Walfang: Hvalur 8 wegen Tierschutzverletzung stillgelegt

Whale

Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST hat den Betrieb des Walfangschiffes Hvalur 8 vorübergehend stillgelegt, weil bei der Jagd auf Finnwale die Tierschutzbestimmungen nicht eingehalten worden sind. Die Stilllegung bleibt solange bestehen, bis korrigierende Massnahmen von MAST und der Fischereibehörde abgenommen worden sind, berichtet Vísir.

Einer Pressemitteilung von MAST zufolge hatte das Überwachungsvideo der aufsichtsführenden Person zutagegefördert, dass bei der ersten Jagdfahrt am 7. September der erste Harpunenschuss aus der Hvalur 8 ausserhalb des markierten Zielbereichs traf und das Tier nicht sofort tötete, wie es die neuen Walfangverordnung vorschreibt. Der notwendige Zweitschuss wurde erst nach 30 Minuten abgegeben, worauf der Wal nach wenigen Minuten verendete.
Die 30 Minuten Todeskampf zwischen den beiden Schüssen stellen eine Verletzung von Tierschutzrichtlinien und Fischereibestimmungen dar, schreibt MAST. Die Stilllegung des Walfangschiffes wird erst dann aufgehoben, wenn Hvalur hf die Behörden mit Korrektivmassnahmen überzeugen kann.

Der Vorfall trug sich, wie gesagt, vor einer Woche zu. Auch der zweite erbeutete Wal trug zwei Harpunen im Körper, zum Hergang wurde bislang nichts veröffentlicht. Trotz des Gesetzverstosses konnte das Unternehmen jedoch weitere 13 Wale erbeuten, bevor heute zumindest eins der beiden Fangschiff stillgelegt wurde.

Neue Verordnung ist wirksames Werkzeug
Valgerður Arnadóttir, die Sprecherin der Walschutzorganisation Hvalavinir, sagte Heimildin gegenüber, sie finde es eigenartig, dass nicht der gesamte Fangbetrieb des Unternehmens stillgelegt wird, sondern nur eins der beiden Schiffe. Allerdings habe die neue Verordnung den Behörden jetzt Werkzeug an die Hand gegeben, was es für Kristján Loftsson schwer machen würde, seine Jagdsaison wie geplant zu beenden. Mit der nächsten “Abweichung” ist auch bei der Hvalur 9 Schluss, die Saison ohnehin fast zuende, das Wetter wird nicht besser, und die Jagdlizenz läuft zum Jahresende aus. Fischereiministerin Svandís Svavarsdóttir hatte schon mehrfach angedeutet, dass es mit ihr eine Lizenzverlängerung nicht geben werde.

Drei weitere Wale auf dem Weg
Derzeit befinden sich beide Schiffe mit heute geschossenen Walen auf dem Weg in den Hafen von Hafnarfjörður. Die seit Mittag stillgelegte Hvalur 8 wird in der Nacht mit einem Finnwal im Schlepp am Kai erwartet, der vor dem Mittag geschossen worden sein soll, die Hvalur 9 läuft morgen früh mit zwei Walen ein.
Damit sind seit letzter Woche 14 Finnwale erbeutet worden. Die ersten drei Wale waren gleich am 7. September geschossen worden, die nächsten vier am vergangenen Sonntag, und weitere vier am Dienstag. Erst heute reagierte die Veterinäraufsichtsbehörde. Man habe nicht schneller arbeiten können, gab Behördenleiterin Hrönn Jörundsdóttir Heimildin gegenüber an.
Wie es mit der Hvalur 9 weitergeht, entscheidet erst mal das Wetter, sie wird voerst nicht auslaufen können, weil für Samstag sehr schlechtes Wetter aus Südost erwartet wird.

Síldarvinnslan schliesst Fischbetrieb in Seyðisfjörður

first capelin in two years arriving in Eskifjörður

Der Fischereikonzern Síldarvinnslan hat gestern angekündigt, seinen Betrieb im ostisländischen Seyðisfjörður zu schliessen. Die Gemeindeverwaltung bezeichnete den Schritt als schwere Enttäuschung und will das Unternehmen bitten, die Schliessung zu verschieben, damit auf den Verlust von 30 Arbeitsplätzen reagiert werden kann, berichtet RÚV.

Vor neun Jahren hatte Síldarvinnslan die Quote samt Fischfang und Fischverarbeitung in Seyðisfjörður gekauft. Jetzt ist alles zu klein geworden, als dass sich notwendige Investitionen amortisieren würden, daher will man den Fisch zukünftig in der modern ausgestatteten Fischfabrik in Grindavík verarbeiten. In Seyðisfjörður werden dadurch 30 Leute ihren Arbeitsplatz verlieren. Síldarvinnslan will sich jedoch an Gegenmassnahmen beteiligen und auch in den Aufbau von Arbeitsplätzen in Seyisfjörður investieren. Trotz Gesprächen mit Gemeindevertretern schliesst das Unternehmen am 30. November seine Tore.

Bürgermeister Björn Ingimarsson ist mehr als unzufrieden mit der Entscheidung. “Das ist eine kurze Zeit für die Leute, um vernünftig darauf reagieren zu können.” findet er.
Eine Lösung steht bereits im Raum, allerdings schmeckt sie den wenigsten: sollte es die gewünschte Genehmigung für eine Lachszucht im Seyðisfjörður geben, dann hätte man da 14 Arbeitsplätze im Angebot. Die Mehrheit der Anwohner hatte sich in der Vergangenheit gegen eine Fischzucht in Fjord ausgesprochen, zudem gab es Sicherheitsbedenken, weil die Zuchtbecken die ohnehin schmale Schiffahrtsrinne zusätzlich verschmälern würde. Auch in Seyðisfjörður legen immer mehr grosse Kreuzfahrtschiffe an.

In Frage komme, dass die Gemeinde Múlaþing eine besondere Regionalquote fordert, um die Fischverarbeitung und den Fischfang aufrechtzuerhalten.
„Es wird auf jeden Fall eine der Optionen sein, die geprüft werden.“ so Björn. Man wolle betonen, dass der Ort mehr Vielfalt im Arbeitsleben brauche. Es gebe noch mehr Möglichkeiten, auch Optionen rund um den Tourismus seien im Gespräch.

