Blutstuten: Ísteka behält Betriebslizenz für Blutgewinnung

bloodmare

Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST ist der Ansicht, dass es keine ausreichenden rechtlichen Gründe für einen Widerruf der Betriebslizenz des Pharmaunternehmens Ísteka gibt, und dass der Betrieb auf der Grundlage einer bis Oktober 2025 gültigen Lizenz weitergeführt werden kann. Ísteka ehf. ist das einzige Unternehmen in Island, welches das Blut tragender und laktierender Stuten aufkauft und daraus ein Hormon extrahiert, das in der europäischen Nutztierindustrie zum Einsatz kommt.

Daten und Standpunkte geprüft
Auf der Webseite heisst es, dass Mitarbeiter der Behörde verfügbare Daten und den Standpunkte der Ísteka geprüft worden seien. Das Blutfarming steht seit 2021 in Island in der Kritik, nachdem ausländische Tierschutzverbände Videos veröffentlicht hatten, in denen katastrophale Einrichtungen für die Blutgewinnung und brutale Misshandlungen der tragenden Stuten zu sehen gewesen waren. Im Jahr 2022 waren acht Todesfälle im Zusammenhang mit der Blutgewinnung gemeldet worden, Tierschützer vermuten, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. MAST und Ísteka hatten die Verantwortung für die Todesfälle auf ausländische Veterinäre geschoben.

MAST schreibt, dass die Ísteka seit Jahrzehnten über eine Lizenz zur Blutgewinnung aus tragenden Stuten verfügt. Die derzeit gültige Lizenz des Unternehmens war im Jahr 2022 nach Veröffentlichung einer entsprechenden Verordnung ausgestellt worden und ist bis zum 5. Oktober 2025 gültig.

Trotz EFTA-Mahnbrief keine “starken Gründe”
Im vergangenen Jahr hatte die Überwachungsbehörde der EFTA (ESA) Islands Regierung darauf hingewiesen, dass die Stuten unter die Verordnung Nr. 460/2017 zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere fallen müssen. Dort waren sie zwei Jahre zuvor herausgenommen worden, stattdessen hatte man damals die Blutgewinnung als „landwirtschaftliche Tätigkeit“ umgemünzt. In einer neuen Verordnung aus dem vergangenen Jahr ist ein Widerruf der Lizenz nicht erwähnt, vielmehr wird ausdrücklich auf der Vorliegen der Betriebslizenz verwiesen.
Daraufhin hat MAST geprüft, ob das Verwaltungsrecht eine Grundlage für den Widerruf der Lizenz hergibt, und ist auch dort nicht fündig geworden. Vielmehr müssten „starke Gründe“ vorliegen, um eine Verwaltungsentscheidung wie die des Ministeriums aus dem vergangenen Jahr zu widerrufen.

Keine ausreichenden Quellen vorhanden
„Die Veterinäraufsichtsbehörde ist der Ansicht, dass die derzeit verfügbaren Kontroll- und Forschungsergebnisse keinen Anlass zur Annahme geben, dass ausreichende Quellen im Hinblick auf das Wohlergehen und die Gesundheit der für die Blutentnahme verwendeten Stuten vorliegen.“ Mit anderen Worten, die Beweise für tierquälerische Vorgänge bei der Blutgewinnung sind der Behörde nicht ausreichend.
 Eine Anzeige wegen Tierquälerei aus dem Jahr 2022 wurde wegen Mangel an Beweisen fallengelassen, eine weitere aus dem letzten Jahr ist bei der Polizei in Reykjavík anhängig.
„Der Widerruf einer bereits genutzten Lizenz bedarf zwingender Gründe und ist inhaltlich und zeitlich begrenzt.“ heisst es weiter bei MAST. Zudem habe die Behörde die betriebswirtschaftlichen Erwartungen des Lizenzinhabers berücksichtigt.

Mehr zum Thema Blutstuten.

Misshandlungen und merkwürdige Studie
Kritiker des Blutgeschäfts hatten der Branche nicht nur systematische Misshandlung von Stuten und Fohlen vorgeworfen, sondern auch die grosse Blutmenge angeprangert. Über acht Wochen lang werden jeder Stute wöchentlich rund fünf Liter Blut entnommen, in der Summe ist diese Blutmenge grösser als das Gesamtblutvolumen der Stute. Mediziner hatten zudem kürzlich darauf hingewiesen dass die Studie zum Gesundheitszustand der Stuten, auf die Behörde und Befürworter sich beziehen, auf unzureichenden Daten beruht und falsche Schlüsse zieht.
Die Verordnung 460/2017 zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere, sowie die Forderungen der ESA sehen eine weitaus geringere Blutmenge vor, die aus jeder Stute entnommen werden darf. Bislang ist nicht zur Sprache gekommen, wie dieses Problem betriebswirtschaftlich gelöst werden soll. Im Februar hatte Ísteka wegen dieser Verordnung gegen den isländischen Staat geklagt, ein Urteil ist noch nicht gesprochen.

