Das Stromdrama im Norden - Reparaturen dauern länger als erwartet Skip to content
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Das Stromdrama im Norden – Reparaturen dauern länger als erwartet

Das kleine Krankenhaus in Hvammstangi in Húnavatnssýsla mit seinen 18 Pflegebetten und ca. 60 Beschäftigten ist während des Adventsturms 48 Stunden lang ohne Strom, Telefon, Mobiltelefon oder Tetranetz gewesen. Das Tetra-Kommunikationsnetz ist ein Notfallnetz, welches von Beteiligten bei Rettungseinsätzen benutzt wird. Nur dem Zufall sei es zu verdanken, dass es in den zwei Tagen des Unwetters keinen Notfall bei den Patienten gegeben habe, sagte die Bereichsleiterin des westisländischen Gesundheitszentrums, Aldís Ólga Jóhannesdóttir mbl.is gegenüber. Schon vor dem angekündigten Unwetter habe man sich beim örtlichen Stromversorger erkundigt, was im Notfall zur Verfügung stehe, doch der habe gemeint, es würde schon nichts passieren.

Das Krankenhaus verfügt über keinen Notstromaggregat. Das Pflegepersonal leistete seinen Dienst am Patienten mit Stirnlampen. Einen Arzt habe man auch nicht erreichen können, weil es keine Telefonverbindung gab, daher war es Aufgabe der freiwilligen Retter, Patienten im Notfall zu transportieren. Und selbst wenn es einen Dieselaggregat gegeben hätte, hätte man diesen nicht betanken können, weil die meisten Zapfsäulen mit Strom betrieben werden, sagt Aldís. Die Leute seien nach den ernsten Wetterwarnungen durchaus auf alles mögliche vorbereitet gewesen, doch der Zusammenbruch der Infrastruktur habe alle kalt erwischt. Man habe nicht einmal die Nachrichten der öffentlichen Rundfunkanstalt RÚV im Radio verfolgen können.

Auch die Polizei im Norden hatte gestern Sorge, ohne Verbindung nach Reykjavík da zu stehen, wenn die Notstromaggregate am Abend abgeschaltet würden, um Strom zu sparen. “In so einer Lage sind wir noch nie gewesen,” kommentierte der Polizeileiter in Sauðárkrókur, Stefán Vagn Stefánsson. Die Notruflinie 112 funktionierte, hätte aber auch jederzeit ausfallen können.

Lebensgefährliche Lage

Die Bürgermeisterin der Gemeinde Húnaþing vestra bezeichnete die Lage der vergangenen Tage als lebensgefährlich. “Wir konnten weder Hilfe holen, noch Hilfe leisten,” sagte sie RÚV gegenüber. Durch den Zusammenbruch des Telefonnetzes habe man weder gewusst, was draussen passiere, wie die Lage sei, noch was als nächstes komme. Gestern hatten sich fünf Minister auf den Weg nach Norden gemacht und von Ragnheiður Jóna Ingimarsdóttir einen Lagebericht für ihre Gemeinde erhalten. Sie habe ihnen klargemacht, wie ernst die Lage gewesen sei.

Einige Höfe waren tagelang von der Aussenwelt komplett abgeschnitten, nachdem neben dem Strom auch Telefon- und Mobiltelefonverbindung und das Internet, sowie das Tetranetz ausgefallen waren. Ein Bauer aus dem Skíðadalur hatte immerhin sein Funkgerät zur Verfügung, welches beim Schafetreiben benutzt wird. Jón Þórarinsson auf Hnjúki findet, dass die Gesellschaft auf solche Notlagen nicht mehr vorbereitet ist. Es reiche nicht aus, das Zivilschutznetz in Ordnung zu haben, auch der grössere Zusammenhang und die Gemeinschaft im kleinen Kreis müssten besser vorbereitet sein. Der grosse Sturm sei allen eine Lehre gewesen, sagt er.

Grindavík leiht Notstromaggregate nach Norden aus

Das Rettungsteam von Grindavík im äussersten Südwesten des Landes hat drei schwere Dieselaggregate nach Norden geschickt, um im Svarfardalur Strom für einen grossen Kuhstall mit Melkroboter zu liefern. Die beiden anderen Geräte liefern Strom für einen weiteren Hof und den Ort Dalvík. Alle drei Geräte dienen der Stadt Grindavík als Notlösung bei Stromausfall, schreibt das Rettungsteam in einem Beitrag auf Facebook.

Dalvík erhält den Hauptanteil seines Stroms von See aus, wo das Küstenwachschiff Þór einen Notstromaggregat betreibt. Nach Angaben des Stromunternehmens Landsnet soll am kommenden Mittwoch der Strom für die Stadt wieder bereitstehen, da die Leitungen enteist und 50 gebrochene Holzmasten ersetzt werden müssen. Auch die Kópaskerslinie im äussersten Norden ist mehr beschädigt als zunächst angenommen, hier müssen 14 Masten ersetzt werden.

