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In ihrem Stammcafé in der Nähe des Reykjavíker Busbahnhofes Hlemmur treffe ich Kristín Steinsdóttir. Ich habe keine Fragen zu „Leben im Fisch“ vorbereitet, denn diese Audio-CD, so denke ich, spricht für sich.
Drei Tage lang hatte Kristín Steinsdóttir dem Verleger Klaus Sander vom Berliner supposé-Verlag und seinem Mitproduzenten Thomas Böhm im vergangenen Jahr aus ihrer Kindheit und Jugend in Seydisfjördur berichtet. Daraus entstanden sorgsam geschnittene und zusammengestellte Episoden, festgehalten auf drei CD-Scheiben.
„Leben im Fisch“ vermittelt ein ungemein lebendiges Bild vom isländischen Leben Mitte des vorigen Jahrhunderts und das Booklet bereichert diesen Ohrenschmaus mit beeindruckenden alten Schwarz-Weiss-Fotos.
Kristín Steinsdóttir. Foto: Kristinn Ingvarsson.
Seydisfjördur, das ist für jeden Islandreisenden, der mit der Fähre kommt, die erste Anlaufstation. Doch der reizvolle, von drei Seiten mit Bergen umrahmte Fjord mit seinem malerischen Städtchen hat buchstäblich Schattenseiten: Im Sommer geht die Sonne so früh unter, dass die Bewohner vor ein paar Jahren gar beantragten, die Sommerzeit einzuführen.
Und im Winter, wenn keine Fähre und keine Touristen mehr anlanden, lässt sich die Sonne in Seydisfjördur monatelang nicht blicken. „Wir haben auf die Sonne gewartet wie auf Weihnachten“, erinnert sich Kristín Steinsdóttir. „Da liefen wir der Sonne entgegen und sassen dann in den Bergen und guckten die Sonne an.“
Doch wie abgeschnitten der Fjord selbst heute noch sein kann, bemerkt der anreisende Tourist nur, wenn der Kapitän über Lautsprecher verkündet: „Der Pass Fjardarheidi ist gegenwärtig wegen Schneeverwehungen unpassierbar.“ Dann bricht besonders unter Wohnmobilfahrern leichte Panikstimmung aus.
Licht und Schatten im Seydisfjord. Foto: bv.
Zu Kristíns Kinderzeit war im Winter das Schneeauto die einzige Verbindung zum restlichen Island. Ein riesiges, unheimliches Raupenfahrzeug, von dem das Mädchen, das alle nur Krilla nannten, befürchtete, es könne ihren kleinen Bruder überrollen.
Doch Thorbjörn, der Besitzer und Lenker des Ungetüms, fuhr bis ins hohe Alter unfallfrei und versorgte verlässlich die Fjordgemeinde mit allem Lebensnotwendigen. Die dankbaren Bewohner errichteten ihm oben auf der Fjardarheidi ein Denkmal.
Möglicherweise hatte Krilla das Schneeauto, das wie ein Panzer aussah, mit Krieg assoziiert. Denn der Zweite Weltkrieg, der auch an Seydisfjördur nicht spurlos vorübergegangen war, war in den Kinderspielen der Nachkriegszeit präsent. Und auch der Kalte Krieg spielte für Krilla eine bedeutende Rolle.
Tunga (Zunge) heisst das inzwischen umgebaute Elternhaus von Kristín immer noch. Foto: bv.
Die Heringsschwärme Ende des 19. Jahrhunderts hatten Seydisfjördur für wenige Jahrzehnte gross gemacht. In den 50er Jahren kam der Hering zurück und die achtjährige Krilla stand selbstverständlich mit am Kai und half beim Einsalzen.
„Heutzutage würde man sagen, acht Jahre, das ist ja verboten... Aber für uns war das alles ein Spiel“. Ein wunderbares Spiel, das zwei, drei Wochen währte, bis der Hering wieder verschwunden war.
1961 schwärmte der Hering monatelang vor der ostisländischen Küste. Die Seeleute und die Heringsmädchen aus dem Norden folgten dem Fisch nach Seydisfjördur. Kristín war 15 Jahre jung und genoss die Arbeit und die Geselligkeit in vollen Zügen.
