Gebeine zweier Frauen bei Ausgrabung in Bessastaðir gefunden

bessastaðir archaeology 2024

Zwei menschliche Skelette und Pistolenkugeln sind bei Grabungen an der Kirche auf Bessastaðir aufgetaucht, berichtet Vísir. Ein Archäologe sagt, eins der Gebeine könnte möglicherweise einer Frau zugeordnet werden, die aus Liebeskummer gestorben ist.

An Liebeskummer gestorben
An der Kirche des Präsidentensitzes Bessastaðir wird derzeit renoviert und der Zugang für Besucher verbessert. Dabei hat so einiges das Tageslicht erblickt, immerhin ist Bessastaðir eine Länderei mit langer Geschichte. Der wohl bemerkenswerteste Fund befindet sich gleich neben der Kirchenmauer: Zwei Skelette, die auf dem Boden eines Grabhauses ruhen. Derzeit werden die Gebeine auf ihr Alter und Geschlecht untersucht, aber Archäologen halten es für wahrscheinlich, dass es sich um Anna Vilhelmína und ihre Tochter Anna Helena handelt.

„Die ältere war mit dem damaligen Stiftsamtmann Lauritz Thodal im 18. Jahrhundert verheiratet. Der hat das Grabhaus aus eigenen Mitteln errichten lassen. Aber nirgendwo steht niedergeschrieben, wer dort begraben liegt,“ erklärt der Archäologe Hermann Jakob Hjartarson, der die Grabung betreut. Schon in den kommenden Tagen dürfte sich das Rätsel lösen, wenn die Untersuchung der Knochen abgeschlossen ist.
Lauritz Thodal war im Jahr 1770 zum Stiftsamtmann über Island ernannt worden und lebte mit seiner Familie auf Bessastaðir, dort wo Mutter und die 18-jährige Stieftochter starben. „Den Quellen nach starb sie aus Liebeskummer, was immer das nun heisst,“ sagt Hermann. „Sie hatte einen Kaufmann aus Hafnarfjörður kennengelernt, aber ihr Stiefvater war gegen diese Verbindung und verbot ihr, sich weiter mit dem Mann zu treffen. Der Geschichte nach kümmerte sie dahin und starb kurz darauf.“

Ältere Kirche und Pistolenkugeln
Das Grabhaus soll rund zwei Meter hoch und zu der Zeit einzigartig gewesen sein. Am Kircheneingang findet man noch Spuren eines Tors, das zu dem Grabhaus geführt hat. Nach der Untersuchung werden die Gebeine wieder zur Ruhe gebettet.
Ausserdem fand man den Eingang zur einer älteren Kapelle unter der neuen Kirche, wahrscheinlich kann diese auf das 16.Jh zurückdatiert werden. Und vier Pistolenkugeln tauchten auf, die ebenfalls zur Altersbestimmung gegeben wurden.
„Das ist natürlich eine gute Frage, was das bedeutet, aber zumindest einmal ist hier offenbar geschossen worden,“ meint Hermann.
Wann die Arbeiten abgeschlossen werden können, ist derzeit kaum zu sagen, weil beinahe jeden Tag neue Artefakte entdeckt werden. Hermann erklärt, man habe auch eine Wand am alten Eingang entdeckt, und es gebe Hinweise darauf, dass sich unter dieser Wand noch ältere Strukturen befinden.

Ort von historischer Bedeutung
Bessastaðir hat einmal zu den grössten und bedeutendsten Höfen Islands gehört. Der Dichter und Anführer Snorri Sturluson hat hier gelebt, nach seinem Tod nahm der norwegische König den Hof als Residenz in Besitz. Nachdem Island an die Dänen gefallen war, residierten ab 1688 die Vertreter des dänischen Königs auf dem Hof.
Auch eine Schule hat es in Bessastaðir gegeben, später wohnte dann der Dichter Grímur Thomsen auf dem Hof. Im Jahr 1940 wurde der Hof von seinem letzten Besitzer an den isländischen Staat übergeben und diente fortan als Sitz des Staatspräsidenten.
Immer wieder sind in Bessastaðir Ausgrabungen vorgenommen worden, die bemerkenswertesten fanden zwischen 1987 und 1996 statt, als eine 3,5 Meter dicke Schicht von Überresten menschlicher Besiedlung aus dem 10. und 11. Jahrhundert freigelegt wurde. Zu den wohl interessantesten Entdeckungen gehören gut erhaltene Insekten, die mit den Siedlern nach Island gekommen sind und Archäologen Einsicht über die Umgebung des Menschen und die Lebensbedingungen schenken.

