Chefepidemiologe fordert Langzeitplan im Kampf gegen COVID-19

COVID-19 Iceland

Islands Chefepidemiologe Þórólfur Guðnason ist sehr besorgt, dass die isländische Öffentlichkeit nicht die nötige Geduld hat, es mit der COVID-19 Pandemie aufzunehmen, berichtet RÚV. Þórólfur hatte der Regierung vorgeschlagen, eine Plattform zu schaffen, wo ergründet werden soll, wie die isländische Gesellschaft mit dem SARS-CoV-2 Virus langfristig umgehen könnte. Dabei sollen neben den Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit auch wirtschaftliche und politische Gesichtspunkte mit einbezogen werden.

In einem Radiointerview sagte Þórólfur, er habe anfangs gehofft, dass die Pandemie überwunden sei, doch sei sie nun auf der ganzen Welt im Aufwind. Dies bedeute, dass die Isländer lernen müssten, mit dem Virus langfristig zu leben, während sie es gleichzeitig mit all den anderen Problemen in ihrem Leben zu tun hätten.

Die Pandemie ist ein “Langzeitkrieg”
Die COVID-19 Pandemie sei ein Langzeitkrieg, und nicht etwa viele kleinere Schlachten, sagte Þórólfur im Interview. Er glaubt, Isländer hätten Schwierigkeiten, das zu akzeptieren. Viele hofften, dass sie nach den Versammlungsverboten vom Frühjahr, und dem Abebben der Infektionszahlen wieder zu ihrem normalen Leben zurückkehren könnten. Dies liege jedoch in weiter Ferne, worauf er auch immer wieder hingewiesen habe. Er drückte jedoch sein Mitgefühl mit all jenen aus, die durch die gesellschaftlichen Massnahmen in ihrer Existenz bedroht seien, wie etwa Künstler.

Þórólfur hatte der Regierung vorgeschlagen, eine Kooperationsplattform zu gründen, eine Art runden Tisch, wo überlegt werden soll, wie sich die isländische Gesellschaft dieser neuen Realität anpassen könne.
“Meiner Ansicht nach geht es hier um mehr als um Seuchenprävention. Da sind mehrere, die an den Tisch kommen müssen, und man muss Rücksicht auf verschiedene Standpunkte mit einbeziehen. Mein Standpunkt ist vor allem die Seuchenprävention, und die werde ich natürlich hochhalten, aber das ist auch eine politische Angelegenheit, und das ist eine wirtschaftliche Angelegenheit, und es gibt alle möglichen Ansichten. Und es ist diese Ungeduld, die ich immer mehr verspüre, und da muss nun ein Plan her, wie wollen wir das eigentlich im nächsten Jahr praktizieren, in den kommenden Monaten?”

“Keine Silberkugel”
Der Chef der Weltgesundheitsorganisaton WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, scheint im Bezug auf den Bedarf einer Langzeitstrategie für die COVID-19 Krankheit gleicher Ansicht wie Þórólfur zu sein. Auf einer Pressekonferenz hatte er vor einigen Tagen davor gewarnt, zu sehr an die Impfung als Allheilmittel zu glauben.

“Wir hoffen alle, dass wir paar wirksame Impfstoffe bekommen, die dabei helfen, Menschen vor der Infektion zu schützen.” sagte Ghebreyesus. “Aber es gibt zur Zeit keine silberne Kugel und vielleicht gibt es niemals eine. Zum jetztigen Zeitpunkt sind Ausbrüche nur durch grundsätzliche Massnahmen bei der öffentlichen Gesundheit und Seuchenkontrolle zu stoppen.”

Regeln vom 30. Juli werden strenger gefasst

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Islands Gesundheitsministerin Svandís Svavarsdóttir hat dem Vorschlag von Chefepdemiologen Þórólfur Guðnason zugestimmt, die am 30. Juli veröffentlichten Seuchenschutzmassnahmen in der Öffentlichkeit abzuändern.

Demnach galt bis zum 13. August, dass nicht mehr als 100 Personen an einem Ort zusammen kommen dürfen. Nun dürfen Supermärkte 100 Personen in ihren Räumlichkeiten einlassen, und wenn das Geschäft grösser als 1000 qm misst, darf zusätzlich ein Kunde pro 10 qm eingelassen werden, maximal jedoch 200 Kunden auf einmal.

Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln gilt nun die Maskenpflicht bei allen Fahrten, die länger als 30 Minuten dauern. An Bord der Fähre Herjólfur auf die Westmännerinseln herrscht allgemeine Maskenpflicht

Die Regeln für Schwimmbäder und Fitnessstudios müssen noch weiter ausgearbeitet werden. Zur Zeit dürfen nicht mehr als die erlaubte Maximalzahl an Badegästen im Schwimmbad sein. Kinder, die ab dem Jahr 2015 geboren sind, werden bei der Gästezahl nicht mitgerechnet. Ähnliches gilt für Naturbäder. Doch will Þórólfur hier nähere Ausführungen nachreichen.
Manche Bäder haben bereits reagiert. Die öffentlichen heissen Pötte in Hjalteyri, Hauganes und Guðlaug in Akranes etwa wurden geschlossen.

Ausserdem soll es keine zeitlich befristeten Genehmigungen für Veranstaltungen mehr geben, die sich möglicherweise länger als 23 Uhr hinziehen, wie Konzerte, Tanzveranstaltungen, Grossfeuerlager und ähnliches.

Island könnte Zahl der Einreisenden bald begrenzen

COVID-19 test

Die isländische Regierung sucht nach Wegen, um die Zahl der Einreisenden zu begrenzen. In den vergangenen Tagen hatte die Zahl der an den Grenzen ankommenden Passagiere die Kapazitäten für den COVID-Test schwer belastet. Die Virologische Abteilung der Uniklinik hat Geräte bestellt, mit denen mehr Proben untersucht werden können als bisher, doch wird mit der Ausrüstung nicht vor Oktober gerechnet.
Bei der heutigen COVID-Pressekonferenz sagte Chefepidemiologe Þórólfur Guðnason, die Anzahl der aus dem Ausland anreisenden Personen sei ein “besonderer Anlass zur Sorge”, da ihre Zahl die Testkapazität der vergangenen Tage schwer belastet habe. Zur Zeit können etwa 2000 Tests pro Tag ausgewertet werden.
Seit dem 15. Juni hatte Island die meisten Passagiere bei der Einreise getestet, mit Ausnahme Einreisender aus sechs sogenannten “sicheren Ländern”, sowie Personen, die sich freiwillig in eine 14-tägige Quarantäne begaben. Þórólfur erwähnte, dass es möglicherweise notwendig werde, Deutschland und Dänemark von dieser Liste zu streichen. Damit würde sich allerdings die Zahl der zu testenden Personen noch weiter erhöhen.

Geringe Testkapazität akzeptieren
Die Uniklinik in Reykjavík ist zur Zeit das einzige Labor, welches die COVID-19 Proben analysieren kann. Das Genforschungsinstitut deCODE hat zwar eine entsprechende Laborkapazität, beteiligt sich aber nicht am Grenztestungsprogramm, sondern testet innerhalb der Bevölkerung. Das virologische Labor der Uniklinik hat seit dem Frühjahr seine Ausstattung erneuert und die Testungsmethode geändert, um die Kapazität auf 2000 Proben erhöhen zu können. Ausserdem waren weitere Geräte bestellt worden, welches die Kapazität verdreifachen würde. Doch ist die internationale Nachfrage nach solchen Geräten sehr hoch, und Island kann mit einer Lieferung nicht vor Oktober rechnen.
Bis dahin, so Þórólfur, sei die Testkapazität begrenzt und “damit müssen wir eben leben.”

Noch keine strengeren Massnahmen
Am 31. Juli hatten die isländischen Behörden die Zahl der Personen, die sich an einem Ort aufhalten dürfen, von 500 auf 100 verringert, ausserdem war die Zwei-Meter-Abstandsregel wieder eingeführt worden, nachdem zwei Clusterinfektionen aufgetreten waren. Der rasche Anstieg der aktiven Infektionen verleitete zu Spekulationen, dass Island von einer “zweiten Welle” der COVID-Pandemie heimgesucht werde, nachdem es die erste Welle im Frühjahr erfolgreich bewältigt hatte. Es sei zu früh zu sagen, ob die Infektionswelle weiterrolle, sagte Þórólfur, doch sehe er noch keine Notwendigkeit, die Zügel noch weiter anzuziehen.

Die meisten Infektionen bei der Jugend
Gesundheitsamtsleiterin Alma Möller sagte, die Zivilschuzbehörden suchten derzeit nach Möglichkeiten, vor allem junge Menschen zu erreichen, um ihnen die Wichtigkeit der Seuchenschutzmassnahmen noch besser klarzumachen. Zur Zeit erlebt in Island die Gruppe der 18 bis 29-Jährigen die meisten Infektionen. Alma forderte die Öffentlichkeit auf, diese Altersgruppe auf das social distancing und persönliche Hygiene besonders anzusprechen, um die Ausbreitung des SARS-CoV-2 Virus zu bremsen.