In Island gibt es ca 5000 Blutstuten auf rund 90 Höfen. Das extrahierte Hormon PMSG hat einen Exportwert von rund 2 Mrd ISK. Hauptabnehmer ist die industrielle Schweinezucht in Deutschland. In Island ist kein PMSG-haltiges Medikament für die Nutztierhaltung registriert, stattdessen kommt das synthetische Prostaglandin Cloprostenol zum Einsatz. Für eine Registrierung in der Arzneimittelliste müsste eine Ausnahmeregelung beantragt und der Einsatz vom PMSG besonders begründet werden.

 

Blutstuten: Ísteka klagt gegen Staat

Das Pharmaunternehmen Ísteka hat Klage gegen die isländische Regierung eingereicht, weil die Landwirtschaftsministerin im letzten Jahr entschieden hatte, alle Aktivitäten des Unternehmens im Zusammenhang mit Blutprodukten aus tragenden Stuten unter die Verordnung Nr. 460/2017 zum Schutz von Versuchstieren einzuordnen, berichtet Bændablaðið.

ESA verlangte Statusänderung
In der Entscheidung der Ministerin heißt es, dass die für die Tätigkeit geltende Verordnung Nr. 900/2022 über die kommerzielle Blutgewinnung aus tragenden Stuten aufgehoben werde und stattdessen die Verordnung 460/2017 über Tierversuche in Kraft trete, die eine Umsetzung der Richtlinie der Europäischen Union zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere ist. Zu der Änderung war es im vergangenen Jahr gekommen, nachdem mehrere isländische Tierschutzvereine bei der Regulierungsbehörde ESA Beschwerde eingelegt hatten. Die Blutgewinnung aus isländischen Stuten verstösst gegen europäische Tierschutzbestimmungen, auch weil es bereits künstlich hergestellte Hormonprodukte auf dem Markt gibt. Die ESA hatte daraufhin von Island verlangt, den Status der Blutstuten zu ändern, sie gelten nun wieder als Versuchstiere.

Landwirtschaftliche Produktion
Im September war Ísteka von der ministeriellen Entscheidung unterrichtet worden. Das Unternehmen fordert nun vor Gericht dass die Entscheidung als rechtswidrig anerkannt wird.
Bei den Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Verwendung vom Blut tragender Stuten handle es sich nicht um Tierversuche, sondern um eine landwirtschaftliche Produktion zur Produktverwertung, die seit Jahrzehnten in gleicher Weise durchgeführt werde, so der Anwalt des Unternehmens. Die Verordnung über Tierversuche sei ihrem Inhalt nach nicht auf die Tätigkeit anwendbar. Daher habe die Ministerin keine Befugnis, sie dort einzuordnen.
Die Entscheidung des Ministers beinhalte neben der Tatsache, dass die Verhältnismäßigkeit bei der Entscheidung nicht beachtet wurde und weit über das Erforderliche hinausgehe, auch eine belastende Einschränkung der verfassungsrechtlich geschützten Beschäftigungsfreiheit des Unternehmens.

Das Reykjavíker Bezirksgericht stimmte einem beschleunigten Verfahren zu, gestern war dem Staat eine Frist zur Verteidigung gesetzt worden.
Ministerin Svandís Svavarsdóttir ist seit zwei Wochen wegen einer ernsthaften Erkrankung krankgeschrieben. Während ihrer Abwesenheit übernimmt Premierministerin Katrín Jakobsdóttir die Leitung der Amtsgeschäfte.

