Blutstuten: Reaktionen auf Kveikur-Beitrag Skip to content
Photo: Dagmar Trodler.

Blutstuten: Reaktionen auf Kveikur-Beitrag

Nach dem TV-Beitrag zur Blutstutenhaltung vom 27. Februar ist die Debatte über die umstrittene Branche in Island wieder aufgeflammt. In dem Beitrag war unter anderem über vier im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendete Stuten berichtet worden. Die Besitzerin hatte angegeben, sie sei vom Blutaufkäufer Ísteka angewiesen worden, die Kadaver so schnell wie möglich zu vergraben, bevor Tierschützer Wind davon bekämen. Das letzte Pferd hatte sie auf eigene Initiative obduzieren lassen, dabei stellte sich heraus, dass die Entnahmekanüle das Pferd tödlich verletzt hatte. Es war an seinem Blut erstickt.

MAST sieht keinen Beweis für Kunstfehler
Heute veröffentlichte die Veterinäraufsichtsbehörde MAST einen Kommentar zum Kveikur-Beitrag über Blutstuten und die vier verendeten Pferde im Besonderen. Darin wird hervorgehoben, dass man nicht sagen könne, ob es sich um einen Kunstfehler des Veterinärs gehandelt habe, weil keine schriftlichen Daten vorlägen. Ausserdem sei der damals mit der Blutgewinnung betraute Veterinär polnischer Nationalität gewesen und damit polnischen Behörden unterstellt. Er gehörte zu den ausländischen Veterinären, die der Blutaufkäufer Ísteka für die Saison 2021 ins Land geholt hatte, weil sich immer mehr isländische Tierärzte wohl aus Furcht vor Rufschädigung aus der Blutbranche verabschiedeten. Für die Saison 2023 hatten alle beteiligten Veterinäre ein Sondertraining absolvieren müssen.
MAST schreibt, aus Tierwohlperspektive sei die Blutgewinnung im letzten Sommer gut verlaufen, damit sei klar, dass prophylaktische Massnahmen wie das Training neuer Veterinäre und die verstärkte Kontrolle erfolgreich gewesen seien. Im Jahr 2023 waren sechs Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet. Im Jahr 2022 waren es acht gewesen. Tierschutzorganisationen gehen von einer höheren Dunkelziffer aus, weil nur das blutaufkaufende Pharmaunternehmen Ísteka die Todesfälle an MAST meldet.

Studie zum Stutenwohl nach Blutentnahme
MAST verweist auf eine aktuelle Studie, in der der Hämoglobingehalt während der Entnahmesaison untersucht worden war. Demnach wurde bei 8,6 Prozent der untersuchten Blutstuten eine durchschnittliche Blutarmut festgestellt, und bei 1,2 Prozent eine manifeste Blutarmut. Damit bestätige sich die fachliche Einschätzung von MAST hinsichtlich der „milden Auswirkung“ der in Island praktizierten Blutgewinnung auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Stuten.
Für die erwähnte Studie war während der gesamten Saison 160 Stuten aus zwei Herden – eine im Norden, eine im Süden – Blutproben entnommen worden. In Island werden insgesamt rund 5000 Stuten für die kommerzielle Blutgewinnung benutzt. Der Studie nach fiel der Hämatokrit bei allen Stuten nach der dritten Entnahmewoche und hatte sich drei Wochen nach der letzten Blutgewinnung wieder erholt. Die Blutstuten haben während der „Saison“ ein Saugfohlen bei Fuss und sind tragend.
Die Studie erwähnt ausserdem 17 Vorfälle im Fixierstand, wo Stuten sich gegen die Punktion wehrten.

