Staatssender RÚV prangert Blutstutenhaltung an Skip to content
Photo: Dagmar Trodler.

Staatssender RÚV prangert Blutstutenhaltung an

Gestern Abend war im staatlichen TV-Sender RÚV eine Dokumentation über die Stutenblutgewinnung in Island zu sehen. Die Journalisten des Investigativmagazins Kveikur hatten sich aufgemacht, Blutfarmer zu befragen, aber nur eine Landwirtin gefunden, die nicht mehr im Geschäft ist und bereit war, vor der Kamera zu sprechen.

Sæland kritisiert MAST
Heute kritisierte Inga Sæland, die Vorsitzende der Volkspartei, die Veterinäraufsichtsbehörde MAST für ihre mangelnde Aufsichtsführung und Tatenlosigkeit und warf der leitenden Tierärztin der Behörde vor, ihren Aufgaben nicht gewachsen zu sein.
„Das kommt ja nicht unerwartet,“ sagt Inga. „MAST versagt seit vielen vielen Jahren, wenn nicht sogar einfach immer.“ Im vergangenen Jahr hatte der nationale Steuerprüfer ein vernichtendes Urteil zur Aufsichtsführung der Behörde abgegeben. Inga verlangt, dass bei MAST aufgeräumt und die Leitung ausgetauscht wird. Die Landwirtin, die im Filmbeitrag vor laufender Kamera aussagte, was mit ihren Blutstuten geschehen war, bezeichnete Inga als Heldin.
Bereits zum dritten Mal liegt dem Parlament von der Parteivorsitzenden ein Gesetzesentwurf zum Verbot der Blutwirtschaft vor.

Am eigenen Blut erstickt
Sæunn Þóra Þórarinsdóttir auf Lágafell in Landeyjar steht im Kveikur-Beitrag vor der Kamera Rede und Antwort. Sie hat im Jahr 2022 vier Stuten nach der Blutgewinnung verloren. Ihrer Einschätzung nach seien die beteiligten Tierärzte der Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Vom blutaufkaufenden Pharmaunternehmen Ísteka sei sie aufgefordert worden, die Kadaver so schnell wie möglich zu vergraben, damit die Tierschützer nicht Wind davon bekämen,  und den Mund über die Sache zu halten. Das vierte tote Pferd hat Sæunn dann auf eigene Verantwortung obduzieren lassen. Dabei stellte sich heraus, dass die bleistiftdicke Entnahmekanüle durch die Halsschlagader in den Kehlkopf der Stute gedrungen war. Das Pferd war noch im Fangstand an seinem eigenen Blut erstickt.
Der obduzierende Tierarzt habe ihr geraten, den Obduktionsbericht in der Schublade verschwinden zu lassen und nicht darüber zu reden. Sæunn ist nicht mehr bei Ísteka unter Vertrag und verkauft derzeit ihren Stutenbestand.

Meldepflicht für Todesfälle
Im Jahr 2022 war eine neue Verordnung in Kraft getreten, die eine weitaus strengere Kontrolle der Bluthöfe mit sich brachte. Unter anderem wurden die Höfe verpflichtet, am Jahresende eine Statistik über Vorfälle, Krankheiten und Todesfälle im Zusammenhang mit der Blutgewinnung abzuliefern. Dabei stellte sich heraus dass in 2022 weitaus mehr Stuten bei der Blutgewinnung verendet waren als im Jahr zuvor. Heimildin hatte seinerzeit berichtet, dass acht tote Stuten in den Statistik auftauchten.  Der isländische Tierschutzbund geht von einer höheren Dunkelziffer aus. Allerdings waren alle Kadaver vor Feststellung der Todesursache vergraben worden. Im letzten Jahr sind sechs tote Pferde verzeichnet. MAST hatte vor der Saison alle beteiligten Veterinäre zu einem Blutabnahmekurs verpflichtet.

Blutstuten sind nach EU-Recht Versuchstiere
Die oben genannte Verordnung fiel am 1. November 2023 ausser Kraft. An ihre Stelle trat eine Verordnung der EU zum Schutz von Tieren in Kraft, die für Versuchszwecke eingesetzt werden. Die Regulierungsbehörde der EFTA hatte Islands Regierung dafür gemassregelt, dass das Land eine „Sonderregel“ für die Blutstutenwirtschaft unterhalte. Treibende Kraft für das Eingreifen der EU waren isländische und Schweizer Tierschutzverbände gewesen, Videos des Schweizer Tierschutzbundes AWF hatten Tierquälereien während der Blutsaison offenbart. Eine Anzeige gegen die beteiligten Landwirte war im Sand verlaufen, eine neue Anzeige ist bei der Reykjavíker Polizei in Bearbeitung.
Doch das EU-Regelwerk kommt mit grossen Einschränkungen daher. „In erster Linie müssen strenge Auflagen hinsichtlich der Anzahl der Tiere eingehalten werden.“ erklärte die leitende Veterinärin bei MAST, Sigurborg Daðadóttir Vísir gegenüber. „Wie viele Tiere sind für die Durchführung eines Experiments mindestens erforderlich? Die grosse Zahl an Tieren, die es hier in Island gibt, da sind ja tausende von Stuten für Blut genutzt worden. Das wird nie funktionieren, wenn das unter Tierversuche fällt.“
Sollte es eine Genehmigung für die Blutgewinnung geben, dann werde die in diesem Jahr für weitaus weniger Stuten ausgestellt. Jeder einzelne Hof müsse eine Betriebsgenehmigung beantragen, danach müsse die Ísteka eine Genehmigung für Tierversuche beantragen, erklärt Sigurborg.

Lukrative Landwirtschaft
Die Ísteka ist das einzige Unternehmen in Island, welches Stutenblut aufkauft und daraus das Trächtigkeitshormon PMSG extrahiert. Das Hormon wird ins Ausland exportiert und dort zur Zyklussteuerung in der Schweinezucht und bei kleinen Ruminanten verwendet. Hauptabnehmer ist Deutschland. Für das isländische Unternehmen springt dabei ein Jahresumsatz von um die zwei Milliarden ISK heraus.
Im Februar hatte die Ísteka Klage gegen den isländischen Staat erhoben. Die Blutgewinnung sei keine Versuchstierhaltung, sondern ein Zweig der Landwirtschaft, und das seit mehreren Jahrzehnten, argmentierte das Unternehmen. Der isländische Bauernverband unterstützt die Blutstutenhaltung und befürchtet einen grossen Stellenverlust, wenn sich die Blutgewinnung nach der neuen Verordnung als unrentabel herausstellt.

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