Tierquälereien dokumentiert
In Island gibt es rund 5400 Blutstuten, die jedes Jahr ein Fohlen austragen, damit während der Trächtigkeit über einen Zeitraum von acht Wochen Blut entnommen werden kann. Die Blutmenge beträgt rund fünf Liter pro Woche. Aus dem Blut wird ein Trächtigkeitshormon extrahiert, welches nach Europa exportiert und dort zur Zyklussteuerung in der kommerziellen Schweinezucht verwendet wird. Die Ísteka ist nicht nur Islands einziges Blutunternehmen, sie besitzt auch die meisten Blutstuten.
In der Vergangenheit hatten Tierschutzorganisationen haarsträubende Zustände bei der kommerziellen Blutgewinnung dokumentiert, unter anderem wurden da Stuten und Fohlen getreten, geschlagen, von Hunden gehetzt, und Verletzungen blieben unbehandelt. Die Stuten müssen für die Punktion an Kopf und Körper fixiert werden, viele wehren sich gegen die Fixierung und verunfallen. In einem Bericht der Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte es im letzten Jahr gehiessen, dass 2022 acht Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet waren. Für das vergangene Jahr hatte Ísteka sehs verendete Stuten gemeldet. Das Unternehmen hatte die Todesquote auf die Unerfahrenheit der Veterinäre zurückgeführt, und MAST hatte Blutentnahmekurse durchgeführt.
Nach Veröffentlichung des ersten Dokumentarvideos im November 2020 war eine polizeiliche Untersuchung der Tierquälereien aus Mangel an Beweisen zu den Akten gelegt worden. Eine neue Anzeige wegen Tierquälerei auf der Basis aktueller Videoaufnahmen liegt derzeit den Polizeibehörden in der Hauptstadt vor.
Mehr zum Thema.

 

Acht tote Stuten im Sommer 2022

horse, horses, hestur, hross

Von den acht Blutstuten, die im Sommer 2022 im Rahmen der Blutgewinnung verendeten, ist mindestens eine Stute noch im Fixierstand verblutet oder erstickt, berichtet Heimildin. Diese acht Fälle, soviele wie nie zuvor, seien der Veterinäraufsichtsbehörde MAST gemeldet worden. Mindestens drei Todesfälle ereigneten sich auf dem gleichen Hof.  Eine tragende Stute mit Saugfohlen war gleich nach der Blutentnahme im Paddock verendet, sechs weitere in den drei Tagen danach. Die Kadaver waren vor einer möglichen Obduktion vergraben worden. Man habe der Sache daher nicht auf den Grund gehen können, so die Fachtierärztin für Pferdemedizin bei MAST, Sigríður Björnsdóttir.

Schuld liegt bei unerfahrenen Veterinären
Die Todesfälle waren auf Höfen aufgetreten, wo isländische und ausländische Veterinäre in der Blutgewinnung tätig waren. “Es besteht vor allem der Verdacht, dass dort Veterinäre gearbeitet haben, die nicht ausreichend ausgebildet waren,” glaubt Sigríður.
Diese Ansicht teilt Ísteka-Chef Arnþór Guðlaugsson. Fehlende Erfahrung der beteiligten Veterinäre könne noch am ehesten die Todesfälle der letzten Saison erklären, sagte er Heimildin gegenüber. Nach der Berichterstattung um die Blutwirtschaft hätten viele lokale Tierärzte ihren Tätigkeit im Blut aufgegeben und man habe im Ausland nach willigen Arbeitskräften suchen müssen. Drei polnische Tierärzte seien angeworben worden, die aber natürlich angelernt werden mussten, weil es die Blutbranche in Polen nicht gebe. Ausser in Island betreiben nur Argentinien, Uruguay, Russland und China Blutgewinnung aus tragenden und laktierenden Stuten.

“Keine Katastrophe”
Ob die achte Stute verblutet oder erstickt sei, dazu liegen MAST keine näheren Information vor, sagte Sigríður auf Anfrage des isländischen Tierschutzbundes SDÍ. Aber sie sei unter Aufsicht eines unerfahrenen, ausländischen Tierarztes verendet. MAST halte “vorbeugende Massnahmen” jetzt für notwendig. Mit einem Trainingsplan für Neulinge in der Blutgewinnung könne man die Todeszahlen zumindest weiter drücken. Aber auch erfahrene Veterinäre hätten schon Stuten bei der Blutgewinnung verloren.
“Das ist keine Katatrophe, in Bezug auf Todesfälle in der Tierhaltung,” sagt Sigríður über die acht verendeten tragenden Stuten.

Die Ísteka hält eine Blutverarbeitungslizenz der Umweltbehörde, hat sogenannte “Tierwohlverträge” mit den Blutbauern geschlossen und muss nach einem Regelwerk arbeiten, das nach heftiger öffentlicher Kritik im letzten Jahr mit deutlichen Verschärfungen erneuert worden war. Sigríður sieht bei den verbluteten Pferden keinen Verstoss gegen das Gesetz zum Tierwohl.

