísir schreibt, der Bericht sei ein vernichtendes Urteil über die Arbeitsweise der Behörde, die für den Tierschutz in Island zuständig ist. Der Rechnungshof hat allerhand Defizite bei der Tierschutzkontrolle festgestellt, wo in einigen Fällen zu viel Nachsicht gezeigt wurde, in anderen Fällen waren die Maßnahmen nicht zielgerichtet genug und die Nachverfolgung unzureichend.
„Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die behördliche Behandlung teilweise so zurückhaltend angewendet wird, dass sie den Zielen des Tierschutzgesetzes sogar zuwiderläuft“ heisst es in dem Bericht. Es gebe Beispiele von engmaschiger Kontrolle bei Tierhaltungen, wo die Vielzahl der Tierschutzverstösse über Jahre und sogar Jahrzehnte penibel registriert worden waren, ohne dass sich an den Zuständen selbst etwas gebessert habe.

Ziel des Tierschutzgesetzes ist die Förderung des Tierwohls, d.h. dass Tiere weder Unbehagen noch Hunger und Durst, Angst und Leid erleiden. Darüber hinaus sollen Tiere so weit wie möglich ihr natürliches Verhalten ausleben können. “Vor diesem Hintergrund muss es als unzumutbar angesehen werden, dass lange Zeiträume vergehen, in denen Tiere Hunger, Not und Leid erleiden oder unter unzumutbaren Bedingungen leben,“ heisst es im Bericht des Rechnungshofes.
Den Daten zufolge habe es den Anschein, dass der Widerstand oder Kooperationswille des jeweiligen Tierhalters offenbar Auswirkung darauf habe, welche Massnahmen MAST ergreife und wann die Behörde Massnahmen ergreife.

Vertrauensverlust ist schwerwiegend
Es sei ausgesprochen schwerwiegend, wieviel Misstrauen MAST entgegenschlage, sowohl von Fachleuten als auch aus der Öffentlichkeit. Die Behörde müsse dieses Vertrauen neu aufbauen, denn dies sei Grundlage dafür, dass sie ihre Aufgaben gut und erfolgreich erfüllen könne. Die Behörde müsse Kritik an ihrer Arbeitsweise mit mehr Demut aufnehmen und es vielmehr begrüssen, dass die Fälle mitverfolgt werden und viele Menschen da draussen sich um den Tierschutz scheren.
“Um Vertrauen in Tierschutzfragen aufzubauen, muss die Behörde sicherstellen, dass die Umsetzung der Kontrolle qualitativ hochwertig und geeignet ist, die Situation der Tiere zu verbessern,“ heisst es in dem Bericht.
Die Behörde müsse daher fortlaufend mögliche Interessenskonflikte, sowie die Qualifikation ihrer Mitarbeiter im Auge behalten. Der Rechnungshof schlägt vor, den Bedarf für einen Informationsbeauftragten oder eine andere ständige Fachberatung für Informations- und Kommunikationsangelegenheiten zu prüfen.

Prüfung nach letztem grossen Tierschutzfall begonnen
Der nationale Rechnungshof hatte im Oktober 2022 entschieden, die Tierschutzkontrolle der Behörde unter die Lupe zu nehmen, nachdem ein Tierschutzfall in Borganes ein dramatisches Ende gefunden hatte. Dort waren 14 halbverhungerte Pferde unter der Aufsicht von MAST getötet worden, obwohl es monatelang Hinweise und Briefe aus der Bevölkerung gegeben hatte, dass auf dem Hof Tierquälerei in grossem Stil stattfinde. Der zuständige Tierschutzbeauftragte vor Ort hatte sich nach Angaben von Tierschützern nicht gerührt. MAST hatte mit einer Beschlagnahme erst eingegriffen, als es für einen Grossteil der betroffenen Pferde fast zu spät war, und sich dann aber geweigert, bereitstehende Pflegeplätze für die Tiere anzunehmen, obwohl das Gesetz eine solche Massnahme ausdrücklich vorsieht.

Im Fall der acht oder mehr während der Blutgewinnung verendeten Blutstuten waren erst Massnahmen ergriffen worden, nachdem das Investigativmagazin Heimildin den Tod der Pferde öffentlich gemacht hatte. Die Tierquälereien in der Blutstutenbranche waren vor zwei Jahren von einer Schweizer Tierschutzorganisation angeprangert worden, bis heute rechtfertigt Islands Tierschutzaufsicht die international umstrittene Blutgewinnung, die Milliarden in die Kassen des einzigen in Island tätigen Stutenblutsammlers spült.

