Öffentliche Reaktionen auf Misshandlung von Blutstuten Skip to content

Öffentliche Reaktionen auf Misshandlung von Blutstuten

Nachdem am Montag das Video einer Schweizer Tierschutzorganisation über die Misshandlung von Blutstuten auf isländischen Höfen die Runde machte, haben die meisten Verbände mit mehr oder weniger klaren Worten Stellung gegen die gefilmten Praktiken bezogen.

Der Trainerverband FT verlangte von der Veterinäraufsichtsbehörde MAST, sie habe dafür zu sorgen, dass ausschliesslich gezähmte und charakterlich geeignete Stuten für die Blutgewinnung benutzt werden. Die Videoszenen verglich der Verband mit Horrorvideos aus ausländischen Schlachthäusern, mit dem Unterschied, dass die Blutstuten den Horror immer wieder erleben müssten. Gegen die Blutgewinnung selbst sprach der Verband sich nicht aus.
Islands Dachverband der Reitvereine LH veröffentlichte eine Erklärung, in der es hiess, der Verband verurteile die grausame Behandlung von Pferden und Tierquälerei jeglicher Art. Eine Behandlung von Pferden wie in dem Video sei nicht zu tolerieren, vielmehr unentschuldbar und füge dem Image der isländischen Reiterei unersetzbaren Schaden zu. “Der Verband fordert die Veterinäraufsichtsbehörde MAST auf, sicherzustellen, dass die Arbeitsweise bei der Behandlung von Pferden bei der Blutgewinnung akzeptabel ist.” Auch LH spricht sich nicht für ein Verbot des Blutfarmings aus.

Tierärzteverband fordert besseres Rahmenwerk
Die Vorsitzende des isländischen Tierärzteverbandes, Bára Eyfjörð Heimisdóttir, dachte laut darüber nach, ob der Umfang der Blutgewinnung aus tragenden Stuten in Island zu gross geworden sei und es daher schwer werde, den Wirtschaftszweig zu beaufsichtigen. Sie forderte alle Betreiber von Blutfarmen sowie alle Personen, die Entscheidungen zu Betriebsvoraussetzungen und Rahmenbedingungen treffen, auf, eine kritische Debatte zu führen und zu prüfen, was da eigentlich im Gange sei. Tierquälerei müsse ausgemerzt werden, und der Betreffende sofort seine Lizenz verlieren. Die Blutgewinnung ist in Island nicht lizenzpflichtig, aber die Bauern gehen einen Vertrag mit dem blutaufkaufenden Unternehmen Ísteka ein.
In einer Erklärung verurteilt der Verband die unmenschliche Behandlung im Video und weist auf die Wichtigkeit eines guten Rahmenwerks, klarer Betriebsbedingungen und einer starken Aufsicht durch die Behörden hin.

Landwirtschaftsminister Kristján Þór Júlíusson kommentierte Vísir gegenüber, die Vorgänge im Video seien “zutiefst beschämend”, doch befinde er sich nicht in der Position, jetzt und hier zu sagen, ob man mit der Blutgewinnung aufhören müsse. Die Aufsicht obliege MAST. Der Minister für Transportwesen und Gemeinden, Sigurður Ingi Jóhannsson, selbst ein Tierarzt, bezeichnete das Video als erschreckend, doch bezweifle er, dass ein solch brutales Vorgehen an der Tagesordnung sei. Er wisse, dass MAST in den vergangenen Jahren ihre Aufsicht über die Blutgewinnung verstärkt habe. Premierministerin Katrín Jakobsdóttir verwies auf den Landwirtschaftsminister, der den Fall zu prüfen habe, und der Film werfe doch Fragen zum Tierwohl auf.