Zwei Finnwale mit mehreren Harpunen im Leib angelandet

Der erste Wal der diesjährigen Jagdsaison, der am Morgen angelandet worden war, trug eine Harpune im oder am Kopf und eine weitere in der Seite. Kurz darauf lief die Hvalur 9 mit zwei Walen im Schlepptau ein, einer von ihnen wurde um die Mittagszeit angelandet und zeigte ebenfalls Wunden von zwei Harpunen, was bedeutet, dass auch dieses Tier nicht beim ersten Schuss verendet ist, berichtet Heimildin. Die Harpune hatte erneut geladen und abgeschossen werden müssen.

Jagdmethoden nicht gebessert
Der dritte Finnwal befindet sich noch im Wasser und wird erst angelandet, wenn die zwei anderen an Land zerteilt worden sind. Die Zerteilung passiert unter freiem Himmel, nachdem der ehemalige Fischereiminister dem Unternehmen Hvalur hf. seinerzeit eine verlängerte Ausnahmegenehmigung erteilt hatte, ansonsten hätte man nämlich wie alle anderen fleischverarbeitenden Betriebe eine Halle für die Schlachtung errichten müssen.
“Damit ist klar und für mich überhaupt nicht überraschend, dass sich die Jagdmethoden von Hvalur hf. in keinster Weise gebessert haben,” kommentierte Arne Feuerhahn, der Geschäftsführer der Meeresschutzorganisation Hard to Port, die den zweite Sommer in Folge die Geschehnisse in der Zerteilstation verfolgt und bildlich dokumentiert.

Bei Nebel und schlechtem Wetter gejagt
Die beiden Walfangschiffe hatte sich vorgestern auf den Weg in die Fanggründe gemacht, und “trotz dichten Nebels und sehr schlechtem Wetter”, so der Leiter der Walfangstation, sei die Jagd “gut verlaufen.” Schlechte Sicht erschwere hingegen die Jagd.
Fischereiministerin Svandís Svavarsdóttir hatte den Walfang zum 1. September hin wieder erlaubt, allerdings mit strengeren Regeln, die für mehr Tierwohl bei der Jagd sorgen sollen. Die neue Verordnung überprüft die Bedingungen, die bei der Jagd vorliegen müssen, und verlangt, dass „äußere Bedingungen“ so gestaltet sein müssen, dass „die Möglichkeit einer sofortigen Tötung besteht.” Dabei seien Wellenhöhe, Wetterbedingungen und Sichtverhältnisse zu berücksichtigen.
Den Beschreibungen des Stationsleiters zufolge waren die Sichtverhältnisse jedoch schlecht gewesen.
Die Aufsichtspersonen von Fischereibehörde und Veterinäraufsichtsbehörde (MAST) können der Verordnung zufolge verlangen, dass die Arbeitsweise verbessert wird, wenn die vorgenannten Voraussetzungen nicht erfüllt werden.

Vorfallbericht innerhalb von zwei Tagen
Die MAST-Fachtierärztin Þóra Jóhanna Jónasdóttir sagte Vísir gegenüber, das Unternehmen müsse bei einem Vorfall wie diesem spätestens zwei Arbeitstage nach Ende der Fahrt einen Vorfallbericht einreichen, in dem der Vorfall beschrieben und seine möglichen Ursachen analysiert werden müssen.
Anschließend beurteile die Behörde, ob Verbesserungen erforderlich seien, bevor Hvalur erneut auslaufen darf. Þóra weist darauf hin, dass das Tierschutzgesetz es erlaubt, den Jagdbetrieb einzuschränken oder einzustellen, sollten schwerwiegende Vorfälle oder wiederholte Verstöße vorliegen, oder wenn der Betreffende festgelegte Fristen nicht einhalte.

Diesjährige Fangquote liegt bei 161 Walen
In diesem Sommer darf Hvalur hf 161 Finnwale erlegen. Im letzten Jahr waren 148 Wale erlegt worden, die Jagdsaison hatte um die 100 Tage gedauert und war am 28. September zuende gegangen.
MAST hatte schwere Einwände gegen die Jagd erhoben, unter anderem weil viele der Wale mehrfach harpuniert worden waren, weil Sprengstoffladungen nicht detoniert waren und manche Tiere einen stundenlangen Todeskampf und schlimme Qualen erleiden mussten.

Die isländische Naturschutzorganisation hat am Mittag mit einem Brief an die Veterinäraufsichtsbehörde MAST einen sofortigen Stopp des Walfangs mit der Begründung gefordert, dass einer der Wale mindestens zweimal harpuniert wurde und der Walfang bei schlechten Wetterbedingungen stattgefunden hat.

 

Walfang in Island wieder erlaubt, aber mit strengen Regeln

whaling Hvalur hf

Die kommerzielle Jagd auf Wale wird in Island wieder erlaubt. Allerdings muss das einzige Walfangunternehmen, Hvalur hf, dabei strengere Bestimmungen befolgen und sich noch mehr Überwachung gefallen lassen. Die Entscheidung war am Vormittag von Ministerin Svandís Svavarsdóttir nach einer Kabinettssitzung in Egilsstaðir verkündet worden. Am 20. Juni hatte Svandís ein zeitlich befristetes Jagdverbot erteilt, einen Tag bevor die alljährliche Jagdsaison hatte losgehen sollen.

Bestimmungen von 2022 reichten nicht aus
Im vergangenen Jahr hatte die Ministerin bereits die Bestimmungen verschärft, nachdem kritisches Bildmaterial von Aktivisten eingegangen war.  Sie entschied, dass es künftig der Veterinäraufsichtsbehörde MAST in Zusammenarbeit mit der Fischereibehörde obliegt, während der restlichen Jagdsaison 2022 an Bord der Walfangschiffe Bildmaterial zu sammeln und einen Abschlussbericht anzufertigen. In den später veröffentlichten Videos war zu sehen, dass die Wale bis zu viermal beschossen werden mussten, manche brauchten zwei Stunden, bis sie endlich tot waren, ein Wal quälte sich mehrere Stunden. Es wurden auch tragende Walkühe erlegt, eine Walkuh musste fünf Stunden lang verfolgt werden, weil sie mit der Harpune im Leib zu entkommen versuchte.

