Die Suche nach den "anderen" Hingerichteten Skip to content
Þingvallavatn
Photo: Golli. Lake Þingvallavatn.

Die Suche nach den “anderen” Hingerichteten

Den Todesstrafen vergangener Jahrhunderte ist die Archäologin Steinunn Kristjánsdóttir zur Zeit auf der Spur, berichtet RÚV. In ihrem Forschungsprojekt “Die Grabhügel der anderen Verurteilten” (Dysjar hinna dæmdu) sucht sie nach Hinweisen auf vermutete 250 Hinrichtungen zwischen den Jahren 1572 und 1792.

Im Titel weise ich darauf hin dass die in dem Zeitraum Hingerichteten das Recht verloren, auf einem Friedhof beerdigt zu werden,” erklärte Steinunn in einem Radiointerview. “Sie wurden ausserhalb der Friedhöfe verscharrt, meist an den Hinrichtungsstätten selbst. Ein Teil des Projektes befasst sich damit, diese Leute zu suchen, sowohl in Quellen und als auch in Grabfeldern.”

Die Isländer hätten sich dieser Tatsache in ihrer Geschichte nicht gestellt. “Diese Hinrichtungswelle, darüber findet man nichts in den Geschichtsbüchern, oder in Übersichtsdarstellungen der isländischen Geschichte, da gibt es nur in einzelnen Fällen Erwähnungen. Es handelt sich um insgesamt 250 Fälle in einem Zeitraum von etwa 200 Jahren.” Mit dieser hohen Zahl habe sie nicht gerechnet, als sie mit ihren Nachforschungen begann.

Die Hinrichtungenzahlen und Fälle von körperlichen Strafen stiegen nach der Reformation steil an, nachdem auch Island den lutherischen Glauben angenommen hatte.

Reformation als Wendepunkt

Damals ging die Rachegewalt von Gott auf den Menschen über. Vorher wurden die Leute einfach verbannt, oder konnten ihre Busszeit in Klöstern oder in der Gesellschaft abarbeiten.” Doch dann wurde ein neues Kapitel in der Jurisdiktion von Verbrechen gegen die Moral geschrieben, das Kapitalurteil, welches Inzucht und ausserehelichen Verkehr bestrafte. Der Staat hatte nun alle Hände voll damit zu tun, das Volk zu züchtigen und die Leute zum Gehorsam zu quälen.”

Steinunn erklärt, dass man damals versucht habe, eine vorbildliche Gesellschaft zu erschaffen, indem man sich des fahrenden Volks und der Armen entledigte. “Das ist so auffallend bei den Hinrichtungen, wieviele Obdachlose betroffen waren, das ist die grösste Gruppe. Da war eine gewisse Säuberung im Gange.”

In ihrer Forschungsarbeit sucht sie nach Handlangern und nach Gräbern, sie besucht Gerichtsorte und Hinrichtungsorte und nutzt Bodenradarmessungen zur Auffindung von Gräbern.

Die meiste Recherche findet in den schriftlichen Quellen statt, hier werden die Hingerichteten nach Alter und Geschlecht sortiert, nach Art des Verbrechens, Stellung in der Gesellschaft und anderen Gesichtspunkten.

Das ist auffallend, dass es sich hier eigentlich nur um Leute aus der unteren Gesellschaftsschicht handelt. Wir haben uns das vom Gesichtspunkt des Machtungleichgewicht der Gesellschaft angeschaut. Knechte und Mägde umfassen eine auffallend grosse Gruppe. In dieser Zeit war die Macht des Hausherrn sehr stark, die durften ihre Arbeiter verprügeln und sie für beinahe alles benutzen.”

Körperstrafen und Zurschaustellung

Ein Teil des Forschungsprojektes gilt den Körperstrafen, von denen es viele gab. “Da wurden Leuten die Hände abgeschlagen, sie wurden gebranntmarkt und ausgepeitscht, und gezüchtigt, ohne dass sie daran starben.” sagt Steinunn. Die Hinrichtungen seien in der Gemeinschaft sehr sichtbar gewesen, um die Leute von Verbrechen abzuschrecken. Sie vermutet, dass unter den Leuten grosse Angst geherrscht haben muss.

Abgeschlagene Köpfe wurden auf Stangen gepflanzt und stehen gelassen, abgeschlagene Hände wurden ausgestellt. Erst kürzlich hat man zwei Gräber freigelegt. Da war es offensichtlich, dass der Kopf auf einer Stange gesessen hat, bis er von selber herunterfiel, die Diebe wurden gehängt und hingen am Strick, bis ihre Leiche verrottete. Das war sehr sichtbar, und solche Hinrichtungsorte gabe es im ganzen Land.” Einer dieser Hinrichtungsplätze war Höggstokkseyri im Nationalpark Þingvellir.

 

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