Isländisch: Debatte um den grammatischen Mann Skip to content
Lilja Alfreðsdóttir / Mennta- og menningarmálaráðherra.
Photo: Lilja Dögg Alfreðsdóttir .

Isländisch: Debatte um den grammatischen Mann

Auch Island hat das sogenannte Gendern erreicht, wenn auch anders als der deutsche Sprachraum es erfährt. Und weil diese Genderversuche vor allem in den Medien immer mehr Leuten aufstiessen, hat sich nun Kultusministerin Lilja Dögg Alfreðsdóttir der Angelegenheit angenommen. Lilja Dögg bezeichnete es als „absoluten Wahnsinn“, Grammatik ohne öffentlichen Diskurs zu ändern, und will sich nun mit Vertretern des staatlichen TV-Senders RÚV treffen, um die sogenannte ‚neue Sprache‘ und ihren Gebrauch durch Journalisten zu besprechen. Sie selbst, so schreibt Vísir, ist von den Sprachveränderungen alles andere als begeistert.

Vom Verschwinden des Mannes
Worum geht es? Die Kolumnistin Vala Hafstað hatte auf das zunehmende Fehlen des isländischen Wortes ‚maður‘ (Mann, man) hingewiesen, welches für viele Begriffe der isländischen Sprache seit 1000 Jahren geschlechtsneutral verwendet wird, selbst wenn weibliche Vertreter gemeint sind. Maður bedeutet nämlich sowohl Mann als auch Mensch. Wo die deutsche Sprache neuerdings ein -innen angendert, um auch weibliche Vertreter der Begrifflichkeit einzubeziehen, wählten isländische Schreiber nun zunehmend den Begriff –fólk (Leute). Aus dem Feuerwehrmann, dem Wissenschaftsmann und dem Rettungsmann (alles wörtlich übersetzt, aber korrektes isländisches Wort) sind Leute geworden – eine Begrifflichkeit, die Stirnrunzeln verursacht, erst recht wenn es um Nationalitäten geht, denn aus dem Palästinenser und dem Dänen, so schreibt Vala, sind jetzt Palästinaleute und Dänenleute geworden, aber wie spricht man die denn bitte im Singular an?

Gleiches Isländisch für alle
„Wir haben in den letzten Jahren viel getan, um unsere Sprache zu bewahren,“ erklärte Kultusministerin Lilja Dögg, unter deren Ägide ein Massnahmenplan zu Spracherhalt, Lehre und Sprachqualität gesetzlich verankert wurde. „Unsere Sprache basiert auf der Geschlechtsneutralität, und die Geschlechtsneutralität des grammatischen Maskulinum ist Teil des isländischen Sprachsystems und überall in unserer Sprache vertreten,“ erklärte die Ministerin in einem Interview am Morgen, in der sie sich als Ministerin der Sprache bezeichnete. „Meiner Ansicht nach ist es der helle Wahnsinn, das ohne Diskurs und unkritisch einfach mal zu ändern.“

Die isländische Sprache sei eine der wichtigsten Resourcen des Landes, aber derzeit vielen äusseren Einflüssen ausgesetzt. Hinzu komme die veränderte Zusammensetzung der Gesellschaft. Rund 20% der Einwohner seien Einwanderer, die der Chancengleichheit wegen alle Isländisch lernen müssten. Auch Kinder lernten Sprache nach bestimmten Regeln, zu denen das grammatische Geschlecht eines Begriffs gehöre. Da könne man nicht einfach Grundsatzänderungen an der Sprache vornehmen.

Isländisch aller, oder doch Kleinlichkeit?
Birta Björnsdóttir, die Chefredakteurin für ausländische Nachrichten beim Sender RÚV, ist anderer Ansicht: “Wir sollten ein Isländisch sprechen und schreiben, das das Spektrum der im Land lebenden Menschen widerspiegelt. Sowohl das geschlechtsneutrale Isländisch, das Isländisch wo das männliche Geschlecht vorherrscht, Isländisch mit ausländischem Akzent und so weiter,“ findet sie.
Der Autor Guðmundur Andri Thorsson versteht zumindest, dass vor allem die junge Frauengeneration den Mann in der gesellschaftlichen Begrifflichkeit ersetzen will, um sich von Missbrauch und Vorurteilen zu befreien. Er warnt jedoch vor sprachlicher Kleinlichkeit und der Gefahr, dass so mancher Begriff durch die Änderung nicht nur seltsam sondern schlicht unverständlich werde.

Präsidentin Vigdís sah sich als maður
Vala Hafstað verweist in ihrer Kolumne darauf, dass Island auf eine lange Geschichte erfolgreicher Gleichberechtigung zurückblicke und es nicht nötig habe, dafür die Sprache zu ändern. Das Isländische hat übrigens zwei Begriffe für “Frau” – einer davon ist kvenmaður: Frauenmensch.
Vala zitiert den berühmten Satz von Islands erster Staatspräsidentin, Vigdís Finnbogadóttir, die 1980 gesagt hat: „Man soll mich nicht wählen, weil ich eine Frau bin, man soll mich wählen, weil ich ein Mensch (maður) bin, und dieser Begriff umfasst Mann und Frau gleichermassen.“

Sign up for our weekly newsletter

Get news from Iceland, photos, and in-depth stories delivered to your inbox every week!

* indicates required

Subscribe to Iceland Review

In-depth stories and high-quality photography showcasing life in Iceland!

Share article

Facebook
Twitter