Der Fachrat für Tierwohl fand heraus, dass die Jagd- und Tötungsmethoden nicht mit den isländischen Bestimmungen zum Tierwohl in Einklang zu bringen sind, und der Bericht einer von der Ministerin im Juni diesen Jahres eingesetzten Arbeitsgruppe schlug nun Wege vor, die Zahl der „Abweichungen“ während der Jagdsaison zu senken. Die Arbeitsgruppe übermittelte ihren Bericht am 28. August und endete das Papier mit den Worten, es gebe „Möglichkeiten für Änderungen der Jagdmethode, die dazu beitragen können, die Zahl der Abweichungen bei der Jagd zu verringern und dadurch das Tierwohl zu erhöhen,“ wie es in einer Notiz des Ministeriums heisst.
„Die neue Walfangbestimmung wird daher detaillierte und strengere Anforderungen für die Jagdausrüstung, die Jagdmethode und vermehrte Aufsicht beinhalten“, so die Regierungsnotiz. Die Anforderungen beziehen sich auf Training, Ausbildung, Jagdausrüstung und Jagdmethoden“. Die Bestimmung gestattet nicht die Verwendung von Stromstössen während der Tötung der Beute, weil „verschiedene Fragen unbeantwortet bleiben in Bezug auf die mögliche Effektivität und auf die Auswirkung des Stromstosses während der Tötung.“, schreiben die Experten der Arbeitsgruppe. MAST und die Fischereibehörde tragen auch weiterhin die Verantwortung für die Aufsicht beim Walfang und müssen gegen Ende der Jagdsaison einen Bericht an das Ministerium übersenden..

Strenge Bestimmungen rund um Jagd und Schützen
Am Nachmittag sind die neuen Bestimmungen veröffentlicht worden. Demnach darf unter anderem nur noch bei Tageslicht gejagt werden, und die Harpune nur abgefeuert werden, wenn sichergestellt werden kann, dass der Schuss tödlich endet.  Sprengladungen ohne Leine dürfen nicht abgefeuert werden, die Schussentfernung darf nicht mehr als 25 Meter betragen, ausserdem muss ein bestimmter Schusswinkel eingehalten werden. Die Jagd auf Walkühe mit Kalb ist verboten, zudem dürfen anvisierte Wale eine vorgegebene Körperlänge nicht unterschreiten. Jeder Wal muss so rasch wie möglich getötet werden, um so wenig Qualen wie möglich zu erleiden. Der Schütze muss einen Kursus in Walbiologie absolviert haben, in dem es auch um Schmerzempfinden und Stress der Wale, sowie um ihre Stellung im Ökosystem gehen muss.
Diese und zahlreiche andere Vorgaben sind nicht nur einzuhalten, sondern auch im Logbuch einer jeden Fangfahrt in allen Einzelheiten zu dokumentieren. In den Jahren 2014, 2015 und 2018 hatten die Kapitäne der Walfangschiffe keine Logbücher über ihre Aktivitäten abgeliefert, doch trotz mehrerer Anzeigen war vom damaligen zuständigen Minister Kristján Þór Júlíusson keine Konsequenz gezogen worden.

Waljäger schon seit gestern in den Jagdgründen
Hvalur-Chef Kristján Loftsson befindet sich bereits seit gestern in den Jagdgründen und darf heute um Mitternacht den ersten Schuss abfeuern. Islands einziger Waljäger war sich seiner Sache offenbar sehr sicher gewesen, auch wenn er nicht besonders viel Zeit hat, um die veröffentlichten neuen Bestimmungen zu lesen und die verlangten Anforderungen für Training und Ausbildung seiner Mannschaft, sowie die neuen Jagdregeln umzusetzen.
Unklar ist, ob sich bereits eine behördliche Aufsichtsperson zu Dokumentationszwecken an Bord der Schiffe befindet.

Proteste und Gesetzentwurf zum Walfangverbot
In Reaktion auf die Entscheidung der Ministerin haben mehrere Tierschutzorganisationen eine Protestaktion für den Nachmittag angekündigt. Die Piratenpartei kündigte einen Gesetzentwurf zum Verbot des Walfangs an und verlangt, dass das isländische Parlament sich mit dem Walfang auch unter Umwelt- und Klimagesichtspunkten auseinandersetzt.
Der Ethikprofessor Henry Alexander Henrysson, der mit Sitz im Fachrat für Tierwohl an der Studie mitgearbeitet hatte, nach der es nicht möglich scheint, einen Wal auf humane Weise zu töten, zeigt sich ebenfalls unzufrieden mit der ministeriellen Entscheidung, berichtet Heimildin.  Anders als noch im Juni, so Henry, habe der Tierschutz jetzt keine Rolle mehr gespielt, als die Ministerin das Walfangverbot aufhob, denn mit den neuen Verordnungen sei es auch weiterhin nicht möglich, Wale auf humane Weise zu töten. Henry verlangt ausserdem, dass die Stromstossausrüstung von den Walfangschiffen entfernt werde, ein Anwendungsverbot von Stromstössen reiche nicht aus. Die Ministerin habe in der Zeit des Fangverbots sicher 100 Walen das Leben gerettet, für die verbleibende Zeit der Fangsaison könne man jetzt nur noch auf richtig schlechtes Wetter und hohen Wellengang hoffen.

Kontroverse bis in die Koalition hinein
Die kommerzielle Jagd auf Wale ist in Island in den vergangenen Jahren sehr kontrovers aufgenommen worden. Öffentliche Personen, Aktivisten und zuletzt auch internationale Prominente hatten die isländischen Behörden dazu aufgerufen, mit der umstrittenen Praktik endlich Schluss zu machen. Befürworter hatten mit dem wirtschaftlichen Wohlergehen der 150 Mitarbeiter argumentiert, die während der Saison weitaus mehr verdienen als andere in einem Jahr.
Im Februar 2022 hatte Ministerin Svandís Svavarsdóttir in einem Zeitungskommentar geschrieben, sie sehe nur wenig Berechtigung, den kommerziellen Walfang weiter zu betreiben, wenn die derzeit bestehende Lizenz für Hvalur hf. Ende des Jahres ausläuft.
Das heute auslaufende Walfangverbot hatte heftige Spannungen innerhalb der Reierungskoalition aus Linksgrünen, Unabhängigkeitspartei und Fortschrittspartei verursacht, einzelne Politiker hatten gar einen Misstrauensantrag gegen die Ministerin in Aussicht gestellt. Svandís hatte Vísir gegenüber angegeben, dass dies ihre Entscheidung nicht beeinflusst habe.