Geldmangel bei MAST
In einem Interview machte MAST-Amtsleiterin Hrönn Ólina Jörundsdóttir vor allem Geldmangel für die Tatenlosigkeit der Tierschutzaufsicht verantwortlich. Für das Vorgehen bei Tierschutzfällen, die sich vor langer Zeit und vor Bestehen der Behörde ereignet hätten, könne MAST keine Verantwortung übernehmen.
Man nehme die Hinweise aus dem Bericht des Rechnungshofes sehr ernst und prüfe den Bedarf für einen Informationsbeauftragten, der die Kommunikation mit der Öffentlichkeit übernehme. Hrönn Ólina begrüsste die wachsende Debatte um das Tierwohl in Island, das sei positiv und übe Druck auf ihre Behörde aus, dem man versuche, sich zu stellen.

 

Rechtliche Voraussetzungen für Blutstutenhaltung geändert

Die isländische Verordnung, die seit letztem Jahr für die Blutstutenhaltung gilt, wird ausser Kraft gesetzt, berichtet Vísir. Stattdessen fällt die Haltung und Blutgewinnung aus tragenden Stuten unter die Verordnung 460/2017 zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere. Diese Änderung ist einer Mitteilung des Ministeriums für Landwirtschaft, Fischerei und Lebensmittel zu entnehmen. Sie wurde nach einem Briefwechsel zwischen dem Ministerium und der Regulierungsbehörde der EFTA (ESA) vorgenommen. Mehrere Tierschutzverbände hatten in der Blutstutensache eine Beschwerde bei der ESA eingereicht.

Island darf keine Sonderregeln schaffen
Mit der Verordnung 460/2017 zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke genutzte Tiere wird eine Richtlinie umgesetzt, die im Jahr 2014 in das EWR-Abkommen aufgenommen worden war.
In einem offiziellen Mahnschreiben der ESA an die isländische Regierung vom 10. Mai erklärt die Regulierungsbehörde, dass Island mit dem Erlass einer Sonderregelung für die Blutstutenhaltung gegen die oben genannte Richtlinie 460 und die Bestimmungen des EWR-Abkommens verstoßen habe.  Dem Schreiben der ESA nach gehe es im Fall der betreffenden Verordnung um die Auslegung des Anwendungsbereichs. Die isländische Regierung habe zugestimmt, dass die Blutgewinnung aus tragenden Stuten zur Herstellung des PMGS/eCG-Hormons in den Geltungsbereich der Verordnung 460 fällt.

Blutgeschäft zukünftig genehmigungspflichtig
Das Ministerium informiert, dass die derzeit geltende Verordnung zur Blutgewinnung aus tragenden Stuten, Nr. 900/2022, ab dem kommenden 1. November ausser Kraft treten wird. „Der Schwerpunkt liegt auf der Wahrung der Verhältnismäßigkeit und darauf, dass den Beteiligten die Möglichkeit gegeben wird, sich an den neuen Rechtsrahmen anzupassen. Nach dem 1. November gilt die Verordnung 460/2017 zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere.”
Die Haltung und kommerzielle Blutgewinnung aus tragenden Stuten unter die genannte Verordnung zu stellen bedeutet, dass sich die formalen Anforderungen für bestimmte Aspekte der Tätigkeit ändern, etwa hinsichtlich der Lizenz, um die sich die Veterinäraufsichtsbehörde (MAST) gemäß Verordnung 460 dann kümmert. Vor drei Jahren war die kommerzielle Blutgewinnung in einen landwirtschaftlichen Zweig umgewandelt worden, für den keine Genehmigung mehr erforderlich war.
Aber nicht nur in Sachen Genehmigung, sondern auch bei Blutmenge und Häufigkeit der Blutgewinnung dürften Neuerungen ins Haus stehen, die die wirtschaftliche Grundlage der Branche verändern könnten.

