Vier Ärzte weniger im Gesundheitszentrum von Akureyri

Akureyri

Im Gesundheitszentrum Akureyri sind zwei Oberärzte gekündigt worden. Ausserdem haben zwei Hausärzte ihre Kündigung eingereicht, berichtet RÚV. Der Geschäftsführer des Gesundheitszentrums bezeichnet den Weggang der Mediziner als Grund zur Besorgnis, weil es ohnehin an Hausärzten in der Stadt mangele.

Beide Oberärzte des Gesundheitszentrums hatten Anfang Oktober ihre Kündigung erhalten. Daraufhin hatte die Belegschaft eine Mitteilung veröffentlicht und erklärt, dass das Vertrauen in die Geschäftsführung nicht mehr vorhanden sei. Ausserdem forderte sie die Geschäftsführung auf, die Kündigungen zurückzunehmen. Einer der beiden gefeuerten Oberärzte bewarb sich erneut auf seine alte Stelle, der andere arbeitet jetzt bei Heilsuvernd, eine Art privatisiertes Gesundheitszentrum. Nach den beiden Oberärzten haben nun auch zwei Hausärzten das Gesundheitszentrum verlassen.
In Island fungieren die Gesundheitszentren wie Arztpraxen, beinahe alles ausser Operationen wird dort behandelt, und wer zu einem Spezialisten will oder muss, benötigt aus dem Zentrum eine Überweisung. Die private Niederlassung von Ärzten ist eher unüblich.

Belastung und Personalknappheit
Arngrímur Vilhjálmsson ist einer der beiden Hausärzte. Er sagt, der Weggang der erfahrenen Mediziner habe ihn dazu gebracht, seine Kündigung einzureichen. “Wir haben immer wieder über Belastung und Personalknappheit geklagt. Auch fehlende Wohnmöglichkeiten sind zur Sprache gekommen. Wir haben einfach nicht die Unterstützung bekommen, die wir von der Geschäftsführung wollten” sagt er.

HSN-Geschäftsführer Jón Helgi Björnsson gab an, die Besetzung der freien Stellen sei kompliziert. “Solche erfahrene Hausärzte zu finden, das braucht ein bisschen Zeit.”
Etwa die Hälfte der Bewohner von Akureyri, oder 9000 Einwohner, haben keinen Hausarzt. Daran wird sich auch so bald nichts ändern, so Jón, jedenfalls nicht solange erfahrene Kräfte ihren Hut nehmen.

Man tue alles, damit bei der gesundheitlichen Versorgung der Leute von Akureyri keine Einschnitte nötig werden. Und bald werde auch nach Ärzten inseriert. Das Gesundheitszentrum hofft ausserdem auf das Interesse von Medizinstudenten.
Beim HSN lernen derzeit 13 Medizinstudenten häusliche Medizin. Jón erklärt, im Langfristplan wolle man ohnehin die Zahl der Hausärzte wieder aufstocken, und so könne man die Studenten gleich in ihrem Job anlernen. Darauf konzentriere sich das Zentrum derzeit.

Gravierender Hausärztemangel ist besorgniserregend

Island hat den geringsten Prozentsatz an Hausärzten in ganz Europa, auf 100.000 Bewohner kommen nur 60 Allgemeinmediziner. In einem Interview mit dem Fréttablaðið sagte die Vorsitzende des isländischen Ärztebundes, Steinunn Þórðardóttir, diese Zahlen seien besorgniserregend, sowohl was eine adäquate medizinische Versorgung der Patienten angehe wie auch in Bezug auf die Arbeitslast der einzelnen Mediziner. Am dramatischsten sei der Mangel an Kinderärzten.
Den 60 Ärzten auf der Insel stehen in Europa durchschnittlich 100 Ärzte für 100.000 Patienten gegenüber. Die meisten skandinavischen Länder haben sogar doppelt soviele Ärzte für ihre Einwohner.