Entkommene Zuchtlachse in mehreren Flüssen, Angelverband sieht Umweltkatastrophe

aquaculture farm iceland

Die Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsbehörde MAST hat bei Zählungen herausgefunden, dass die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Anzahl von Zuchtlachsen in den offenen Meeresgehegen von Arctic Seafarm und geschlachteten Fischen bis zu 3.462 Tiere betragen könnte. Dies ist die Zahl an Fischen, die möglicherweise aus den Gehegen in die Natur entkommen sind, berichtet RÚV.

Rechenexempel für geflüchtete Lachse
Im Kvígindisdal in Patreksfjörður sind Lachse aus einem Gehege geschlachtet worden, wo vor über einer Woche zwei Löcher im Netz gefunden worden waren. Zählungen zufolge könnten dort bis zu 3.462 Zuchtlachse entkommen sein.
Dies geht aus der Mitteilung von MAST hervor. Während des Zeitraums, in dem das Loch vermutlich entstanden ist, befanden sich 83.672 Fische in dem Gehege. Berücksichtigt man die Ausgangszahl der Jungfische, die zuvor erfassten Rückwürfe und die Zahl der bereits aus dem Gehege geschlachteten Fische, beträgt die Differenz zwischen der Zahl der ursprünglich im Gehege befindlichen Fische und der Zahl der geschlachteten Fische 2,6 Prozent. Damit befinden sich 3.462 Zuchtlachse nicht mehr im Meeresgehege, sondern voraussichtlich auf dem Weg in die Flüsse. Nach Angaben von MAST ist allerdings mit einer Schwankung von zwei bis vier Prozent zu rechnen.

Warten auf genetische Ergebnisse
Die offenen Zuchtbecken gehören der Firma Arctic Seafarm. MAST untersucht die Angelegenheit – die Flucht der Lachse und den Grund, warum Löcher im Netz entstanden sind. Momentan wartet man auf die genetische Analyse gefangener Lachse mit Zuchtmerkmalen, um deren Herkunft bestätigen zu können.
Schon zuvor waren Berichte von möglichen Zuchtlachsen in Flüssen im Westen und Nordwesten eingegangen, nachdem in Patreksfjörður ein Loch entdeckt wurde.
Die Fischereibehörde sucht derzeit Lachse in den Flüsssen Ósá im Patreksfjörður und Mjólká im Arnarfjörður. In der Ósá waren Zuchtlachse gesehen worden, und es liegen auch Berichte vor, dass in der Mjólká Zuchtlachse unterwegs sind. Fischereibehörde und das Marineforschungsinstitut arbeiten in der Sache eng zusammen und überwachen die Fortschritte genau.

Guðni Magnús Eiríksson, der Direktor der Abteilung für Lachs- und Forellenfische sagte in den Mittagsnachrichten, dass man Proben aus mehr als einem Fluss erhalten habe. Ausserdem wisse man bereits dass Zuchtlachse gesehen und gefangen worden seien, einige seien auch in Wildkameras zu sehen gewesen.
Gunnar Örn Petersen, Geschäftsführer des nationalen Angeldachverbandes sagt, bei seinem Verband seien in den letzten Tagen Berichte über Zuchtlachse in mindestens acht Lachsflüssen im Nordwesten eingegangen. Dies sei die Umweltkatastrophe, vor der seit Jahren gewarnt werde.

 

Walfang hat kaum wirtschaftliche Auswirkung in Island

hvalur whaling in iceland

Der Walfang in Island hat nur einen geringen direkten Einfluss auf die Wirtschaft. Islands einziges kommerzielles Walfangunternehmen, Hvalur hf., hat in den vergangenen Jahren keinen Gewinn aus seinen Aktivitäten ziehen können. Allerdings ist auch die indirekte Auswirkung auf die Wirtschaft gering: zwar wirft der Walfang in den Augen ausländischer Beobachter ein negatives Licht auf Island, er hat jedoch keinen messbaren negativen Einfluss auf die Wirtschaft des Landes: weder sind Exporte zurückgegangen, noch hat Island als touristisches Ziel an Attraktivität verloren.

Das sind die Ergebnisse einer Studie über die wirtschaftliche Auswirkung des Walfangs in Island, den das Beratungsunternehmen Intellecon für das Ministerium für Fischerei, Lebensmittel und Landwirtschaft angefertigt hat. Die Studie bezieht sich ausschliesslich auf die wirtschaftliche Auswirkungen, um biologische, regionale oder politische Faktoren geht es nicht, und auch der ökologische Gesichtspunkt ist nicht Gegenstand der Studie.

Weniger als 1% des Gesamtexportvolumens im Fisch
Der Studie nach hat der Export von Walfleischprodukten niemals mehr als 0,6% des Gesamtexportvolumens an Fischerzeugnissen ausgemacht – dieser Rekord wurde einmalig im Jahr 2016 erzielt. Obwohl der Walfang keine ökonomisch wichtige Branche ist, so hat er doch eine Bedeutung für die Beschäftigten, die beim Walfang auf See und in der Schlachtung und Verarbeitung an Land weitaus höhere Löhne erzielen als in den meisten anderen Branchen. Arbeit in der Walfangbranche bedeutet Schichtarbeit, und zwar für nicht mehr als vier Monate pro Jagdsaison. In der vergangenen Jagdsaison waren um die 120 Personen bei Hvalur hf beschäftigt, der Durchschnittsslohn auf See und an Land betrug zwischen 1,7 bis 2 Mio ISK (11.800 EUR), pro Monat.

Die Studie beschreibt verschiedene Schwierigkeiten beim Verkauf von Walerzeugnissen, die durch Beschränkungen und andere Faktoren zustande kommen. „Es war schwierig, eine Genehmigung für den Verkauf von Walmehls zu bekommen, z.B. in Futtermitteln für Schweine, da es die Voraussetzungen für eine solche Verwendung nicht erfüllt.“ heisst es in der Studie. Hvalur hf. hat auch Walöl auf seinen Schiffen verbrannt, aber „Es hat sich als unmöglich erwiesen, das Öl für andere Zwecke zu verkaufen, teilweise aufgrund von Handelsbeschränkungen für Walprodukte.“

Exportmarkt schrumpft, Transport schwierig
Hvalur hf. hat in den letzten Jahren ausschließlich Finnwale gejagt, und dieses Fleisch wurde nur nach Japan verkauft. Der Verzehr von Walfleisch ist dort jedoch rapide zurückgegangen, von 233.000 Tonnen im Jahr 1962 auf nur noch 1000-2000 Tonnen in den Jahren 2021 und 2022. Auch der Transport von Walerzeugnissen hat sich in den letzten Jahren aufgrund des Drucks von Organisationen, die sich gegen den Walfang einsetzen, als schwierig erwiesen, aber auch, weil Regierungen den Transport von Walfleisch durch ihre Landesgrenzen nicht mehr so gerne genehmigen. Daher musste Hvalur sein Walfleisch über die Nordroute nördlich von Russland und Sibirien nach Japan transportieren. Die Seefahrtbedingungen auf dieser Strecke sind sehr schwierig und erfordern die Zusammenarbeit mit russischen Eisbrechern.

