Drogenmobil Frú Ragnheiður betreut immer mehr Suchtkranke und Obdachlose Skip to content
Photo: volunteers at Frú Ragnheiður-skaðaminnkun Facebook.

Drogenmobil Frú Ragnheiður betreut immer mehr Suchtkranke und Obdachlose

Die Freiwilligen des Roten Kreuzes, die das Drogenmobil Frú Ragnheiður in Reykjavík betreiben, haben in diesem Jahr mindestens 200 neue Hilfesuchende angetroffen, berichtet RÚV. Elísabet Herdís Brynjarsdóttir, Krankenschwester und Projektleiterin des Drogenmobils, sagte in einem Interview auf Rás 1, dass im Jahr 2019 an die 520 Personen etwa 4200 mal bei dem Fahrzeug des Roten Kreuzes vorgesprochen hätten. Für 2020 liegen noch keine endgültigen Zahlen vor, aber schon jetzt ist klar, dass es viel mehr Leute als im Vorjahr gewesen sind. Sie geht davon aus, dass dies eine Folge der COVID-Pandemie ist.

Nicht mehr nur Obdachlose suchen Hilfe
“Wir sehen Personen, die zu uns kommen und viele Jahre clean und trocken waren und nun einen Rückschlag erlitten, vor allem durch die gesellschaftliche Isolierung. Und dann sind da Personen, die zu uns kommen, die noch nie da waren, und Nachrichten über uns gesehen haben, und möglicherweise seit Jahren Rauschgift spritzen.” erklärt Elísabet.

Allein von Januar bis August waren 200 Personen zu der festen Gruppe gestossen, die die Hilfe von Frú Ragnheiður regelmässig in Anspruch nimmt. Zahlen für die zweite Jahreshälfte liegen noch nicht vor. Elísabet zufolge wachse die Gruppe nicht nur, sie verändere sich auch in der Zusammensetzung. Nun kämen auch Leute, die nicht obdachlos sind, die ein Zuhause hätten, sogar in Ausbildung oder Arbeit seien, aber seit Jahren Rauschgift konsumierten. Sie berichtet von einer Person, die seit 13 Jahren Rauschgift spritze, ohne dass jemand aus ihrem Umfeld davon wisse. “Er hat sich eigentlich nur in sicherer Umgebung geöffnet und jemandem anvertraut, dass er gespritzt hat. Das sind Leute, die man nicht jeden Tag zu sehen bekommt.” Die meisten hätten jedoch eine lange Geschichte.

Wachsende Armut ist besorgniserregend
Etwa 70 Prozent der Abhängigen im Jahr 2019 waren zum Drogenmobil gekommen, um sich sauberes Spritzenbesteck zu holen. Im gerade vergangenen Jahr war die Gruppe derer angewachsen, die sich auch Lebensmittel abholen.
Das Drogenmobil des Roten Kreuzes bietet keine Behandlung von Krankheiten an, vielmehr handelt es sich um ein Freiwilligenprojekt von speziell ausgebildeten Mitarbeitern, die Gespräch und psychischen Beistand anbieten. Sie zeigen Möglichkeiten und Lösungsansätze für Probleme auf, aktiv werden muss der Betroffene im Anschluss dann jedoch selber.

Elísabet sagt, die gesellschaftliche Isolierung sei gross, aber man stelle auch Nahrungsmangel bei denen fest, die mit Armut zu kämpfen hätten. Das sei besorgniserregend. Die Not sei gewachsen, das Drogenangebot gesunken, sodass die Drogen teurer geworden seien. “Das bedeutet, das sie mehr tun müssen, um ihre Sucht zu finanzieren. Mehr tun bedeutet für unsere Randgruppe, mehr Prostitution, mehr Sklavenabeit, mehr Kriminialität, mehr Diebstahl, und dann sehen wir auch, dass sie sich mehr verschulden, und beim Schuldeneintreiben geht es grimmiger zu. Und das kann riesige Auswirkungen haben, mit denen unsere Gruppe lange zu tun hat.”

Die grösste Schadensbegrenzung bestehe zur Zeit darin, allen ein Dach über dem Kopf zu besorgen, ganz gleich in welcher Lage sie sich befänden. Es sei sehr wichtig für die Schützlinge von Frú Ragnheiður, einen sicheren Ort zu haben, jeden Tag duschen zu können, Zugang zu einer Toilette zu haben, zu Kühlschrank, Herd und einem Bett.

2020 war das Jahr von Einsamkeit und vielen Beerdigungen
Das gerade vergangene Jahr sei für Frú Ragnheiður schwer gewesen. Elísabet und ihre Mitarbeiterinnen hätten viele Schützlinge zu Grabe getragen, sie schätzt, dass mindestens 20 allein ihr bekannte Gesichter nicht mehr unter den Lebenden weilen.

Die Weihnachtszeit hatte man bei Frú Ragnheiður gut vorbereitet. Über die Feiertage war das Drogenmobil durchgehend im Dienst gewesen, es hatte Weihnachtsessen, Süssigkeiten und Plätzchen gegeben, und stets Zeit für ein Gespräch. Elísabet sagt, gerade über die Feiertage seien diese Leute sehr einsam. Viele Obdachlose hätten keinen Kontakt mehr zu ihren Familien.

Das Drogenmobil ist an allen Tagen aussser Samstags unterwegs, an dem Rotkreuz-Projekt sind 120 Freiwillige beteiligt.
“Die meisten von uns sind Krankenschwestern, die während der Pandemie Dienst geschoben haben, und nicht eine einzige Schicht ist ausgefallen, das ist eigentlich unglaublich.” berichtet sie. Zusätzlich sind Pflegehelfer, Ärzte, Sozialarbeter, Heilpädagogen, Taxifahrer, Ingenieure und viele andere an dem Projekt beteiligt.

Hoffnung auf bessere Betreuungsmöglichkeiten
Elísabet hofft, dass man im kommenden Jahr zurückblicken und aus den Fehlern des Vorjahres lernen könne. Vor allem die Notfallräume, auf die man seit langem warte, müssten im neuen Jahr endlich geöffnet werden. Aber auch auf ein Schadensbegrenzungszentrum hoffe man, wo Notfallbetreuung und Suchtbetreuung unter einem Dach stattfinden könnten.
“Die Personen, die wir betreuen, sind echte Helden. Sie haben Menschenrechte wie wir alle. Das ist jahrelang an ihnen vorbeigegangen. Ich hoffe, dass das Jahr 2021 das Jahr derer wird, die man bisher übersehen hat.” sagt Elísabet.

 

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