Mehr tote Pferde vor der Registrierung?
“Das ist absolut untragbar, dass Stuten bei der Blutgewinnung sterben, und die einzige Reaktion von MAST besteht darin, Tierärzte zu einem Kurs zu schicken.” kritisiert Meike Witt, Vorstandsmitglied und eine der GründerInnen des Tierschutzvereins. Seit November habe man die Kontrollberichte der letzten Saison bei der Behörde angefordert, doch erst jetzt, lange nachdem die Informationen anderweitig vorlagen, sei auf mehrmalige Anfrage ein Bericht eingegangen. Gemeldet worden waren die Todesfälle bereits im Herbst.
Der SDÍ hat Meike zufolge von weitaus mehr Vorfällen gehört. “Wir haben den Verdacht, dass Stuten schon vorher wegen der Blutgewinnung verendet sind, dass das aber vor dem letzten Jahr nicht registriert wurde, als MAST mit der Überwachung begann.” sagt Meike. Der letzte Sommer sei daher keine Ausnahme gewesen, was Todesfälle von Blutstuten angehe.

Mehr zum Thema.

Lukratives Gewerbe mit umstrittenen Methoden
Aus dem Blut der tragenden Stuten wird das Hormon PMSG gewonnen, welches vor allem nach Deutschland in die industrielle Schweinezucht exportiert wird.
Die Blutgewinnung findet im Sommer einmal pro Woche in schmalen Fixierständen statt. Dabei wird die in die Box getriebene Stute am Rumpf gefesselt und ihr Kopf wird an einem Pfosten fixiert, damit sie sich nicht bewegen kann, das Injektionsgebiet wird betäubt, dann wird eine bleistiftdicke Kanüle in die Halsvene gestochen, und fünf Liter Blut durch einen Schlauch in den Kanister abgelassen. Über acht Wochen lang sind das 40 Liter Blut pro Stute, die tragend ist und ein Saugfohlen bei Fuss hat. Im vergangenen Sommer war auf 90 Höfen aus 4,141 Stuten Blut gewonnen worden.
Das bei Isländern weitgehend unbekannte Gewerbe hatte jahrelang Zuwachsraten verzeichnet, bis im November 2021 die Dokumentation einer deutschen Tierschutzvereinigung schlimme Zustände bei der Blutgewinnung aufdeckte. Da wurden Stuten und Fohlen systematisch getreten, mit Stangen geschlagen, misshandelt und von Hunden gehetzt, und immer wieder sah man Stuten mit Todesangst bei der Prozedur im Fixierstand. In Reaktion auf Video und öffentliche Empörung war dann das Regelwerk um die Blutgewinnung verschärft worden. Die im Video agierenden Personen konnten zwar identifiziert werden, im Januar war der Fall aber “aus Mangel an Beweisen” von der südisländischen Polizei einfach zu den Akten gelegt worden.

Alles “im Rahmen”
Jetzt sei das ganze Gewerbe besser überwacht und dokumentiert, so Sigríður Björnsdóttir. Mit den neuen Bestimmungen habe sich auch der Stress bei der Blutgewinnung reduziert, denn statt 100 Stuten dürften nur noch 75 pro Tag bearbeitet werden. Jeder Veterinär dürfe nur noch drei Stuten gleichzeitig im Fixierstand haben, statt zuvor vier, so die MAST-Tierärztin. Weitere Massnahmen über das Training der Veterinäre hinaus seien nicht geplant. Sigríður selbst ist in der Fachaufsicht des Gewerbes tätig. Die Stuten würden am Kopf gefesselt, das sei natürlich “unbequem”, aber es helfe, die Sache kurz zu halten.

Und überhaupt gehe es den Blutstuten von allen isländischen Tieren in der Landwirtschaft doch am allerbesten. Blutstuten seien viel besser dran als Schafe oder Kühe. Auch die von Tierärzten und Humanmedizinern scharf kritisierte hohe Blutmenge sieht sie nicht als problematisch. Pferde verfügten über ausreichende Hämoglobinreserven in der Milz. Die Blutstuten stünden nur auf der Weide, grasten und gäben Milch. Die reite ja niemand durchs Hochland. Deshalb sei es möglich, soviel Blut aus ihnen herauszuholen, so die Veterinärin. Sie habe bei ihren Kontrollen keinen Stress und keine klinischen Symptome gesehen, alles sei da “im Rahmen”.
Von den Überwachungskameras, die der Fachrat für Tierwohl im letzten Jahr in seinem Gutachten empfohlen hatte, hält Sigríður nichts. “Ich habe sehr fähiges Aufsichtspersonal,” sagt sie. “Wir üben viel, viel mehr Aufsicht als in anderen landwirtschaftlichen Zweigen. Und wir fotografieren auch, wenn es nötig ist. Ich denke, das reicht.” Zumal man eine Begründung finden müsse, warum im Blutstutenstall eine Überwachungskamera hängt, im Schafstall aber nicht.
Im vergangenen Jahr war die mangelnde bzw. gänzlich fehlende Aufsichtsführung der Tierschutzbeauftragten von MAST immer wieder kritisiert worden. Bei näherer Prüfung hatte sich herausgestellt, dass die Ísteka sich selbst kontrolliert, und MAST lediglich Stichproben durchführt.

