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KULTURBLICK
11/11/2011 | 11:00

Vorübergehend nicht erreichbar

vorubergehend_einar-mar„Happy hour“ hiess es an den Ständen auf der Frankfurter Buchmesse. Manch einer begann mit der „glücklichen Stunde“ schon um vier Uhr. Ich lehnte dankend ab, doch am vierten Tag bei der Party im Island-Pavillon befand ich, nun könne auch ich mir ein Bier gönnen. Oder zwei. Und vielleicht noch einen kleinen Brennivin. Oder zwei...

Alles hielt sich im „normalen Rahmen“. Doch was, wenn immer öfter, früher, länger „Happy hour“ ist und es nicht mehr um Geselligkeit geht, sondern allein um Alkohol?

Wenn der „Stoff“ zum Treibstoff der Gedanken wird – darüber hat Einar Már Gudmundsson 2007 den Roman „Rimlar hugans“ (Gitterstäbe des Denkens) veröffentlicht, der nun in der Übersetzung von Angela Schamberger und Wolfgang Butt unter dem Titel „Vorübergehend nicht erreichbar“ erschienen ist.

Schriftsteller sind eine besonders gefährdete Berufsgruppe. Zu den sozialen Anlässen gesellt sich das einsame Arbeitstrinken – die einen setzen auf Assoziationen, die sich bei einem gewissen Promillegrad einstellen, manche brauchen den Kater als Schreibhilfe, andere trinken, weil sie sich nach jedem neuen Buch ausgebrannt fühlen oder dem Erfolgsdruck nicht standhalten können.

„Mein Leben lief in perfekten Bahnen und das Trinken zu geniessen, war ein Teil davon. Aber ohne dass ich mir über den genauen Zeitpunkt im Klaren war, änderte sich irgendwann etwas in diesem Prozess und ich wurde mehr und mehr vom Alkohol abhängig“, sagte Einar Már Gudmundsson in einem Interview mit Pétur Blöndal.

In Island „gilt es nicht länger als Schande, sich bei Alkoholproblemen Hilfe zu suchen“ und so hat sich Einar Már selbst in seinen Roman hineingeschrieben und berichtet auch über seinen Aufenthalt in der Entziehungsklinik Vogur am östlichen Stadtrand von Reykjavík.

Er ist nicht der einzige nordische Autor, der sich zu seinem Alkoholproblem bekennt. Per Olov Enquist, der grosse schwedische Erzähler, dessen „Et annat liv“ 2008 erschien, schreibt in der dritten Person. Ausdrücklich betonte er, „Ein anderes Leben“ sei weder Autobiografie noch Bekenntnisbuch.

Während Enquist sein Leben zum Roman verdichtet, bleibt Einar Már als Chronist und Kommentator, der seine eigenen Erfahrungen einfliessen lässt, am Rande seiner Geschichte. 

„Vorübergehend nicht erreichbar“ ist eine Liebesgeschichte. Und weil die Liebenden durch Gefängnismauern getrennt sind, schreiben sie einander Briefe. Wir Leser sind dabei mit drei in der ersten Person erzählenden Menschen konfrontiert, was stellenweise irritieren kann.

Einar Thor, die Hauptperson, kennt Eva seit einem halben Jahr und ist mit ihr zusammengezogen. Nur kurz will er etwas erledigen und kommt nicht zurück. Die Polizei hat den Dealer auf frischer Tat ertappt.

Eva (Familienstand: ein Mann im Grab, ein Mann im Internet, von jedem ein Kind) verfügt ebenfalls über langjährige Erfahrungen mit Alkohol und anderen Drogen. Die beiden wollen ein neues Leben beginnen, miteinander und drogenfrei, der Trennung und allen Widerständen zum Trotz.

Einar Thor, der im Gefängnis Litla-Hraun bei Eyrarbakki in Untersuchungshaft sitzt, beschäftigt sich mit „Engel des Universums“ und anderen Büchern von Einar Már und schreibt seinem Namensvetter einen Brief. Der landet in den Papierstapeln im Arbeitszimmer des Schriftstellers, einer umgebauten Garage, und wartet auf die Gelegenheit, wiedergefunden zu werden.