Ausgrabung: Im Stöðvarfjörður lebten Saisonjäger und Siedler Tür an Tür

Bei den Ausgrabungen in Stöð im Stöðvarfjörður mehren sich Hinweise darauf, dass das ältere der beiden Gebäude nicht etwa ein Wohnhaus von Siedlern gewesen ist, sondern ein Saisonstützpunkt. berichtet austurfrett. Sollte sich das bestätigen, würde es beweisen, dass solche Saisonstützpunkte noch betrieben wurden, als die Besiedlung Islands längst im Gange war. Anders gesagt – Saisonstützpunkte und dauerhafte Niederlassungen haben zu Beginn der Besiedlung eine ganze Weile nebeneinander existiert.

Jäger lebten neben Siedlern
Aus dem Grabungsbericht des Archäologen Dr. Bjarni F. Einarsson geht hervor, dass das jüngere Gebäude C14 Untersuchungen zufolge um das Jahr 950 entstanden ist und bis nach 1000 gestanden hat, das ältere ist zu Beginn der Besiedlung um 870 herum entstanden. Unter den Fundamenten fanden sich jedoch Spuren, die älter als 870 sind.
Gefundene Artefakte weisen auf eine unterschiedliche Nutzung der Gebäude hin. Das jüngere Gebäude sei demnach das typische Wohnhaus eines niedergelassenen Anführers gewesen. Die Gegenstände, die man in dem älteren Gebäude fand, dienten anderen Zwecken als für eine bäuerliche Siedlung mit ihren typischen Tätigkeiten typisch sind. Das lässt darauf schliessen, dass das ältere Gebäude weiter als Saisonstützpunkt genutzt und dann als Wohngebäude umgenutzt wurde.

Expats der alten Welt
Die Saisonstützpunkte sind ein in der nordischen Kultur bekanntes Phänomen. König, Anführer und Grossbauern schickten ihre Leute an solche Stützpunkte, weit von der Heimat entfernt, um dort die an dem jeweiligen Ort vorhandenen Tiere zu jagen und zu verarbeiten. Im Osten Islands waren das Fisch, Seehund, Vögel, möglicherweise Wale und Haie. Fleisch und Speck wurden vor Ort verarbeitet und etwa Öl aus dem Speck gewonnen. Die Erzeugnisse sind dann zum Herbst hin nach Hause verschifft und dort genutzt oder vermarktet worden.

Keine Nutztiere am Stützpunkt
Einer der Haupthinweise auf die nicht-bäuerliche Nutzung des älteren Gebäudes ist das völlige Fehlen von Nutztieren und Wollverarbeitung. Letztere findet sich in dem jüngeren Gebäude, wo sie wie auf allen bäuerlichen Höfen der Siedler ein wichtiger Teil der landwirtschaftlichen und häuslichen Arbeit war.
Eine grosse Menge an Funden im jüngeren Gebäude hingegen kann andere Gründe haben. Dort wurden nämlich mehr Gegenstände gefunden als in vielen anderen Anführerhallen in Island. „Man kommt nicht um den Gedanken herum, dass die Anzahl der Artefakte in Stöð nicht nur auf den Reichtum des Hofes zurückzuführen ist, sondern auch darauf, dass die Gegenstände eine Art endgültige Opferung des Gebäudes darstellen, als es verlassen wurde und man neue Wohnhäuser auf dem Hügel errichtete, wo seitdem der Bauernhof steht.“ heisst es im Grabungsbericht.
Dieser Schritt könnte auch mit der Übernahme des Christentums zusammenhängen, das sich langsam im Land durchsetzte und von Anführern als erstes übernommen wurde.