Meike Witt vom SDÍ findet, in Sachen Tierschutz müssten jetzt mal Nägel mit Köpfen gemacht werden. Immerhin habe die Ministerin im Frühjahr gesagt, dass wenn Politik und Lizenzinhaber die Anforderungen zum Tierwohl der Wale nicht gewährleisten könnten, die Branche keine Zukunft habe.
“Wir fordern sie auf, den Worten Taten folgen zu lassen im Hinblick auf die Stuten, die zur Blutgewinnung benutzt werden.”

Blutstuten: Gesetzantrag zum Verbot kontrovers aufgenommen

Für den Gesetzantrag zum Verbot der Blutstutenhaltung in Island ist inzwischen eine lange Liste an Kommentarschreiben beim parlamentarischen Ausschuss eingegangen. Die Liste der Einsendungen wird täglich ergänzt und findet Erwähnung in den Tagesmedien. Auch ausländische Interessensvertreter haben sich mit Standpunkten zu Wort gemeldet. Wie RÚV berichtet, hatte der parlamentarische Ausschuss für Beschäftigung 14 Institutionen, Unternehmen und Verbände um Kommentierung des Gesetzantrags gebeten, darunter die Veterinäraufsichtsbehörde MAST, Ísteka, den Pferdezüchterverband, den Tierärzteverband und das Ethikinstitut der Universität. Die Einsendefrist läuft am 17.1.2022 ab, und nur vom Verband der isländischen Vegetarier ist bislang ein Schreiben eingegangen, in welchem die Blutindustrie abgelehnt wird, weil sie mit dem geltenden Tierschutzgesetz nicht in Einklang zu bringen sei. Insgesamt sind inzwischen 28 Einsendungen verzeichnet, doch nur ein Teil der Dokumente ist bislang einsehbar.

Harte Worte gegen Gegner des Blutfarmings
In einigen Beiträgen fallen harte Worte, wie etwa dass die ständigen Behauptungen über Gewaltanwendung bei den Blutgewinnungen ein “verwerflicher Angriff auf die Ehre und Reputation der in der Blutgewinnnung tätigen Landwirte” sei, der Gesetzentwurf sei eine “Geringachtung des Parlaments”, das Video der Tierschutzorganisationen wird als “Fälschung” und “Propaganda” bezeichnet und isländische Medien als “Erfüllungsgehilfen der Organisationen”. Ausserdem verringere die isländische Blutwirtschaft den ökologischen Fussabdruck in der internationalen Schweinezucht, heisst es in einem Brief.
Ein französischer Verband zur Zuchtverbesserung von Ruminanten schrieb in seinem Beitrag, man unterstütze die Blutgewinnung für die PMSG-Produktion, weil es keine Alternative zum Stutenhormon für die Besamung von kleinen Ruminanten gebe.

Alternativen zu PMSG sind vorhanden
Aus der Antwort des BVL auf eine kleine Anfrage zu PMSG im Deutschen Bundestag aus dem Jahr 2018 geht hervor, dass allein in Deutschland zusätzlich zu zoologischen Massnahmen 36 synthetische Präparate für Brunstinduktion, Zyklussteuerung und Superovulation zugelassen und verfügbar sind.
Der isländische Reiterdachverband LH unterstützt den Gesetzantrag und verlangt ein Verbot der Blutgewinnung aus tragenden Stuten. Ähnliches hatte zuvor auch die FEIF vertreten, ihr Schreiben ist beim Parlament zwar gelistet, aber nicht einsehbar.
Die Tierschutzorganisationen AWF und TSB weisen in ihrem Schreiben unter anderem darauf hin, dass die Blutgewinnung aus tragenden Stuten in Island als Tierversuch deklariert sei, was der Gesetzgeber in der EU und in Island nur dann gestatte, wenn es keine Alternative gebe. Eine Alternative stehe jedoch mit den synthetischen Präparaten zur Verfügung. Nach Ansicht der Tierschützer verstossen sowohl die gewaltvollen Praktiken bei der Blutgewinnung, ohne die keine Venenpunktion möglich ist, gegen das Pferdeschutzgesetz von 2014, als auch die Tatsache, dass hier invasive Prozeduren ohne medizinische Notwendigkeit am Pferd stattfinden. Die invasive Prozedur (Venenpunktion) diene vielmehr ökonomischen Zwecken.