„Ich erschaffe Figuren. Diese Figuren haben Vorbilder, aber sobald sie ein Leben in meiner Geschichte erhalten, verlieren sie die Verbindung zu diesen Vorbildern... Manche meiner Figuren basieren auf Menschen, die ich sehr gut kenne, andere wiederum auf Vorbildern, die ich eigentlich überhaupt nicht kenne, wo ich mich nur von einem flüchtigen Eindruck habe beeinflussen lassen“, sagt Einar Már im Interview.

Per Olov Enquist erreichte seinen Wendepunkt bei einem kurzen Aufenthalt in Island, vermutlich im Behandlungszentrum Stadarfell im Hvammsfjördur/Westisland. Auf Socken flüchtet er, bleibt im verschneiten Lavafeld liegen und blickt in den Sternenhimmel. Der Tod lockt, doch er entscheidet sich fürs Leben. In einer dänischen Einrichtung gelingt ihm der Ausstieg aus der Hölle.

Gut möglich, dass Enquist und der damals neunzehnjährige fiktive Einar Thor (oder sein reales Vorbild) sich in Stadarfell getroffen haben. Das war 1989, als in Island das Bierverbot fiel und in Deutschland die Mauer.

Der junge Einar Thor, der noch mit keiner Frau geschlafen hatte, bekam bei den Anonymen Alkoholikern ein Arbeitsheft, das „Aus den Verstecken des Herzens“ hiess: „Es war ausführlich und voller Fragen. Eine lautete, ob ich meine Katze gebumst hätte. Ich fand das höchst seltsam, aber die Frage musste da stehen, für diejenigen, die das gemacht hatten.“

Acht Jahre lang war Einar Thor trocken, arbeitete in der Aluminiumschmelze Straumsvík („die Schwerindustrie, die ununterbrochen Dope in die Volkswirtschaft pumpt“) und lernte das Filmemachen. Dann begann seine zweite Drogen- und Alkoholkarriere, die in Litla-Hraun endete.

Auch Eva ist schon über dreissig und aus dem Alter einer rebellierenden Jugendlichen heraus, aber kriegt „grüne Anarchistenpickel“, wenn sie an die Normalos denkt. „Vielleicht müssen wir auch so werden, wenn wir wieder gesund werden wollen... das Leben als Schnäppchenmarkt betrachten, gehorchen, brav und nett sein...“, schreibt sie in ihrer Verzweiflung.

Die Motivation von Eva und Einar Thor ist ihre starke Liebe zueinander. Nach und nach unterwerfen sie sich den Regeln von Knast, Therapie und Anonymen Alkoholikern und nehmen  Hilfe vom Psychologen, Pfarrer und Gott an. „Ich bitte um Hilfe und bekomme sie. Ich spreche zu Gott und er hört zu“, schreibt Einar Thor am Ende seiner U-Haft an seinen „blauen Engel“ Eva.

Der deutsche Titel des Romans verweist auf eine Passage im ersten Teil des Buches, wo Einar Thor unter schweren Entzugserscheinungen leidet und vergebens Antwort sucht: „Bei Gott war besetzt oder er war vorübergehend nicht erreichbar.“

„Ich verspüre grosse Achtung vor Menschen, die gläubig sind“, sagt Einar Már im Interview mit Pétur Blöndal, überzeugt davon „dass die meisten gute Gründe für ihren Glauben haben.“

Ich möchte dazwischenfragen: Ist Alkoholismus ein guter Grund? Können nur die Anonymen Alkoholiker mit ihrer stark religiösen Ausrichtung den Abhängigen retten? Muss das sein, diese ganze Knasttheologie?

„Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass es der Glaube ist, der zählt, nicht die Religionen“, ergänzt Einar Már. Ich glaube, er meint den Glauben an die Liebe. Den blauen Engel.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net 
www.birdstage.net

Einar Már Gudmundsson: Vorübergehend nicht erreichbar. Eine Liebesgeschichte.
Hanser Verlag, 336 Seiten, 19,90 Euro.

Die Zitate aus den Interview mit Pétur Blöndal stammen aus dem von Sagenhaftes Island herausgegebenem Band: Isländische Literatur der Gegenwart. 22 Autoren im Gespräch.

Mehr über Einar Már Gudmundsson und sein Werk auf der Autorenseite von Sagenhaftes Island.








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