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KULTURBLICK
27/01/2012 | 15:18

Seelenverkäufer BRIM

undercurrent-coverSie haben den Toten in den Kühlraum gehievt. Da liegt er nun zwischen Kisten mit Fisch. Im Hintergrund schaufelt einer Eis. Ein zweiter hält Totenwache und liest aus der Bibel: Von Martha, die Jesus warnt, das Grab ihres Bruders zu öffnen. Doch Jesus lässt sich vom Leichengeruch nicht abhalten und erweckt Lazarus wieder zum Leben.

Eine Eingangssequenz aus dem isländischen Film „Brim“. Ich sah ihn zusammen mit Freunden im vergangenen November auf dem Internationalen Filmfest Braunschweig. Hinterher stellten wir fest, dass uns einiges unklar geblieben war. Die englischen Untertitel waren oft zu schnell verschwunden und es gab einige Konfusion um Handlung und Personen.

Ich wäre gern noch einmal in die zweite Vorstellung gegangen, kam aber nicht dazu. Netterweise hat mir eine Filmfest-Mitarbeiterin nun eine Sichtungskopie zur Verfügung gestellt. Doch zuerst ein paar Worte zur Entstehung des Films.

Im Jahr 2001 gründeten junge Schauspieler in Reykjavík die Theatergruppe Vesturport. Nach dem großen Erfolg ihrer akrobatischen Romeo und Julia-Version in London im Herbst 2002 begann ihre Arbeit am Theaterstück Brim von Jón Atli Jónasson. Die Truppe tingelte 2003 mit dem Stück durch ganz Island und führten es 2004 bei der Theaterbiennale des Staatstheaters Wiesbaden und 2005 in Tampere/Finnland und Moskau auf.

Und dann, ein paar Jahre später, vertauschten die Hauptdarsteller die Theaterbretter mit schwankenden Schiffsplanken. Der Film Brim ist großenteils auf einem alten Fischkutter gedreht worden. „Hätten wir die Szenen irgendwo im Studio aufgenommen, hätte das fachkundige isländische Publikum das mit Sicherheit gemerkt“, berichtete Regisseur Árni Ólafur Ásgeirsson in Braunschweig. Jedes seemännische Detail musste stimmen. Und so wirkt der Film über weite Strecken tatsächlich wie eine Dokumention über den rauen Alltag der isländischen Fischer.

Árni Ólafur hat an der Filmhochschule Łódź studiert. Nach zwei beachteten Kurzfilmen ist Brim sein zweiter Spielfilm. Vergangenes Jahr wurde Brim auf elf internationalen Festivals – darunter in Lübeck und Braunschweig – gezeigt. Auf Englisch heißt der Film Undercurrent (Strömung), was allerdings nicht der Bedeutung von brim (Brandung) entspricht.

Zurück zu den Anfangsszenen. Der Fischtrawler „Brim RE 29“ läuft in den Hafen von Reykjavík ein. Der Tote wird ausgeladen und die Besatzungsmitglieder nehmen sich eine kurze Auszeit, bevor das Schiff erneut ausläuft.

Logi (Björn Hlynur Haraldsson), der Bootsmann, fährt im Geländewagen in das gerade bezogene Eigenheim im Neubaugebiet. Er wird den Verdacht nicht los, dass seine Frau ihn betrügt. In dem christlich engagierten Familienvater, der nur lustlos die Kapitänsschule besucht, wächst die Wut.

Sævar (Ólafur Darri Ólafsson), der vierschrötige Maschinist, der wie Logi einen üppigen Vollbart trägt, verfolgt zielstrebig einen Traum; er fährt auf seinem Motorrad zu einer Lagerhalle und baut an seinem Wikingerschiff weiter. In jeder freien Minute liest er Bücher über ferne Länder und studiert Seglermagazine.

Kiddi (Ólafur Egill Egilsson), der junge Seemann mit den treuherzigen Kinderaugen, fährt nach Hause zu seiner Mama. Seinen kahlen Kopf versteckt er meist unter einer Mütze. Er ist auf dem Boot zuhause und wirkt an Land etwas unbeholfen. Man hat ihn mit delikaten Aufgaben betraut: Er soll auf dem Flohmarkt Kolaportid Action- und Pornovideos besorgen. Lieber geht er in Spielhallen, rubbelt Lose und spielt Lotto.

