Reykjanes: Magmagang liegt unter Grindavík und reicht bis ins Meer

Auf der Halbinsel Reykjanes und besonders rund um den Küstenort Grindavík bebt die Erde weiter, von Mitternacht bis 12 Uhr Mittag sind 800 Erdbeben aufgezeichnet worden, heisst es in einer Mitteilung der Erdbebenabteilung beim isländischen Wetterdienst. Neue GPS-Daten zeigen, dass die Verformungsrate mittlerweile um ein Vielfaches höher liegt als bei früheren Erdbeben. Auch der Magmafluss ist um ein Vielfaches größer. Ein vulkanischer Ausbruch in den kommenden Stunden oder Tagen scheint unausweichlich. Der Magmaintrusionsgang reicht den Daten zufolge von Stóra-Skógsfell im Norden über die alte Kraterreihe Sandhjnúkargígar nach Süden bis in den Küstenort Grindavík und von dort aus bis ins Meer. Satellitenmessungen von gestern Abend weisen darauf hin, dass sich das Dach des Magmaganges in einer Tiefe von nur noch 1,5 Kilometern befindet, berichtet Vísir. Die Gesamtlänge des Intrusionsganges wird auf 12 Kilometer beziffert.

Mehr Tempo in kürzerer Zeit
Bei einer Informationsveranstaltung von Einsatzkräften und Wissenschaftlern am Mittag hatte der Geophysiker Magnús Tumi Guðmundsson erklärt, dass das Auseinandergleiten der Erdschichten mit 120 Zentimetern weitaus geringer ausgefallen sei als beispielsweise in der Holuhraun im Jahr 2014, damals waren zwei Meter gemessen worden. Doch diesmal habe sich der Prozess in höherem Tempo zugetragen als jemals zuvor gemessen werden konnte. Das Auseinandergleiten dauerte nur wenige Stunden an – die Frage bleibt, was als nächstes passieren wird. Immer noch bestehe die Möglichkeit, dass die gesamte Aktivität zu einem Stillstand komme.
Am stärksten war der oben genannte Driftprozess an den Sandhnjúkargígar ausgefallen, einige Experten halten einen Beginn des Ausbruchs dort für am wahrscheinlichsten. Der Geologe Þorvaldur Þórðarsson interpretierte die unerwarteten Ereignisse des gestrigen Abends – das plötzliche Auseinanderdriften und die Bildung des langen Ganges unter den Meeresboden – dahingehend, dass auch mit einem Ausbruch im Meer gerechnet werden muss.

Ascheschichten aus 1240 zeugen von grossem Ausbruch
Heimildin berichtet, dass es im 13. Jahrhundert schon einmal einen Vulkanausbruch im Meer vor der Küste von Reykjanes gegeben hat. Ein solches Ereignis würde Aschefall bringen. Aus der Zeit sind bei Ausgrabungen Ascheschichten gefunden worden, in isländischen Quellen und Annalen ist die Rede vom „Sandsommer“ und vom „grossen Sandwinter“, wonach die Vegetation auf der Halbinsel entweder verbrannt oder unter dicken Ascheschichten begraben lag. Das Vieh verhungerte oder starb in “Sandstürmen”.
Ein Gefahrengutachten für die Halbinsel Reykjanes, das im Sommer für den isländischen Wetterdienst erstellt worden war, thematisiert einen möglichen Aschefall als Folge eines Vulkanausbruchs im Meer, und seine Auswirkungen auf den Flugbetrieb in Keflavík. Im schlimmsten Fall könnten 45 Millimeter Asche fallen. Nach Ansicht des Geochemikers Halldór Geirsson ist auch ein Aschefall über Reykjavík denkbar, denn die sogenannte Mittelalter-Ascheschicht aus den Jahren um 1240 herum sei genau dort gefunden worden.

