
Der finanzpolitische Ausschuss der Isländischen Zentralbank hat sich entschlossen, den Leitzins um 0,5 Prozent auf 5,5 Prozent anzuheben.
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Früher haben die Isländer melgresi, den „Strandhafer“, zu Mehl und Grütze verarbeitet. Heute wird er zur Erosionsbekämpfung eingesetzt und soll im Mündungsgebiet der Gletscherflüsse Jökulsá á dal und Lagarfljót den Treibsand befestigen.
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Vier Grundschulklassen erlebten anlässlich der Leipziger Messe die Geschichte von Maximus Musikus, der zufällig in einen Orchesterraum gerät und sich von der Musik verzaubern lässt. Klicken Sie auf das Bild um die Diaschau zu sehen.
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Thor Vilhjálmsson wollte seinen Roman „Morgengebet“ auf der Buchmesse in Frankfurt persönlich vorstellen. „Ich versuche keineswegs die Sturlunga Saga neu zu schreiben. Das ist einfach mein Leben, ein endloses Verarbeiten von Wahrnehmungen“, sagte er in einem Interview Anfang des Jahres.
„Áfram, áfram, áfram“ – immer weiter und weiter – nach diesem Motto arbeitete er an einem neuen Roman. Am 2. März 2011 verstarb der grosse isländische Erzähler im Alter von 85 Jahren.
Einar Kárason hat in seinen Romanen „Feindesland“ und „Vergebung und Groll“, die sich ebenfalls mit der Zeit der Sturlungen beschäftigen, die Ereignisse aus der Sicht unterschiedlicher Personen beleuchtet.
Vilhjálmsson dagegen konzentriert sich auf eine Person, erzählt in Episoden, anfangs chronologisch, dann immer mehr auch in Rückblenden. Seine Hauptfigur ist Sturla Sighvatsson (1199-1238), einer der mächtigsten Männer im Westen Islands. Er geht der Frage nach, „warum dieser Mann verloren ist“.
Die Sturlungenzeit, eine Zeit der Auflösung des isländischen Freistaates, der blutigen Machtkämpfe zwischen den führenden Häuptlingen (Goden) ist zugleich in der ganzen christlichen Welt eine Periode der Auseinandersetzung zwischen weltlicher und kirchlicher Macht.
In Island schart sich eine bunte Truppe von Armen, Zurückgesetzten und Gesetzlosen um den Bischof Gudmundur Arason, genannt „der Gute“. Er predigt Armut und Demut, segnet – so geht die Volkssage – jedes Fleckchen Erde und vertreibt nachhaltig alle Trolle. Der gute Bischof ist jedoch nicht zimperlich, wenn es darum geht, die Ansprüche der Kirche gegen die Goden zu verteidigen.
Austragungsort der Fehden ist der Skagafjord, wo sich der Bischofssitz Hólar befindet. Der Gode und Dichter Kolbeinn Tumason, Sturlas Onkel mütterlicherseits, wird 1208 von der bischöflichen Leibgarde tödlich verwundet. Auf dem Totenbett noch soll er den schönen Psalm „Höre Himmelsschmied das Gebet des Skalden“ gedichtet haben.
Das zweite Opfer der Bischofstruppe ist im Jahre 1822 Sturlas Bruder Tumi. Und damit befinden wir uns an einem zentralen Punkt des historischen Dramas.
Denn Vater Sighvatur hatte den erstgeborenen Tumi zur Grossmutter in den Skagafjord abgeschoben und Sturla die Herrschaft über das Godentum im Borgarfjord übertragen. Der zurückgesetzte Tumi überfiel Hólar und Gudmundur musste auf die Insel Málmey fliehen.
Die Bischofsleute unter Führung von Aron Hjörleifsson, Sturlas Ziehbruder und engem Freund in Kindertagen, bringen darauf Tumi in ihre Gewalt. Einer schlägt dem Gefangenen den Kopf ab.
Sturla und sein Vater nehmen Rache, erschlagen ein Dutzend Männer und setzen Gudmundur den Guten auf der Insel Grímsey gefangen. Aron kommt nur knapp mit dem Leben davon.
Ein Jahrzehnt nach den blutigen Ereignissen im Skagafjord kommt es zur Aussöhnung mit der Kirche unter der Auflage, Sturla habe die Absolution des Papstes einzuholen.