Reiseleiter, FEIF und IPZV wollen sofortiges Verbot

Die Gewerkschaft der isländischen Reiseleiter drückt in einer Erklärung ihre Besorgnis über die Tierquälerei einiger Pferdebauern aus, sowie die Befürchtung, diese Behandlung schutzloser Tiere könne die Reputation Islands und die Interessen des isländischen Fremdenverkehrs ernsthaft schädigen. Die Gewerkschaft verlangt von der Regierung, die Blutgewinnung aus tragenden Stuten in Island sofort zu verbieten.
Auch international gibt es Wortmeldungen. Die FEIF, der internationale Dachverband der Islandpferdereiter, schreibt in ihrer Erklärung, der Verband verurteile die Praktiken und die Misshandlung von Stuten auf den Blutfarmen. Man begrüsse die Entscheidung der Europäischen Kommission, den Import und die innereuropäische Produktion von PMSG zu stoppen und unterstütze jeden Ansatz isländischer Behörden, diese Prozedur auch in Island vollständig zu stoppen.
Der deutsche IPZV schliesst sich der FEIF an, kritisiert jedoch explizit, dass der isländische Partnerverband LH sich nicht von der Blutwirtschaft distanziere. Man hoffe, dass internationale Proteste zu einem Verbot der Praktik führten.

Blutgewinnung nicht unethisch
Zur Zeit prüft der Fachrat für Tierwohl, wie auf die Misshandlung tragender Stuten zu reagieren ist. Ein im Fachrat sitzender Ethiker verwies darauf, seiner Ansicht nach sei die Nutzung der Stute zur Blutgewinnung ethisch nicht falsch und ein viel geringerer Eingriff als die Schlachtung. Dabei dürfe das Tier jedoch nicht leiden. Ganz offenbar brauche es jedoch eine bessere Aufsicht, und wenn sich dies als zu teuer erweise, müsse die Gesellschaft sich fragen, ob sie aus diesem Industriezweig nicht besser aussteige.

Island ist eins von weltweit fünf Ländern welches PMSG aus dem Blut tragender Stuten produziert. Die Extrahierung wird durch das Biotechnologieunternehmen Ísteka ehf vorgenommen. Aus den jährlich in Island gewonnenen 10 Kilogramm des Hormons wird ein Medikament produziert, welches die Fruchtbarkeit von weiblichen Tieren in Fleischfabriken erhöht. Gentechnisch hergestellte Alternativen sind teurer und umständlicher in der Anwendung. In einem Antrag an das Planungsbüro hatte die Ísteka angekündigt, ihre Aktivität in den kommenden Jahren um 100 Prozent zu steigern. Für die Produktion von 20 Kilogramm medikamentenfähigem Material müssen 600 Tonnen Blut aus tragenden Stuten gezapft werden. Zur Zeit werden auf 119 Höfen ca 5400 Stuten für die Blutgewinnung benutzt. Dabei müssen die Stuten jedes Jahr gedeckt werden, danach wird ihnen bei bis zu zehn Terminen pro Sommer jeweils fünf bis acht Liter Blut abgelassen. Nach Einschätzung der Veterinärbehörde stecken die tragenden Stuten mit säugendem Fohlen bei Fuss den Blutverlust von jedesmal 20 Prozent ihres Gesamtblutvolumens gut weg. Für die Kontrolle der Blutstutenhaltung über das Jahr ist MAST zuständig, die Aufsicht am Blutgewinnungstag selbst obliegt den Veterinären der Ísteka.

Fréttablaðið

Fréttablaðið schreibt, Islands Regierung habe sich offen gegen die industrielle Tierproduktion als eine der umweltfeindlichsten Industrien überhaupt ausgesprochen. Diese Industrie werde jedoch durch die isländische Blutfarmen nur weiter ausgebaut.

