Blutstuten: 66 Prozent der Isländer gegen Blutfarming Skip to content

Blutstuten: 66 Prozent der Isländer gegen Blutfarming

In einer aktuellen Umfrage haben sich 66 Prozent der isländischen Befragten gegen die Blutstutenwirtschaft ausgesprochen, 14 Prozent waren dafür, sie beizubehalten. Nur sechs Prozent der befragten Frauen sind dafür, dass tragenden und laktierenden Stuten bis zu zehnmal im Sommer mindestens fünf Liter abgezapft wird, und 24 Prozent der befragten Männer. Aus dem Blut extrahiert ein isländisches Pharmaunternehmen das Trächtigkeitshormon PMSG, welches in der industriellen Schweinezucht Anwendung findet.

Politiker bringen Bewegung in die Blutstutensache
In die Angelegenheit um die Blutstutenwirtschaft in Island war in der vergangenen Woche Bewegung gekommen, nachdem es der Volksparteivorsitzenden Inga Sæland im zweiten Anlauf gelungen war, einen Gesetzentwurf zum Verbot des Gewerbes bis in den parlamentarischen Ausschuss zu bringen. In der Folge hatte dann die neue Landwirtschaftsministerin Svandís Svavarsdóttir eine Arbeitsgruppe zum Thema gebildet, die nicht nur die tierschutzwidrigen Vorfälle prüfen wird, sondern auch die volkswirtschaftliche und soziale Bedeutung der Blutindustrie unter die Lupe nehmen will.
Bei einer Petition gegen den umstrittenen Agrarzweig haben inzwischen mehr als 4000 Personen unterschrieben.

Auslöser der Entwicklung war das Video einer Schweizer Tierschutzorganisation gewesen, in dem tierquälerische Praktiken bei der Blutgewinnung zu sehen sind. Das Blutstutengewerbe existiert in Island seit 40 Jahren, doch bislang waren Informationen unter Verschluss gehalten worden. Pressebeiträge hatte es ausschliesslich aus der Feder des blutaufkaufenden Pharmaunternehmens gegeben.

Noch vor einigen Monaten undenkbar, ist nun auch die Bevölkerung zu ihrer Haltung zum Thema Blutstuten in Island befragt worden, berichtet das Fréttablaðið. Demnach sprachen sich 15 Prozent der Befragten dafür aus, dass die Blutstutenwirtschaft in Island erlaubt ist, 66 Prozent waren dagegen. Frauen sprechen sich weitaus häufiger gegen den Agrarzweig aus als Männer, nur sechs Prozent sind dafür, bei den Männern immerhin 24 Prozent. Die Wähler politischer Parteien sind zum grössten Teil gegen das Geschäft, mit Ausnahme der Unabhängigkeitspartei, wo 28 Prozent die Blutgewinnung fortsetzen wollen. Bei den Altersgruppen ist augenfällig, dass vor allem junge Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren sich für eine Beibehaltung des lukrativen Wirtschaftszweigs aussprechen (23 Prozent), in der Gruppe der 65-Jährigen und älteren sind dies nur 11 Prozent.
In Islands Hauptstadt (ca. 240.000 Einwohner) sprechen sich 70 Prozent gegen das Blutstutengeschäft aus, auf dem Land (ca. 130.000 Einwohner) sind um die 60 Prozent dagegen.
Die Umfrage war zwischen dem 1. und dem 10. Dezember durchgeführt worden, befragt wurden 2300 Personen ab 18 Jahren. Antworten waren von 1134 Personen (49,3 Prozent) eingegangen.

Schwerstes Tierschutzvergehen
Gestern hatte der Anwalt und Tierschutzexperte Árni Stefán Árnason in einem Interview bei Vísir die Blutstutenhaltung als eins der schwersten Tierschutzvergehen in der isländischen Geschichte bezeichnet. Er hoffe inständig, dass die Staatsanwaltschaft sich der Angelegenheit annehme, denn das Tierschutzgesetz aus dem Jahr 2014 biete den gesetzlichen Rahmen für eine Strafverfolgung.
Er äusserte sich ausgesprochen unzufrieden über die Art und Weise, wie die Veterinäraufsichtsbehörde ihrer Aufsichtspflicht nachgekommen ist und forderte die Landwirtschaftsministerin auf, die Tierschutzkontrolle grundsätzlich aus den Händen der Behörde zu nehmen und an einen privaten Träger zu vergeben, bei dem keine Gefahr eines Interessenskonfliktes in Verbindung mit der Nutztierhaltung in Island bestehe.
Nach Veröffentlichung des Videos war bekannt geworden, dass die Veterinäraufsichtsbehörde MAST die Blutfarmen über das Jahr hin kontrolliert, die Blutgewinnung selber wird jedoch von Tierschutzbeauftragten der Ísteka überwacht. Dem Fréttablaðið gegenüber gab die Unternehmensleitung von Ísteka ehf. zu, dass man die Kontrolle der Blutfarmen ausgebaut habe. Jetzt besuche der Tierschutzbeauftragte des Unternehmes, Dr. Eggert Gunnarsson, die Höfe mindestens einmal im Jahr. Zuvor sei dies alle zwei Jahre geschehen. Man sei sich der Tatsache bewusst, dass man mehr Kontrolleure einstellen müsse.
Im Video der Tierschutzorgansation war nicht zu erkennen gewesen, dass die anwesenden Tierärzte, die die mit Gewalt an Fixierstände gefesselten Stuten zur Ader liessen, gegen Tierquälereien vorgegangen sind.
MAST hatte immer wieder erklärt, über genügend Personal und ausreichend finanzielle Mittel für die Aufsichtsführung im Blutstutenbetrieb zu verfügen.