Ob sie auf der Audio-CD oder im persönlichen Gespräch davon erzählt – die Erinnerung ist präsent und aufregend geblieben: „Ich bekomme immer Fieber, wenn ich an Heringe denke“.
Zur Ausbildung aber musste Kristín den geliebten Fjord verlassen, wurde Lehrerin, studierte Deutsch und Dänisch in Göttingen und Kopenhagen und lebte dann mit ihrer Familie in Norwegen.
Ende der achtziger Jahre begann sie Kinderbücher zu schreiben, eines davon ist auf Deutsch erschienen. „Abrakadabra“ hiess es und verschwand mitsamt seinem Helden (einem Zauberer aus dem Schwarzwald, der sich nach Island verirrt hatte) spurlos im deutschen Bücherdschungel. „Ich habe damals ein paar Belegexemplare erhalten und dann nie mehr etwas davon gehört“, erinnert sich Kristín Steinsdóttir.
Wenn sie vom 20. bis 22. Juni zur Internationalen Kinder- und Jugendbuchwoche nach Köln kommt, wird sie aus anderen Büchern vorlesen. Aus „Engel aus der Weststadt“ zum Beispiel, das 2003 den Kinderliteraturpreis der Stadt Reykjavík und den Nordischen Kinderliteraturpreis erhielt und in sieben Ländern erschienen ist.
Auf Deutsch hat es bereits Gerd Kreutzer übersetzt, doch auch zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse, auf der Island Ehrengast ist, wird „Engel aus der Weststadt“ nicht in Deutschland herauskommen.
Die Schriftstellerin hat wie viele ihrer Kollegen die Erfahrung gemacht, dass deutsche Kinderbuchverlage wenig Interesse an isländischen Kinderbüchern zeigen: „Viele sagen einfach, sie hätten genug eigene Autoren.“
2009 erschien ihr zweiter Roman für Erwachsene „Eigene Wege“ bei C.H. Beck. In verhaltener und konzentrierter Sprache erzählt sie von einer verwitweten Isländerin, die eine bescheidene Randexistenz in Reykjavík führt, sich aber noch einmal auf den Weg macht.
Genaue Beobachtung und sorgfältige Recherche zu einem Frauenschicksal im 19. Jahrhundert, das verspricht ihr Roman „Ljósa“, der im Herbst unter dem Titel „Im Schatten des Vogels“ ebenfalls bei C.H. Beck erscheint. Selbstverständlich wird sie bei der Buchmesse im Oktober dabei sein, nicht nur als Autorin, sondern auch als Vorsitzende des isländischen Schriftstellerverbandes.
Eigentlich wollte sie dieses Amt gar nicht, erzählt sie mir. Doch als die Alternative lautete: „Entweder zum zweiten Mal eine Frau als Vorsitzende oder zum achten Mal ein Mann“ konnte sie nicht anders. „Schliesslich sind ein Drittel der Mitglieder des Verbandes Frauen.“
Kristín Steinsdóttir freut sich auf lebhafte Diskussionen bei der Buchmesse. Schreiben aber ist ein einsames Handwerk. Man sieht ihr an, dass sie in beiden Welten zuhause ist – im quirligen, aufregenden „Leben im Fisch“ unten im Hafen und im einsamen, meditativen „Warten auf die Sonne“, hoch oben in den Bergen.
Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net
Leben im Fisch – Kristín Steinsdóttir erzählt das Island ihrer Kindheit
Konzeption & Regie: Thomas Böhm und Klaus Sander
Box mit 3 Audio-CDs, 190 Minuten und Booklet, 12 Seiten
Verlag supposé, Berlin 2011; ISBN 978-3-932513-99-2; Euro 29,80
http://suppose.de/texte/fisch.html
Hier finden Sie einen Artikel über die Hörbuchvorstellung im März in der isländischen Botschaft in Berlin.
Kristín Steinsdóttir ist Autorin des Monats Juni bei Sagenhaftes Island.