Rätselhaftes Vogelsterben im Westen Islands

In den vergangenen Tagen sind an den Stränden Westislands hunderte von toten Papageitauchern und anderen Seevögeln angespült worden. Woran die Vögel verendet sind, konnte bislang nicht geklärt werden. Der Leiter des südisländischen Naturkundeinstituts meint, für Futtermangel oder Vogelgrippe spreche nicht viel, es müsse einen anderen Grund geben. Er schlägt ein Verkaufsverbot für Papageitaucher vor, um den Bestand zu schützen. Der Vogel sei lebendig wertvoller als tot, berichtet mbl.is.

An den Stränden Löngufjara und im Borgarfjörður wurden die toten Vögel zu hunderten, wenn nicht sogar tausenden angespült. Die Gebiete sind nicht gerade bekannt für diese Vögel, die bevorzugt in Felsen und Klippen brüten. Der Vogelexperte Jóhann Óli Hilmarsson hatte schon in der letzten Woche gemahnt, das Vogelsterben sehr ernst zu nehmen. Von der Umweltbehörde war allerdings zu hören, dass man derzeit keine Notfallmassnahmen in Betracht ziehe. Man müsse erst mal mit den Kollegen sprechen, nach dem Wochenende, und schauen, ob es sich um die Vogelgrippe handle. “Wenn es das nicht ist, und es gibt keine direkten Hinweise darauf, dann liegen da sicher natürliche Ursachen vor, die das Naturkundeinstitut dann untersucht”, hatte Behördenleiterin Sigrún Ágústsdóttir angegeben.

Vogelsterben zur schlechtesten Zeit
Erp­ur Snær Han­sen, der Leiter des Naturbüros Südislands, sagt, die toten Vögel seien überall zu finden, wenn auch bislang hauptsächlich in der Bucht Faxaflói. Es handle sich um erwachsene Vögel, was er eher ungewöhnlich findet. Inwieweit das Vogelsterben Auswirkungen auf den Gesamtbestand habe, hänge davon ab, wieviele Vögel verendeten und wie verbreitet das Phänomen sei. Er hoffe, dass es sich um ein lokales Ereignis handle. “Das trifft für den Papageitaucher zur schlechtesten Zeit ein, weil es ihm schon seit Jahrzehnten nicht gut gegangen ist,” erklärt der Biologe. Auch Alkvögel und eine grosse Zahl an Dreizehenmöwen sind tot aufgefunden worden. Die kürzlich in Seltjarnarnes gefundenen toten Möwen waren nicht an der Vogelgrippe erkrankt. Ein anderer Erreger könne jedoch nicht ausgeschlossen werden, so Erpur.

Futtermangel durch Wellengang?
“Es gibt auch eine andere Ursache, die nicht unwahrscheinlicher ist, und das ist der Futtermangel. Die Dreizehenmöwe ist nämlich an die Wasseroberfläche gebunden, während der Papageitaucher natürlich taucht und zwar tief, der ist bis auf etwa 20 Meter Tiefe zu finden. Aber bei einem Wellengang, wie dort vorhergesagt war, mit acht und neun Meter hohen Wellen, da kann der Sandaal sich eingraben und tiefer schwimmen, die Vögel erreichen ihn da nicht mehr. Das ist das, was dieses Vogelsterben auslöst, auf englisch heisst das “wreck”. Das haben wir in den Jahren 1990, 91, 92 und 93 im Norden erlebt, tausende von Alkvögeln, die tot an den Strand gespült wurden. Das ist so ein Ereignis, wenn es schweres Unwetter gibt und die tagelang kein Futter finden,” erklärt Erpur. Der Papageitaucher verbrenne viel Energie in kurzer Zeit, sodass er ohne Futter innerhalb weniger Tage verhungere.
Nicht ins Bild passe allerdings, dass der Sturm gar nicht so lange gedauert habe. Und draussen auf dem Atlantik, wo die Vögel die meiste Zeit des Jahres erbringen, herrsche oft schlechtes Wetter, die Vögel seien daher so einiges gewöhnt. Er fühle sich an die Zeit erinnert als Basstölpel im letzten Jahr an merkwürdigen Orten auftauchten, und dann erkrankten.
Dennoch halte er einen Hungertod für wahrscheinlicher als eine Infektionskrankheit, auch wenn das eine seltsame Zeit für Hunger sei, immerhin sei der Tisch für Seevögel im Faxaflói reich gedeckt. Man könne jetzt nur auf Ergebnisse aus den Proben warten.

