
Der finanzpolitische Ausschuss der Isländischen Zentralbank hat sich entschlossen, den Leitzins um 0,5 Prozent auf 5,5 Prozent anzuheben.
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Früher haben die Isländer melgresi, den „Strandhafer“, zu Mehl und Grütze verarbeitet. Heute wird er zur Erosionsbekämpfung eingesetzt und soll im Mündungsgebiet der Gletscherflüsse Jökulsá á dal und Lagarfljót den Treibsand befestigen.
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Vier Grundschulklassen erlebten anlässlich der Leipziger Messe die Geschichte von Maximus Musikus, der zufällig in einen Orchesterraum gerät und sich von der Musik verzaubern lässt. Klicken Sie auf das Bild um die Diaschau zu sehen.
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In Island können Schriftsteller ihre Stoffe direkt dem Leben entnehmen. Die Natur gibt sich ohnehin immer dramatisch. Und die kleine isländische Gesellschaft begünstigt die Zuspitzung von Konflikten. Die Wahrscheinlichkeit beispielsweise, dass eine verlassene Frau im Laufe ihres Lebens wieder auf ihren Geliebten stösst, ist auf Island überdurchschnittlich gross.
Viele isländische Romane haben eine überschaubare Länge und die Autoren verzichten erfreulicherweise darauf, den Lesern ihr geballtes Wissen mit auf den Weg geben zu müssen. Auch „Eigene Wege“ von Kristín Steinsdóttir, das uns vor zwei Jahren erreichte, war ein kleiner geschliffener Edelstein, nur rund 125 Seiten stark.
Kristín Steinsdóttir hat lange Jahre Kinderbücher geschrieben, bevor sie sich an Erwachsenenliteratur wagte. Nun sieht sie sich in Island wie in Deutschland in die Frauenbuchecke gestellt, nur weil ihre Protagonisten weiblich sind: „Zuerst war ich in der Kinderbuchschublade und nun lande ich bei den Frauen!“
„Ljósa“ ist ihr dritter Roman für Erwachsene, doppelt so umfangreich wie „Eigene Wege“. Er erschien vergangenes Jahr und wurde mit dem isländischen Frauenliteraturpreis ausgezeichnet. Nun liegt er unter dem Titel „Im Schatten des Vogels“ in deutscher Übersetzung von Anika Lüders vor.
Kristín erzählt darin von ihrer Grossmutter väterlicherseits, die 1938, acht Jahre vor ihrer Geburt, verstorben ist. „Über meine Grossmutter wurde nie geredet“, berichtet sie mir. „Es wurde allgemein nicht viel über Geisteskranke in Island geredet. Ein ziemliches Tabu – und das ist es zum Teil immer noch.“ Sie vermutet, aus schlechtem Gewissen nach dieser Oma benannt worden zu sein.
Seit zwanzig Jahren beschäftigt sich Kristín immer wieder mit dem Schicksal dieser Frau, die ihr Leben auf Bauernhöfen zwischen der Gletscherlagune Jökulsárlón und Höfn im Schatten des Gletschers Vatnajökull verbrachte.
Geistige Behinderung und psychische Erkrankung spielen eine bedeutende Rolle in der zeitgenössischen isländischen Literatur. Viele Autoren thematisieren den harten Umgang der Gesellschaft mit den Aussenseitern. Noch im 19. Jahrhundert pflegten Hebammen Neugeborene mit sichtbaren Behinderungen zu ersticken – das lesen wir in Sjóns „Schattenfuchs“.
In Einar Kárasons Roman „Die isländische Mafia“ taucht der seit dreissig Jahren in der psychiatrischen Anstalt Kleppur verwahrte Salómon der Schweigsame zum Missvergnügen der Familie plötzlich wieder auf. In Einar Már Gudmundssons „Engel des Universums“ erzählt sein Bruder Páll, der ebenfalls in Kleppur untergebracht war, seine Geschichte.
Auch Kristín Steinsdóttir lässt ihre Protagonistin Pálína Jónsdóttir, genannt „Ljósa“, selbst zu Wort kommen. Doch ab dem fünften Kapitel tritt eine zweite Stimme hinzu. Kristín hat verschiedene Erzählformen ausprobiert, bevor sie die ihre gefunden hat.
Kristín Steinsdóttir schreibt in einer klaren, knappen Sprache und kommt mit wenigen Metaphern aus. Der mächtige Gletscher bleibt im Hintergrund, ein vertrauter Anblick – für Ljósa ist der nahe Elfenhügel wichtiger.