Stein mit eingeritztem Schiff älteste bildliche Darstellung in Island

Viking ship carving stone Stöð archaeology

Archäologen in Island haben einen Sandstein gefunden, in den ein Wikingerschiff eingeritzt ist. Dieser Stein könnte die älteste bildliche Darstellung sein, die je in Island gefunden wurde. Der Stein wurde am Ausgrabungsort Stöð im Stöðvarfjörður in einem Langhaus gefunden, das möglicherweise noch vor der Besiedelung errichtet worden sein könnte, berichtet RÚV.

Reich bestücktes Langhaus
Die ersten Erkundungsgrabungen in Stöð waren im Jahr 2015 unternommen worden. Seitdem sind Archäologen jeden Sommer an den Ort zurückgekehrt, um an der Freilegung eines Langhauses aus der Besiedlungszeit zu arbeiten. “Das Langhaus gehört zu den grössten, die je in Island gefunden wurden, es misst 31,4 Meter. In Skandinavien waren nur die Häuser der Anführer länger als 28 Meter. Es ist auch das am reichsten bestückte Langhaus, das in Island je ausgegraben wurde. Wir haben 92 Perlen und 29 Silbergegenstände gefunden, darunter römische Münzen und Münzen aus dem Mittleren Osten.” hatte der Archäologe Bjarni F. Einarsson Iceland Review im Jahr 2020 erklärt.

Ältestes Gebäude von vor der Besiedlung
Doch die Geschichte von Stöð geht noch weiter, denn unter dem Langhaus aus der Siedlerzeit fanden Archäologen dann ein noch älteres Langhaus, welches auf das Jahr 800 n.Chr. zurückdatiert wird, also 75 Jahre vor der offiziellen Besiedelung des Landes. Hier fehlten interessanterweise jegliche Hinweise auf Tierknochen. Doch nicht etwa weil die Bewohner frühe Vegetarier waren, sondern ganz im Gegenteil: “Meine Theorie ist dass das ältere Langhaus ein saisonales Jagdcamp war, betrieben durch einen norwegischen Häuptling, der Reisen nach Island ausstattete, um Werte zu sammeln und sie übers Meer nach Norwegen zu bringen.” erklärte Bjarni. Einer dieser Werte könnte Elfenbein von Walrössern gewesen sein: im Jahr 2019 konnten Untersuchungen und C14-Datierungen bestätigen, dass es in Island einmal eine heute ausgestorbene nordatlantische Walrossart gegeben hat.

Erster in Island gefundener geritzter Stein
Der kleine, aber bemerkenswerte Sandstein mit dem eingeritzten Wikingerschiff unter vollen Segeln war in den Wänden des älteren Langhaus gefunden worden. Solche in Knochen, Holz und Stein eingeritzten Schiffszeichnungen sind recht häufige Funde in den nordischen Ländern, doch dies war der erste Fund in Island und sehr wahrscheinlich die älteste bildliche Darstellung, die je auf der Insel aufgetaucht ist.
In diesem Frühjahr hatten die Archäologen ein grösseres Gebiet in Stöð per Geoskop untersucht und Hinweise auf noch mehr bauliche Strukturen und Bootsgräber gefunden. Viel ist nicht bekannt über die frühe Besiedelung des Landes, aber die Anzahl von in Stöð gefundenen Perlen, Münzen und Silber weisen auf einen bemerkenswerten Reichtum und Handel hin.

Seltener Textilfund bei Ausgrabung in Seyðisfjörður

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Bei Ausgrabungen in Seyðisfjörður sind Teile einer Frauenkleidung gefunden worden, berichtet RÚV. Einer Archäologin zufolge kommt es äusserst selten vor, dass man Kleidung aus der Wikingerzeit findet, erst recht in Island.
Die Ausgrabung hatte 2021 stattgefunden, bevor dort eine Lawinenschutzanlage unterhalb des Bjólfur errichtet wurde. Man fand Siedlungsreste aus 1000 Jahren, die ersten aus dem 10. Jahrhundert, und bis ins 20. Jh war an diesem Ort gewohnt worden. Gegen Ende der Untersuchung stellte sich dann heraus, dass im Jahr 1100 eine Lawine auf den damaligen Hof abgegangen war. Unter den Erdmassen fanden sich vier Grabhügel mit Menschen- und Tierknochen, Bootsreste und alle möglichen Gegenstände. Eins der Gräber war unberührt, dort lag eine Frau begraben. In ihrem Grab fanden sich unter anderem Bronzenadeln und Perlen, sowie eine Schere, und grosse Textilreste.