Evakuierung und kein Ende in Sicht
In der vergangenen Nacht war der Küstenort Grindavík vollständig evakuiert worden. Weil die Lage als unübersichtlich und gefährlich galt, hatten auch Polizeistreifen und Rettungskräfte den evakuierten Ort verlassen müssen. Auch das Küstenwachschiff Þór, das noch in der Nacht mit Dieselaggregat und starken Pumpen (um einen möglichen Lavafluss herunterzukühlen) von Reykjavík gekommen war, ankerte aus Sicherheitsgründen vor der Küste und fuhr nicht in den Hafen ein.
Der Ort ist für alle gesperrt, nicht nur weil überall zum Teil starke Schäden an Gebäuden und Strassenbelag zutage getreten sind. Das Absacken über dem Intrusionsgang zieht sich durch den gesamten Ort. Doch überlegen die Behörden nun, den Bewohnern strassenzugweise zu erlauben, ihre Häuser aufzusuchen, um sich mit Kleidung und mehr Notwendigem einzudecken, denn niemand weiss, ob und wann die Leute in ihr altes Leben zurückkehren können.

Tierrettung mit viel Herz und Problemen
Der isländische Tierschutzverein Dýrfinna sammelt auf einer Facebookseite Adressen und Telefonnummern von Haustierbesitzern, die ihre Katzen, Hühner oder andere Haustiere hatten zurücklassen müssen. Man hofft auf eine Genehmigung, mit Hilfe einer Liste diese Tiere systematisch einsammeln zu können. Ein paar Schafe und Pferde befinden sich noch in Ortsnähe, auch für sie ist andernorts Platz geschaffen worden, die Retter warten nur auf die Erlaubnis, die Tiere holen zu dürfen.

Zwei Retter mit Pferdehänger warten derzeit in Hafnir, nachdem die Polizei ihnen die Einfahrt nach Grindavík verwehrt hatte, berichtet mbl.is. Da Mitarbeiter der örtlichen Fischfabrik jedoch in den Ort durften, um Gegenstände aus den Gebäuden zu holen, nahmen die Pferdeleute Kontakt zu MAST auf, um sich über das Verbot der Polizei zu beschweren. Sie argumentieren, die Tiere in der grossen Gefahr sich selbst zu überlassen verstosse gegen Paragraf 7 des Gesetzes zum Tierwohl.  Mit einer Rettung der 22 Pferde und einer ganzen Anzahl an Schafen bis morgen zu warten könnte für alle zu spät kommen, so die beiden Freiwilligen, die Pferde für Besitzer ohne Transportmöglichkeit fahren wollen.

Präsident lobt Solidarität und Hilfsbereitschaft
In einer Ansprache lobte Staatspräsident Guðni Th. Jóhannesson die Solidarität seiner Landsleute. “Wir sind eine kleine Nation, Isländer. In einer rauen Welt kann das ziemlich gut sein. Wir können unsere Kleinheit in Stärke verwandeln. Manchmal sind wir wie eine kleine Familie,” sagte Guðni und erinnerte daran, dass viele ausländische Betroffene besonders auf die Solidarität aller angewiesen seien. Die Kräfte der Natur könne man nicht kontrollieren, aber unsere Reaktion auf diese Kräfte sei durchaus steuerbar, so der Präsident.

Die Hilfsbereitschaft der Landsleute ist in der Tat überwältigend, aus dem ganzen Land haben sich Hausbesitzer gemeldet, um Evakuierte auch längerfristig aufzunehmen oder ihnen Ferienhäuser zur Verfügung zu stellen. Je länger die Situation andauert, desto wahrscheinlicher wird es ja, dass Kinder aus Grindavík in anderen Kindergärten und Schulen untergebracht werden müssen.
Bislang haben sich allerdings längst nicht alle Leute aus Grindavík unter der Telefonnummer 1717 gemeldet und registriert, schreibt Vísir. Von vielen sei der momentane Aufenthaltsort nicht bekannt. Daher kann Schule und Kindergarten für die Kinder des Ortes noch nicht organisiert werden.
Das isländische Rote Kreuz betreibt zur Zeit mehrere Auffangstationen für die Betroffenen des Evakuierungsgebietes und hat auch eine Spendenaktion ins Leben gerufen.