„Schlage die Richtung zum Sander ein. Die Brandung donnert an Land und der Vogel in meiner Brust flattert auf. Die Zöpfe lösen sich, und mein Haar weht in der Brise. Ich lache laut, singe und biete der ganzen Welt die Stirn. Fliege weiter.“
Aus der Ausstellung „List án Landamaera“ (Kunst ohne Grenzen), in der jedes Jahr behinderte Künstler ihre Werke präsentieren.
Ljósas psychische Erkrankung kündigt sich früh an, wächst durch beängstigende und bedrückende Erlebnisse und wird schliesslich übermächtig.
Ljósa (von Ljós, Licht) ist der Sonnenschein, der Engel des heissgeliebten Vaters, der im Roman Jón heisst. Weil er ein reicher Bauer ist, der das Amt des Bezirksvorstehers innehat und als autodidaktischer Homöopath Vieh und Menschen (mit unterschiedlichen Resultaten) kuriert, wagt es niemand, ihm seine zahllosen Affären und unehelichen Kinder vorzuwerfen.
Ist Jón für seine Taten verantwortlich oder steht er unter einem Fluch? Nur von den Mägden und anderen Kindern erfährt Ljósa, was man so hinter vorgehaltener Hand über den Bezirksvorsteher erzählt. Ohnmächtig muss sie zusehen, wie er ihren Geliebten verjagt. Die Mutter verkümmert zusehends. Die meisten Geschwister stehlen sich davon, Ljósa aber bleibt.
Viele Spuren hat das Leben von Kristíns 1874 geborener Grossmutter nicht hinterlassen. Um den Urgrossvater aber ranken sich Anekdoten und in einer Zeitung von 1925 kann man tatsächlich die „Saga“ von seinem Kampf mit einem Geächteten nachlesen.
Das alte Torfgehöft, der Aufenthalt in der Stadt Reykjavík, das neue Holzhaus – ein kaltes Schloss – markieren Stationen auf Ljósas Lebensweg. Krístin hat über die damaligen Lebensumstände genau recherchiert und skizziert das enge Zusammenleben auf den Höfen, auf denen die Kinder von Wanderlehrern unterrichtet wurden. Wir vernehmen den Ruf des Nachtwächters, der um die Wende zum 20. Jahrhundert noch durch die Strassen Reykjavíks zog.
In der Hauptstadt, wo die begabte Ljósa während einer kurzen Ausbildungszeit als Näherin auch Musikunterricht erhielt, findet sie Trost bei Bertel und „Maria“ am Austurvöllur.
Dort wo seit 1931 die Statue des Unabhängigkeitskämpfers Jón Sigurdsson steht, befand sich das Standbild des isländisch-dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen. Seitdem blickt Bertel, der sich auf die allegorische Figur der Hoffnung stützt, im Park Hljómskálagardur über den See Tjörnin.
Alte Postkarte mit dem Thorvaldsen-Denkmal am Austurvöllur.
Zerschlagene Hoffnungen sind es, an denen sich Ljósas Krankheit nährt und ihr zunehmend den Blick auf die Realität verstellt. In den aktiven Phasen der Erkrankung gefährdet sie sich selbst; die Nachbarn reagieren panisch, fühlen sich bedroht.
Die Familie steht vor der Frage, Ljósa dauerhaft in Kleppur im fernen Reykjavík unterbringen zu lassen oder zu mittelalterlichen Massnahmen zu greifen.
Wir Leser werden fast unmerklich aus der „Normalität“ in die Welt der Wahnvorstellungen hineingezogen; ein notwendiges Korrektiv bildet die zweite Stimme von Ljósas Tochter Katrín.
Trotz des schweren Inhalts treten wir aus diesem Buch „leichtfüssig und mit verschmitztem Blick“.
Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net
Kristín Steinsdóttir: Im Schatten des Vogels. C.H. Beck Verlag, 252 Seiten, 19,95 Euro
Über Kristín Steinsdóttir und ihr Werk erfahren Sie mehr bei Sagenhaftes Island. Dort finden Sie auch ein Interview mit der Autorin.
Hier finden Sie unseren Bericht über die Audio-CD „Leben im Fisch“, auf der Krístin Steinsdóttir über ihre Kindheit in Seydisfjördur berichtet.