Kleidungsreste sind Puzzleteile
„Hier haben wir das bemerkenswerte Grab einer Frau. Diese Reste geben Hinweis darauf, dass sie in drei Kleidungsstücke gewandet war,“ erklärt Marianne Vedeler, eine Archäologin und Textilsachverständige. „Diese kleinen Stücke sind Teil eines Puzzlespiels, um herauszufinden, wie sie gekleidet war.“
Marianne sagt, man könne aus den Textilresten viel erkennen, obwohl sie nicht grösser seien, und das sei nicht zuletzt den Archäologen zu verdanken, die bei der Ausgrabung alle Funde ganz genau vermerkt hatten. Die Nadeln und Klemmen aus der Wikingerzeit fänden sich hin und wieder, aber es sei doch sehr besonders, dass man welche mit Textilresten finde. Die zeigten, wie die Nadeln am Kleid befestigt waren. Man hat Unter- und Oberkleid gefunden, unter anderem ein blauer Umhang mit Verzierung. Zu klären bleibt, wie die blaue Farbe hergestellt wurde.
“Das Grab stammt aus dem 10. Jh, darauf weist das Kleid hin, welches typisch für skandinavische Frauen aus dieser Zeit war. Die Kleidung war in Dänemark ein bisschen früher aus der Mode gekommen, später dann in Norwegen und Island. Das ist eine etwas spätere Ausführung dieses Frauenkleids.“ Marianne hält den Fund für bemerkenswert.

Seltener Fund
„Das ist sehr selten, dass man erhaltene Kleidungsreste aus der Wikingerzeit findet, das gilt für alle Orte der Wikinger. Das hängt davon ab, wie die Erhaltung im Erdreich gewesen ist. Und in Island ist es erst recht selten, dass man Textilreste findet, und wenn wir solche grossen Stücke finden wie hier, und das so gut zuordnen können, dann würde ich das einen ausserodentlichen Fund nennen.“
Auch wenn man nicht weiss, wer die Frau gewesen ist, zeigen die Funde und wie die Tote zu Grabe gelegt worden war, dass sie sehr gut und passend gekleidet war. Die Textilreste befinden sich auf dem Weg in Labore nach Kopenhagen und Brüssel, und Marianne ist schon sehr gespannt auf die Untersuchungsergebnisse vor allem der Wolle, denn die dürfte einiges zu erzählen haben.

Ausgrabung “live” im Freilichtmuseum Árbær

Archaeology

Im Freilichtmuseum Árbær in Reykjavík startet in diesen Tagen eine neue archäologische Ausgrabung, um Strukturen aus dem 13. bis 17. Jahrhundert freizulegen. Dabei können Museumsbesucher “live” an Grabung und dem Gewinn neuer Erkenntnisse teilhaben, wie es in einer Pressemitteilung des Museums hiess.
Árbær war bis weit ins 20 Jh eine wirtschaftender Bauernhof, bevor er dann im Jahr 1957 zum Museum wurde. Heute gibt es im Freilichtmuseum mehr als 20 Gebäude – die meisten von ihnen wurden aus dem Stadtzentrum dorthin umgezogen. Aus den Gebäuden wurden ein Marktplatz, ein Dorf und ein Bauernhof gestaltet.

Nun also gibt es weitere Ausgrabungen, bei denen ein Team aus Archäologen und Studenten der Archäologie den Ursprüngen des Bauernhofes Árbær auf den Grund gegen möchten. Denn gewohnt wurde in Árbær nachweislich seit dem 10. Jahrhundert. Der Fokus liegt jedoch auf Strukturen aus dem 13. bis 17. Jahrhundert.