Stromlose Höfe vier Tage nach dem Sturm

Immer noch sind einige Höfe und Gemeinden im Norden ohne Strom. Das Unwetter hatte am Dienstag begonnen. Die Mannschaften der Elektrizitätswerke arbeiten Tag und Nacht, um die Schäden an Leitungen und Masten zu beseitigen, viele Verbindungen sind unsicher und fallen auch nach Reparatur wieder aus.

Man könne es eigentlich kaum glauben, so sagt eine Bewohnerin im Hörgársveit RÚV gegenüber, dass man im Jahr 2019 in die vierte Nacht ohne Strom im Haus gehen müsse, und das keine 24 Kilometer von der Hauptstadt des Nordens entfernt.

Ein Landwirt aus dem gleichen Tal berichtet, dass er den Stromtrupps Hilfe beim Reparieren der Masten angeboten habe, und am Ende seien auch andere Talbewohner dazugestossen. Zusammen hätten sie es geschafft, die Stromversorgung im Tal wieder herzustellen. Die Leitungen seien ein Kind ihrer Zeit, alt und verschlissen, sagt Agnar Þór Magnússon auf Garðshorn í Pelamörk, und es sei beispiellos, dass es heute noch solche Stromleitungen gebe. Er habe erst mal den Stall aufgeheizt, der nach Ausfall der Lüftung klatschnass und eiskalt gewesen sei. Das Aufheizen des ausgekühlten Wohnhauses dauere lange. Darum habe er Frau und Kinder nach Akureyri gebracht, nun gehe es daran, die Strassen vom Schnee zu befreien. Das sei alles kaum zu beschreiben, sagt Agnar. “Ich glaube, das versteht niemand, ausser er ist dabeigewesen.”

Gemeinde inseriert nach Gasöfen

Die Gemeinde Skagafjörður hatte im Internet um gasbetriebene Öfen zur Ausleihe gebeten, damit Bewohner in ausgekühlten Häusern Räume aufheizen konnten. Selbst aus Reykjavík kamen Angebote mit solchen Öfen, Mitglieder der regionalen Freiwilligenteams kümmerten sich darum, die Öfen nach Norden zu transportieren.

Die Leiter der Telekommunikationsunternehmen waren heute zusammen getroffen, um den katastrophalen Totalausfall der letzten Tage zu diskutieren. Bislang ist nicht bekannt, warum neben dem Strom auch die Telefonverbindung so weiträumig ausgefallen ist. Hrafnkell V. Gíslason, der Chef der isländischen Post, sagte mbl.is gegenüber, es sei klar dass das Stromnetz gestärkt werden müsse. Für einen Katastrophenfall benötige man Plan C, wie etwa Funkgeräte, die sich bislang nur in einigen Mietwagen und auf Schiffen befinden.

Derweil wird die Verantwortung für den Totalausfall zwischen Politik, Stromindustrie und Gemeinden bzw Landeigentümern hin- und hergeschoben. Am grünen Tisch kritisiert man, dass allzuoft Genehmigungen für Stromleitungen nicht erteilt werden, oder dass Umweltaktivisten Bauwerke verhindern. Von Bürgerseite aus wird geklagt, dass notwendige Projekte meist jahrelang dauern, und dass man nicht noch weitere Überlandleitungen wolle, sondern sichere Erdkabel, doch höre man da stets, dies sei zu teuer.

Pferde in Schneewehen verendet

Mindestens sechs Pferde sind in den Schneewehen verendet, zahlreiche Pferde schwer krank, darunter ein Fohlen. Der Zustand des Milchviehs in den Kuhställen wird zur Zeit untersucht, viele Kühe hatten wegen des Strommangels nicht gemolken werden können, was zu Euterentzündungen führen kann.

Die Tierärztin Ingunn Reynisdóttir sagte RÚV gegenüber, man könne sich keine Vorstellung von der ganzen Situation machen, wenn man sie nicht am eigenen Leib erfahren hätte.

Auch heute sind mmer noch 250 Freiwillige der nationalen Rettungsorganisation im Norden bei Einsätzen unterwegs, um den Stromtrupps und Leuten in ausgekühlten Häusern zu helfen.

Den neusten Zahlen nach waren von 4000 registrierten Mitgliedern mehr als 1000 zu Einsätzen im Westen und Norden des Landes ausgerückt. Einer der grössten Einsätze in der Geschichte der Organisation, sagt Geschäftsführer Jón Svanberg Hjartarson RÚV gegenüber.

Sehr geholfen habe, dass die Leute den Warnungen gefolgt seien und in ihren Häusern geblieben waren, sodass es kaum Einsätze wegen steckengebliebener Autos gegeben habe.

Regierung  bildet Arbeitsgruppe

Die Regierung hat gestern beschlossen, eine interministerielle Arbeitsgruppe zu gründen, welche Massnahmen prüfen soll, um die Infrastruktur auf dem Land auf Fordermann zu bringen. Die Infrastruktur müsse in einen Zustand gebracht werden, dass sie Unwetter oder Naturkatastrophen überstehe. Neben der Sicherheit von Strom und Telekommunkation soll sich die Gruppe auch mit dem Verkehr, Bauwerken und dem Sendenetz der staatlichen Sendeanstalt RÚV befassen. Die Sicherheit dieser Strukturen sei Teil der nationalen Sicherheit, schreibt RÚV.

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