Abschiebung von behindertem Asylbewerber weckt Kritik

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Freyja Haraldsdóttir, die Interessensvertreterin für Menschen mit Behinderungen im Hauptstadtgebiet, sagt, die Rechte eines körperbehinderten Asylbewerbers seien nicht respektiert worden, als er in der vergangenen Nacht verhaftet wurde. Die Anwältin des Mannes hat Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Vísir gegenüber gab Claudia Wilson an, gestern vergeblich versucht zu haben, ihre Mandanten zu sprechen, das sei ihr jedoch verwehrt worden.

Der aus dem Irak stammende Mann hatte sich auf der Suche nach Asyl mit seiner Familie (Mutter und Schwestern) seit etwa zwei Jahren in Island aufgehalten. Er sitzt im Rollstuhl und musste wegen seiner Erkrankung in Island medizinisch behandelt werden. Die gesamte Familie war gestern verhaftet worden und in einem Hotel in Hafnarfjörður verbracht worden, wo sie auf ihre Abschiebung warten musste. Später war der Mann durch Polizisten aus dem Hotel entfernt worden.

Kein Kontakt zum Anwalt
Freyja Haraldsdóttir gab Vísir gegenüber an, die Rechte des Mannes seien bereits dadurch verletzt worden, dass er keinen Anwalt sprechen durfte. Als Körperbehinderter befinde er sich in einer ganz besonders verletzbaren Lage: “Er hat das Recht auf einen Anwalt zur Unterstützung, der ihn darüber informiert, was jetzt passieren wird und was die nächsten Schritte sind, und sicherstellt, dass er alles versteht was passiert, dass er sich äussern kann, und gewährleistet, dass er geeignet untergebracht wird, damit ihm durch die Situation kein Leid zugefügt wird.”
Seiner Anwältin zufolge habe sich sein gesundheitlicher Zustand in letzter Zeit verschlechtert, und in diesem Zustand sei er nun deportiert worden. Die Verhandlung über den Asylantrag des körperbehinderten Irakers findet am 18. November statt.
Der Vorfall hatte für Aufregung in den sozialen Medien gesorgt, wo ein Foto geteilt wurde, auf dem zu erkennen ist, wie der Mann von der Polizei gewaltvoll aus seinem Rollstuhl geholt wird.

Deportation am frühen Morgen
Am frühen Morgen, so berichten RÚV und Vísir, sind Reisebusse mit zugezogenen Gardinen vor Hotels und Ausländerbehörde vorgefahren. Mit einem Grossaufgebot an Polizei und Zivilisten fuhren die Busse zum internationalen Flughafen in Keflavík. Dort wurden Medienvertreter durch Mitarbeiter der Flughafenverwaltung Isavia mit Flutlichtern daran gehindert, Filmaufnahmen und Fotos zu machen. Kurz darauf hob die Maschine in Richtung Athen ab.
Von Seiten der Isavia hiess es, man habe sich nur an Anweisungen der Polizei gehalten. Die Dozentin für Journalismus bezeichnet  RÚV gegenüber die Vorgehensweise als grob, sie entspreche nicht den Grundwerten einer demokratischen Gesellschaft.

Wer in dem Flugzeug gesessen hat, ist RÚV nicht bekannt. Von 28 zu deportierenden Personen waren 13 nicht gefunden worden. Ein Teil der Abgeschobenen wartet auf Bescheid über ihren Asylantrag.  Weder das Justizministerium noch die Ausländerbehörde waren für Anfragen erreichbar.
Der Anwalt Magnús Davíð Nordahl gab RÚV gegenüber an, drei seiner Mandanten seien in der Nacht deportiert worden, obwohl sie auf Ergebnisse des Berufungsausschusses warteten. Die Angelegenheit sei noch nicht beendet, so Magnús.

Erneut entkommende Zuchtlachse in den Westfjorden

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Die isländische Lebensmittel-und Veterinäraufsichtsbehörde MAST ist kürzlich über ein Loch in einem Lachszuchtbecken im Tálknafjörður in den Westfjorden benachrichtigt worden. Das defekte Zuchtbecken wird vom Aquakulturkonzern Arnarlax betrieben, das Loch war bei einer Routineinspektion entdeckt und sofort reapriert worden, heisst es in einer Mitteilung von MAST.
Informationen von Arnarlax zufolge war das Loch 14 Zentimeter gross und befand sich in einer Tiefe von neun Metern. In dem Netzbecken werden 99.000 Junglachse gehalten.
Nach Entdeckung des Lochs hat MAST eine Untersuchung der anderen Becken im Fjord angeordnet, um sicherzustellen, dass es keine weiteren Löcher gibt.

Fischzucht hat Freunde und Gegner
Aquakultur und Lachszucht ist in den vergangenen Jahren immer wieder Gegenstand von Diskussionen gewesen. Verfechter der Industrie glauben, sie nimmt den Druck von der Überfischung wilder Bestände. Beim Fang von wild lebendem Fisch gelten in Island strenge Quoten. Aquakultur wird da von vielen als gangbare Alternative gesehen, die hohe Nachfrage nach Lachs zu befriedigen, ohne die Wildbestände zu gefährden.