40 Jahre alte wissenschaftliche Grundlage
Eine Landwirtin schreibt, man beziehe sich bei den Blutentnahmen auf Untersuchungen von vor 40 Jahren, als Pferdezüchter in Zusammenarbeit mit Forschern eine “vertrauenswürdige Grundlage für Vorgang, Stalleinrichtung und Kontrolle der Stuten, aus denen Blut gewonnen wurde,” angelegt hätten. Es habe bei der Versuchsanstalt Keldur damals eine dreijährige Untersuchung zur Auswirkung der Blutgewinnung auf die Gesundheit von Stuten und Fohlen gegeben.
Kritiker des Blutfarmings werfen Ísteka und MAST vor, bis heute weder veraltete noch neue wissenschaftlichen Daten vorgelegt zu haben.

Kritik an Blutmenge pro Stute
Das Fehlen von wissenschaftlichen Daten, welche die beispiellos hohe Blutausbeute pro tragender Stute in Island rechtfertigen, hatten in der vergangenen Woche zwei Schweizer Tierärzte in einem Schreiben an isländische Behörden und Medien kritsiert. Drs. Barla Barandun und Ewald Isenbügel schrieben, dass es den Bestimmungen von MAST zufolge erlaubt sei, fünf Liter Blut aus jeder tragenden Stute ab vier Jahren zu entnehmen, ungeachtet von Grösse, Gewicht und Futterzustand, wobei das Gewicht der Pferde per Massband ermittelt werde. Gehe man von einem Gewicht von 350 Kilo aus und schätze die Gesamtblutmenge auf sieben Prozent des Körpergewichts, komme man auf eine Litermenge von 24,5 Litern, bei acht Prozent auf 28 Liter. Fünf Liter Blut stellen 15 Prozent der Gesamtblutmenge dar, was doppelt soviel ist wie in anerkannten internationalen Bestimmungen zu Blutentnahme bei Pferden angegeben. Im Ausland haben die Pferde ein bis zwei Monate zur Erholung vom Blutverlust, in Island bekommen sie dafür acht Tage Zeit. Die tragenden und laktierenden Stuten müssten damit rechnerisch in den acht Wochen Blutgewinnungsperiode ihren Gesamtblutgehalt einmal erneuern, heisst es in dem Schreiben von Barandun und Isenbügel.
Die beiden Tierärzte weisen darauf hin, dass die Blutgewinnung aus tragenden und laktierenden Stuten in der Europäischen Union und in der Schweiz verboten ist.
Barandun und Isenbügel kritisieren weiter mangelhafte Einrichtungen zur Blutgewinnung, sowie die gängige Praktik, die Stuten für die Punktion in unnatürlicher erzwungener Kopfhaltung und am Körper zu fesseln, und die Tatsache, dass Tierärzte die bleistiftdicken Punktionsnadeln nicht auswechseln und die Stuten offenbar immer wieder mit stumpfen Nadeln gestochen werden. Ausserdem kritisieren sie, dass weder beteiligte Veterinäre noch die Veterinäraufsichtsbehörde gegen diese offenkundigen Missstände einschreiten.

PMSG-Forschungsarbeit mit Praktikum am Pferd
Vísir zitiert aus einem Gespäch mit der amerikanischen Wissenschaftlerin Anne Elyse Lally, die im Jahr 2014 im Rahmen ihrer Recherchen Zeit auf einem Bauernhof verbracht hatte, wo Blut aus tragenden Stuten gewonnen wurde. Im Interview beschreibt sie die Umstände der Blutgewinnung ähnlich, wie sie im Video zu sehen sind. Die Stuten wurden Lally zufolge in den Pferch getrieben, von ihren Fohlen getrennt, in den Fixierstand verbracht, wo ihr Kopf am Halfter aufgehängt wurde, damit der Tierarzt die Punktionsstelle rasieren und die Venenpunktion vornehmen konnte.