Wichtige Punkte aus 460/2017
In der Verordnung 460/2017 geht es um das Wohlergehen von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere, es soll sichergestellt werden, dass Tiere, die solcherart genutzt werden, keine unnötige Belastung erleiden müssen.
Nach Artikel 4.1 ist jegliche Tierhaltung zu obigem Zweck genehmigungspflichtig, und die Genehmigung kann bei Verstössen durch die Veterinäraufsichtsbehörde entzogen werden.
In Art 10.1 heisst es dass kein Tierversuch durchgeführt werden darf, wenn es eine andere anerkannte Methode ohne den Einsatz von Versuchstieren gibt, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

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WM-Medaillen und Offener Brief von Prof. Dr. Isenbügel

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Am vergangenen Wochenende ist die Weltmeisterschaft der Islandpferde in den Niederlande zuende gegangen. Die isländische Mannschaft brachte 16 Goldmedaillen, drei Silbermedaillen mit nach Hause.  Fünf Goldmedaillen und eine Silbermedaille hatte es in der Zucht gegeben, 11 mal Gold und zweimal Silber im Sport. Alle Teilnehmer der Jugend schafften es aufs Podest. Der Dachverband der isländischen Reitvereine schreibt, dass diese WM zu den besten gehört, an der isländische Reiter jemals teilgenommen haben.

Offener Brief an alle Reiter
Aus gegebenem Anlass hat der Mitbegründer der FEIF und ehemalige Präsident und Ehrenpräsident Prof. Dr. Ewald Isenbügel einen offenen Brief an die Reitergemeinschaft geschrieben, den Heimildin abgedruckt hat, das deutschsprachige Original ist weiter unten zu lesen. Der emeritierte Professor für Veterinärmedizin der Universität Zürich ist auch Träger des isländischen Falkenordens, einer Ehre, die nur wenigen Ausländern zuteil wird.

“Seit 1968 feiert die Islandpferdegemeinschaft neben dem Landsmot Europa- und Weltmeisterschaften. 2023 wiederum in Holland. Zu deren Ausrichtung wir der Niederländischen Islandpferdevereinigung von Herzen danken.
Wer hätte diese weltumfassende Entwicklung der Islandpferde – des Pilotpferdes der neuen Haltungsformen in der Gruppe, des Freizeitreitens und der Gangarten vorausgesehen, als in den fünfziger Jahren die Islandpferde zu uns aufs europäische Festland kamen. Der weltweite Erfolg der Islandpferde dank der Arbeit der ersten Gründungsländer der FEIF führte in der Heimat der Islandpferde zu einer Renaissance der Reiterei, dem Turnierwesen und der Zucht. Der Export von Pferden und der stetig zunehmende Besucherstrom von Islandpferdeliebhabern auf die Ursprungsinsel wurde für Island zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor.

Dieses Erfolgsgeschehen begleitet seit einiger Zeit der dunkle Schatten der tierquälerischen Ausbeutung trächtiger Stuten auf isländischen Blutstutenfarmen.
Animal welfare steht in den FEIF-Ländern als wichtige Prämisse und ist in Reglementen des Sportes, der Haltung und Zucht klar festgelegt und findet auch in der social license to operate ihre Vorgaben.
Die Missachtung der Tierschutzgesetze in dem Blutstutengeschäft führt zu immer stärkerem Widerstand in der isländischen Bevölkerung.
Nicht eine Verbesserung der Bedingungen zur Blutgewinnung sondern ein klares Verbot dieser Pferdenutzung muss unser aller Anliegen sein, welches mit Vehemenz und allen Mitteln gefordert werden muss. Island steht nicht allein in der Verantwortung, Deutschland ist Islands grösster PMSG-Abnehmer.

Wir sollten bei aller berechtigter Festfreude und Sportgeist daran denken, dass in den stolzen Ehrenrunden der Weltmeister die Schatten von 5000 gequälten Stuten mitlaufen.”

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Dienstaufsichtsbeschwerde gegen südisländische Polizei eingereicht

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Gegen die südisländische Polizeidienststelle ist eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht worden, weil der zuständige Polizeileiter seine Ermittlungen im Fall der misshandelten Blutstuten eingestellt hat. Beschwerdeführer sind die deutsch/schweizerischen Tierschutzverbände AWF und TSB, die sowohl die Einstellung der Ermittlung als auch das Verhalten des damit betrauten Polizeichefs als verwerflich bezeichnen und über einen isländischen Anwalt nun rechtliche Schritte eingeleitet haben, berichtet Heimildin.

Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte nach Erscheinen des Blutstutenvideos im Winter 2021 eine Aushändigung des ungeschnittenen Videomaterials verlangt, um die im Video dokumentierten Tierquälereien zu untersuchen. Wie einem Briefwechsel zwischen dem deutschen Anwalt der Verbände und den isländischen Behörden zu entnehmen ist, hatten die Verbände darum gebeten, dass das personenschutzrechtlich sensible Datenmaterial per offizieller Amtshilfe aus Island angefordert wird, damit das Material im Fall eines Gerichtsverfahrens juristisch verwendbar bleibt. Dies ist der übliche Amtsweg auch auch in zwischenstaatlichen Angelegenheiten.
Bei der Staatsanwaltschaft in Freiburg ist ein solches Amtshilfeersuchen jedoch niemals eingegangen.
Ein Jahr später, am 25. Januar 2023, ging die Bitte eines polizeilichen Ermittlers um bürokratische Hilfe ein, nur einen Tag später stellte die südisländische Polizei ihre Ermittlungen ein, mit der Begründung, es fehle an Beweismitteln.

