Vier Parlamentarier wollen Blutstutenhaltung verbieten Skip to content
Photo: Dagmar Trodler.

Vier Parlamentarier wollen Blutstutenhaltung verbieten

Die sogenannte Blutstutenwirtschaft steht im Fokus eines Änderungsantrags zum geltenden Tierschutzgesetz, den vier Abgeordnete von Volkspartei und Piraten dem isländischen Parlament vorgelegt haben. Sollte der Änderung zugestimmt werden, könnte es in Zukunft verboten sein, tragenden Stuten in Island Blut literweise abzuzapfen, um es zu verkaufen oder weiterzuverarbeiten.

Wirtschaftszweig im Wachsen
Im Text zum Änderungsantrag wird ausgeführt, dass es in Island eine Industrie gibt, die aus dem Blut von tragenden Stuten das Hormon PMSG (Pregnant Mare Serum Gonadotropin) gewinnt. Aus diesem Hormon wird ein Fruchtbarkeitsmedikament für Nutztiere produziert. PMSG ist sehr teuer, daher hat die Blutstutenwirtschaft in der Vergangenheit in Island an Umfang zugenommen. “Im Jahr 2019 wurden 5036 Stuten für diesen Zweck genutzt. Mancherorts ist das eine ausgedehnte Wirtschaft mit bis zu 200 Stuten zur Blutproduktion. Finanzielle Anreize werden in Aussicht gestellt, um die Produktion hochzuhalten. Blutstuten müssen so oft wie nur möglich abfohlen, bis sich kein Hormon mehr in ihrem Blut findet, dann werden sie geschlachtet. Die Fohlen landen alle in der Schlachtung.”

Empfohlene Höchstmenge wird überschritten
Das isländische Tierschutzgesetz schützt Tiere gegen unmenschliche Behandlung. Demnach ist es verboten, die Kraft und Ausdauer eines Tieres zu überfordern, oder Tiere auf andere Art zu verletzen.
“In den Richtlinien für Tierversuche an der Technischen Hochschule in Virgina (USA) wird empfohlen, einer Stute nicht mehr als 10 Prozent der Gesamtblutmenge im Abstand von vier Wochen abzuzapfen, und nicht mehr als 7,5 Prozent der Gesamtblutmenge, wenn die Blutentnahme wöchentlich stattfindet. Hierzulande geht man viel weiter. Wenn sich das Hormon im Blut der Stuten findet, wird wöchentlich Blut abgezapft, jedesmal fünf Liter, sieben bis achtmal während des Sommers. Das isländische Pferd ist kleiner als ausländische Rassen, daher liegt die Blutmenge bei isländischen Stuten bei 35 bis 37 Litern. Hier wird also wöchentlich über die Dauer von zwei Monaten etwa 14 Prozent der Blutmenge abgezapft.”

Der Text zum Ergänzungsvorschlag kritisiert, dass dieser Betriebszweig bei der Vorlage zum Tierschutzgesetz nicht erwähnt worden sei, er werde weder im Regelwerk zum Pferdewohl noch im Gesetz zum Schutz von Versuchstieren gesondert behandelt. Nirgendwo stehe, wie weit bei der Blutentnahme gegangen werden darf, wie oft einer tragenden Stute wieviel Blut abgezapft werden darf, oder wie die Ausrüstung dafür aussehen muss.
“Das ist absolut unakzeptabel, wenn man bedenkt, wie umfangreich dieser Wirtschaftszweig hierzulande ist.” schreiben die Autoren des Änderungsvorschlags. Die Abgeordnete der Piraten, Olga Margrét Cilia, die den Änderungsvorschlag mit unterstützt, sagte gegenüber Iceland Review, sie habe von dem Business vorher nichts gewusst, aber die Vorgehensweise höre sich “brutal” an und das Tierwohl habe keine Priorität bei der Durchführung.
Initiatorin der Vorlage ist die Vorsitzende der Volkspartei, Inga Sæland, gestützt vom Parteikollegen Guðmundur Ingi Kristinsson, sowie von den beiden Abgeordneten der Piratenpartei, Olga Margrét Cilia und Sara Elísa Þórðardóttir.

Nicht mit dem Tierschutzgesetz konform
Es seien Todesfälle bei der Blutentnahme vorgekommen, allerdings gebe es keine öffentlichen Zahlen zu Todeszahlen von isländischen Blutstuten in den Sommermonaten. “Auch wenn Stuten nicht bei der Blutentnahme verenden, kann der Wirtschaftszweig negative Auswirkungen auf ihr Leben und Wohlbefinden haben. Nach Angaben der Veterinäraufsichtsbehörde sind in den vergangenen drei Jahren bei drei Höfen mit Blutstutenwirtschaft Verwarnungen eingegangen.”
Es gehe nicht mit dem Tierschutzgesetz konform, Pferde zur Blutproduktion zu züchten, um daraus finanziellen Gewinn zu ziehen. Daher solle es verboten werden, tragenden Stuten Blut abzuzapfen, um dieses zu verkaufen oder Produkte daraus herzustellen und zu vermarkten, heisst es in dem Änderungsvorschlag zum Tierschutzgesetz.

Schon im vergangenen Jahr hatte der Abgeordnete Guðmundur Ingi Kristinsson eine parlamentarische Anfrage zum Thema an den Landwirtschaftsminister gerichtet, die jedoch unbeantwortet geblieben war.
Auch ein Mitglied der Interessensvereinigung Jarðvinir hatte die Blutstutenwirtschaft, bei der aus den etwa 5000 Blutstuten jährlich 170.000 Liter Blut gewonnen wird, in einem Kommentar als nicht mit den Tierschutzgesetz vereinbar bezeichnet und seine Verwunderung darüber geäussert, dass der Fachrat für Tierwohl der Praktik zugestimmt habe. Die Genehmigung Nr. 279/2002 der Veterinäraufsichtsbehörde, die Jarðvinir dem Text zufolge vorliege, beziehe sich jedoch auf “Tierversuche” und nicht auf die wirtschaftliche Produktion von Blut. Die Hormonmenge im Blut werde Jarðvinir zufolge durch eine tägliche Blutprobe aus der Oberlippe der Stute bestimmt, ist die Menge hoch genug, beginnen die wöchentlichen Blutentnahmen aus der Halsvene, die ein Tierarzt durchführt.
Die Informationslage zu dem Business ist sehr mager. Die meisten Medientexte werden vom Geschäftsführer des blutverarbeitenden Unternehmens selbst verfasst, Insiderinformationen sind kaum zu bekommen. Jarðvinir schreibt, laut MAST würden in Island an den Stuten keine Trächtigkeitsabbrüche vorgenommen. Der Tierschutzaktivist Árni Stefán Árnason hingegen behauptet, von auf der Weide getöteten Fohlen und abgetriebenen Leibesfrüchten zu wissen und bezeichnet in seinem Kommentar die Blutstute als “Versuchstier, um die Fleischproduktion zu erhöhen.”

Nach Tierschutzskandalen in Südamerika hatten sich Pharmaunternehmen dem europäischen Blutstutenmarkt zugewandt. PMSG als Hormonpräparat ist in Deutschland ohne medizinischen Behandlungsgrund für Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen zugelassen, es erhöht die Fruchtbarkeit der Nutztiere und ermöglicht, Geburtstermine zu steuern und die Sauen öfter zu belegen. Hauptlieferant für das Hormon aus Stutenblut ist Island, weil dort die Stutenhaltung unter günstigen Voraussetzungen möglich ist.

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