Und dann ist da noch der Aschehaufen, eine Schatztruhe, in der sich Artefakte und Tierknochen aus verschiedenen Siedlungsperioden finden.
“Seit Beginn der Grabungen im Jahr 2016 sind mehr als 1800 Artefakte zusamengetragen worden, von Schrauben, Nägeln und Scheren bis hin zu Schleifgeräten, Vorschlaghammern, Glasflaschen, Perlen, Nummern und Buchverzierungen. Die Funde liefern überzeugende Beweise dafür, dass Árbær im 17. Jahrhundert reichlich Zugang zu importierten Haushaltswaren hatte, insbesondere in Bezug auf Geschirr für Speisen und Getränke. Zu den Entdeckungen gehören auch Fragmente komplexer Glasbehälter, Messer und Kochgefäße, die einst bei großen Festen verwendet wurden.“

Das Forschungsprojekt mit dem Titel “Die alten Wurzeln von Árbær” (Fornar rætur Árbæjar) möchte die Geschichte des Hofes von seinen Anfängen erforschen und Licht auf den landwirtschaftlichen Betrieb und das tägliche Leben seiner Bewohner werfen. „Wenn man bedenkt, dass die frühesten schriftlichen Quellen über den Hof aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammen, dann könnte dieses Unterfangen das Verständnis über das Leben an diesem Ort erheblich erweitern. Es kommt selten vor, dass Stadthügel in Island derart umfassend untersucht werden, und die Tatsache, dass diese Ausgrabungen in einem musealen Umfeld stattfinden, in dem Besucher die Enthüllung neuen Wissens „live“ miterleben können, macht dieses Unterfangen geradezu einzigartig. ”

 

Drohnen können bei Ausgrabungen hilfreich sein

Drohnen können wichtige Vorarbeit bei archäologischen Ausgrabungen leisten. Die Fluggeräte helfen nicht nur dabei, 3D-Modelle von Ausgrabungsgebieten zu erstellen, sondern können auch Siedlungsreste per Thermografie auffinden, berichtet RÚV.

Zum ersten Mal war die archäologische Nutzung von Drohnen vor zwei oder drei Jahren in Island ausprobiert worden. Das Fluggerät schwebt dabei über einem markierten Bereich und nimmt unzählige Bilder des gleichen Fleckens auf einmal auf, welche dann später in ein 3D-Modell umgewandelt werden.
Der Archäologe Gunnar Grímsson sieht in der Technologie eine grosse Zeitersparnis.
“Damit kann man viele Spuren in sehr kurzer Zeit finden,” meint er. “Darunter auch Spuren, die man nur sehr schlecht an der Oberfläche erkennt. Oder gar nicht, wenn man auf dem Gebiet steht. Eigentlich nehme ich eine elektronische Kopie des Gebietes auf, und da bekomme ich den kleinsten Höhenunterschied, und damit die Linien von archäologischen Überresten.”

Dem Auge entgeht vieles
Zur Zeit legt er eine Karte des Arnarfjörður in den Westfjorden an. Er beginnt dort von Norden aus und will auf diese Weise den grössten Teil des Fjordes kartieren. Ein zeitaufwendiges Vorhaben, doch hilft die Drohne ihm dabei, Zeit zu sparen und vielleicht sogar Spuren zu finden, die ansonsten übersehen worden wären. Die Bilder werden gesammelt und im Computer zusammengesetzt.
“Diese Bilder werden dann nach archäologischen Spuren durchforstet, und wir versuchen, Gebäudelinien zu finden. Normalerweise ist sowas rechteckig, oder viereckig. Wenn das nur ein bisschen aus dem Boden herausragt, können wir das im Modell sehr gut erkennen.”

Mauern geben Wärme ab
Thermografiebilder sind ebenfalls ein probates Hilfsmittel, um Spuren zu entdecken, die dem menschlichen Auge sonst verborgen bleiben würden. Manche Überreste speichern tagsüber Wärme aus der Sonne und geben sie des Nachts ab.
Gunnar berichtet von einem Foto, welches nachts um halb vier in einer Ausgrabungsstätte aufgenommen wurde. Auf dem Foto sieht man einen Temperaturunterschied, der durch eine alte Grassodenmauer verursacht wird.
Bislang seien viel zu wenig Drohnen in Island in wissenschaftlichem Einsatz. Sie könnten dabei helfen, die vielen unentdeckten Stätten zu kartieren und die archäologische Auswertung erleichtern.