Nicht gerechtfertigt und inakzeptabel
Die Tierschutzverbände halten die Einstellung der Ermittlungen für nicht gerechtfertigt und verlangen in ihrer Dienstaufsichtsbeschwerde eine Untersuchung darüber, warum die Polizei ihre Arbeit nicht gemacht hat. Das Verhalten des Dienststellenleiters sei völlig inakzeptabel, widerspreche jeglicher Moral und stehe im Widerspruch zu Wahrheit und Datenlage.
Es wecke Besorgnis, dass die Polizeidienststelle offenbar „nicht in der Lage zu sein scheint, die Beschaffung von Informationen für Ermittlungen in einem Fall kriminellen Verhaltens, der Verbindungen ins Ausland hat, weiterzuverfolgen und abzuschliessen.“
Die Aussagen des Polizeileiters in den Medien stünden nicht im Einklang mit der Datenlage – der dokumentierten Misshandlung der Stuten und Fohlen durch Veterinäre und Helfer – oder der Kommunikation zwischen Dienststelle und Verbänden und seien unwahr. Dies schade der Debatte zum Thema, untergrabe die Glaubwürdigkeit der Tierschutzverbände und schade ihrem Ruf. Dasselbe liesse sich über die Glaubwürdigkeit der Polizei selbst sagen.

Ísteka meldet tote Stuten an MAST
Nachdem der isländische Tierschutzbund (DÍS) gestern offiziell eine Beendigung der kommerziellen Blutgewinnung gefordert hatte, weil dem DÍS vorliegenden zuverlässigen Informationen zufolge weitaus mehr als die acht bei MAST gemeldeten Blutstuten verendet waren, hat sich nun Ísteka-Chef Arnþór Guðlaugsson zu Wort gemeldet und Daten zu den zusätzlichen toten Pferden gefordert, ansonsten halte er die Behauptung für unglaubwürdig.

MAST-Direktorin Hrönn Ólína Jörundsdóttir gab Heimildin gegenüber an, der Behörde lägen aus dem letzten Jahr nur acht gemeldete Fälle vor. MAST habe DÍS schriftlich aufgefordert, Daten zu den nicht bei MAST gemeldeten Todesfällen zu übermitteln.

Die DÍS-Vorsitzende Linda Karen Gunnarsdóttir sagt, es sei sogar die Pflicht der Behörde, solche Fälle zu untersuchen, immerhin sei sie für das Tierwohl zuständig. Weiter erklärt Linda Karen, dass Blutstutenhalter vom blutaufkaufenden Pharmaunternehmen Ísteka eine Entschädigung erhalten können, wenn ihnen eine Stute bei der kommerziellen Blutgewinnung verendet. Die Meldung solcher Todesfälle an die Behörden obliege jedoch der Ísteka. MAST habe gar nicht genug Personal, um alle 90 Höfe während der Blutsaison permanent zu überwachen. Daher kümmert sich der Blutaufkäufer nicht nur um die Blutgewinnung selbst, sondern auch um die Registrierung und Meldung von sogenannten “Vorfällen” und Todesfällen.

Zu schnell verblutet für Euthanasie
Weiterhin wird die Verantwortung am Tod der gemeldeten acht Stuten unerfahrenen ausländischen Veterinären angelastet, die auch in dieser Saison für die Ísteka tätig sein werden, aber zuvor bei MAST in der kommerziellen Blutgewinnung geschult wurden.

Den Fall der Stute, bei der die Kanüle in der Luftröhre landete, worauf sie qualvoll verblutete, kommentierte der Ísteka-Chef damit, die Stute sei ja so schnell verendet, dass man sie nicht mal habe klinisch untersuchen können. Daher habe es auch keine Nottötung gegeben. „Ein paar Minuten sind in diesem Zusammenhang eine sehr kurze Zeit, und alles Gerede über Tierquälerei richtet sich selbst.“ zitiert Heimildin Arnþór Guðlaugsson.
Von MAST heisst es, man führe „erhebliche Kontrollen“ bei der Blutgewinnung durch und untersuche alle gemeldeten Fälle in allen Branchen.