Medizinausbildung im Ausland
In Island kann man weder Humamedizin noch Veterinärmedizin bis zum Examen studieren, daher müssen Medizinstudenten ins Ausland gehen, um ihr Studium abzuschliessen. Viele bleiben dann einfach dort. Zur Zeit arbeiten 847 isländische Ärzte im Ausland. Steinunn macht vor allem die harten Arbeitsbedingungen auf der Insel für die Abwanderung verantwortlich. Um Ärzte davon abzuhalten, sich einen Job im Ausland zu suchen und Mediziner nach Hause zu holen, müsste das Gesundheitssystem die Arbeitsbedingungen verbessern.
Weil es auch an Spezialisten auf anderen Gebieten fehle, müssten viele Allgemeinmediziner zusätzlich auch als Psychiater oder Sozialarbeiter tätig sein. Eine unklar definierte Tätigkeitsbeschreibung erschwert die Arbeitslast da nur noch mehr.
Kern des Problem sei es, so Steinunn, dass Island einfach zu wenig Ärzte und Krankenschwestern ausbilde. An der Universität werden jedes Jahr 60 Bewerber für ein Medizinstudium zugelassen, aber viele beginnen ihr Studium auch direkt an einer ausländischen Hochschule.
Steinunn sagt, Island könne nicht erwarten, dass andere Länder in die Bresche springen. Die Universität des Landes müsse ihre Kapazität und Ausbildungsangebot erweitern.

Zuwenig Krankenschwestern  und Lehrer
Nicht nur an Allgemeinmedizinern mangelt es im Lande, auch Krankenschwestern gibt es viel zu wenige, nicht zuletzt weil viele ihre Posten nach der anstrengenden COVID-19 Pandemie verlassen haben und sich weniger anstrengenden Tätigkeitsfeldern widmen.
Isländische Krankenschwestern absolvieren ihr vierjähriges Studium an der Universität, für den Beruf der Hebamme kommen noch einmal zwei Jahre dazu. Ausländische Interessenten, die nur eine nicht-akademische Berufsausbildung in dem Bereich haben, müssen beim Gesundheitsamt eine Berufslizenz beantragen, um in ihrem Beruf arbeiten zu dürfen.

Auch in anderen Bereichen der isländischen Gesellschaft sieht es mit Personal düster aus. Magnús Þór Jónsson, der Vorsitzende des isländischen Lehrerverbandes, sprach kürzlich über die Schwierigkeiten, genügend Lehrer für das kommende Winterschulhalbjahr zu finden. Während der Pandemie hätten Lehrer sich an ein verändertes Lehrumfeld gewöhnen müssen, mit damit verbundenen Verantwortungen und zusätzlicher Arbeitslast. Magnús zufolge haben viele Lehrer ihren Job aufgegeben, weil sie vorübergehend eine andere Arbeit gefunden haben oder einen Job mit besseren Arbeitsbedingungen. .

Universitätsklinik braucht 1 Mrd. Kronen zusätzlich für Löhne

Emergency room

Die Universitätsklinik in Reykjavík benötigt etwa eine Milliarde ISK (7,2 Mio EUR) zusätzlich aus dem Staatssäckel, um Löhne auszahlen zu können, die mit Abschluss der Tarifverhandlungen im Frühjahr zugesagt worden waren, berichtet RÚV. Derzeit überlegt der parlamentarische Hauhaltsausschuss, wie man diese Angelegenheit angeht. Klinikvertreter liessen wissen, dass wenn keine Gelder einträfen, man Dienstleistungen beschneiden oder das Krankenhaus mit Defizit betreiben müsse.

Ebba Margrét Magnúsdóttir, die Vorsitzende des Ärzterates, sagte dass die Regierung den finanziellen Bedarf der Klinik zu gering kalkuliert habe, nachdem die Tarifverhandlungen unter Dach und Fach gewesen waren. Informationen der Klinik zufolge werden 500 Millionen Kronen benötigt, um die Gehaltserhöhungen auszahlen zu können, die nach einer Vereinbarung mit den Ärzten im Jahr 2017 ausgelegt worden waren.

Die doppelte Summe wird benötigt, um die Gehaltserhöhungen der gesamten medizinischen Belegschaft zahlen zu können.

Gesundheitsministerin Svandís Svavarsdóttir sagte, dass auch wenn es langfristig wichtig sei, die Finanzierung des Gesundheitswesens sicherzustellen, dieses besser organisiert werden müsse und schlug vor, dass die neue Gesundheitspolitik der Regierung Teil der Finanzierung werde.

Die Universitätsklinik hat bereits umfangreiche Restrukturierungen hinter sich, um das betriebliche Defizit auszugleichen. Die leitenden Positionen im Krankenhaus sind reduziert worden, die Schichtzulagen von Krankenschwestern und Hebammen wurden gekürzt. Ebba findet jedoch, dass dies Massnahmen seien, die die Klinik nicht hätte ergreifen sollen.

“Die Leute an der Basis haben die Nase voll,” sagte sie.