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„Ofsi“, Zorn, heisst der Roman von Einar Kárason, der gerade bei btb unter dem Titel „Versöhnung und Groll“ in der Übersetzung von Kristof Magnusson erschienen ist.
Der isländische Freistaat endete im 13. Jahrhundert im Gemetzel verfeindeter Häuptlinge. Der norwegische König profitierte von dem Machtkampf der Goden und verleibte sich 1262 Island ein.
Nach dem Namen eines der mächtigsten Familienclans wird die Zeit als Sturlungen-Zeit bezeichnet. Die Jahrzehnte brutalster Kämpfe waren zugleich eine Periode grösster literarischer Produktivität, in der die Prosa-Edda und berühmte Sagas wie die Egils-Saga und die Laxdaela entstanden.
Die Geschehnisse des Bürgerkriegs selber wurden von Zeitzeugen aufgezeichnet und später zur Sturlunga Saga zusammengefasst. Den Autoren ging es darum, möglichst keine der beteiligten Personen zu vergessen – was den modernen, noch dazu mit isländischen Namen unvertrauten Leser an der sperrigen Lektüre verzweifeln lässt.
Einar Kárason hat sich an den historischen Sagastoff gewagt. Bereits 2004 ist sein Roman „Óvinafagnadur“, der die Vorgeschichte von „Versöhnung und Groll“ erzählt, unter dem Titel „Feindesland“ bei btb erschienen. Die beiden Romane beleuchten die blutigste Zeit zwischen 1238 und 1253, können aber unabhängig voneinander gelesen werden.
Bleiben wir bei den geschichtlichen Tatsachen: In der Schlacht von Örlygsstadir im Skagafjord im Jahre 1238 wurden der Gode Sturla Sighvatsson, sein Vater und mehrere Brüder von Gissur Thorvaldsson und seinen Verbündeten gnadenlos niedergemetzelt.
Sturlas Onkel Snorri Sturluson, der berühmte Dichter und Verfasser der Prosa-Edda, selbst an den Kämpfen und Intrigen seiner Zeit nicht unbeteiligt, wurde 1241 von Gissurs Leuten überfallen und ermordet.
Ein Jahr später kehrte Thórdur kakali, einer der zwei überlebenden Brüder von Sturla, aus Norwegen zurück. 1246 kam es wiederum im Skagafjord zur Entscheidungsschlacht zwischen Thórdur und Gissur. 110 Tote blieben auf dem Schlachtfeld von Haugsnes zurück.
Der Sieg nutzte Thórdur kakali wenig, denn er wurde nach Norwegen zitiert und von König Haakon nicht wieder entlassen, so dass Gissur schliesslich seine Macht in Island festigen konnte.
In der Nähe des Schlachtfeldes Haugsnes, Skagafjord. Foto: bv.
Kárasons Roman „Feindesland“, in dessen Mittelpunkt Thórdur kakali steht, ist von Torfi Tulinius, Professor für isländische Mittelalterforschung an der Universität Island, kritisiert worden. Thórdur als Alkoholiker darzustellen, der ernüchtert zum Held wird, folge einem Stereotyp, nicht aber den Quellen.
Auch sei es in der mittelalterlichen Gesellschaft undenkbar gewesen, dass Thórdurs Mutter, eine hochgestellte Frau, aus Not oder Verzweiflung über den Verlust von Mann und Söhnen, zur umherziehenden Bettlerin hätte verkommen können.
Tulinius kritisiert auch Kárasons Sprache als zu modern. Darüber kann man geteilter Meinung sein, und auch, ob der Erzählstil des Autors – wechselnde Personen berichten über die Ereignisse – angemessen ist. Mir gefällt er, weil er erlaubt, die Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.
Die alten Sagaschreiber erzählten möglichst nüchtern, sieht man davon ab, dass eingestreute Traumberichte und Verse dramatische Ereignisse anzukündigen oder unterstreichen. Die Motive und Gedanken der handelnden Personen müssen meist aus dem Kontext erschlossen werden. Dem modernen Autor bleibt also zur Ausschmückung der Charaktere reichlich Raum.
