Blutvolumen bei Islandpferden nicht bekannt, Ministerin äussert sich zu Prinzip, Tierschutz und Ethik Skip to content

Blutvolumen bei Islandpferden nicht bekannt, Ministerin äussert sich zu Prinzip, Tierschutz und Ethik

Nach Auskunft der Veterinäraufsichtsbehörde MAST liegen keine Untersuchungen zum Blutvolumen im Islandpferd vor, und es ist auch nicht untersucht worden, wie hoch die Blutmenge sein darf, die man einem Pferd gefahrlos wöchentlich entnehmen kann, berichtet das Fréttablaðið.
„Vom heutigen Wissensstand ausgehend ist es nicht möglich, auszurechnen, wieviel Blut einer tragenden, laktierenden Stute wöchentlich acht Wochen in Folge entnommen werden kann,“ heisst es in einer Antwort der Leitenden Tierärztin für Pferdekrankheiten, Sigríður Björnsdóttir bei MAST auf eine Anfrage von Ole Antoni Bieltvedt, dem Vorsitzenden des Naturschutzbundes Jarðarvina.

Die Blutmenge, die aus Blutstuten im Sommer gewonnen wird, hatte in der Vergangenheit reichlich für Debatte gesorgt. Den tragenden Stuten mit Fohlen bei Fuss wird im Sommer einmal pro Woche und acht Wochen in Folge um die fünf Liter Blut entnommen, aus dem das Trächtigkeitshormon eCG (oder PMSG) extrahiert wird. Diese Blutmenge macht 14 Prozent der Gesamtblutmenge aus, wenn man davon ausgeht, dass diese bei 36 bis 37 Litern liegt. Tierschützer und Veterinäre hatten diese Menge scharf kitisiert und Vergleichsbeispiele angeführt, nach denen das Gesamtblutvolumen in Islandstuten weitaus geringer ausfällt.
Nun hat MAST also bestätigt, dass es gar keine Untersuchungen zur Gesamtblutmenge in isländischen Pferden gibt. Die Schätzungen beruhen einzig auf Erfahrungs- und Messwerten des blutnutzenden Pharmaunternehmens Ísteka. Der wichtigste Massstab zum Tierschutz sind die Überwachung des körperlichen Zustandes und die Hämoglobinmessungen. MAST gibt an, dass Messdaten der Ísteka zur Hämoglobinkonzentration während des gesamten Zeitraumes der Blutgewinnung innerhalb der Referenzwerte für gesunde Pferde lägen. Ausserdem hätten Aufzeichnungen gezeigt, dass die Todesrate bei Blutstuten unter 0,1 pro Jahr liege.

Seit 2017 hatte MAST von der Ísteka regelmässige Hämoglobinmessungen verlangt, jeweils vor und nach der Blutgewinnungsperiode. Aus den Daten geht hervor, dass die Blutstuten zu Beginn der Blutgewinnungsperiode einen relativ hohen Hämoglobinspiegel aufweisen (13,1 – 13,9 g/dL), nach den ersten zwei bis drei Blutentnahmen sinkt der Spiegel auf 10,6 g/dL und pendelt sich dort ein. Die meisten Todesfälle sind auf Unfälle zurückzuführen, pro Jahr ein bis zwei Stuten. In Sigríðurs Antwort an Ole heisst es, dass es so gut wie keine Vorfälle wegen Entkräftung durch den Blutverlust gebe, und auch Hypokalzämie komme ausgesprochen selten in Blutstutenherden vor. Verletzungen oder Entzündungen der Halsvene würden hingegen beobachtet, und hin und wieder müsse man die Punktionsseite wechseln oder eine Entzündung antibiotisch behandeln. Es gebe Informationen von MAST zufolge keine Probleme im Immunsystem, und die Fruchtbarkeit der Stuten sei mit 86 Prozent Trächtigkeit ausgesprochen gut. Das Durchschnittsalter der Stuten betrage 10,7 Jahre.

Schwerwiegende Verstösse auf sechs Höfen
Das Magazin Kjarninn hatte vor zwei Monaten bei MAST um Informationen zur Aufsicht der Behörde bei den Blutfarmen gebeten. In der vergangenen Woche erhielt Kjarninn Antwort vom Juristen der Behörde, demnach habe die Behörde nach regelmässiger, risikobasierter Überwachung von Fütterung und Blutentnahmestellen in Winter und Frühling schwerwiegende Einwände auf sechs Höfen geäussert und Ísteka informiert, dass dort keine Blutgewinnung mehr durchgeführt werden darf.
In allen Fällen habe Ísteka die betreffenden Höfe von der Liste gestrichen, zwei Höfe in 2017, drei Höfe in 2019 und einer in 2020. In keinem Fall kam es zu einem Tierhaltungsverbot, vielmehr sind die Zustände verbessert werden. Ein Hof musste seine Pferdezahl massiv reduzieren, ein anderer zog sich aus dem Blutfarming zurück. In einem Fall in 2018 hatten Nachbarn die Zustände bei Fütterung und Umzäunung an die Veterinäraufsichtsbehörde gemeldet

