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KULTURBLICK
05/08/2011 | 11:00

Lebenselixier Poesie

Im Frühjahr 2009, ein halbes Jahr nach dem Bankenzusammenbruch, fand ich in „Feykir,“ einem kostenlosen Wochenblatt für Nordwestisland, einen Artikel über den jährlichen Vísnakeppni, einen Reimwettbewerb, bei dem es unter anderem darum geht, zwei vorgegebene Zeilen eines Vierzeilers zu ergänzen. Ein solcher Wettstreit hat Tradition und kommt bereits in einer alten Volkssage vor.

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Botna vísur heisst im Isländischen sowohl „einen Reim ergänzen“ wie „Wege verstehen“. Und so fanden die Isländer bissige Verse und gereimte Krisenauswege wie: „Wir setzen nun alle unser Vertrauen / auf die liebe Sparkasse“.

Sich einen Reim machen, das ist im Deutschen nur noch eine Redewendung. Im so genannten Land der Dichter und Denker steht Lyrik nicht mehr hoch im Kurs. Daher war ich freudig überrascht, als ich im Katalog „Sagenhaftes aus Island“ immerhin neun Gedichtbände entdeckte, die bis zur Frankfurter Buchmesse, auf der Island bekanntlich Ehrengast sein wird, herauskommen.

Die soeben als Insel Taschenbuch erschienene Anthologie „Isländische Lyrik“ ist geeignet, sich einen ersten Überblick über die hierzulande nahezu unbekannte Poesie aus dem Nordland zu verschaffen. Und um es gleich vorweg zu sagen: Die Herausgeber Silja Adalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason und Björn Kozempel haben eine eindrucksvolle Auswahl isländischer Gedichte in vorzüglichen Übersetzungen zusammengestellt.

Am 8. Juni, dem „Tag der isländischen Poesie“, wurde der Band bereits in mehreren Literaturhäusern vorgestellt. Studenten der Kunsthochschule Reykjavík haben einige Gedichte daraus als Videoclips verfilmt. Ich persönlich empfinde es als unnötig, Gedichte zu visualisieren und mit Klangkulissen zu unterlegen. Daher empfehle ich das Video zum „Geschichtenerzähler Homer“ von Einar Már Gudmundsson, weil hier das Gedicht im Vordergrund steht und im Original zu hören ist. Da sagt der alte Grieche zum isländischen Taxifahrer auf isländisch: „Kaum vorstellbar, / dass hier in dieser regengrauen / Eintönigkeit ein Sagenvolk lebt!“ (S. 148).

Die Anthologie legt den Schwerpunkt auf die Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts, bringt aber Beispiele aus früherer Zeit, beginnend mit einigen Strophen aus den Liedern der Edda.

Der mythologische Ursprung der Poesie, so hatte Snorri Sturluson in seinem Werk „Die Sprache der Dichtkunst“ erläutert, ist der Speichel der Götter, der in einem komplizierten Schöpfungsprozess in Blut und schliesslich in süssen Met verwandelt wurde.

Doch als die Sagazeit endete, wurde angesichts von Unterdrückung, Armut und Naturkatastrophen aus dem berauschenden Lebenselixier Poesie schlicht ein Überlebensmittel. Fidlu-Björn, ein im 16. Jahrhundert umherziehender Musikant, hatte sich im Nebel verirrt. Da sprach eine Stimme aus einem Stein, bei dem er Unterschlupf gefunden hatte:
„Mir geht's wie einem Hause,
das auf krummer Halde dasteht,
gewiss, bald wird's einstürzen,
das schlägt mir auf's Gemüt ...“

Mehr als dieses in der Anthologie abgedruckte Gedicht (S. 33) ist von Fidlu-Björn nicht erhalten, aber Volkssagen überlieferten seine Unerschrockenheit, mit der er alle Proben meisterte, auf die ihn sein zauberkundiger Onkel, der Pfarrer Hálfdan aus Fell, gestellt hatte.