 

Ausgrabung im Stöðvarfjörður könnte Besiedlungsgeschichte neuschreiben

Stöð Stövarfjörður Viking Age excavation

Die Ausgrabung einer Wikingersiedlung in Ostisland wirft ein klareres Licht auf die Besiedlungsgeschichte des Landes, auch in Bezug auf saisonale Siedlungen, reichausgestattete Langhäuser und die Walrossjagd lange bevor die Insel dauerhaft besiedelt wurde. In der Ausgrabungsstätte Stöð im Stöðvarfjörður wurden Hinweise gefunden, die auf ein Betreten der Insel Jahrzehnte vor dem bislang angenommenen Besiedlungsdatum 874 v.Chr. hindeuten.

Eins der ältesten ausgegrabenen Langhäuser
Bjarni F. Einarsson, der Ausgrabungsleiter in Stöð, hatte seine Grabung im Jahr 2015 aufgenommen. Die Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen, doch es gibt bereits beachtliche Erkenntnisse zur Frühgeschichte in Island.
“Zur Zeit graben wir einen wikingerzeitlichen Hof aus, der meiner Schätzung nach aus den Jahren 860 bis 870 n.Chr stammt.” Das Langhaus gehört mit 31,4 Metern zu den grössten, die in Island je gefunden wurden. “Es ist auch das reichste Langhaus was je in Island freigelegt wurde. Wir haben 92 Perlen und 29 Silberobjekte gefunden, darunter römische und arabische Münzen.” Der Perlenschatz ist doppelt so gross wie die beiden bislang gefundenen zusammen und einer der grössten Perlenschätze, die je in einer wikingerzeitlichen Stätte in Skandinavien ausgegraben worden sind.

Errichtet auf Ruinen
Vielleicht noch interessanter ist die Tatsache, dass der Hof auf den Ruinen eines noch älteren Langhauses errichtet wurde. “Es war innerhalb der zusammengefallenen Mauern einer älteren Struktur errichtet worden, die riesengross gewesen sein muss, mindestens 40 Meter lang.”

Die bislang grössten gefundenen Langhäuser in Skandinavien hatten eine Länge von 50 Metern. “Dies scheint mindestens so alt zu sein wie die ältesten Strukturen, die wir zuvor in Island ausgegraben haben. Auf der Grundlage von Radiocarbonanalyse und anderen Hinweisen schätze ich, dass diese Strukturen aus dem Jahr 800 stammen.”

Bjarni glaubt, dass das ältere Langhaus ein saisonales Jagdcamp war. Solche Camps hat es in anderen Teilen der Insel auch gegeben. “Wir haben mehrere Orte in Island gefunden, wo wir menschliche Spuren von vor dem Jahr 874 bestätigen können. Einer dieser Orte ist Aðalstræti in Reykjavík, aber auch Vogur in Hafnir [Südwestisland].”

Walrosszahn begehrte Handelsware
Saisonale Camps haben möglicherweise eine wichtige Rolle bei der Besiedlung gespielt, weil sie wertvolle Resourcen in Aussicht stellten und damit weitere Erkundungszüge und Besiedelung finanzierten. Neuere paläoökologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass die wertvolle Resource, die die ersten Besucher nach Island zog, der Stosszahn des Walrosses gewesen ist. Walrosselfenbein war im 9. Jahrhundert in Europa ein gefragter Rohstoff, ähnlich wie der Tran und die Haut des Tieres. Vor allem wurden hohe Preise gezahlt: ein einzelner Stosszahn war soviel wert wie der Jahreslohn eines Knechtes.

Im Jahr 2019 ergab die Datierung von in Island gefundenen Walrosszähnen, dass sie zu einer bislang unbekannten Unterart des atlantischen Walross gehörten. Das isländische Walross hat offenbar über tausende von Jahren an den Stränden der Insel gelebt, mindestens seit 7000 v.Chr, und es verschwand von der Bildfläche kurz nach dem Auftauchen der Siedler.

Saisonale Jagdcamps wie das im Stöðvarfjörður waren Bjarni zufolge eine bekannte Siedlungsform der wikingerzeitlichen Expansion im Westatlantik.
“Die wikingerzeitliche Siedlung in Neufundland, in L’Anse aux Meadows, war ein Camp diesen Typs, sehr ähnlich dem in Stöð, betrieben von isländischen oder grönländischen Stammesführern. Die neusten Forschungsergebnisse zeigen eine Nutzung über einen Zeitraum von 150 Jahren, bevor der Ort aufgegeben wurde.”