Zukunft des Walfangs entscheidet sich bald
Während der isländische Walfang im Ausland negativ gesehen wird, kam der Bericht nicht zu dem Schluss, dass diese Ansichten messbare negative Auswirkungen auf die isländische Wirtschaft hatten. Weder erschwerten sie den Verkauf isländischer Produkte im Ausland, noch schmälerten sie die Beliebtheit Islands als Touristenziel. Islands Ministerin für Fischerei, Svandís Svavarsdóttir, hatte am 20. Juni, einen Tag vor Beginn der diesjährigen Jagdsaison, ein vorübergehendes Fangverbot erlassen. Das Verbot läuft Ende August aus. Svandís hatte erklärt, dass eine Entscheidung über die Fortsetzung der umstrittenen Praxis noch in diesem Monat veröffentlicht wird.

Finnafjörður: isländischer Wind erzeugt Kraftstoff für deutsche Stahlindustrie

Im ostisländischen Finnafjörður hat sich der Schwerpunkt der industriellen Entwicklung offenbar von der Idee eines Containerumschlaghafens auf die Kraftstoffproduktion mit isländischer Windenergie verlagert. Der Bauherr, die deutsche Bremenport, arbeitet weiter an dem Projekt, obwohl die isländische Regierung sich derzeit zurückhält, berichtet austurfrett.
Bremenport hatte vor 10 Jahren angekündigt, im Finnafjörður einen Industriehafen bauen zu wollen, der zum Tragen kommen würde, sobald die Nordwestpassage am Nordpol entlang eisfrei und ganzjährig befahrbar wäre. Dabei war es unter anderem um die Verschiffung von Erzen und anderen Rohstoffen aus Minen eines dann eisfreien Grönand gegangen.

Windenergie statt Container
Doch nun schaut man mehr auf die Windenergie, mit der Wasserstoff erzeugt werden kann, den man wiederum für industrielle Zwecke ins Ausland exportieren kann. Dabei ist Arcelor Mittal zu nennen, der zweitgrösste Stahlhersteller der Welt, der in Bremen ein Werk betreibt und grosses Interesse am isländischen Wind hegt. Der Stahlmulti plant offenbar eine entsprechende Produktion im abgeschiedenen Finnafjörður, um grüne Energie statt Kohle nutzen zu können.

Bei Bremenport ist man allerdings der Ansicht, mit all den Plänen in Island vor verschlossenen Türen zu stehen. Nach einer Absichtserklärung aus dem Jahr 2016 hatte man gehofft, dass es nun konkret weitergehe, aber Islands Regierung meint, allen Pflichten aus der Erklärung nachgekommen zu sein.
Im Jahr 2019 war der Entwicklungsverein Finnafjörður gegründet worden, in dem Vopnafjarðarhreppur, Langanesbyggð, Bremenport und das Ingenieurbüro Efla je einen Sitz halten. COVID verzögerte die ganze Sache, aber im vergangenen Jahr war die Bremer Senatorin für Wissenschaft und Häfen nach Island gereist, um das Projekt wiederzubeleben. Ein Echo hätte kaum geringer ausfallen können.

Wenig Interesse bei Regierung und Kommunen
Begraben ist das Projekt damit zwar keineswegs. Allerdings hat Islands Regierung mit genug anderen schwierigen Themen zu kämpfen, darunter auch die Kontroverse bei der Windenergie. Das Interesse an einem weiteren Thema dieses Ausmasses ist daher eher dünn, obwohl eine Großindustrie im Finnafjörður der Region wirtschaftlich gut tun würde. Hinzu kommt, dass die regionalen Kommunen alle sehr klein sind und genug mit dem Tagesgeschäft zu tun haben.
In diesen Tagen wird daher schon mal von hinten gearbeitet –  Verträge mit Landbesitzern im Finnafjörður sollen geschlossen werden. Das könnte dann so aussehen, dass am Ende isländische Pensionskassen mit ausländischen Grossinvestoren im Hintergrund das Land besitzen.
Von Bremenport hiess es, man hoffe, die Verhandlungen noch in diesem Jahr abschliessen zu können. Danach könne man den nächsten Schritt tun und versuchen, den Staat wieder an den Verhandlungstisch zu bekommen.
„Das ist ein langwieriger Prozess und wir arbeiten weiter an dem Projekt,“ gab Sprecher Holger Bruns austurfrétt gegenüber an

 

Dienstaufsichtsbeschwerde gegen südisländische Polizei eingereicht

horse, horses

Gegen die südisländische Polizeidienststelle ist eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht worden, weil der zuständige Polizeileiter seine Ermittlungen im Fall der misshandelten Blutstuten eingestellt hat. Beschwerdeführer sind die deutsch/schweizerischen Tierschutzverbände AWF und TSB, die sowohl die Einstellung der Ermittlung als auch das Verhalten des damit betrauten Polizeichefs als verwerflich bezeichnen und über einen isländischen Anwalt nun rechtliche Schritte eingeleitet haben, berichtet Heimildin.

Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte nach Erscheinen des Blutstutenvideos im Winter 2021 eine Aushändigung des ungeschnittenen Videomaterials verlangt, um die im Video dokumentierten Tierquälereien zu untersuchen. Wie einem Briefwechsel zwischen dem deutschen Anwalt der Verbände und den isländischen Behörden zu entnehmen ist, hatten die Verbände darum gebeten, dass das personenschutzrechtlich sensible Datenmaterial per offizieller Amtshilfe aus Island angefordert wird, damit das Material im Fall eines Gerichtsverfahrens juristisch verwendbar bleibt. Dies ist der übliche Amtsweg auch auch in zwischenstaatlichen Angelegenheiten.
Bei der Staatsanwaltschaft in Freiburg ist ein solches Amtshilfeersuchen jedoch niemals eingegangen.
Ein Jahr später, am 25. Januar 2023, ging die Bitte eines polizeilichen Ermittlers um bürokratische Hilfe ein, nur einen Tag später stellte die südisländische Polizei ihre Ermittlungen ein, mit der Begründung, es fehle an Beweismitteln.