Verband der Tierärzte kritisiert Angriff auf MAST
Gegen die Kritik der Parteivorsitzenden der Volkspartei, Inga Sæland, bei MAST müsse mal „aufgeräumt“ werden, verwahrte sich heute der Verband isländischer Tierärzte. Inga hatte gestern angegeben, MAST und die tierärztliche Leitung hätten in Bezug auf die Blutstutenhaltung ihre Aufgaben nicht erfüllt. In einer Erklärung schreibt der Verband, dass es keine Daten gebe, die die Behauptung Sælands stützten. Der Verband unterstreicht, ein solcher Angriff auf die Berufsehre öffentlicher Angestellter, die zur Vertraulichkeit verpflichtet sind, müsse sachlich begründet werden und dürfe nicht auf persönlicher Meinung basieren. Medien und Öffentlichkeit seien zu einer sachlichen Debatte aufgefordert.

Ísteka vergleicht Blut mit Käse
Die derzeit amtierende Landwirtschaftsministerin und Premierministerin Katrín Jakobsdóttir verwies gestern Abend im RÚV-Magazin Kastljós darauf, dass für die Blutstutenbranche europäisches Recht gelte – Islands 5000 Blutstuten sind seit dem 1. November 2023 für wissenschaftliche Zwecke genutzte Tiere. Es stehe nicht zur Debatte, dies zu ändern. Ein Verbot der Blutgewinnung sei derzeit nicht geplant, wohl aber die Prüfung des gesamten Betriebsumfelds. Katrín gab zu bedenken, dass die Blutgewinnung ethische Fragen aufwerfe, etwa wie weit man gehen darf, ein Tier als Werkzeug zu benutzen, um einen bestimmten Stoff herzustellen. Ihrer politischen Ansicht nach müsse man da ausgesprochen vorsichtig sein.

In der gleichen Sendung trat auch Ísteka-Geschäftsführer Arnþór Guðlaugsson vor die Kamera. Er betonte unter anderem, dass Island das einzige Land in Europa sei, wo aus Pferden Blut gewonnen werde, daher fehle ausländischen Tierärzten die Erfahrung für die Tätigkeit, und sie müssten speziell geschult werden. Die derzeit gültige Lizenz stehe für zwei weitere Jahre. Die Stuten seien keine für wissenschaftliche Zwecke eingesetzten Tiere, wie die EU-Verordnung es vorsieht.
„Im Gegenteil, das sind Tiere, die in der Landwirtschaft genutzt werden, das [Blut] ist ein landwirtschaftliches Produkt wie jedes andere.“ Arnþór zufolge ist die Blutstutenhaltung mit der Käseherstellung vergleichbar. Nach dem Melken werde Milch von Kühen zu einem neuen Produkt weiterverarbeitet. Er habe keine ethischen Vorbehalte gegen die Praxis.

Zahl der Blutstuten könnte steigen
Die Ísteka ist nicht nur Islands grösster Blutstutenbesitzer, sie hält auch eine Monopolstellung am Markt, mit einem Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Kronen. Im letzten Jahr hatte die Umweltbehörde dem Pharmaunternehmen eine Lizenz für die Gewinnung von 600 Tonnen Stutenblut ausgestellt. Das ist die fünffache Menge des derzeitigen Ertrages aus 5000 Stuten. Tierschützer befürchten, dass die Zahl der Blutstuten dadurch auf 20.000 und mehr ansteigen könnte.
Das aus dem Blut tragender und laktierender Stuten extrahierte Hormon PMSG wird in Europa zu Medikamenten verarbeitet, mit denen die Fruchtbarkeit von Nutztieren (Schweine, Ziegen) in der industriellen Tierhaltung gesteigert wird. Hauptabnehmer ist Deutschland.

In Island ist kein PMSG-haltiges Medikament für die Nutztierhaltung registriert, stattdessen kommt das synthetische Prostaglandin Cloprostenol zum Einsatz. Für eine Registrierung in der Arzneimittelliste müsste eine Ausnahmeregelung beantragt und der Einsatz vom PMSG speziell begründet werden.

Mehr zu Thema Blutstuten gibt es hier.

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