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KULTURBLICK
05/04/2011 | 17:50

Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft

ikorni01Es ist kein Kinderbuch, auch wenn der Ich-Erzähler ein Kind ist. Es ist auch kein Roman, obschon eine Handlung nicht fehlt. Vielleicht kann man „Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft“ von Gyrdir Elíasson als eine poetische Reisenovelle bezeichnen, die uns durch Innenwelten führt, aber auch den Blick auf die isländische „Aussenwelt“ schärft.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Sigmar, der auf dem abgelegenen Hof von Björk und August aufwächst, verwandelt sich im zweiten Teil der Erzählung in ein Eichhörnchen und reist in eine menschenleere Stadt, bevölkert von Kaninchen, Fledermäusen, Bären und Katzen.

Bereits auf der ersten Seite erhält der Leser eine zeitliche und örtliche Orientierung.

Auf einem Bord über Sigmars Bett steht die dreibändige Biografie von Tryggvi Gunnarsson, dem ersten Bankdirektor Islands im 19. Jahrhundert, den der Junge von den 100-Kronen-Scheinen kennt. Sie waren in den 1960er und 70er Jahren in Umlauf.

Ich vermute, der kleine Hof von August und Björk liegt in Westisland, denn jede Region hat ihre besonderen Gespenster. Sigmar fürchtet sich vor Axlar-Björn, einem Massenmörder, der im 16. Jahrhundert im Gebiet Breidavík auf der Snaefellsnes-Halbinsel gelebt haben soll und um den sich schaurige Sagen ranken.

Wer gute Kleidung trug, sollte seinem Hof meiden, hiess es. An einem strahlend schönen Ostersonntag sagte Axlar-Björn zu den vor der Kirche stehenden Leuten: „Jetzt sind die Tage sonnenarm.“ Da erkannten die Menschen, wie verblendet Björn durch seine Missetaten geworden war. Man stellte ihn vor Gericht; er wurde verurteilt und sofort gerädert, enthauptet und gevierteilt.

Axlar-Björn geistert durch die Träume und Fantasien von Sigmar, verbindet sich mit anderen Spukgestalten, möglicherweise auch solchen, von denen August liest: Die „gesammelten Werke der Theresa Charles“ (S. 20) sind unter Pseudonym erschienene britische Schauer- und Arztromane aus den 60er Jahren.

Die wenigen Bücher, die Sigmar besitzt, scheinen recht alt zu sein. Ihn fasziniert die Schilderung der letzten Stunden von Allan Quatermain, einer fiktiven Abenteurergestalt aus der Kolonialzeit.

Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem britischen Autor Henry Rider Haggard erschaffen und ist hierzulande allenfalls durch den Fantasyfilm „Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen“ mit Sean Connery bekannt.

Dann ist da noch das vergilbte Exemplar eines dänischen Tierbuchs. Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass isländische Kinder die meisten Säugetiere nur aus Abbildungen kennen.

Deutsche Kinder sehen viele Wildtiere im Zoo – in Reykjavík heisst ein entsprechendes Gehege bezeichnenderweise Húsdýragardurinn und als Gyrdir Elíassons Buch 1987 erschien, gab es diesen „Haustiergarten“ noch gar nicht.

Island ist ein säugetierarmes Land. Abgesehen von den eingeführten Nutztieren gibt es nur das ebenfalls importierte Ren, den Ureinwohner Polarfuchs und einen gelegentlichen Gast namens Eisbär.

Eichhörnchen kommen in Island nur in der Poesie vor. Im Grímnismál – einem Lied aus der im 13. Jahrhundert aufgeschriebenen Edda – ist die Weltenesche Yggdrasil beschrieben.

Oben sitzt ein namenloser Adler, an den Wurzeln nagt Nidhöggr, der ein Drache oder eine Schlange ist. Während vier Hirsche an den Zweigen knabbern, läuft ein Eichhörnchen den Stamm hinab.

Ratatosk heißt das Eichhörnchen,
das herumspringt
an der Esche Yggdrasil;
die Worte des Adlers
trägt es von oben hinab
und sagt sie unten Nidhöggr.

In Snorri Sturlusons Prosa-Edda allerdings ist das Hörnchen kein neutraler Bote, sondern tauscht gehässige Worte zwischen Adler und Schlange aus. Über die Funktion von Ratatosk, aber auch seinen Namen rätselt die Wissenschaft seit langem.

„Ratatosk“ lässt sich als rotierender Nagezahn oder wandernder Stosszahn interpretieren. Die Stosszähne der Narwale wurden einst für Einhorn-Hörner gehalten. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der isländische Künstler, der im 17. Jahrhundert die berühmte Abbildung von Yggdrasil schuf, kein Eichhörnchen, sondern eher ein Einhörnchen gemalt hat.

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Ratatosk kann sich ungehindert zwischen den verschiedenen Ebenen der Welt hin und her bewegen. Sigmar, dem es nicht gelungen ist, die im Muster des Tischtuch eingeschlossenen Damhirsche zu befreien, versucht sich durch seine Verwandlung in ein Eichhörnchen ebenfalls eine neue Welt zu erschaffen, eine Welt voller Tiere wie im vergilbten dänischen Buch, eine menschenleere Stadt, die mich etwas an Arno Schmidts gespenstisches Hamburg aus „Schwarze Spiegel“ erinnert.

Das Eichhörnchen, in dessen Fell Sigmar schlüpft, hat zwar kein Horn, aber trägt einen Weidenkorb voll Kleiderbügel mit sich, was ihm von weitem das Aussehen eines Rentieres verleiht. Auch fühlt es sich vor Axlar-Björn sicher, denn es trägt keine Sonntagskleider.

„Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft“ ist ein Buch, das verlockt, es nach dem Lesen erneut zu erkunden. Sich aufmerksam den Details zu widmen, die man zu Beginn sorglos überlesen hat, dem Fernrohr beispielsweise und der Brille – all den Gläsern, denen wir im zweiten Teil wieder begegnen. Und vielleicht darüber nachzusinnen, wie zerbrechlich die Sehhilfen und Sichtweisen sind, durch die wir in die Welt blicken.

Gyrdir Elíasson zeigt uns in wunderbar poetischer Sprache, wie die Welt durch die Vorstellung verändert werden kann, aber auch, wie bedrohlich und bedroht diese Gedanken- und Fantasiewelten sein können.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net

Der Kölner Skandinavistik-Professor Gert Kreutzer hat „Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft“ übersetzt, die Illustrationen stammen von Laura Jurt und erschienen ist es im Züricher Verlag Walde+Graf.

Ein Interview mit Gyrdir Elíasson sowie Informationen über den Autor und sein Werk finden Sie auf der Internetseite von Sagenhaftes Island.








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