Lally beschreibt das Verhalten einiger Stuten, die bei jedem Blutgewinnungstermin den Fixierstand beinahe auseinandernahmen oder sich auf den Boden fallen liessen. In ihrer Arbeit über zirkulatorische Nahrungsmittelsysteme, in der sie das isländische Blutfarming und die Durchlässigkeit des weiblichen Agrarkörpers untersucht, beschreibt sie auch, dass den Stuten zusätzlich zu den wöchentlichen Venenpunktionen zur Blutgewinnung im Vorfeld immer wieder Blutproben entnommen werden, um den Hormongehalt zu bestimmen. Blutaufkäufer Ísteka blase zur Blutgewinnung in den Fixierständen erst dann, wenn die Hormonmenge bei allen Stuten ausreiche, heisst es in Lallys Arbeit.
Mehr zum Thema Blutstuten.

Veterinärbehörde untersucht dokumentierte Misshandlung von Blutstuten

Der isländischen Veterinäraufsichtsbehörde MAST liegt seit heute ein Video zur Prüfung vor, welches Misshandlung von tragenden Stuten bei der Blutgewinnung zeigt. Die leitende Pferdefachtierärztin der Behörde kommentierte Vísir gegenüber, man betrachte die Angelegenheit als schwerwiegend, die Behandlung zeichne jedoch kein generelles Bild der Blutstutenwirtschaft in Island.

Im mit versteckter Kamera gedrehten Film ist zu sehen, wie Stuten durch zusammengezimmerte, enge Gänge getrieben und in Fixierstände eingesperrt werden, wie sie mit Peitschen, Holzbalken und Eisenstangen geprügelt und immer wieder auf Kopf und Nüstern geschlagen werden. Zur Blutgewinnung wird der Kopf der Stuten überstreckt und hochgebunden und die Tiere zusätzlich mit einem Gurt am Leib fixiert. Die gefilmten Pferde erleiden deutliche Schmerzen und Panik. Nach jeweils fünf Litern ist die Prozedur vorüber, und die Stute wird aus dem Fixierstand entlassen.

Das Dokumentarvideo zur Gewinnung von Blut aus isländischen Blutstuten war heute vom Schweizer Tierschutzbund (TSB) und von der Animal Welfare Foundation (AWF) veröffentlicht worden. Die Blutstutenwirtschaft existiert in Island bereits seit einigen Jahrzehnten, aktuell wird sie auf 119 Höfen betrieben, wo 5383 Stuten zur Blutgewinnung genutzt werden. Aus dem Blut der tragenden Stuten extrahiert ein in Reykjavík ansässiges Biotechnologieunternehmen das Hormon PSMG, welches die Fruchtbarkeit u.a. von Sauen in der europäischen Schweinezucht verbessert. Die Fohlen aus den isländischen Blutzuchtherden landen hauptsächlich in der Fleischverarbeitung.

Kein allgemeines Bild der Blutstutenwirtschaft
Die bei MAST tätige Pferdefachtierärztin Sigríður Björnsdóttir gab an, die Angelegenheit werde untersucht, ausserdem habe man den zuständigen Minister informiert.
“Die Veterinäraufsichtsbehörde betrachtet den Fall als schwerwiegend. Wir haben dieses Video gesehen, und es scheint, als ob die Behandlung der Stuten, so wie sie in dem Video zu sehen ist, ernsthaft gegen die für diesen Wirtschaftszweig gültigen Betriebsbedingungen verstösst,” erklärte Sigríður. Das Video zeichne jedoch kein allgemeines Bild der Blutstutenwirtschaft in Island.
“Was wir dort sehen, ist ein anderes Bild als das, was wir bei den Kontrollen zu sehen bekommen. Das passt nicht zusammen, aber das bedeutet nicht, dass es sowas nicht auch gibt, und das ist ja wirklich passiert, daher müssen wir das sehr genau überprüfen.” Die Blutstutenwirtschaft in Island werde streng und eigentlich strenger kontrolliert als jeder andere Tierhaltungszweig.

RÚV schreibt zum Thema, die Aufsicht bei der Blutgewinnung laufe zweigleisig. Zum einen gebe es die Kontrolle zu Tierschutz, Gegebenheiten am Entnahmeort und zum körperlichem Zustand der Pferde beim Tierhalter, zum anderen die Kontrolle bei der Blutgewinnung selbst. Der Blutwirtschaftsbetrieb muss die von MAST verlangten Voraussetzungen erfüllen.
Am Blutgewinnungstag trägt dann das verarbeitende Biotechnologieunternehmen Ísteka ehf die Verantwortung. Ein für Ísteka tätiger Veterinär nimmt die Blutabnahme vor. MAST verlangt von Ísteka eine betriebsinterne Kontrolle zum körperlichen Zustand der Stuten während der Monate der Blutgewinnung, sowie einen Jahresbericht.