Möglicherweise war Björn auch als Rímursänger von Hof zu Hof gezogen. Rímur sind lange balladenartige Gedichte, der Vortrag erfolgte in einer Art Sprechgesang.

Einer der letzten Rímurdichter war Sigurdur Breidfjörd (S. 52), heftig kritisiert von Jónas Hallgrímsson. dem wohl bekanntesten isländischen Poeten des 19. Jahrhunderts. Gefragt waren jetzt freiere Rhythmen und Themen wie Nation, Natur und Liebe. „Am Ende der Reise“ (S. 49) ist eines der letzten Gedichte Hallgrímssons und sicher eines seiner schönsten und intimsten.

Auch wenn der Bauer Bólu-Hjálmar dichtete:
„Schon schwer gelingt mir ein Gedicht;
kann kaum den Schreibspeer führen ...“ (S. 56)
hatte die isländische Lyrik im 19. Jahrhundert einen rasanten Aufschwung genommen, der mit den Worten der Dichterin Hulda „Verleih mir Flügel“ (S. 61) treffend beschrieben werden kann.

„Das 20. Jahrhundert ist die fruchtbarste Epoche der isländischen Literatur“, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Silja Adalsteinsdóttir im Nachwort. Doch der rasante Wandel der Gesellschaft warf auch die Frage auf, ob die Lyrik überleben würde.

Denn „das Volk des Reimes“ war mit der Not verschwistert: „Je weniger es gibt auf dem Teller, / desto teurer das Versmass der Sprache,“ konstatierte Jóhannes úr Kötlum (S. 101) und  Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness warnte in seinem Roman „Am Gletscher“: „Wer nicht in der Poesie lebt, überlebt hier auf Erden nicht“.

Andere isländische Dichter wie Einar Bragi fürchteten um die Eigenständigkeit der isländischen Poesie.
„... dir selbst ist bange:
du singst nicht mehr,
der Wind bringt von jenseits der Meere
Herbstgedichte im Frühling. ...“ (S. 113)

Und die zeitgenössischen Dichter? Kristín Ómarsdóttir fragt sich, ob sie bereit ist, für die Dichtung zu sterben und: „Wie oft will ich die Sprache noch töten?“ (S. 163).

Eiríkur Örn Norddahl beschreibt in dem Gedicht „... und das Wort war Clint“ (S.177) wie das japanische Haiku gleich einem Westernhelden die traditionelle Lyrik mitsamt Stabreim, Versmass und freien Rhythmen niedermetzelt.
„Zuletzt fiel das Haiku selbst auf die Knie
stiess einen Kriegsseufzer aus
hob das Schwert hoch über den Kopf
und durchbohrte sich selbst.“

Gyrdir Eliasson lässt den ersten Siedler Islands, den Wikinger Ingólfur Arnarson zurückkehren (S. 151). Angesichts eines Regals voll isländischer Gegenwartsliteratur „verfinsterte sich seine Miene plötzlich“ und er „verschwand in die feuchte / und sagenumfleuchte / Dunkelheit ...“

Doch das isländische Gedicht überlebte alle Zweifel, Booms und Krisen. Es überlebt, weil es in Island ein Lebensmittel ist. Manchmal kann man es sogar – wie Andri Snaer Magnasons Bónus-Gedichte – im Supermarkt kaufen, dort wo es für Schneewittchen kein Sevenpack gibt, jedoch „sieben vergiftete Äpfel“ (S. 167).

Bernhild Vögel

Einige Gedichte aus der Anthologie können Sie im Original hören: Schlafen kleine Robbenkinder
, Am Ende der Reise von Jónas Hallgrímsson und Der Geschichtenerzähler Homer
 von Einar Már Guðmundsson.
Ein traditionelles
Rímur tragen Steindór Andersen und die Gruppe Sigur Rós vor.








January 27 | Seelenverkäufer BRIM










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