Tierarzt markiert 150 Milzbrandgräber in Island Skip to content
Photo: Dagmar Trodler.

Tierarzt markiert 150 Milzbrandgräber in Island

In den Sommern 2017 und 2018 machte sich der ehemalige Selfosser Bezirkstierarzt Sigurður Sigurðarsson und seine Frau Ólöf Erla Halldórsdóttir auf den Weg über die Insel, um Milzbrandgrabstellen zu markieren. Insgesamt sind 150 solcher Milzbrandgrabstellen an 120 Orten in Island bekannt. Die Stellen sind mit Stahlplatten markiert, auf denen Nummern eingraviert sind. Die Platten sollen 100 Jahre überdauern, die aufgeklebten Leuchtstreifen 20 Jahre.

Eine Liste der markierten Grabstellen findet sich hier.

Das letzte Grab auf dieser Reise wurde im Oktober 2018 markiert, es befindet sich in Seltjarnarnes auf einer Weide, die zum Gehöft Nesland gehört. Hier erkrankten im Jahr 1870 auf einmal 15 Pferde, 10 von ihnen starben am Milzbrand.

“Ich habe die Markierungen der Grabstellen im Jahr 2004 vorbereitet. Damals bin ich auf einer Konferenz in Schweden gewesen, wo es um Milzbrand in wilden Tieren ging. Ich traf dort einen Mann aus Südafrika, der mir sagte, man wisse von Beispielen, wo der Milzbranderreger 200 Jahre überdauert habe. Mir wurde klar, dass es hier in Island Milzbranderreger aus Tieren gab, die im ganzen Land vergraben worden waren, wie eine tickende Zeitbombe,” erklärt Sigurður gegenüber dem Bændablaðið.

Im Jahr 2004 starben drei Pferde in Vatnsleysuströnd auf der Halbinsel Reykjanes am Milzbrand. Dort hatte es ein 130 Jahre altes Grab gegeben, welches durch die Meereswellen aufgewühlt worden war, dadurch konnte sich der Erreger auf der Weide der Tiere verbreiten.

Sigurður begann, alle Stellen zu kartieren, wo Milzbrandgräber bekannt waren, und suchte nach Quellen zu in Vergessenheit geratenen Gräbern.

Der Milzbranderreger Bacillus Anthracis kann in der Erde in Sporenform die Zeiten überdauern, es gibt Fälle von 500 Jahre alten Erregern. In der Nähe des Grabes scheint er nach einigen Wochen an der Erdoberfläche durch Sonneneinstrahlung und Sauerstoff seine Gefährlichkeit zu verlieren. Wenn jedoch die Erdoberfläche verletzt wird, durch Grabungen, landwirtschaftliche Nutzung, Strassenbau, Bauprojekte oder durch starken Verbiss von Pferden, und ein infizierter Kadaver oder Teile davon an die Oberfläche geraten, ist Gefahr im Verzug. Lässt man das Milzbrandgrab in Ruhe, besteht keine Gefahr.

Milzbrand ist vor allem in südlichen Ländern bekannt. In Spanien gibt es alljährlich zwischen 40 und 60 Neuerkrankungen.

Der Milzbrand ist vermutlich im Jahr 1865 durch ungegerbte Tierhäute vor allem aus Afrika nach Island gekommen. Zuerst trat die Krankheit in Miðdal im Mosfellssveit auf. Im Jahr 1866 verendeten dort 20 Stück Grossvieh, darunter 12 Pferde und 8 Rinder. Im Folgejahr verendeten vier Pferde und zwei Rinder, sowie drei Lämmer und zwei Hunde, die an den Kadavern gefressen hatten.

Ältere Geschichten sprechen von Milzbrandfällen im 17. Jahrhundert (Hamrar in Grímsnes).

Zuletzt ist der Milzbrand, wie schon erwähnt, im Jahr 2004 auf Sjónarhóll in Vatnsleysuströnd aufgetaucht, nachdem das Meer mit dem Erreger verseuchte Erde vom Deich über das Weideland verteilt hatte. Drei Pferde starben sofort, ein viertes musste schliesslich auch eingeschläfert werden. Es heisst, dass vor 130 Jahren ein am Milzbrand verendetes Tier in diesem Deich vergraben worden war.