Nach Angaben der Behörde wird ein Fünftel der 119 Betriebe jedes Jahr während der Blutgewinnungszeit kontrolliert, ein weiteres Fünftel in den Wintermonaten. Grobe Verstösse enden mit einer Stillegung des entsprechenden Betriebes. Das ist seit 2014 fünfmal vorgekommen. In einigen Fällen war die Stillegung Sigríður zufolge wegen ähnlichen Zuständen wie im Video erfolgt. Diese Vorfälle seien jedoch nicht bei der Polizei zur Anzeige gebracht worden.

“Systematische und wiederkehrende Tierquälerei”
In Reaktion auf das Video hat sich der isländische Trainerverband FT mit einer Erklärung zu Wort gemeldet und fordert von MAST, Aufsicht und Regelwerk rund um die isländische Blutstutenwirtschaft zu verbessern. Im Video sehe man eine unzumutbare Behandlung der Stuten bei der Blutgewinnung, die eigentlich per se ein unnötiger Eingriff sei, vorgenommen, um Geld daran zu verdienen.

“Im Video wird drastisch gegen Pferde vorgegangen, sie werden geschlagen und sind sichtbar ängstlich, in Panik und wehren sich. Die Stuten sind ganz offensichtlich nicht ausreichend vorbereitet worden oder haben nicht das Gemüt für diese Nutzung. Das gleiche kann man von den Mitarbeitern sagen. Unserer Ansicht nach handelt es sich bei den Aufnahmen um systematische und wiederkehrende Tierquälerei.” Weiter heisst es, der Tierarzt sei verpflichtet, den Eingriff bei einer Stute abzulehnen, die sich offenkundig nicht kooperativ verhalte. Ein Betäubungsmittel beim Eingriff könne die Zähmungsarbeit nicht ersetzen.
MAST müsse sicherstellen, dass anerkannte Ausbildungsmethoden zum Aufhalftern und Gewöhnen an die Fixierstände zur Anwendung kommen. Ebenfalls habe die Behörde dafür zu sorgen, dass ungeeignete Stuten nicht verwendet werden.
“Die Leitung des Trainerverbands betrachtet das im Video Gezeigte als systematische Tierquälerei und nicht besser als Horrorvideos, die aus Schlachthäusern im Ausland bekannt geworden sind, ausser dass die Stuten die gleiche Situation immer wieder durchleben müssen.”
Sveinn Steinarsson, der Vorsitzende des isländischen Pferdezuchtverbandes, kommentierte, die Leute seien sprachlos, und es gebe guten Grund, dass MAST den Zuständen jetzt auf den Grund gehe. Er wolle einfach nicht glauben, dass bei den über 90 Pferdezüchtern die Dinge derartig abliefen.

Die Vorsitzende der Volkspartei, Inga Sæland, forderte erneut ein generelles Verbot der Blutstutenwirtschaft in Island und wies auf den Imageschaden hin. Bereits im März hatte sie zusammen mit Abgeordneten der Piratenpartei einen entsprechenden Antrag ins Parlament eingebracht.

“Unangemessen und inakzeptabel”
Ísteka ehf hat auf seiner Facebookseite gestern eine Erklärung veröffentlicht. Die in dem Video der Schweizer Tierschutzorganisation gezeigten Aufnahmen seien “unangemessen und inakzeptabel, wie etwa der Gebrauch von Eisenstangen, dem drastischen Gebrauch von Holzbalken und schnappenden Hunden. Unternehmensleitung und Mitarbeitern von Ísteka missfällt diese Arbeitsweise bei der Gewinnung von Rohstoffen für uns sehr. Sie erfüllen nicht unsere strengen Auflagen zum Tierwohl.” Man habe bereits eine Untersuchung eingeleitet.
“Wir unterstreichen, dass die Blutspenden unter Aufsicht stattfinden, von Tierärzten durchgeführt werden und der Kontrolle des Tierschutzbeauftragen von Ísteka, sowie der Aufsicht von MAST unterliegen.” Zwischen Ísteka und seinen Vertragsproduzenten gebe es spezielle Tierschutzverträge. Verstösse gegen diese Verträge nehme man sehr ernst und dulde sie nicht.

Das Video gibt es hier zu sehen, der Inhalt ist nichts für sensible Gemüter.