Hausarztmangel nimmt dramatische Formen an

Rund 200 Hausärzte fehlen in Island, um den Personalstandard zu erfüllen. Die Vorsitzende des Ärzteverbandes sagt, der Druck auf das Gesundheitssystem sei noch nie so groß gewesen und der Ärztemangel inakzeptabel.

Bevölkerungswachstum verlangt nach mehr Ärzten
Um die 200 Hausärzte sind in Islands Gesundheitszentren tätig, benötigt würden allerdings 400. In diesen Tagen plagen Atemwegserkrankungen die Patienten und vergrössern die Belastungen für das Gesundheitssystem noch zusätzlich. In der Notaufnahme stehen die Leute Schlange, Wartezeiten von bis zu die Stunden sind keine Seltenheit. Aus der Uniklinik Landspítali hiess es, in der dortigen Ambulanz müsse bis zu acht Stunden gewartet werden.
Verbandsvorsitzende Steinunn Þórðardóttir sagte RÚV gegenüber, die Zahl der Ärzte habe nicht mit dem raschen Bevölkerungswachstum in Island und der zunehmenden Alterung Schritt gehalten. Sie hält es für nicht verwunderlich, dass Leute schlechten Service und beschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung erleben. Die Belastung sei höher als je zuvor.

Ermüdung und Abwanderung
Im vergangenen Herbst hatte der Gesundheitsminister eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die prüfen soll, woran es hakt im Gesundheitswesen. Steinunn rät, sich bei der Prüfung nicht zuviel Zeit zu lassen, ihre Kollegen seien müde, viele wären chronisch krank und mancher Arzt suche sich gar einen Job ausserhalb der Branche, was die Lage nur verschlimmere. Sie fordert, dass das Arbeitsumfeld der Beschäftigten im Gesundheitswesen verbessert werden müsse. Auch gegen die Zeitverschwendung der Ärzte müsse vorgegangen werden, damit sie besser sich ihrer eigentlichen Tätigkeit widmen können.

Nur 50% haben einen Hausarzt
In Islands Hauptstadt Reykjavík hat Daten der Krankenversicherung zufolge nur jeder Zweite einen festen Hausarzt, obwohl es Ziel der Regierung ist, dass jeder Einwohner bei einem Hausarzt registriert ist, berichtet Vísir. Vorgesehen ist dass jeder Hausarzt 1200 Patienten in seiner Kartei haben kann. Aber auch in Reykjavík fehlt es überall an Hausärzten, und eigentlich sei die Lage der Gesundheitszentren – vergleichbar mit den Hausarztpraxen – viel schlimmer als die der Universitätsklinik, sagt Margrét Ólafía Tómasdóttir, die Vorsitzende des isländischen Hausarztverbandes.
Vor der Situation sei oft und lange gewarnt worden. Ein Grund für den Mangel liege darin, dass ein Grossteil der praktizierenden Hausärzte ins Rentenalter kommt und sich zur Ruhe setzt. Man hoffe, dass sich in den kommenden fünf bis zehn Jahren eine neue Generation speziell ausgebildeter Hausärzte für den Dienst entscheidet.

 

Gravierender Hausärztemangel ist besorgniserregend

Island hat den geringsten Prozentsatz an Hausärzten in ganz Europa, auf 100.000 Bewohner kommen nur 60 Allgemeinmediziner. In einem Interview mit dem Fréttablaðið sagte die Vorsitzende des isländischen Ärztebundes, Steinunn Þórðardóttir, diese Zahlen seien besorgniserregend, sowohl was eine adäquate medizinische Versorgung der Patienten angehe wie auch in Bezug auf die Arbeitslast der einzelnen Mediziner. Am dramatischsten sei der Mangel an Kinderärzten.
Den 60 Ärzten auf der Insel stehen in Europa durchschnittlich 100 Ärzte für 100.000 Patienten gegenüber. Die meisten skandinavischen Länder haben sogar doppelt soviele Ärzte für ihre Einwohner.

Medizinausbildung im Ausland
In Island kann man weder Humamedizin noch Veterinärmedizin bis zum Examen studieren, daher müssen Medizinstudenten ins Ausland gehen, um ihr Studium abzuschliessen. Viele bleiben dann einfach dort. Zur Zeit arbeiten 847 isländische Ärzte im Ausland. Steinunn macht vor allem die harten Arbeitsbedingungen auf der Insel für die Abwanderung verantwortlich. Um Ärzte davon abzuhalten, sich einen Job im Ausland zu suchen und Mediziner nach Hause zu holen, müsste das Gesundheitssystem die Arbeitsbedingungen verbessern.
Weil es auch an Spezialisten auf anderen Gebieten fehle, müssten viele Allgemeinmediziner zusätzlich auch als Psychiater oder Sozialarbeiter tätig sein. Eine unklar definierte Tätigkeitsbeschreibung erschwert die Arbeitslast da nur noch mehr.
Kern des Problem sei es, so Steinunn, dass Island einfach zu wenig Ärzte und Krankenschwestern ausbilde. An der Universität werden jedes Jahr 60 Bewerber für ein Medizinstudium zugelassen, aber viele beginnen ihr Studium auch direkt an einer ausländischen Hochschule.
Steinunn sagt, Island könne nicht erwarten, dass andere Länder in die Bresche springen. Die Universität des Landes müsse ihre Kapazität und Ausbildungsangebot erweitern.

Zuwenig Krankenschwestern  und Lehrer
Nicht nur an Allgemeinmedizinern mangelt es im Lande, auch Krankenschwestern gibt es viel zu wenige, nicht zuletzt weil viele ihre Posten nach der anstrengenden COVID-19 Pandemie verlassen haben und sich weniger anstrengenden Tätigkeitsfeldern widmen.
Isländische Krankenschwestern absolvieren ihr vierjähriges Studium an der Universität, für den Beruf der Hebamme kommen noch einmal zwei Jahre dazu. Ausländische Interessenten, die nur eine nicht-akademische Berufsausbildung in dem Bereich haben, müssen beim Gesundheitsamt eine Berufslizenz beantragen, um in ihrem Beruf arbeiten zu dürfen.

Auch in anderen Bereichen der isländischen Gesellschaft sieht es mit Personal düster aus. Magnús Þór Jónsson, der Vorsitzende des isländischen Lehrerverbandes, sprach kürzlich über die Schwierigkeiten, genügend Lehrer für das kommende Winterschulhalbjahr zu finden. Während der Pandemie hätten Lehrer sich an ein verändertes Lehrumfeld gewöhnen müssen, mit damit verbundenen Verantwortungen und zusätzlicher Arbeitslast. Magnús zufolge haben viele Lehrer ihren Job aufgegeben, weil sie vorübergehend eine andere Arbeit gefunden haben oder einen Job mit besseren Arbeitsbedingungen. .