Reykjanes: Grindavík evakuiert, Magma könnte unter der Stadt lauern

Der Küstenort Grindavík wird zu Stunde evakuiert, nachdem sich am Abend der Verdacht erhärtete, dass der Magmaintrusionsgang unter dem Ort liegen könnte. Die letzten heftigen Erdbeben hatten sich direkt in Grindavík ereignet. Der isländische Zivilschutz hat die Notfallphase ausgerufen. Bewohner haben drei bis vier Stunden Zeit, ihre Sachen zu packen und den Ort zu verlassen. Das Rote Kreuz betreibt seit dem Abend mehrere Auffangstationen. Alle Evakuierten werden gebeten, sich in einer der Auffangstationen zu registrieren, oder wenn sie bei Verwandten unterkommen, sich unter der Nummer 1717 zu registrieren, damit niemand verloren geht.

Hilfsbedürftige erhalten beim Verlassen ihres Hauses Unterstützung, nach der Räumung fährt die Polizei Streife, um Plünderungen zuvorzukommen. Das von der Polizei angeforderte Küstenwachschiff Þór befindet sich auf dem Weg nach Grindavík.
Die Ausfallstrassen sind derzeit alle gesperrt, um unnötigen Verkehr zu unterbinden, jeder der den Ort verlässt, muss sich bei den Sperrposten ausweisen. Bis drei Uhr heute Nacht soll die Evakuierung abgeschlossen sein.
Das Erdwärmekraftwerk Svartsengi, in unmittelbarer Nachbarschaft der Blauen Lagune gelegen und seit Tagen im Fokus, weil es die Strom- und Heisswasserversorgung auf der Halbinsel gewährleistet, war am Abend vollständig evakuiert worden. Der Kraftwerksbetrieb kann per Computer ferngesteuert werden.

Grosse Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung
Wie so oft in Notzeiten, ist die Hilfsbereitschaft der Landsleute gross. In den sozialen Medien wurden sofort Betten und Zimmer für Evakuierte angeboten, die niemanden haben, bei dem sie unterschlüpfen können. Auch Weide- und Stallplätze für Pferde stehen überall im Süden des Landes bereits zur Verfügung.
Das Katzenheim Kattholt in Reykjavík kündigte an, Katzen aus Grindavík aufzunehmen, deren Besitzer evakuieren müssen und die Katze nicht mitnehmen können. DÍS, der isländische Tierschutzbund, forderte in einer Mitteilung, alle Tiere müssten aus der Gefahrenzone gebracht werden, also auch Nutztiere wie Schafe und Pferde.

Magma wandert offenbar nach Süden
An den Sundahnjúkargígar hat es am Abend ein starkes Auseinandergleiten von Erdschichten gegeben. Dies könnte Experten zufolge darauf hindeuten, dass die Magma dicht unter der Erdoberfläche angekommen ist. Das Südende der Kraterreihe befindet sich etwa einen Kilometer vom nördlichsten Punkt Grindavíks und 1500 Meter vom Erdwärmekraftwerk entfernt.
Nach Angaben der Erdbebenabteilung beim Wetterdienst hat sich die Erdbebenaktivität am Abend stark verändert: nachdem am Nachmittag Beben der Stärke M5,2 an den Sundhjnúkargígar aufgezeichnet worden waren, sind die Beben nach Süden in Richtung Grindavík gewandert. Es besteht die Möglichkeit, dass sich die Magmaintrusion ebenfalls unter die Stadt geschoben hat. Die Magmamenge wird als erheblich bezeichnet, und als weitaus grösser als im grössten Magmagang beim Ausbruch am Fagradalsfjall.

Flughafen hat vorgesorgt
Am Flughafen Keflavík stehen drei Dieselaggregate bereit, falls die Stromversorgung durch eine Eruption ausfällt. Für heute Nacht werden zwei Flugzeuge erwartet, zur Zeit geht der Flughafenbetrieb unverändert weiter. Im Fall eines Ausbruchs wird ein Kreis von 220 Kilometern um die Ausbruchsstelle gezogen, innerhalb dieses Kreises ist jeder Luftverkehr untersagt, bis der isländische Wetterdienst eine Vorhersage zum Aschefall veröffentlicht. Das passiert in der Regel innerhalb von einer Stunde, danach entscheiden die Fluggesellschaften über ihr weiteres Vorgehen, berichtet Vísir.