Im Jahr 1965 gab es einen Fall von Milzbrand auf dem Hof Þórustaðir im Ölfus. Dort war ein Stück Moorland umgegraben und urbar gemacht worden, um Futterkohl anzubauen. Bei den Pflügearbeiten geriet ein Kadaver an die Erdoberfläche, der wegen Milzbrand im Jahr 1900 vergraben worden war.

Die Ansteckungsgefahr für den Milzbrand besteht für alle warmblütigen Säugetiere und für den Menschen. In Island sind mindestens 10 Menschen am Milzbrand verstorben, Dutzende sind erkrankt und konnten geheilt werden.

Die verendeten Tiere wurden tief vergraben, um die Grabstellen zog man einen Zaun. Belässt man die Stelle so wie sie ist, besteht keine Gefahr für die Nachwelt.

“Nachdem ich im Jahr 2006 meine Tätigkeit als Bezirkstierarzt beendet hatte, begann diese Arbeit, also Informationen sammeln, Standorte bestimmen, Markierung und Registrierung, das war alles meine freiwillige Arbeit,” erzählt der alte Tierarzt. Die Kosten für diese Arbeit, 950.000 Kronen, habe er aus eigener Tasche gezahlt und keinen Lohn dafür erhalten.

“Im vergangenen Frühjahr verlor ich die Hoffnung, dieses Projekt jemals zuende führen zu können, vor allem weil die Behörden sich auf meine Bitten um Unterstützung taub stellten. Da kam mir Guðni Ágústsson, der ehemalige Landwirtschaftsminister, zu Hilfe, er stellte mir ein Auto zur Verfügung und zahlte das Benzin, damit wir zwischen den einzelnen Fundorten herfahren, die Stellen markieren  und Informationen sammeln konnten. Guðni ist wohl der, der am meisten Verständnis für dieses Projekt hatte und begriff, wie wichtig das ist. Ihm gebürt Ehre und Dank.”

Nachdem das Bændablaðið seinerzeit von Sigurðurs Grabsuche berichtet hatte, fanden sich Unternehmen und Verbände zusammen, die das Projekt finanziell unterstützten.

Doch weiss Sigurður, dass er sein Projekt nicht mit in den Himmel nehmen kann. Er hat mit der Obersten Lebensmittel- und Veterinäraufsichtsbehörde MAST vereinbart, dass sie die markierten Stellen weiter betreut.

Vor allem die Beweidung durch Pferde macht ihm Sorgen. “Die Pferde muss man von solchen markierten Stellen fernhalten. Die Kontrolle und die Verantwortung dafür liegt beim Bewohner und Landeigentümer dort, wo das Grab ist und wo die Gefahr für die Umwelt besteht. Leider sind sich nicht alle Betroffenen der Notwendigkeit bewusst, und manche Markierungen sind verschwunden oder sind von Pferden niedergetrampelt worden,” sagt Sigurður.

Hautverletzungen sind die häufigste Ursache für eine Infektion. Besonders gefährdet sind Personen, die das infizierte Tier behandeln, auch die Erzeugnisse aus infizierten Tieren sind gefährlich. An der Eintrittstelle entsehen flüssigkeitsgefüllte Blasen, die sich schwarz verfärben, die Gewebeschäden sind zum Teil schwerwiegend. Die Inkubationszeit beträgt 3-5 Tage, die Infektion verläuft unbehandelt in 20 Prozent aller Fälle tödlich.

Anthrax-verseuchtes Futter kann zu einer Infektion im Hals- und Verdauungstrakt führen. Die Anfangssymptome sind eher unspezifisch, sie verstärken sich dann massiv, und nach einem Blutdruckabfall tritt der Tod ein. Beim Menschen tritt diese Form der Infektion nach dem Verzehr von infiziertem Fleisch auf. Die Inkubationszeit beträgt 3-7 Tage.

Über den Atemwegstrakt gelangt der Erreger in die Lymphbahn und führt zu einer Blutvergiftung. Hier sind besonders Menschen in der Wollindustrie gefährdet. Die Symptome gleichen denen einer Grippe mit Fieber und Schmerzen. Nach einigen Tagen verspurt der Patient eine Besserung, dann verschlimmert sich sein Zustand rasant, und unbehandelt verstirbt er am Lungenödem oder an einer Hirnhautentzündung. Die Inkubationszeit kann zwischen einem bis 43 Tagen betragen.

 

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