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Sie kamen aus dem Nebel, unheilvollem weissen Qualm, der in ihre Lungen einzudringen schien. Sie schleppten sich dahin, auf allen Vieren, gesichtslose Rüsselwesen, urzeitlich, unendlich verlangsamt, dahinsterbend gleich verdurstenden Kamelen in der Wüste. Transaquanier haben ihre Schöpfer sie benannt, Gestaltwandler, denen man auf der Bühne des Frankfurter Mousonturmes ihre Herkunft aus dem Wasser nicht mehr ansah.
Iceland Dance Company, „Transaquania – Into Thin Air“, (c) Golli.
Und so soll hier kurz die Geschichte ihrer Erschaffung erzählt werden.
Vor zweieinhalb Jahren entstand „Transaquania – Out of the Blue“, eine Performance der Iceland Dance Company, die nicht nur von der Blauen Lagune inspiriert war, sondern auch in ihr stattfand.
Die Blaue Lagune wird gespeist von warmen, dampfenden Abwässern eines Geothermalkraftwerks, einem Gemisch von Süss- und Salzwasser, in dem sich Kieselalgen tummeln. Das himmelblaue, milchige Wasser füllt eine flache Mulde aus schwarzem Lavagestein. Auf dem Grund des Sees lagert heller Schlamm ab, dem die verschiedensten Heilkräfte zugesprochen werden.
Die isländischen Landmarken, ob Berge, Seen oder Flüsse, sind verbunden mit Geschichten aus Mythologie oder Volkssage; nur die blaue, von Menschen angelegte Lagune hatte noch keine.
Das zu ändern waren zwei Choreographen angetreten: Erna Ómarsdóttir, die als „enfant terrible“ des Tanztheaters gilt, da sie „ihren eigenen Weg geht, alles auf den Kopf stellt und Welten schafft, die voller Leben und roher Energie sind“, wie dance.is schreibt.
Der zweite im Bunde war der Franzose und Belgier Damien Jalet, der mit einigen der grössten Tanzcompagnien Europas gearbeitet hat. Das von ihm und Sidi Larbi Cherkaoui kreierte Stück „Babel“ – von der „Welt“ als eines der innovativsten und stärksten Tanztheaterstücke der Saison 2010 gefeiert – war dieses Jahr unter anderem in Hamburg, München und Wiesbaden zu sehen.
Als dritte kam die bildende Künstlerin Gabríela Fridriksdóttir hinzu, der die Kunsthalle Schirn in Frankfurt derzeit eine Einzelausstellung widmet. Sie war an der Konzeption von Transaquania beteiligt und schuf die Kostüme und – für die Fassung in trockenen Räumen – das Bühnenbild.
In der Zusammenfassung von „Transaquania – Out of the Blue“ heisst es:
„Die Performance überarbeitete frei Evolutionstheorien und Stammesrituale, um eine leibhaftige Mythologie zu schaffen: Das blaue Wasser wurde zur Wiege neuen Lebens, das sich rasch zu einer aufsteigenden Zivilisation entwickelte und wieder im Wasser verschwand, aus dem es geboren wurde.
„Transaquania – Out of the Blue“ erschien wie ein Fest des H2O, des Elementes, das alles Leben auf dem Planeten erst ermöglicht. Die Blaue Lagune wurde eine Art riesiges Laboratorium, wo sich die Dichte der Elemente änderte, aus denen sich die Körper der Tänzer von Fischen zu hybriden Arten verwandelten, die sich gegenseitig erschufen. Der vitale und energiegeladene Impuls dieses neuen Lebens verwandelte sich langsam in Melancholie, als Bewusstsein, Religion und Zivilisation auftauchten.
Die zahlreichen Zuschauer waren alle in die warme und milchige Flüssigkeit um die Tänzer herum eingetaucht, wodurch sich das Gefühl einer kollektiven sinnlichen Erfahrung verstärkte.“
Das diese Performance einmalig war und sich schon gar nicht zur Aufführung in anderen Ländern eignete, liegt auf der Hand.
„Out of the blue“ hat die Bedeutung von „wie aus heiterem Himmel“ und passt daher in der deutschen Übersetzung eher zum Folgestück, das „die Zusatzbezeichnung „Into Thin Air“ trägt, was verbunden mit den Verben disappear oder vanish „sich in Luft auflösen“ bedeutet.
Ich sah „Transaquania – Into Thin Air“, das von vier männlichen und vier weiblichen Mitgliedern der Icelandic Dance Company getanzt wurde, am Abend des vorletzten Tages der Frankfurter Buchmesse, ohne die wässrige Entstehungsgeschichte des Stückes zu kennen.
Die seltsamen Wesen erhoben sich aus ihrem halb erstickten Zustand, taten sich zusammen, gebaren ein Wesen mit Gasmaskengesicht, dem bald andere folgten. Sie schlossen das Neue aus, verfolgten es, spielten mit ihm, bis es eins von ihnen wurde – Zweibeiner, die ihre verseuchte Umwelt abschnorchelten, sich gegenseitig behorchten und erst im Schlussteil annähernd menschliche Gesichter erhielten.
Ein tänzerisches Feuerwerk, das meine etwas messegeschädigten Sinne durcheinanderwirbelte: Sind es Tänzer, die durch die Luft flogen oder nur Puppen? Was bringt diesen erstarrten Leiberberg in Bewegung? Was wird erschaffen und was zerstört? Ist das noch Musik, das da bis zum schier Unerträglichen anschwillt?
Manche Zuschauer hielten sich die Ohren zu; doch so „unerhört“ und fremd die Klänge stellenweise waren, die Musik von Valdimar Jóhannsson und Ben Frost passte zur archaischen transaquanischen Welt.
Keine leichte Kost, wunderbar getanzte Verwandlungen, ein Stück, das trotz seiner Düsterheit hohen ästhetischen Genuss bereitete und auch zu ganz persönlichen Assoziationen viel Raum bot.
Ein Abend, der mir auch etwas Ersatz dafür bot, dass ich keine Zeit gefunden hatte, die Ausstellung von Gabríela Fridriksdóttir in der Schirn zu besuchen.
Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net
Über diesen Link gelangen Sie zu Fotos und dem Video „Out of the Blue“.
Auf der Webpage der Iceland Dancce Company sehen Sie weitere Fotos von „Transaquania – Into Thin Air“.
Und hier finden Sie einen Artikel zu „Crepusculum“ von Gabríela Fridriksdóttir.