Thor Vilhjálmsson vermeidet es, der „romanreifen“ historischen Dramaturgie zu folgen, ihm geht es um eine innere Dramaturgie.
Pilgerreise, öffentliche Geisselung und Absolution in Rom werden in der Sturlunga Saga vom Chronisten Sturla Thórdarson, einem Vetter Sturlas, nur kurz erwähnt. Vilhjálmsson jedoch stellt sie in den Mittelpunkt seines Romans.
Der Isländer ist in der Fremde kein Häuptling mehr, er fällt aus allen gesellschaftlichen Zusammenhängen, ist auf sich selbst zurückgeworfen, von seinem Gewissen verfolgt und allen geistigen und sinnlichen Eindrücken der neuen Umgebung ausgeliefert.
Mit einer kleinen, international besetzten Pilgergruppe zieht Sturla durch Frankreich und Italien von Kloster zu Kloster. Wie schon in Island sucht Sturla in der Natur, in endlosen Wäldern und bei verstörenden Gewittern, nach Selbsterkenntnis.
Beeindruckend ist die poetische Kraft von Vilhjálmssons Bildern – grossartig beispielsweise die Schilderung des Schneesturms, in dem Sturla seine Mitreisenden vom tödlichen Schlaf abhält, bis sie von Mönchen vom Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard gerettet werden.
Vielleicht ist das Kapitel, in dem der Isländer von den neuen Lehren des Franz von Assisi erfährt, etwas zu ausführlich geraten, vielleicht erscheint uns die Erzählung des Mönches Fridfinnur (der Frieden gefunden hat) über die Gebeine seines geliebten Bruders Bljúgur (des Bescheidenen) einen Hauch zu rührselig oder plakativ.
Aber gerade dieser überhohe Anspruch an die Brüderlichkeit führt Sturla sein Versagen besonders drastisch vor Augen. Brüderlichkeit hat er gegenüber seinem Bruder und Konkurrenten Tumi nie verspürt und die Liebe zum Ziehbruder Aron ist in abgrundtiefen Hass umgeschlagen.
Nach einem absurden Spektakel in Rom führt Vilhjálmsson seinen Protagonisten nach Paris, um nach dem Zauberbuch Saemundur des Weisen zu suchen. Der Gelehrte und Priester, ein Vorfahre von Sturlas Frau Solveig, soll in Paris studiert und über sagenhafte Zauberkräfte verfügt haben.
Aber der von einer Wahrsagerin beschworene Geist ist nicht der Geist Saemundurs, nennt sich Collo – wohl ein Wortspiel mit Kopf (isl. kollur) und Hals (lat. collum) – und entschwindet.
Sturlas Gedanken drehen sich um den Kopf, denn Europa hat ihn überzeugt: Ohne ein gekröntes Haupt geht es nicht. Er gelobt dem norwegischen König Hakon, ihm Island untertan zu machen.
Der bislang auf dem Rücken Dritter ausgetragene Konflikt mit Onkel Snorri Sturlusson, dem berühmten Goden und Dichter, bricht nach Sturlas Rückkehr offen aus. Sturla verjagt ihn aus Island und liefert Snorris Verbündeten eine blutige Schlacht.
Doch immer wieder zögert er, fragt sich, ob er die Erwartungen erfüllen kann, diese Last, die ihm erst der Vater, dann der König aufgebürdet hat. Tote und Getötete kommen in Erinnerungen und Albträumen zurück.
Und so geht es zum Schluss noch einmal um Kopf und Kragen, um den vom Hals abgeschlagenen Kopf, um den Verlust von Macht und Leben. Und um ein seltsames Gebet, an ein Pferd gewandt, den letzten Begleiter vor dem Ablegen der Masken.
Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net
Thor Vilhjálmsson: Morgengebet. Aus dem Isländischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Gert Kreutzer. Osburg Verlag,
336 Seiten, gebunden, 19,95 Euro.
Hier sehen Sie das Video mit dem Interview, das Einar Kárason mit Thor Vilhjálmsson noch Anfang des Jahres für „Sagenhaftes Island“ geführt hat (9 min, deutsche Untertitel). Die Links führen Sie zu weiteren biographischen und bibliographischen Angaben über Thor Vilhjálmsson.
Hier finden Sie eine Besprechung von Einar Kárasons Roman „Vergebung und Groll“.