Ísteka züchtet selbst Blutstuten
Wie bei Vísir heute zu lesen war, betreibt das Pharmaunternehmen Ísketa ehf. selbst drei Höfe, auf denen tragenden Stuten Blut abgezapft wird. In diesem Jahr sind dort 283 Stuten zur Ader gelassen worden. Diese Information hatte MAST auf Anfrage herausgegeben. Es kann Vísir zufolge davon ausgegangen werden, dass das Unternehmen noch weitaus mehr Stuten besitzt, darunter Stutfohlen und Jungstuten, die später für das Blutgeschäft benutzt werden sollen. Die Abstammungsdatenbank Worldfengur etwa weist 81 Stutfohlen im Bezirk Austur-Húnavatnssýsla im Besitz der Ísteka für das Jahr 2020 auf, im Jahr 2019 waren es 104 Stutfohlen. Zusätzlich unterhält die Ísteka Verträge mit Pferdezüchtern zur Blutgewinnung und benutzt auf diese Weise insgesamt 5385 tragende Stuten in Island.

Blutverlust kein Problem für isländische Stuten
Vísir hatte von MAST auf Grundlage des Gesetzes zur Aufklärungspflicht detaillierte Informationen über Untersuchungen zu Blutwerten und körperlichem Wohl der Stuten nach der Blutgewinnung verlangt. Solche Daten, die beweisen würden, dass die Stuten durch den Blutverlust nicht geschwächt werden, konnten bislang weder von der Behörde noch von Ísteka vorgelegt werden. In der Antwort der Behörde hiess es wortwörtlich: “Bei der regelmässigen Kontrolle der Veterinäraufsichtsbehörde werden die Stuten direkt nach der Blutgewinnung angeschaut, und bei diesen Kontrollen hat es keine Hinweise auf unnormales Verhalten oder Unwohlsein der Stuten nach der Blutgewinnung gegeben.” Weiter heisst es in der Antwort, eine der Voraussetzungen für den Blutbetrieb der Ísteka sei es, dass das Blut der Blutstuten jedes zweite Jahr untersucht werde. Die Ergebnisse hätten mit der Zeit eine breite Datengrundlage geschaffen. MAST zufolge liege der Rückgang der roten Blutkörperchen nach den ersten zwei Blutgewinnungen bei 18 Prozent, danach bleibe er für den Rest der Blutsaison gleich und pendle sich zwei Wochen nach Saisonende auf den Ursprungswert ein. Die Stuten schienen also zwei Wochen zu benötigen, um auf den Blutverlust zu reagieren. Der niedrigste Wert liege dabei immer noch innerhalb der für das isländische Reitpferd geltenden Toleranzzone.
Vísir schreibt, diese Informationen seien nicht nachprüfbar, da es keine Dateneinsicht gebe.

Blutgewinnungskanüle, Screenshot

Internationalen Empfehlungen zur Blutgewinnung bei Tierversuchen zufolge kann einem gesunden Pferd bei gutem Futter einmalig 10 Prozent des Gesamtblutvolumens entnommen und die Blutentnahme dann nach drei bis vier Wochen wiederholt werden. Bei häufigeren Aderlässen gelten 15 Prozent des Gesamtblutvolumens mit einer Pause von 28 Tagen als vertretbar.
Schweizer Tierschutzregeln zufolge dürfte einer 300 Kilo schweren Stute nur 2,5 Liter Blut abgenommen werden, mit einer Pause von zwei Wochen dazwischen.
Der systematische Aderlass bei tragenden und laktierenden Stuten ist in der Schweiz und in Deutschland nicht erlaubt.

Nach Berechnungen von AWF/TSB würde eine Befolgung internationaler Standards bei der Blutgewinnung in Island zu einem Ertragsrückgang von bis zu 75 Prozent führen. Ísteka hatte bereits zuvor den Ausbau des Geschäfts angekündigt und eine Vergrösserung des Blutstutenbestandes auf 20.000 Stuten (von bisher 5400) in Aussicht gestellt, sowie im Gespräch mit AWF/TSB auch die Begründung einer eigenen Blutzuchtlinie angedeutet, um den angestrebten Ertrag von 600 Tonnen Blut aus tragenden Stuten decken zu können.
Eine Genehmigung für dieses Vorhaben durch die Umweltbehörde steht noch aus. Bis zum 22. Dezember können Einwände an die Umweltbehörde geschickt werden.

 

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