Im Mittelpunkt von „Versöhnung und Groll“ stehen Gissur und seine Gegenspieler Eyjólfur ofsi Thorsteinsson und Hrafn Oddson, zwei Männer, die mit Töchtern des in der Schlacht von Örlygsstadir erschlagenen Sturla verheiratet waren.
Auch Gissur war übrigens in seiner Jugend mit den Sturlungern verbunden, denn man hatte den Fünfzehnjährigen mit einer Tochter von Snorri Sturlusson verheiratet – dem Dichter, den er 1241 kaltblütig ermorden liess.
Um seine Macht zu festigen, verfolgte Gissur einen schlauen Plan. Er versöhnte sich mit den überlebenden Sturlungern, insbesondere mit dem Schriftsteller Sturla Thórdarson, der später die Ereignisse in der Íslendinga Saga, einem bedeutenden Teil der Sturlunga Saga, festgehalten hat.
Zur Bekräftigung des Friedens wurde Gissurs Sohn mit Sturlas Tochter verheiratet. Auf Gissurs neu erworbenem Hof Flugumýri im Skagafjord fand am 22. Oktober 1253 das grosse Hochzeits- und Versöhnungsfest statt. Es endete in einem Flammenmeer.
Versöhnungsbereit war auch Eyjólfur ofsi gewesen, bis seine Frau Thurídur ihm an den Kopf warf, Gissur habe gesagt, jedes alte Weib werde ihren Vater eher rächen als Eyjólfur. Thurídur war eine uneheliche Tochter des Goden Sturla, den Gissur 1238 eigenhändig erschlagen hatte. Ihre Bemerkung ist in der Saga das Fanal, dass Eyjólfur nun handeln muss.
Der Beiname ofsi bedeutet „der Zornige“. Kárason aber zeichnet Eyjólfur als einen labilen, depressiven und jähzornigen Mann, dessen Ehe gescheitert ist. Der Grundkonflikt tritt damit in den Hintergrund, denn Eyjólfur steht eigentlich vor der Frage: Ist Versöhnung Verrat an den erschlagenen Verwandten oder steht der Friede über der persönlichen Rache?
Eindrucksvoll beschreibt Kárason dagegen den Konflikt von Hrafn, der zum Verräter wird, weil er sich nicht zwischen seiner neuen Freundschaft mit Gissur und familiärer Loyalität entscheiden kann.
Einar Kárason. Foto: Jóhann Páll Valdimarsson.
Anders als in „Feindesland“ hat Kárason in „Versöhnung und Groll“ die Interessen des norwegischen Königs Haakon nicht völlig ausgeblendet und auch gleich zu Beginn die Figur von Thórdur kakali (der nur noch in rückblickenden Berichten vorkommt) entsprechend korrigiert.
Mehr als die manchmal etwas einseitige Zeichnung historischer Personen (z.B. Bischof Gudmundur Arason) stören mich kleine Unstimmigkeiten. Sicherlich, die Braut ist mit ihren 13 Jahren auch für mittelalterliche Verhältnisse ziemlich jung, jedoch dem Kindesalter bereits entwachsen.
Kárason macht aus ihr ein „kleines Mädchen“, das noch dazu ständig ein „Kuscheltier“ an sich drückt. Ihr frischgebackener achtzehnjähriger Ehemann findet es merkwürdig, mit seiner Braut in einem Bett schlafen zu müssen und das noch dazu „in einem Haus voller Menschen“. Über damals Selbstverständliches können eigentlich nur wir uns wundern.
Trotz aller kritischen Worte – es ist das unbestreitbare Verdienst von Einar Kárason, wichtige Episoden aus der Sturlunger-Zeit lebendig und spannend zu erzählen und uns einen interessanten Einblick in eine für die isländische Geschichte so entscheidende Epoche zu verschaffen.
Bernhild Vögel