Umweltakivisten sind da anderer Meinung, sie kritisieren die Praktiken als Extremverschmutzung der einst so klaren und sauberen Fjordgewässer. Ein weiterer Grund zur Besorgnis, der sich immer wieder bestätigt, ist das Entkommen von Zuchtfischen aus den Netzbecken. Sie finden den Weg in Wildbestände und paaren sich dort. Die Auswirkungen dieser Vermischung von Wildbestand und Zuchtbestand wird wissenschaftlich noch nicht ganz verstanden, aber man weiss dass entkommende Zuchtfische zusätzlichen Druck auf die Wildbestände ausüben, wenn es um Futter und andere Resourcen geht.

 

Dýrið erhält Preis des Nordischen Rates 2022

Lilja Jóns. Lamb

Der isländiche Spielfilm Lamb hat am Dienstag, den 1. November den Preis des Nordischen Rates 2022 erhalten. Die Preisverleihung hatte in Helsinki stattgefunden, überreicht worden war der Preis durch Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin.
Lamb ist eine Regiearbeit von Valdimar Jóhannsson, das Drehbuch trägt die Handschrift des isländischen Dichters Sjón. „Eine einzigartige Geschichte von Verlust, Trauer und Angst“ heisst es unter anderem in einer Beschreibung des Folklorehorrorfilms.
Ein weiterer Preis ging an die Produzentinnen Hrönn Kristinsdóttir und Sara Nassim, wobei das Preisgeld von 300.000 DKK (40.300 EUR) gleichmässig unter den Preisträgern aufgeteilt wurde.

Die beiden Hauptpersonen in Lamb, dargestellt von Noomi Rapace und Hilmir Snær Guðnason, spielen ein Ehepaar in einer einsamen Gegend in Island. Dort beeinflussen übernatürliche Phänomene ihre Beziehung, nachdem eines der Schafe einen Mischling aus Mensch und Schaf zur Welt bringt.

Der Film, der im Isländischen den Titel Dýrið trägt, hatte schon zuvor für Furore in der Filmwelt gesorgt, wie etwa bei der Premiere beim Filmfestival in Cannes in der Sektion Un Certain Regard, ausserdem erhielt er die begehrte Edda, den Preis der isländischen Filmindustrie.

Der Nordische Rat vergibt jedes Jahr fünf Preise für Literatur, Film, Musik, Umweltaktivismus und Jugendliteratur.
Weitere Preisträger des Jahres waren die schwedische Komponistin Karin Rehnqvist für ihr Werk “Silent Earth,” die norwegische Zeichneri Nora Dåsnes für ihr Werk “Ubesvart anrop,” in dem es um den Terroranschlag von 2011 in Norwegen geht, sowie die Stadt Mariehamn auf Åland für ihre Umweltschutzarbeiten bei der Konservierung von Sumpfland.

 

Obdachlosenheime in Reykjavík am Limit

Reykjavík pond

In einem Interview mit RÚV hat die Krankenschwester und Leiterin des Reykjavíker Obdachlosenheims, Hrafnhildur Ólöf Ólafsdóttir, die vermehrte Nutzung der Heime in den vergangenen zwei Jahren dafür verantwortlich gemacht, dass das System nicht länger mit der Nachfrage nach Unterkünften für Wohnungslose mithalten könne.

Letzten Informationen des Wohlfahrtsausschusses zufolge sind zur Zeit 87 Frauen und 214 Männer in Reykjavík ohne Behausung. Aus dieser Gruppe nutzen 30 Prozent die Notunterkünfte, weitere 50 Prozent übernachten in längerfristigen Einrichtungen.
Hrafnhildur sagte RÚV gegenüber, die Krise habe viele Ursachen: „Sie hängt mit vielen Faktoren zusammen, vor allem dem Immobilien- und Mietmarkt, vermindertem Zugang zu Gästehäusern, Hotels und Hostels, auf die wir während der Pandemie zugreifen konnten.“
Die Obdachlosenheime in Reykjavík befinden sich jetzt permanent am oder über dem Limit, im Vergleich zu 2021, als die Auslastung der Heime bei 60-80 Prozent lag, und in 2020, als sie zu 30 bis 50 Prozent ausgelastet waren.

Erschwerend kommt hinzu, dass etwa ein Drittel der Obdachlosen in der Hauptstadt aus anderen Gemeinden stammt. “Es ist ja nicht so dass die Leute sich aussuchen, nach Reykjavík zu kommen,“ sagt Hrafnhildur. „Wir sind nur die einzige Gemeinde, die diese Leistung anbietet.“ Sie findet, dass anderswo ebenfalls Lösungen entwickelt und zugängig gemacht werden müssten.