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KULTURBLICK
18/04/2011 | 11:00

Hörzeit für die isländischen Sagas

„Wenn man die Sagas liesst – da ist sehr gründlich erzählt. Es war einmal ein Mann. Er hiess Soundso. Sein Vater hiess Soundso und der Bruder des Vaters hiess Soundso. Und dann kommt die ganze Sippe und das kann eine halbe Seite sein. Und das ist langweilig für Kinder,“ erzählt die Schriftstellerin Kristín Steinsdóttir.

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Und für Erwachsene ebenso, möchte ich hinzufügen. Denn für Nichtisländer ist nicht nur die Vielzahl an Personen vertrackt, auch Namensähnlichkeiten bringen uns zur Verzweiflung. Allein die ganzen „Thoren“: Thorgeir, Thorgerd, Thorgrim, Thorvald, Thorsteinn usw. Erst wenn man sich eine Vorstellung von den Hauptpersonen und dem Handlungsstrang erarbeitet hat, wird die Lektüre der Sagas richtig spannend. Doch ohne eine gute und zeitgemässe Übersetzung ist das eine Schinderei.

Daher ist es ein kluges und verdienstvolles Projekt des Hörbuchverlages supposé, die Isländersagas, die im Herbst endlich in neuer Übersetzung bei Fischer erscheinen werden, dem deutschen Publikum schon einmal in einer erzählten Fassung vorzustellen. Ich kann nur allen an den Sagas interessierten Lesern empfehlen, zu diesem wunderbaren Hilfsmittel zu greifen. Im Mittelpunkt der ersten Kassette stehen zwei der berühmtesten Sagas, die Njáls und die Laxdaela Saga.

In der Njáls Saga, der umfangreichsten aller Isländersagas, erscheinen rund 600 Personen. Doch wenn Arthúr Björgvin Bollason die Saga erzählt, kommt er mit 35 aus. Ich frage ihn, wie er das schafft.

„Die allermeisten Personen, die in der Njáls Saga vorkommen, spielen für den Verlauf der Handlung eine nur geringe Rolle. Wenn man die Geschichte in nur einer Stunde erzählt, muss man sich auf die Hauptfiguren beschränken. Die vielen Namen, die in den Genealogien vorkommen, mögen für uns Isländer interessant sein, denn schliesslich können wir unsere Ahnen bis zu den Wikingern zurückverfolgen. Für ausländische Zuhörer sind sie aber weitgehend irrelevant.“

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Arthúr B. Bollason (Mitte) im Gespräch mit Thomas Böhm, Felleshus, 28. März 2011. Foto: bv.

Viele Jahre leitete Bollason das Sagazentrum im südisländischen Hvolsvöllur und brachte  ausländischen Besuchern den Kern der Njáls Saga, die in der Region spielt, durch die Kunst des Erzählens nahe. Er sieht sich in der Tradition der isländischen Erzähler, die die Sagastoffe bereits vor der Verschriftung mündlich von Generation zu Generation weitergegeben haben.

Die Isländersagas sind ausgeschmückte Geschichten um historische Personen aus der so genannten Sagazeit 930-1030, der Übergangszeit vom Heiden- zum Christentum. Im 13. Jahrhundert wurden diese Geschichten aus der Geschichte künstlerisch gestaltet und verschriftet. Doch diese „Festschreibung“ hinderte die Isländer keineswegs, die Sagas auch weiterhin zu erzählen, wie beispielsweise Kristín Steinsdóttir in ihrem Beitrag über „Erzählen als Kunst“ auf der ersten CD der Kassette berichtet.

Dort werden die Zuhörer von isländischen und deutschen Erzählern in die phantastische Welt der Sagas eingeführt. Auf den beiden folgenden CDs erzählt Bollason die Njáls Saga und die Dramaturgin Sigrún Valbergsdóttir berichtet von den Leuten aus dem Lachsflusstal (Laxdaela Saga). Auf der vierten CD geben die beiden Sagaerzähler inhaltliche Hinweise und von dem Skandinavisten Klaus von See erhalten wir einen interessanten Überblick über das mittelalterliche Rechtssystem in Island.

