Blutstuten: Ermittlungen der Vet-Behörde laufen, neues "Zuchtziel" offenbart Skip to content
Photo: Dagmar Trodler.

Blutstuten: Ermittlungen der Vet-Behörde laufen, neues “Zuchtziel” offenbart

Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST ist zur Zeit damit beschäftigt, Hinweise zu den Zuständen auf isländischen Blutfarmen zu untersuchen, die Schweizer Tierschutzorganisationen in einem Video offengelegt hatten, berichtet Vísir.
In dem mit versteckter Kamera aufgenommenen Video ist zu sehen, wie die zumeist halbwild lebenden Stuten mit Gewalt und Prügel in enge Treibegänge und Fixierstände verbracht wurden, wie sie zwangsweise mit überstrecktem Kopf am Pfosten festgebunden und mit einem Gurt über dem Rücken am Steigen gehindert wurden. Das anwesende medizinische Fachpersonal war gegen die Tierquälerei nicht vorgegangen.
In Island werden rund 5400 Stuten auf 119 Höfen während der Trächtigkeit mit fünf Litern Blut pro Sommerwoche zur Ader gelassen. Aus dem Blutertrag extrahiert ein Pharmaunternehmen das Hormon PSMG, welches als Fruchtbarkeitsbooster in der europäischen Schweinezucht eingesetzt wird. Video und Enthüllungen hatten in Island für einen Sturm der Entrüstung gesorgt.

Übereilte Entscheidung kann mit Schlachtung der Stuten enden
Die Veterinäraufsichtsbehörde hatte versichert, die Hinweise auf Tierquälerei sehr ernst zu nehmen. Es sei wichtig, eine allumfassende Debatte über das Thema zu führen und keine übereilten Entscheidungen zu fällen, denn die könnten das Wohl von bis zu 5000 Blutstuten gefährden. Unter anderem bestehe die Gefahr, dass ein Grossteil der Stuten im letzten Trächtigkeitsdrittel der Schlachtung zugeführt würden.
Zur Zeit prüfe man die Betriebsbedingungen, die für die Blutwirtschaft gelten, sowie die generelle Inspektion des Gewerbes. Über das Jahr verteilt liegt die Kontrolle der Blutfarmen in den Händen der Behörde, die Aufsicht am Blutgewinnungstag selbst wird durch das blutaufkaufende Unternehmen Ísteka ehf durchgeführt. MAST sieht es als gegeben an, dass die Blutgewinnung dem Tierschutzgesetz nicht zuwiderläuft.
In einer Mitteilung dankte MAST den Tierschutzorganisationen AWF und TSB für die Unterstützung bei der Untersuchung. Die laufenden Ermittlungen gälten nicht zuletzt den systematischen Schwachstellen der Blutwirtschaft, welche sich auf das Wohl der Stuten auswirkten.
Auch der offene Brief, den die Organisationen übermittelt hätten, werde berücksichtigt.

Offener Brief enthüllt neues “Zuchtziel” des Pharmaunternehmens
In dem Brief, der Icelandreview vorliegt, bekräftigt der TSB unter anderem, dass es sich bei den Videoaufnahmen keineswegs um Einzelfälle handle und wirft der Ísteka ein systematisches Versagen der Aufsichtspflicht vor.
Weiter heisst es in dem Brief, das Unternehmen habe in einem persönlichen Gespräch mit AWF und TSB angegeben, man plane, die Nutzung der Blutstuten zu optimieren. Demnach “beabsichtige das Unternehmen, Islandpferde zu züchten, die während der Trächtigkeit einen höheren PSMG-Gehalt in ihrem Blut aufweisen. Das Pharmaunternehmen verfolge eine Strategie, mit der genetisch eine “Blutlinie” selektiert werden soll, um eine höhere Blutausbeute zu ereichen, mit der gleichen Anzahl an Tieren.”
AWF/TSB kritisieren, dass das Islandpferd damit genetisch den wirtschaftlichen Interessen eines einzelnen Unternehmens angepasst werden soll. Dies laufe den isländischen Bemühungen zuwider, die reine Zuchtlinie des Islandpferdes zu erhalten.
Icelandreview hat die FEIF in Bezug auf dieses neue “Zuchtziel” um eine Stellungnahme gebeten.

Wilde Pferde und unprofessionelles Handling
Die Tierschutzorganisationen beklagen weiter ein Versagen der Kontrollmechanismen seitens der Veterinäraufsichtsbehörde, weil Defizite auf allen besuchten Höfen bestanden hätten. Bei 119 Höfen und mehr als 5300 Stuten sei MAST mit Inspektion und Verbesserungen überfordert. Der Vorschlag des Unternehmens, die Blutgewinnung unter Kameraüberwachung durchzuführen, sei unrealistisch, weil man kaum bis zu 3600 Stunden Videoaufnahmen pro Blutsaison überprüfen könne.
Den Vertretern der Ísteka werfen die Tierschützer vor, sich der Tierschutzproblematiken überhaupt nicht bewusst zu sein, wie etwa unprofessionelles Pferdehandling, Sicherheitsdefizite in den Fanganlagen, aber auch Stress und Panik der Pferde.
Ísteka bestätige, dass die meisten der Blutstuten wild oder halbwild lebten und kaum Menschenkontakt hätten. TSB sieht genau darin ein systematisches Problem, denn wilden Pferden könne man kein Blut entnehmen, ohne Gewalt anzuwenden oder die Tiere zu stressen. Es sei auch unrealistisch, 5000 Pferde für die Blutgewinnung zu trainieren. Die Organisation weist auf das Vorhandensein von synthetischen PSMG-Alternativen und zootechnologischen Massnahmen hin, die Stutenblut ersetzen können.

Ausbau der Blutgewinnung übersteigt Kontrollkapazität
Des weiteren kritisiert der Tierschutzbund, dass die von MAST genehmigte Blutmenge von fünf Litern pro Woche und Stute die international empfohlene Menge bei weitem übersteige und Studienergebnissen widerspreche.
Auf allen der 40 besuchten Blutfarmen habe es Verstösse gegen den Tierschutz und unzureichende oder gefährliche Fangeinrichtungen gegeben.
Der den Behörden zur Prüfung vorliegende Plan der Ísteka, die aktuell 170.000 Liter Stutenblut auf 600.000 Liter pro Jahr zu erhöhen, bringe ausschliesslich dem Pharmaunternehmen einen Profit. Dabei sei heute schon klar, dass eine Aufsicht über die Blutgewinnung nicht durchführbar ist. Die Genehmigung zur Ertragserweiterung auf 600.000 Liter pro Jahr würde jede Kontrollkapazität übersteigen.
TSB betont, dass man keine Individuen angreife, sondern gegen das System als solches vorgehen wolle, mit dem Ziel, die Blutgewinnung zu verbieten. Man sei zu Gesprächen bereit, aber auch zur Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft, falls es zu einem Verfahren komme.

Neuer Antrag im Parlament
Am 1. Dezember hatten mehrere Parlamentarier aus Volkspartei und Linksgrüner Bewegung zum zweiten Mal einen Gesetzesantrag im Parlament vorgelegt, mit dem die Blutgewinnung aus tragenden Stuten verboten werden soll. Der erste Versuch im vergangenen März war im Vorfeld durch Lobbygruppen zu Fall gebracht worden.

Share article

Facebook
Twitter

Recommended Posts