Nicht gerechtfertigt und inakzeptabel
Die Tierschutzverbände halten die Einstellung der Ermittlungen für nicht gerechtfertigt und verlangen in ihrer Dienstaufsichtsbeschwerde eine Untersuchung darüber, warum die Polizei ihre Arbeit nicht gemacht hat. Das Verhalten des Dienststellenleiters sei völlig inakzeptabel, widerspreche jeglicher Moral und stehe im Widerspruch zu Wahrheit und Datenlage.
Es wecke Besorgnis, dass die Polizeidienststelle offenbar „nicht in der Lage zu sein scheint, die Beschaffung von Informationen für Ermittlungen in einem Fall kriminellen Verhaltens, der Verbindungen ins Ausland hat, weiterzuverfolgen und abzuschliessen.“
Die Aussagen des Polizeileiters in den Medien stünden nicht im Einklang mit der Datenlage – der dokumentierten Misshandlung der Stuten und Fohlen durch Veterinäre und Helfer – oder der Kommunikation zwischen Dienststelle und Verbänden und seien unwahr. Dies schade der Debatte zum Thema, untergrabe die Glaubwürdigkeit der Tierschutzverbände und schade ihrem Ruf. Dasselbe liesse sich über die Glaubwürdigkeit der Polizei selbst sagen.

Ísteka meldet tote Stuten an MAST
Nachdem der isländische Tierschutzbund (DÍS) gestern offiziell eine Beendigung der kommerziellen Blutgewinnung gefordert hatte, weil dem DÍS vorliegenden zuverlässigen Informationen zufolge weitaus mehr als die acht bei MAST gemeldeten Blutstuten verendet waren, hat sich nun Ísteka-Chef Arnþór Guðlaugsson zu Wort gemeldet und Daten zu den zusätzlichen toten Pferden gefordert, ansonsten halte er die Behauptung für unglaubwürdig.

MAST-Direktorin Hrönn Ólína Jörundsdóttir gab Heimildin gegenüber an, der Behörde lägen aus dem letzten Jahr nur acht gemeldete Fälle vor. MAST habe DÍS schriftlich aufgefordert, Daten zu den nicht bei MAST gemeldeten Todesfällen zu übermitteln.

Die DÍS-Vorsitzende Linda Karen Gunnarsdóttir sagt, es sei sogar die Pflicht der Behörde, solche Fälle zu untersuchen, immerhin sei sie für das Tierwohl zuständig. Weiter erklärt Linda Karen, dass Blutstutenhalter vom blutaufkaufenden Pharmaunternehmen Ísteka eine Entschädigung erhalten können, wenn ihnen eine Stute bei der kommerziellen Blutgewinnung verendet. Die Meldung solcher Todesfälle an die Behörden obliege jedoch der Ísteka. MAST habe gar nicht genug Personal, um alle 90 Höfe während der Blutsaison permanent zu überwachen. Daher kümmert sich der Blutaufkäufer nicht nur um die Blutgewinnung selbst, sondern auch um die Registrierung und Meldung von sogenannten “Vorfällen” und Todesfällen.

Zu schnell verblutet für Euthanasie
Weiterhin wird die Verantwortung am Tod der gemeldeten acht Stuten unerfahrenen ausländischen Veterinären angelastet, die auch in dieser Saison für die Ísteka tätig sein werden, aber zuvor bei MAST in der kommerziellen Blutgewinnung geschult wurden.

Den Fall der Stute, bei der die Kanüle in der Luftröhre landete, worauf sie qualvoll verblutete, kommentierte der Ísteka-Chef damit, die Stute sei ja so schnell verendet, dass man sie nicht mal habe klinisch untersuchen können. Daher habe es auch keine Nottötung gegeben. „Ein paar Minuten sind in diesem Zusammenhang eine sehr kurze Zeit, und alles Gerede über Tierquälerei richtet sich selbst.“ zitiert Heimildin Arnþór Guðlaugsson.
Von MAST heisst es, man führe „erhebliche Kontrollen“ bei der Blutgewinnung durch und untersuche alle gemeldeten Fälle in allen Branchen.

 

 

Tierschutzbund hat Informationen über mehr als acht tote Stuten

Der isländische Tierschutzverband DÍS hat eine Erklärung veröffentlicht, in der ein sofortiger Stopp der kommerziellen Blutgewinnung aus tragenden Stuten gefordert wird, berichtet Heimildin. Vor etwa zwei Wochen war bekannt geworden, dass im vergangenen Jahr acht Stuten bei oder nach der kommerziellen Blutgewinnung verendet waren. Der Verband fordert, dass sämtliche Fälle, wo eine Stute im Zusammenhang mit der Blutgewinnung im vergangenen Sommer verendet ist, untersucht und rechtliche Konsequenzen gezogen werden.
Die isländische Veterinäraufsichtsbehörde MAST hatte dem Bericht zufolge schon im letzten Jahr Kenntnis von acht im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendeten Stuten erhalten, das waren soviele wie noch nie zuvor. Eine der Stuten verendete, weil offenbar die Kanüle nicht korrekt eingestochen wurde. Sie ist an Ort und Stelle ausgeblutet oder erstickt. Keiner der Fälle war untersucht worden, weil die Kadaver sofort vergraben worden waren.

Veterinäre ohne Erfahrung stechen daneben
Das blutaufkaufende Pharmaunternehmen Ísteka nahm Heimildin zufolge an, dass die Stuten verendet sind, weil die mit der Blutgewinnung betrauten Veterinäre über zuwenig Erfahrung verfügten. Viele isländische Tierärzte hatten ihren Blutjob an den Nagel gehängt, nachdem im Winter 2021 durch die Dokumentation des deutschen Tierschutzvereins AWF bekannt geworden war, mit welch brutalen Methoden in der Branche offenbar gearbeitet wird. Der Mangel an willigen Tierärzten wurde durch die Ísteka mit der Anwerbung von ausländischen Veterinären aufgefangen. Denen fehlt aber offenbar jede Erfahrung: die tragenden Stuten mit Saugfohlen bei Fuss werden etwa achtmal pro Sommer in die Fixierbox getrieben, wo sie an Rücken und Kopf festgebunden werden, dann wird ihnen nach lokaler Betäubung mit einer dicken Kanüle zwischen fünf und acht Litern Blut abgezapft.
Aus diesem Blut extrahiert die Ísteka das Hormon PMSG, welches im europäischen Ausland zur Zyklusregulierung in der Schweinezuchtindustrie verwendet wird. Einer der Hauptabnehmer des Hormonpräparates ist Deutschland.