In der Zeit, in der die Sagas spielen, war die Besiedlung des Landes weitgehend abgeschlossen. Ohne die in Europa übliche hierarchische Struktur, ohne Staat und König, stützte sich die isländische Gesellschaft auf verwandtschaftliche und freundschaftliche Bindungen. Es gab gewählte Gebietsverwaltungschefs, die so genannten Goden, und Gerichte, denen allerdings keine Exekutive zur Seite stand. Man trug Fehden und Rechtsstreitigkeiten lieber aussergerichtlich aus und verglich sich in den meisten Fällen. Das labile Gleichgewicht der Macht funktionierte „mehr schlecht als recht“ (von See) und brach zusammen, als einzelne Häuptlinge im 13. Jahrhundert begannen, um die Alleinherrschaft zu kämpfen.

In dieser Zeit der Clankriege wurden die Sagas aufgeschrieben, Rückblicke auf die „goldene“ Zeit, in der zwar auch einiges Blut geflossen war, in der die einzelnen Familien letztlich aber auf Ausgleich bedacht gewesen waren.

Die Njáls Saga und die Laxdaela sind durch einige in beiden Sagas auftretende Personen miteinander verbunden. Mich faszinieren vor allem die Frauengestalten. Im europäischen Mittelalter wurden Frauen der Oberschicht im Alter von 14 Jahren oder noch jünger verheiratet – auch in Island galten Mädchen, die die Geschlechtsreife erreicht hatten, als erwachsen.

Doch unser Bild der mittelalterlichen Frau wird in den Sagas gründlich auf den Kopf gestellt. Als Hallgerdur, eine der schönsten Frauen Islands, Gunnar heiratet, hat sie bereits eine Tochter im heiratsfähigen Alter. Auch Gudrún aus der Laxdaela ist bei ihrer letzten Heirat etwa Mitte 30. Wie schafften die isländischen Heldinnen dies: Nicht ständig schwanger, nicht im Kindbett verstorben, selbstbewusst und attraktiv bis ins „Grossmutteralter“?

Ich frage Arthúr Björgvin Bollason und er antwortet:

„Hier geht es im Grunde um die 'magische' Natur der isländischen Frau, von der Wikingerzeit bis zur Gegenwart. Während katholische Geistliche auf dem europäischen Kontinent darüber stritten, ob die Frau eine Seele hätte, oder ob sie als "normales Tier" zu betrachten sei, haben in den Isländer-Sagas unsere Frauen häufig das Sagen. In vielen Sagas sind sie die tragenden Figuren der Handlung. Man hat bis heute auf diese Frage keine plausible Antwort gefunden.“

Der Mann, der eine Gudrún oder Hallgerdur kränkte oder ihr gar eine Ohrfeige gab, musste mit dem Schlimmsten rechnen. Und noch heute rätselt man darüber, welchen Mann Gudrún meinte, als sie bekannte: „Zu dem war ich am schlechtesten, den ich am meisten liebte.“

Es greift zu kurz, dies alles als dramatische Effekte abzutun, die die Sagaerzähler und -schreiber erzielen wollten. Bollason sagt: „Fest steht auf jeden Fall, dass die Islandfrauen von der Besiedlungszeit bis zum heutigen Tag ein sehr starkes Selbstbewussein an den Tag legen. Man könnte sich auch die Frage stellen, ob es ein Zufall war, dass die erste Frau, die auf der Welt zum Staatsoberhaupt gewählt wurde, eine Isländerin war...?“

Ja, aber warum gibt es in Reykjavík immer noch keine Hallgerdurstrasse? Hören Sie selbst!

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net

Die Saga-Aufnahmen. Njáls saga / Laxdaela Saga. Konzeption, Dramaturgie, Regie: Thomas Böhm und Klaus Sander. supposé Berlin 2011, ISBN 978-3-86385-001-2.

Hier lesen Sie einen Bericht über dieVorstellung des Hörbuches am 28. März 2011 im Felleshus, dem Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften in Berlin.








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