Benni (Gísli Örn Garðarsson), der Smutje, steuert eine Behindertenwerkstatt an. Hier wird er anerkannt und bewundert, hier gewinnt er alle Wettkämpfe, hier trifft er sich mit seiner Freundin Jórunn. Schwimmen ist seine Leidenschaft und an Bord sind die Kombüse und der Kühlraum sein Reich. Eigner des alten Trawlers ist sein Onkel, ein Geizhals, der die zweite Schicht und jede kostspielige Reparatur einspart. Benni gehört selbstverständlich zur Crew, auch wenn sich ab und zu einer genervt fühlt oder seine Gutgläubigkeit ausnutzt.

In einem kleinen Plastikeimer sammelt Benni nach jedem Essen Spenden „für einen Brunnen in Uganda“ – tatsächlich fließt das Geld in die gemeinsame Reisekasse. Auch das Fass, in dem die Leber der ausgenommenen Fische landet, dient der Finanzierung des Urlaubs, den sich die Mannschaft jedes Jahr gönnt. Im vergangenen Jahr stürzte Kiddi in Spanien mit dem Hotelaufzug ab und verbrachte den Urlaub im Krankenhaus. Jón Geir (Víkingur Kristjánsson), den sie nun tot von Bord tragen, hatte sich intensiv um ihn gekümmert. Sicherlich ist es Kiddi, der Jón am meisten vermisst.

Jón hatte Tagebuch geschrieben und es zum Schluss säuberlich verpackt und verknotet. Hat es Benni gefunden und geöffnet? Benni, der sanfte Junge, der nur einmal laut wird, als er die Kajüte des Toten für sich beansprucht und dies noch dazu gegenüber einer Frau, die es wagt, Jóns Nachfolge an Bord anzutreten.

Es ist Drífa (Nína Dögg Filippusdóttir), die Nichte von Käptn Anton (Ingvar Eggert Sigurðsson), den allerdings keiner mit seinem Namen anredet. Während die anderen an Land gingen, war er an Bord geblieben, hatte Wetter- und Kulturnachrichten im Radio gehört und seine Socken gewaschen. Die Crew hat Respekt vor ihm, aber er kapselt sich ab. Nicht aus Arroganz, sondern aus Verlorenheit. Das bemerken wir schnell, wenn wir ihn auf seinem Gang in das Einkaufszentrum begleiten, wo er sich für die Beerdigung von Jón einkleiden lässt.

Drífas Vater ist vor Jahren auf See ums Leben gekommen. Anton hatte den Leichnam seines Bruders viele Stunden umschlungen gehalten, während er selbst ans Wrack geklammert um sein Leben kämpfte. „So etwa verändert den Menschen“, sagt Logi.

Natürlich will Anton Drífa nicht mitnehmen, aber sie setzt sich durch. Man sieht es ihr an – sie hat nicht viel Glück im Leben gehabt. Und für das Leben an Bord ist sie in keinster Weise gerüstet.

Welche Funktion hat Drífa, fragte ein Zuschauer den Regisseur nach der Vorstellung. Árni Ólafur antwortete, es sei insbesondere der Blick von außen, den sie mitbringt, der Blick auf die harte Arbeit und die 16-Stunden-Schichten, die der Mannschaft längst zur Routine geworden sind.

Und er bekannte, dass er gerne mit den Erwartungen der Zuschauer spielt. Mit der Erwartung auf frivole Situationen – schließlich hat Kiddi den Pornofilm „Sperminator“ mit an Bord gebracht und Drífa muss mit ihm eine Kajüte teilen. Und kommt da nicht Rivalität ins Spiel, muss diese Frau an Bord nicht zwangsläufig Unglück über die Mannschaft bringen?

Es ist eine besondere Mischung aus Realität und Imagination, aus der die Spannung des Films erwächst. Ich fühlte mich in das Geschehen so hineingezogen, dass ich im Kinosessel fast seekrank wurde. Komische Episoden unterbrechen die wachsende Beklemmung. Kein Gedanke mehr an Lazarus, wenn der tote Jón umgeht – auf See gibt es keine Erlösung.

Brim ist auch auf DVD erhältlich, allerdings nur mit englischen Untertiteln. Doch mit ein wenig Vorinformation benötigt man nicht viel Englischkenntnisse – der Film lebt hauptsächlich von der dichten Atmosphäre, den eindrucksvollen Bildern und von Mimik und Gestik der hervorragenden Schauspieler.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net    
www.birdstage.net

Undercurrent / Brim
Genre: Drama
Regisseur; Árni Ólafur Ásgeirsson
Drehbuch: Ottó Geir Borg, Árni Ólafur Ásgeirsson, Vesturport
Sprache: Isländisch. Untertitel: English
Formate: dvd, 35mm, digibeta
Produktionsjahr: 2010








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