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KULTURBLICK
19/08/2011 | 15:10

Thorsteinn frá Hamri: Farbe aus Nebel

Wann liest du Gedichte? In welcher Stimmung? Zu welcher Tageszeit? Und in welcher Anzahl? Nein, ich meine nicht irgendwelche lustigen Reime, sondern Lyrik wie Thorsteinn frá Hamri sie verfasst.

Liest du sie an einsamen Abenden? Wenn du über die Brüche im Leben, über Schuld, Tod und die Vergänglichkeit von Gefühlen nachsinnst? Oder trägst du sie im Freundeskreis vor, eine gedankenvolle Unterbrechung von fröhlichem Geplauder?

thorsteinn_cover

Habe den Tag geleert
seine Sonne und seinen Wein getrunken
auf einem Stuhl steht meine Kanne
und sammelt Bodensatz
in einem winzigen glitzernden Teich

Ich stelle mir vor, wie der Dichter mit diesem Bild auch seine Arbeit beschreibt. Seine Quintessenz – das Gedicht – kommt zu mir am Abend, wenn ich bereit bin, nachzudenken, nachzufühlen, allen Ablenkungen entzogen und ganz konzentriert auf den Augenblick wenn die Hochheide die Menschen besucht.

„Jardarteikn – Erdzeichen“ heisst der zweisprachige Gedichtband, der uns einen Überblick über das achtzehnbändige lyrische Werk von Thorsteinn frá Hamri gibt. Der Autor hat an der Auswahl der 37 Gedichte mitgewirkt.

In Island kommen rund 80 Gedichtbände pro Jahr heraus. Wenn alle paar Jahre ein Band von Thorsteinn frá Hamri darunter ist, wird das als ein ganz besonderes Ereignis gefeiert, denn der Dichter ist der wohl bedeutendste zeitgenössische Lyriker Islands.

20 Jahre war Thorsteinn alt, als er „In einer schwarzen Kutte“ schrieb, sein erster 1958 erschienener Gedichtband. Bereits damals, so betont sein deutscher Übersetzer, der Kölner Skandinavistikprofessor Gert Kreutzer, im Nachwort, seien seine Gedichte durch „eine starke Metaphorik mit Bildverschränkungen, die sich häufig erst beim näherem Zusehen erschliesst“ gekennzeichnet gewesen.

Selbstreflexion, Brückenschlag zwischen traditioneller und moderner Dichtung und Bindung an die isländische Natur und Kultur seien weitere Merkmale, die sich bereits in den Jugendgedichten von Thorsteinn zeigten.

In der Tat, es sind starke Bilder, der isländischen Landschaft entnommen – wo sonst auf der Welt könnte ein Maler „Farbe gewonnen aus Nebel“ finden?

Haben Sie ihn kennen gelernt, den isländischen Nebel? Plötzlich ist er da, verhüllt den schwarzen Strand, das tiefe Blau des Ozeans und das grellgrüne Moos an den golden schimmernden Berghängen, feucht ist er, weiss und undurchdringlich – schützend und gefahrvoll zugleich.

Der Blick richtet sich nach unten. Auf die zuvor unbeachteten, auf die unscheinbaren Dinge. Und die nassen Kiesel vor den Füssen beginnen plötzlich zu funkeln wie Edelsteine.

In Thorsteinns Gedichten spielen auch Bäume und Wälder eine bedeutende Rolle. So beginnt das „Gedicht über Winde“ mit der Vorstellung, das Rauschen der Bäume sei die Zeit:

und schaut man
über ausgedehnte, gewaltige Wälder
zieht durch den Geist
ein Windhauch der Geschichte

Hat der Dichter die Wälder Islands im Sinn, die seine Vorfahren einst fällten? Beginnt die isländische Geschichte nicht mit der Abholzung? Dort, wo sich kein Blatt regt, wenn der Sturm fegt – hoch oben im Hochland, in den Steinwüsten und Eiswelten – wo weilt da die Zeit?

Doch Thorsteinn frá Hamris feierliche Betrachtung der Wälder wendet sich zu einem „Seitenblick über die Fjordmündung“. Die Waldgedichte gehören zu den rätselhaften Gedichten, in denen ich mich gedanklich verhake, während andere sich mir leichter erschliessen.

Es gibt Übersetzer, die sich und den Lesern irritierende Bilder zu ersparen suchen. Das Gedicht Thorsteinns „Wir Mörder“, das bereits in der 2000 erschienenen Anthologie „Wortlaut Island“ veröffentlicht wurde, ist ein gutes Beispiel dafür.

Dort wurde „blaedandi valinn“ (die blutenden Falken) mit „die Toten im Blut“ übersetzt. Das liest sich glatter, da bleibt man nicht hängen, aber es nimmt dem Gedicht ein ganz wichtiges Bild, das in der sorgfältigen Übersetzung von Kreutzer erhalten bleibt: Der Falke, der Raubvogel, der selbst Opfer wird.

In der zweisprachigen Ausgabe „Jardarteikn – Erdzeichen“ ist die Übersetzung immer transparent, ich kann sie mit meinen bescheidenen Isländischkenntnissen am Originaltext nachprüfen. Das einzige, was ich vermisse, ist eine CD, denn Klang und Rhythmus von Gedichten lassen sich nicht übersetzen, man muss sie im Original hören.

Ich tue mich schwer zu entscheiden, welches Gedicht der Auswahl mir am besten gefällt. Nach langem Hin und Her wähle ich „Das Moor“ aus dem 2008 erschienenen Band „Hvert ord er atvik“ (Jedes Wort ist ein Ereignis), das vielleicht auch Ihnen, liebe Leser, Lust auf mehr Gedichte von Thorsteinn frá Hamri macht.

Grün schimmert das Moor
hinter Wiese und Weiden;
sumpffroh
freut es sich über die Morgensonne
und alle Kleintiere mit ihm.

An manchen Tagen
sammelt sein Leben Schatten.

Sei mit mir
dieses Moor.
Darüber macht niemand
einen vollkommen
gangbaren Weg.

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Bernhild Vögel – ice@birdstage.net 
www.birdstage.net

Thorsteinn frá Hamri: Jardarteikn - Erdzeichen. Gedichte. Ausgewählt und aus dem Isländischen übersetzt von Gert Kreutzer, Queich Verlag, 12,00 Euro.

Auf der Seite von Sagenhaftes Island finden Sie biografische und bibliographische Angaben über Thorsteinn frá Hamri.








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