Jagd auf Papageitaucher nicht nachhaltig
Erpur wundert sich allerdings über die Apathie der Behörden und deren Unlust, an die Strände zu gehen, Proben zu nehmen und herauszufinden, was da im Gange ist. Man rette damit natürlich keinen Vogel, aber es werfe doch Fragen auf, vor allem wenn es sich um möglicherweise infizierte Kadaver handle, und man vielleicht die Bevölkerung warnen müsste.
Er selber befürworte ein Verkaufsverbot für Papageitaucher, um den schrumpfenden Bestand zu schützen. Vielleicht gerade noch denen die Jagd erlauben, die das Recht als Landbesitzer dazu hätten.
“Eine geschäftsmässige Jagd hat bei sowas nichts mehr verloren. Das ist immer noch der grösste Bestand von allen Vogelarten, und er hält es aus, dass man an ihm nagt, obwohl auch das nicht nachhaltig ist. Aber geschäftsmässig jagen, um das Fleisch an Restaurants und food-malls zu verkaufen, das ist ethisch einfach nicht in Ordnung. Die Leute müssen ihre Haltung mal ein bisschen aktualisieren, wie wir mit der Natur umgehen, das ist ja nicht so als ob wir davon leben. Wir leben eigentlich viel eher davon durch den Tourismus, und der Vogel ist lebendig viel mehr wert als tot,” sagt Erpur.

Vor der Jahrtausendwende hatte es in Island noch um die acht Millionen Papageitaucherpaare gegeben, jetzt werde ihre Zahl auf drei Millionen geschätzt. Es sei auch nicht so, dass es um den Bestand besser bestellt sei, jenachdem ob in einem Gebiet gejagt werde oder nicht. Die Jagdzahlen würden den natürlichen Todeszahlen zugerechnet, die bei derzeit sieben Prozent lägen.
“Wir haben 70% des Bestandes verloren, oder wahrscheinlich sogar mehr,” sagt Erpur. “Das ist gruselig, und nicht etwa so als ob es bei denen nicht ohnehin genug Probleme gebe.”

 

Schwarzäugige Basstölpel mit Antikörper gegen Vogelgrippe

Neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge hat sich die Augenfarbe von Basstölpeln, die die Vogelgrippe überlebt haben, von hellblau in schwarz geändert, berichtet Vísir. Dese Entdeckung könnte wichtig bei der Zuordnung der Vogelart werden. An der Untersuchung waren auch Wissenschaftler der Universität Íslands und des Versuchslabors Keldur beteiligt gewesen, Ergebnisse sind in der Zeitschrift bioRxiv zu finden.

Der Basstölpel brütet im nordwestlichen Atlantik, die Untersuchung war auf der Insel Bass Rock in Schottland durchgeführt worden, wo sich eine der grössten Basstölpelkolonien der Welt befindet. Die veränderte Augenfarbe des Seevogels war im vergangenen Juni aufgefallen. Daraufhin wurden aus Vögeln mit blauer und schwarzer Augenfarbe Blutproben entnommen, und es stellte sich heraus, dass die Schwarzäugigen Antikörper gegen das H5N1-Vogelgrippevirus in sich trugen.  In einem nächsten Schritt will man nun untersuchen, ob die veränderte Augenfarbe Auswirkungen auf die Seekraft des Vogels hat, ob sich eine solche Veränderung auch bei anderen Arten finden lässt, und was hinter der Veränderung stecken könnte.

Vogelgrippe raffte Wildvögel dahin
Der Basstölpel ist eine der grössten Tölpelarten der Welt. Seinen Namen erhielt er einst, weil er wie ein Tölpel auf Schiffen landete und damit leichte Beute für Seeleute darstellte.  Am wohl bekanntesten ist der Vogel für seinen spektakulären Sturzflug beim Fischen, wie in diesem Video zu sehen ist.
Die grössten Brutkolonien befinden sich in Kanada und auf dem Felseiland Bass Rock in Schottland. In Island brütet der Vogel vor allem auf der unter Naturschutz stehenden Insel Eldey vor der Südküste. Einst hatten sich dort zwischen 15.000 und 18.000 Paare alljährlich eingefunden, im letzten Jahr hatte der Eldey-Bestand dann schwer unter der Vogelgrippe zu leiden. Einem Elektriker, der vor 14 Jahren eine Webcam auf dem Eiland aufgestellt hatte, waren zahllose tote Vögel in den Kameraufnahmen aufgefallen. Auf Bass Rock war die Lebenserwartung des Basstöpels aufgrund der Vogelgrippe um 42 % gesunken, insgesamt war die Todesrate in allen 53 Tölpelbrutgebieten im Nordatlantik um 75 % gestiegen.

Auch Gänse und Schwäne hatten ganz offensichtlich unter der Vogelgrippe zu leiden. Die Vogelwacht, die das Gebiet zwischen Tví­sker im Öræf­i und Hval­nes in Lón überwacht, hat beobachtet dass viel weniger der Vögel ins Land kämen als sonst. Auch von Landwirten ist zu hören, dass sich längst nicht soviele heimkehrende Gänse und Schwäne wie in Vorjahren auf den Wiesen versammeln.