Grindavík: Alle durften kurz in ihre Häuser, Graben hat riesige Ausmasse

Grindavík earthquakes crevasse

Im evakuierten Grindavík herrschte heute ein hektisches Kommen und Gehen, nachdem die Polizei am Mittag beschlossen hatte, allen Bürgern Grindavíks die Möglichkeit zu geben, notwendige Dinge aus ihren Häusern zu holen. Diese Aktion wurde viertelweise durchgeführt, auf zwei Personen pro Haus und eine bestimmte Zeit beschränkt, damit es alle in der kurzen Zeit bis 16 Uhr zu ihrem Haus schaffen konnten. Die Strassenschäden waren zuvor von den Rettungsleuten markiert worden, sodass eine gewisse Verkehrssicherheit gegeben war. Um 16 Uhr ist der Ort wieder gesperrt worden, berichtete RÚV im Ticker. Danach sollten Vertreter der Tierschutz- und Kleintierverbände bis 18 Uhr Gelegenheit erhalten, den Ort nach übrig gebliebenen Tieren zu durchkämmen. Einige Katzen und Hühner hatten nicht eingefangen werden können. Von der Rettungsorganisation Landsbjörg hiess es am Abend, die Aktion sei sehr gut verlaufen, alle hätten sich diszipliniert verhalten. Insgesamt seien um 1100 Autos in Grindavík gewesen.

Pferde- und Schafrettung in grosser Hast
Gestern hatten nur 20 Bewohner in ihre Häuser im östlichen Ortsteil Þorkötlustaðahverfi gedurft, um in Begleitung von Einsatzkräften das Allerdringendste zu holen. Ausserdem war es Freiwilligen gelungen, sämtliche Pferde aus dem Ort zu bringen, und auch die ca 200 Schafe konnten abtransportiert werden. In Grindavík gibt es viele vor allem ältere Leute, die sich ein paar Schafe im Stall halten, wie etwa der ehemalige Seemann Guðmundur Sigurðsson, der gestern seine eigenen Schafe und die einiger Bekannter nach Keflavík bringen konnte. Er sagt, der grosse Graben verlaufe quer durch seine Weide, und da wo Erdreich eingebrochen ist, schätzt er die Tiefe auf 10 Meter. Heute kam der alte Herr zurück, um sein selbstgeräuchertes Lammfleisch aus den Gefriertruhen zu holen, an die 400 Kilo, wie er sagt, geschlachtet und geräuchert für die Familie. Für Guðmundur ist sein Weihnachtsfleisch neben seinen Schafen das Wertvollste was er besitzt.

Nicht nur Bürger hatten heute Gelegenheit, Gegenstände aus den Häusern zu holen, auch Unternehmen transportierten alles ab, was in der kurzen Zeit möglich war, ausserdem sind die verbliebenen Boote und Kutter aus dem Hafen von Grindavík nach Sandgerði gebracht worden.

Dampfender Graben quer durch den Ort
Die Erdbebenaktivität in der Region ist seit Samstag beinahe unverändert, bzw ist in der Stärke etwas zurückgegangen. Trotzdem haben die Schäden durch die Erdbeben ein grosses Ausmass angenommen.
In diesem Video ist in Teilen der Graben zu sehen, der sich quer durch den Ort zieht, durch Strassen, Gärten und Häuser. Vielerorts kommt heisser Dampf aus der Spalte, ein klarer Hinweis auf die unterirdische Magma. Der Graben hatte sich gestern gebildet, und damit war klar dass der Magmagang unter dem Ort liegt, und dass jederzeit und an jeder beliebigen Stelle Magma an die Erdoberfläche treten kann. Zahlreiche Gebäude sind durch Risse und aufgewölbten Untergrund so schwer beschädigt, dass Reparaturen nicht mehr möglich sind.

Um einen Meter abgesackt
Das Land im Westteil des Ortes ist um einen ganzen Meter abgesackt. Die Erdbebenabteilung des Wetterdienstes veröffentlichte heute Satellitenbilder, auf denen der Magmagang (blau) zu erkennen ist. Die Verformung des Landes geht auf den Magmaeinschuss vom 10. November zurück, der seinen Ursprung in der Nähe des Erdwärmekraftwerks Svartsengi hatte.
Die Vulkan- und Katastrophenschutzgruppe Südisland schreibt, GPS-Daten zufolge seien immer noch Verformungen im Gange, aber ihr Tempo habe sich seit Freitag stark verlangsamt. Auch weiterhin ströme Magma in den Intrusionsgang, die Menge hatte zu Beginn jedoch etwa 50 Mal mehr betragen als heute.
Der Geophysiker Magnús Tumi Guðmundsson weist darauf hin, dass ein Vulkanausbruch immer noch jederzeit möglich ist. Auch der Vulkanologe Þorvaldur Þórðarsson will dies nicht ausschliessen, eine Rückkehr der Bürger in ihre Stadt hält er auch ohne Ausbruch für ausgeschlossen, denn eine Bebenserie wie die aktuelle könne sich jederzeit wiederholen.

Riesige Stufenbildung
In einem Interview am Abend erklärte der Tektonikexperte und Dozent an der Universität Island, Gregory de Pascale, die Verformungen im Ort erinnerten ihn  an das schwere Erdbeben im neuseeländischen Christchurch im Jahr 2011, wo innerhalb von zwei Minuten ein Teil der Stadt absackte. In Grindavík verlaufe der Prozess über Tage und langsamer, aber auf Drohnenmodellen könne man die Stufe erkennen, und dass sich die Erde im Osten hebe und im Westen absenke. Sie öffne sich also nicht nur senkrecht, sondern auch horizontal. Auch er warnt, eine Eruption könne trotz der momentanen Ruhe jederzeit und ohne Vorwarnung passieren.