Schwerwiegende Tierquälerei
Der DÍS schreibt in seiner Mitteilung weiter, dem Verband lägen zuverlässige Informationen dazu vor, dass “im vergangenen Jahr viel mehr Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet sind”. Auf mindestens 10 Höfen seien eine oder mehrere Stuten im Zusammenhang mit der Blutgewinnung verendet, auf einem dieser 10 Höfe seien es gar vier Stuten gewesen.
Ferner habe der DÍS Hinweise erhalten, dass bei einer Stute im letzten Sommer versehentlich die Luftröhre durchstochen worden sei. Der unerfahrene Veterinär reagierte nicht mit einer sofortigen Euthanasie des Pferdes, wie es seine Pflicht gewesen wäre, stattdessen habe die Stute fast zehn Minuten am Boden gelegen, während sie langsam verblutete.
„Es handelt sich hier um schwerwiegende Tierquälerei,“ schreibt der Tierschutzverband.

„Auf Grundlage der derzeit verfügbaren Informationen fordert der isländische Tierschutzverband einen sofortigen Stopp der Blutgewinnung bei tragenden Stuten und dass alle Fälle, in denen eine Stute im Zusammenhang mit der Blutgewinnung im letzten Sommer verendet ist, untersucht und rechtliche Konsequenzen gezogen werden.“ schreibt der Verband in seiner offiziellen Mitteilung.

ESA sieht Verstoss gegen europäisches Gesetz
Während die diesjährige Blutsaison hinter verschlossenen Türen anläuft, hat die zuständige Ministerin für Landwirtschaft, Fischerei und Lebensmittel, Svandís Svavarsdóttir, in der Angelegenheit allerhand auf dem Tisch liegen: Die EFTA-Regulierungsbehörde ESA hatte nämlich Anfang Mai ein Mahnschreiben geschickt, wonach die kommerzielle Blutgewinnung unter die europäische Richtlinie zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere fällt. In Island gilt die kommerzielle Blutgewinnung jedoch als „landwirtschaftliche Tätigkeit”.

Im vergangenen Jahr hatten 17 isländische Verbände gegen die kommerzielle Blutgewinnung aus tragenden Stuten in Island bei der ESA Beschwerde eingelegt, und nicht nur mit der alten Regelung von 2017, der neuen von 2020, ob mit oder ohne Genehmigungspflicht und selbst unter Anwendung der strengeren Bestimmungen aus dem letzten Jahr scheint Island offenbar mit seinem Blutstutengeschäft gegen europäisches Recht zu verstossen.

Sollte die kommerzielle Blutgewinnung in Island beendet werden, besteht nach Ansicht des isländischen Verbandes für das Tierwohl diesbezüglich nicht mal die Gefahr einer Schadensersatzforderung durch den Blutaufkäufer, weil immer die Schuldregel gilt: um jemanden in die Verantwortung zu nehmen und Schadensersatz zu fordern, muss etwas Gesetzwidriges oder eine Tat aus Leichtsinn vorgefallen sein. Im Fall der Blutstuten wäre das jedoch schlicht die Anwendung geltender Gesetze, nämlich das Gesetz zum Schutz von für wissenschaftliche Zwecke verwendete Tiere. Und sollte Islands Blutstutensache vor dem EFTA-Gerichtshof landen, könnte sich, so der Verband, herausstellen, dass das Gewerbe bereits seit 2017 gesetzeswidrig ist.

 

Acht tote Stuten im Sommer 2022

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Von den acht Blutstuten, die im Sommer 2022 im Rahmen der Blutgewinnung verendeten, ist mindestens eine Stute noch im Fixierstand verblutet oder erstickt, berichtet Heimildin. Diese acht Fälle, soviele wie nie zuvor, seien der Veterinäraufsichtsbehörde MAST gemeldet worden. Mindestens drei Todesfälle ereigneten sich auf dem gleichen Hof.  Eine tragende Stute mit Saugfohlen war gleich nach der Blutentnahme im Paddock verendet, sechs weitere in den drei Tagen danach. Die Kadaver waren vor einer möglichen Obduktion vergraben worden. Man habe der Sache daher nicht auf den Grund gehen können, so die Fachtierärztin für Pferdemedizin bei MAST, Sigríður Björnsdóttir.

Schuld liegt bei unerfahrenen Veterinären
Die Todesfälle waren auf Höfen aufgetreten, wo isländische und ausländische Veterinäre in der Blutgewinnung tätig waren. “Es besteht vor allem der Verdacht, dass dort Veterinäre gearbeitet haben, die nicht ausreichend ausgebildet waren,” glaubt Sigríður.
Diese Ansicht teilt Ísteka-Chef Arnþór Guðlaugsson. Fehlende Erfahrung der beteiligten Veterinäre könne noch am ehesten die Todesfälle der letzten Saison erklären, sagte er Heimildin gegenüber. Nach der Berichterstattung um die Blutwirtschaft hätten viele lokale Tierärzte ihren Tätigkeit im Blut aufgegeben und man habe im Ausland nach willigen Arbeitskräften suchen müssen. Drei polnische Tierärzte seien angeworben worden, die aber natürlich angelernt werden mussten, weil es die Blutbranche in Polen nicht gebe. Ausser in Island betreiben nur Argentinien, Uruguay, Russland und China Blutgewinnung aus tragenden und laktierenden Stuten.

“Keine Katastrophe”
Ob die achte Stute verblutet oder erstickt sei, dazu liegen MAST keine näheren Information vor, sagte Sigríður auf Anfrage des isländischen Tierschutzbundes SDÍ. Aber sie sei unter Aufsicht eines unerfahrenen, ausländischen Tierarztes verendet. MAST halte “vorbeugende Massnahmen” jetzt für notwendig. Mit einem Trainingsplan für Neulinge in der Blutgewinnung könne man die Todeszahlen zumindest weiter drücken. Aber auch erfahrene Veterinäre hätten schon Stuten bei der Blutgewinnung verloren.
“Das ist keine Katatrophe, in Bezug auf Todesfälle in der Tierhaltung,” sagt Sigríður über die acht verendeten tragenden Stuten.