Wettbewerbsbehörde will Kaufgebahren prüfen
Zur Zeit bereitet die isländische Wettbewerbsbehörde eine Untersuchung der Blutwirtschaft vor, bei dem das blutaufkaufende Pharmaunternehmen und sein Gebahren gegenüber den blutliefernden Bauern unter die Lupe genommen wird. Haukur Harðarsson, ein Experte bei der Behörde, bestätigte gegenüber dem Fréttablaðið, man untersuche, ob der Bluthandel gesetzeskonform verlaufe.
Zuletzt hatte Ólafur Róbert Rafnsson, ein Experte für Risikomanagement, in einer Kostenaufstellung dargelegt, dass die Haltung von Blutstuten sich nicht rentiere, wenn die Blutstutenhalter nicht bei Fütterung, Pflege und Einzäunung gehörig sparten. Viele hätten geklagt, dass die Verträge mit der Ísteka sich seit 40 Jahren kaum geändert hätten.
Arnþór Guðlaugsson, der Geschäftsführer der Ísteka, verweist die Berechnungen von Pferdehalter Ólafur ins Reich der Märchen und behauptet, die isländischen Blutstuten gehörten zu den gesündesten Pferden im ganzen Land. Ausserdem habe sich der Blutpreis seit dem Jahr 2000 verachtfacht, während der Verbraucherpreis um das 2,5-Fache gestiegen sei. Diese Preissteigerung gebe es in keinem anderen isländischen Landwirtschaftszweig, weswegen sich immer mehr Bauern der Blutwirtschaft zuwendeten. Der aktuelle Vertrag zwischen Ísteka und den Blutfarmen war 2019 geschlossen worden und ist bis 2023 gültig.

Blutfarmer kündigen Verträge mit Ísteka
Anfang Februar hatte eine grosse Zahl isländischer Blutfarmer den Vertrag mit der Ísteka aufgekündigt, um neu zu verhandeln, berichtete das Bændablaðið. Sie verlangen mehr Geld für das Blut, mehr Transparenz in der Verarbeitung und dass die Kontrolle der Landwirte über ihre eigenen Betriebe respektiert wird.
Halla Bjarnadóttir, die Sprecherin der südisländischen Blutfarmer, kritisierte den Mangel an Kommunikation seitens der Ísteka. Immer wieder seien Unternehmensvertreter zu Gesprächen geladen worden, ohne dass es zu Ergebnissen gekommen sei. Der Stand der Blutfarmer gegenüber der Ísteka sei sehr schwach, man erhalte nicht genügend Informationen über das gelieferte Blut, stattdessen mauere das Unternehmen. Bezahlt werde nämlich nach Liter pro Stute und nicht nach Hormongehalt des Blutes.

Exporterlös entspricht Verlust von 7700 Touristen
Der Exporterlös aus dem Handel mit Stutenblut beläuft sich auf rund zwei Milliarden ISK. Die Vorsitzende des isländischen Tourismusverbandes, Bjarnheiður Hallsdóttir, hatte kürzlich angemerkt, diese Summe entspreche den Exporterlösen von 7700 Islandtouristen. Selbst wenn die Berichte über die Blutstutenmisere nur 7700 Touristen von einer Islandreise abhielten, dann seien das immer noch zwei verlorene Milliarden Einkünfte. Die Erfahrung mit den Auswirkungen des Walfangs auf das Image Islands habe gezeigt, dass 7700 durchaus eine realistische Zahl sei, die schnell wachsen könne. Dann seien grössere wirtschaftliche Schäden vorhersehbar.

Entscheidung um Blutstuten muss auf ethischen Grundsätzen basieren
Landwirtschaftsministerin Svandís Svavarsdóttir hatte jedoch bei einer parlamentarischen Debatte um die Blutstuten bekräftigt, sie werde eine Entscheidung zur Zukunft der Blutstutenhaltung nicht nach monetären Interessen treffen, sondern nach Prinzipien und ethischen Grundsätzen. “Wenn das einfach nur ein Rechenbeispiel um Kronen wäre, dann würden wir Entscheidungen immer nur nach monetären Interessen treffen,” sagte sie heute vor dem Parlament. “Das will ich nicht tun und werde es nicht tun. Es gibt da ganz bestimmte Prinzipien und ethische Grundsätze, aber die orientieren sich an den Zielen des Tierschutzgesetzes. In der isländischen Gesetzgebung ist es Ziel des Tierschutzgesetzes, das Wohlergehen des Tieres zu fördern, dass Tiere frei von Unbehagen, Angst, Hunger usw. sind. Das existiert nicht etwa, weil wir so lieb sind, sondern weil Tiere Wesen mit Empfindungen sind und als solche zählen.”
Abgeordnete aus dem konservativen Lager sperrten sich gegen die Idee, einen ganzen Landwirtschaftszweig zu verbieten und verlangten Verbesserungen statt Verbote. Ein Parlamentarier sorgte sich gar, dass als nächstes noch das Reykjaviker Nachtleben verboten werde, weil dort unmenschlich mit Leuten umgesprungen werde.
Die von Svandís eingesetzte Arbeitsgruppe zum Blutstutenthema soll ihr Ergebnis bis spätestens Anfang Juni abliefern.

Kein PMSG mehr in der Schweiz, Dänemark hadert
Derweil hat der Schweizer Schweinezüchterverband angekündigt, den Gebrauch des Stutenhormons eCG in der Schweiz zu untersagen und künftig andere Methoden zur Zyklussteuerung zu benutzen.
In Dänemark war das Video der Schweizer Tierschutzorganisation ebenfalls mit Unbehagen angeschaut worden. Der dänische Landwirtschaftsminister gab BT gegenüber an, er glaube zwar, dass man einem Pferd Blut abnehmen könne, ohne ihm Unbehagen zuzufügen, aber er sehe durchaus Alternativmöglichkeiten für die Schweinezucht. Ein Verbot des Einsatzes von eCG müsse allerdings vom Gesundheitsministerium kommen, und es müsse schnell gehandelt werden. Er spreche da nicht von Monaten, sondern von Wochen.

 

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