Drei Isländerinnen holen Flüchtlinge aus dem Gazastreifen Skip to content
No Borders Iceland / Facebook. Palestinian protesters camp outside Iceland's parliament
Photo: No Borders Iceland / Facebook. Palestinian protesters camp outside Iceland’s parliament.

Drei Isländerinnen holen Flüchtlinge aus dem Gazastreifen

Drei isländische Frauen haben gestern eine palästinensische Flüchtlingsfamilie mit Aufenthaltsgenehmigung für Island aus dem Gazastreifen über die Grenze nach Ägypten gebracht. Die drei wollen noch mehr Kinder retten, während Islands Regierung weiterhin über die Lage debattiert. Die Flüchtlingsorganisation Solaris hat derweil eine Spendenaktion gestartet, um die Rettungsaktion der Frauen zu unterstützen, berichtet Vísir.
Insgesamt befinden sich 128 palästinensische Familienangehörige im Kriegsgebiet, die im Rahmen einer Familienzusammenführung bereits eine Aufenthaltsgenehmigung für Island erhalten haben, aus Gaza aber nicht wegkommen. Seit Wochen schon demonstrieren Palästinenser vor dem isländischen Parlament und fordern von der Regierung, sich für die Rettung der Kinder und Mütter einzusetzen. Doch die Politik hatte das Thema mit eher spitzen Fingern angefasst, bis in der vergangenen Woche publik wurde, dass andere nordische Staaten Personen mit Aufenthaltsgenehmigung aus dem Kriegsgebiet holen, und zwar ungeachtet ihrer Nationalität.

Frauen machen Nägel mit Köpfen
Die drei Frauen, die Schriftstellerinnen Bergþóra Snæbjörnsdóttir und Kristín Eiríksdóttir und die Journalistin María Lilja Þrastardóttir, hatten sich letzte Woche auf den Weg nach Ägypten gemacht, um die Ehefrau und drei Kinder eines palästinesischen Freundes, der bereits in Island lebt, aus dem Kriegsgebiet nach Ägypten zu holen und von Kairo auszufliegen. Auch wenn die Reise der Familie sehr lang war, so gestaltete sich die Ausreise am Ende recht simpel. Kristín Eiríksdóttir sagt, alle Beteiligten vor Ort hätten grosse Kooperationsbereitschaft gezeigt.
“Für einen isländischen Diplomaten wäre das alles erheblich einfacher. Ganz klar zeigte sich, dass das einzige Hindernis tatsächlich diese Entscheidung war, Entscheidungen zu treffen, um diese Menschen zu holen, es scheiterte also nur am Willen. Es gibt keine technischen Komplikationen, es ist nicht einmal teuer.“ erklärte Kristín.
Die Rettung der Familie hat vier Tage gedauert.

Erst neue Strategie formulieren
In einem Interview mit Stöð2 hatte Aussenminister Bjarni Benediktsson gestern Abend angegeben, es sei nicht möglich, die 128 Personen mit isländischer Aufenthaltsgenehmigung aus dem Kriegsgebiet im Gazastreifen zu holen, bevor nicht eine neue Strategie der Regierung formuliert worden sei. Islands Infrastruktur könnte durch diese zusätzliche Belastung nämlich zusammenbrechen, immerhin koste das Asylbewerbersystem den Steuerzahler jährlich 20 Mrd. ISK (135 Mio EUR).
„Wir können nicht einfach blind mehr Leute als jeder andere zulassen und zuschauen wie unsere Infrastruktur zusammenbricht. Das ist die Situation, vor der wir stehen,“ sagte der Aussenminister.
Auch Premierministerin Katrín Jakobsdóttir sah gestern Abend eine komplexe Angelegenheit, immerhin seien gleich drei Ministerien damit beschäftigt, sicherzustellen, dass die 128 Kinder und Mütter mit isländischer Aufenthaltsgenehmigung ins Land gebracht werden können. Die Ausländerbehörde habe die Anträge der Palästinenser vorrangig behandelt, das Sozialministerium habe mit der internationalen Migrationsbehörde IOM verhandelt, die helfen soll, die Leute zwischen den Aufenthaltsorten zu transportieren. Das Aussenministerium hat nach Katríns Angaben Dokumente über die Familienzusamenführung nach Ägypten und Israel geschickt. “Dann wird es wegen der Lage noch komplizierter als nur Dokumente versenden,” erklärte Katrín RÚV gegenüber, “man muss Mitarbeiter zu dem Aufenthaltsort schicken.” Der Transport der 128 Personen stehe unter der Jurisdiktion des Aussenministeriums.

Wollen weiter retten während Politiker reden
Die drei oben genannten Frauen haben derweil schon mal angefangen, Nägel mit Köpfen zu machen. Nach der ersten erfolgreichen Rettungsaktion wollen sie so lange Palästinenser mit isländischer Aufenthaltsgenehmigung aus Gaza holen, bis Vertreter des isländischen Aussenministeriums ihren Job übernehmen. Heimildin berichtet, dass die drei hoffen, heute oder morgen eine Mutter mit ihrer schwerkranken dreijährigen Tochter retten zu können.
María Lilja, Bergþóra und Kristín kritisierten die Tatenlosigkeit der isländischen Regierung. “Wir haben mit Diplomaten vor Ort gesprochen, die uns erklärten, dass Island das einzige Land sei, das sich hier an der Grenze nicht hat blicken lassen, und auch nicht in dieser engen Zusammenarbeit mit europäischen Ländern steht, die dort Leute aus Gaza holen und über die Grenze bringen,” sagt María Lilja.

Spendenwerk finanziert Rettung
Die isländische Flüchtlingshilfsorganisation Solaris hat derweil ein Spendenwerk ins Leben gerufen, um die Kosten für den Transport der 128 Palästinenser zu decken, die auf der Basis einer Familienzusammenführung in Island eine Aufenthaltsgenehmigung haben und nun von Privatpersonen geholt werden, weil die Regierung eine Rettung als “nicht möglich” erachtet.
„Menschen, die in Island leben und verzweifelt auf ihre Familien warten, haben wiederholt um einen Dialog mit den Behörden gebeten, der fast ausschließlich abgelehnt oder ignoriert wurde. Unterdessen haben Minister die Öffentlichkeit wiederholt in die Irre geführt, um von der Diskussion abzulenken und zu versuchen, sich von der moralischen Verantwortung zu befreien“, heißt es auf der Website von Solaris.
“Die Zeit wird knapp. In Gaza sind die Menschen in großer Gefahr. Wir müssen auf ihre Not reagieren.“

Nach Angaben von Solaris kommen bei der Rettungsaktion erhebliche Kosten zusammen: der Transport von 100 Personen über die Grenze, sowie administrative Dienstleistungen auf israelischer und ägyptischer Seite kosten rund 50 Mio ISK (337.000 EUR).

 

Sign up for our weekly newsletter

Get news from Iceland, photos, and in-depth stories delivered to your inbox every week!

Subscribe to Iceland Review

In-depth stories and high-quality photography showcasing life in Iceland!

Share article

Facebook
Twitter

Recommended Posts