Gutachten fällten Antrag auf Verbot von Blutfarming
Im März diesen Jahres hatten mehrere Parlamentarier im Alþingi einen Antrag auf Verbot der Blutgewinnung aus tragenden Stuten eingebracht. Wie bei Kjarninn und Vísir zu lesen ist, war dieser Antrag von Lobbyisten bereits im Vorfeld zu Fall gebracht worden, er schaffte es nicht mal auf die Tagesordnung. In den Schriftstücken wurde der Antrag als dünn, armselig und beleidigend bezeichnet.
Für MAST schrieb der Anwalt für Tierwohl, Sigurjón Njarðarson, es sei Einschätzung der Behörde, dass die Blutgewinnung aus tragenden Stuten so wie sie hierzulande praktiziert werde, nicht gegen das Gesetz 55/2013 zum Tierwohl verstosse und nicht über die Kräfte und Ausdauer eines Tieres gehe oder es sonstwie verletze. Auch der Bauernverband sah in der Blutgewinnung keine Verletzung des Tierschutzgesetzes, überdies kümmere sich MAST um die Aufsicht.
Der Verband der Tierärzte sprach sich ebenfalls gegen den Gesetzentwurf aus, unter anderem weil die Blutgewinnung keine negative Auswirkung auf das Leben der Pferde habe. Der Arbeitgeberverband befand gar, dass die Rücksicht auf das Tierwohl im Fall der Blutgewinnung sogar vorbildlich sei. Es helfe nicht, auf katastrophale Zustände im Ausland zu verweisen, weil die nichts mit den Praktiken in Island zu tun hätten. Ein Verbot der Branche verhindere vielmehr ein lukratives Exportgeschäft, welches Gelder in den Staatshaushalt spüle.
Der Verband der Pferdezüchter blies ins gleiche Horn, die Blutwirtschaft sei ein alter Zweig und stets habe man das Tierwohl an erster Stelle gesehen. Man verwahre sich gegen den Vergleich mit Zuständen in Südamerika. “Die Bedingungen in diesen Ländern sind, nach allem was wir wissen, unterentwickelt und nicht vergleichbar mit dem Betrieb, der hier in Island stattfindet.”

Die beiden Tierärzte Gestur Júlíusson und Elfa Ágústsdóttir sahen gar die Standesehre in Gefahr und befanden den Gesetzentwurf in ihrem Schreiben an den Parlamentsausschuss als Schande für Antragsteller und Parlament. Die Blutgewinnung aus Stuten sei “ kein grosser Eingriff in Leben oder Tierwohl” der Pferde und sei “vergleichbar mit dem Melken, Hufbeschlag, Schafschur und ganz offenbar weniger Eingriff als die Schlachtung”. Es gebe keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass die Stuten durch den Blutverlust geschädigt werden. “Die grösste Bedrohung im Tierreich,” so schreiben die beiden Veterinäre, “darf nicht ein fanatischer Tierschutz sein, wo das Tierwohl so gross wird, dass am Ende kein Tier mehr übrig ist.”
Der Tierarzt Guðmar Aubertsson, der Kjarninn zufolge in der Blutgewinnung beschäftigt ist, schrieb, das Blut werde in passender Menge entnommen und er habe nicht erlebt, dass die Stuten schlecht behandelt würden. Die Blutstutenwirtschaft habe viele Höfe am Leben gehalten und dafür gesorgt, dass auf dem Lande weiter gewohnt werden könne.

Der Tierarzt Helgi Sigurðsson der schon vor 40 Jahren im Blutgeschäft gearbeitet hat und im vergangenen Sommer wieder dabei gewesen war, schrieb, der einzige Zwang, den die Stuten heute erlebten, sei das Halfter, welches ihnen angezogen werde, um sie im Fixierstand festzubinden. An diesen Zwang gewöhnten sie sich schnell. Heute gebe es ja sogar eine Betäubungsspritze für die Einstichstelle. “Wenn dieser Zwang gegen das Tierschutzgesetz verstösst, dann muss man auch das Ausbilden der Pferde verbieten, denn da sind Züchtigung und Zwang um ein Vielfaches mehr vorhanden, dazu sitzt der Mensch auf dem Rücken des Pferdes und lässt es seinem Willen gehorchen.”

Der Veterinärbehörde obliegt derzeit die Prüfung des Videos. Von Behördenseite hiess es, man hole Informationen von allen Beteiligten ein, Ísteka, den Tierärzten und dem Tierschutzbund. Ausserdem wolle man die im Video aufgenommenen Personen befragen. Diese Untersuchung dauere ihre Zeit, doch die nächsten Bluttermine fänden ohnehin erst im kommenden Sommer statt.

Subscribe to our weekly newsletter

Get news from Iceland, photos, and in-depth stories delivered to your inbox every week!

Share article

Facebook
Twitter

Recommended Posts