Die Ísteka hält eine Blutverarbeitungslizenz der Umweltbehörde, hat sogenannte “Tierwohlverträge” mit den Blutbauern geschlossen und muss nach einem Regelwerk arbeiten, das nach heftiger öffentlicher Kritik im letzten Jahr mit deutlichen Verschärfungen erneuert worden war. Sigríður sieht bei den verbluteten Pferden keinen Verstoss gegen das Gesetz zum Tierwohl.

Mehr tote Pferde vor der Registrierung?
“Das ist absolut untragbar, dass Stuten bei der Blutgewinnung sterben, und die einzige Reaktion von MAST besteht darin, Tierärzte zu einem Kurs zu schicken.” kritisiert Meike Witt, Vorstandsmitglied und eine der GründerInnen des Tierschutzvereins. Seit November habe man die Kontrollberichte der letzten Saison bei der Behörde angefordert, doch erst jetzt, lange nachdem die Informationen anderweitig vorlagen, sei auf mehrmalige Anfrage ein Bericht eingegangen. Gemeldet worden waren die Todesfälle bereits im Herbst.
Der SDÍ hat Meike zufolge von weitaus mehr Vorfällen gehört. “Wir haben den Verdacht, dass Stuten schon vorher wegen der Blutgewinnung verendet sind, dass das aber vor dem letzten Jahr nicht registriert wurde, als MAST mit der Überwachung begann.” sagt Meike. Der letzte Sommer sei daher keine Ausnahme gewesen, was Todesfälle von Blutstuten angehe.

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Lukratives Gewerbe mit umstrittenen Methoden
Aus dem Blut der tragenden Stuten wird das Hormon PMSG gewonnen, welches vor allem nach Deutschland in die industrielle Schweinezucht exportiert wird.
Die Blutgewinnung findet im Sommer einmal pro Woche in schmalen Fixierständen statt. Dabei wird die in die Box getriebene Stute am Rumpf gefesselt und ihr Kopf wird an einem Pfosten fixiert, damit sie sich nicht bewegen kann, das Injektionsgebiet wird betäubt, dann wird eine bleistiftdicke Kanüle in die Halsvene gestochen, und fünf Liter Blut durch einen Schlauch in den Kanister abgelassen. Über acht Wochen lang sind das 40 Liter Blut pro Stute, die tragend ist und ein Saugfohlen bei Fuss hat. Im vergangenen Sommer war auf 90 Höfen aus 4,141 Stuten Blut gewonnen worden.
Das bei Isländern weitgehend unbekannte Gewerbe hatte jahrelang Zuwachsraten verzeichnet, bis im November 2021 die Dokumentation einer deutschen Tierschutzvereinigung schlimme Zustände bei der Blutgewinnung aufdeckte. Da wurden Stuten und Fohlen systematisch getreten, mit Stangen geschlagen, misshandelt und von Hunden gehetzt, und immer wieder sah man Stuten mit Todesangst bei der Prozedur im Fixierstand. In Reaktion auf Video und öffentliche Empörung war dann das Regelwerk um die Blutgewinnung verschärft worden. Die im Video agierenden Personen konnten zwar identifiziert werden, im Januar war der Fall aber “aus Mangel an Beweisen” von der südisländischen Polizei einfach zu den Akten gelegt worden.

Alles “im Rahmen”
Jetzt sei das ganze Gewerbe besser überwacht und dokumentiert, so Sigríður Björnsdóttir. Mit den neuen Bestimmungen habe sich auch der Stress bei der Blutgewinnung reduziert, denn statt 100 Stuten dürften nur noch 75 pro Tag bearbeitet werden. Jeder Veterinär dürfe nur noch drei Stuten gleichzeitig im Fixierstand haben, statt zuvor vier, so die MAST-Tierärztin. Weitere Massnahmen über das Training der Veterinäre hinaus seien nicht geplant. Sigríður selbst ist in der Fachaufsicht des Gewerbes tätig. Die Stuten würden am Kopf gefesselt, das sei natürlich “unbequem”, aber es helfe, die Sache kurz zu halten.

Und überhaupt gehe es den Blutstuten von allen isländischen Tieren in der Landwirtschaft doch am allerbesten. Blutstuten seien viel besser dran als Schafe oder Kühe. Auch die von Tierärzten und Humanmedizinern scharf kritisierte hohe Blutmenge sieht sie nicht als problematisch. Pferde verfügten über ausreichende Hämoglobinreserven in der Milz. Die Blutstuten stünden nur auf der Weide, grasten und gäben Milch. Die reite ja niemand durchs Hochland. Deshalb sei es möglich, soviel Blut aus ihnen herauszuholen, so die Veterinärin. Sie habe bei ihren Kontrollen keinen Stress und keine klinischen Symptome gesehen, alles sei da “im Rahmen”.
Von den Überwachungskameras, die der Fachrat für Tierwohl im letzten Jahr in seinem Gutachten empfohlen hatte, hält Sigríður nichts. “Ich habe sehr fähiges Aufsichtspersonal,” sagt sie. “Wir üben viel, viel mehr Aufsicht als in anderen landwirtschaftlichen Zweigen. Und wir fotografieren auch, wenn es nötig ist. Ich denke, das reicht.” Zumal man eine Begründung finden müsse, warum im Blutstutenstall eine Überwachungskamera hängt, im Schafstall aber nicht.
Im vergangenen Jahr war die mangelnde bzw. gänzlich fehlende Aufsichtsführung der Tierschutzbeauftragten von MAST immer wieder kritisiert worden. Bei näherer Prüfung hatte sich herausgestellt, dass die Ísteka sich selbst kontrolliert, und MAST lediglich Stichproben durchführt.

Meike Witt vom SDÍ findet, in Sachen Tierschutz müssten jetzt mal Nägel mit Köpfen gemacht werden. Immerhin habe die Ministerin im Frühjahr gesagt, dass wenn Politik und Lizenzinhaber die Anforderungen zum Tierwohl der Wale nicht gewährleisten könnten, die Branche keine Zukunft habe.
“Wir fordern sie auf, den Worten Taten folgen zu lassen im Hinblick auf die Stuten, die zur Blutgewinnung benutzt werden.”