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KULTURBLICK
14/10/2011 | 18:48

Der Untergang der Godafoss

godafoss1-titelseiteIch bin allergisch gegen historische Katastrophenfilme, habe nur Ausschnitte aus „Titanic“ und „Das Boot“ gesehen. So gut sie auch gemacht sein mögen, ich finde, laufende Bilder können das Geschehen nur unzureichend nachstellen. Nichts ist so erschütternd wie der Bericht derer, die die Katastrophe erlebt haben.

Seit ich „Godafoss“ gelesen habe, bin ich noch stärker davon überzeugt, dass nur das authentische Wort, der Zeitzeugenbericht eine Vorstellung von der Katastrophe vermitteln kann.

Das Buch, das am Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse im Island-Pavillon vorgestellt wurde (wir berichteten), wurde von dem Journalisten Óttar Sveinsson verfasst und von dem deutschen Journalisten Stefan Krücken mit Recherchen und Interviews ergänzt.

Der Rahmen des Dramas, das in „Godafoss“ dokumentiert wird, ist schnell erzählt. Von einem deutschen U-Boot torpediert, sank der isländische Passagierdampfer am 10. November 1944, kurz vor der isländischen Küste. 24 Menschen, Männer, Frauen und Kinder, ertranken; 19 Personen, 18 Isländer und ein Brite, konnten sich retten.

Doch das Buch beginnt damit, dass Island im September 1944 auf Marlene Dietrich wartet, „die weitaus berühmteste Person die jemals zu Besuch nach Island gekommen ist“. Sie singt für die amerikanischen Truppen und wird von wohlhabenden Familien Reykjavíks eingeladen.

Im Wohnzimmer der Familie Thormar hängt das Foto eines hübschen Mädchens. Wer ist sie, fragt Marlene. Unsere Tochter Sigrídur, erklären die Gastgeber. Sie lebt in den USA, doch zu Weihnachten wird sie zurück erwartet.

Dann wird der Leser in den Hafen von Reykjavík geleitet, wo die „Godafoss“ auf ihr Auslaufen wartet. Das Schiff war 1921 in Dänemark gebaut worden, ein kleiner, langsamer Passagierdampfer, ausgelegt für 76 Passagiere.

Vor dem Krieg stampfte die „Godafoss“ nach Dänemark, England und Deutschland. Im Krieg durften nur noch maximal 40 Passagiere an Bord und die isländische Reederei Eimskip verpasste dem Schiff eine graue Tarnfarbe zum Schutz gegen deutsche U-Boot-Angriffe.

Die Reederei, die makabererweise ein Hakenkreuz in ihrer Flagge führte (allerdings schon seit 1914), hatte im Krieg noch kein Schiff verloren.

Frachter und Passagierschiffe fahren in alliierten Konvois über den Atlantik, bis zu 200 Schiffe bilden einen solchen Verband und die Godafoss ist meist das kleinste. Sie kann darauf hoffen, übersehen zu werden: Die U-Boote richten ihre Torpedos vorrangig auf die mit Flugbenzin beladenen grossen Tanker – brennende Fackeln in der Nacht.

Der Funkverkehr ruht, die Nerven sind angespannt. Nachts herrscht absolute Verdunkelung; an Deck ist sogar das Rauchen verboten. Ab und an tauschen die Schiffe, die aufpassen müssen, dass sie mit keinem anderen aus dem Konvoi kollidieren, kurze Lichtzeichen aus.

Eine Transatlantikreise zwischen Reykjavík und New York dauert auf der Godafoss zwei Monate oder länger. Das Klima an Bord ist familiär, der Kapitän Sigurdur Gíslason ist allgemein beliebt. Der Jüngste ist der 14-jährige Kajütenjunge Stefán Skúlason. Der Matrose Sigurdur Gudmundsson ist 18; nach dem Tod seiner Mutter hat der Kapitän den Jungen bei sich aufgenommen.

Am 9. Oktober 1944 erreicht die Godafoss New York, alle atmen auf und die Mannschaft eilt an Land, um ihr „Angstgeld“ auszugeben, wie man die erhöhte Heuer zu nennen pflegt. Sigurdur Gudmundsson geht ins Copacabana, wo Louis Armstrong spielt und Frank Sinatra singt.

Zwölf Passagiere wollen die Rückfahrt nach Island wagen; darunter ein junges Ärtzeehepaar mit drei Kindern, dem siebenjährigen Óli, dem zweijährigen Sverrir und Baby Sigrún.

An Bord gehen auch die hübsche Sigrídur Thormar, deren Foto Marlene Dietrich im Haus ihrer Eltern bewundert hatte, und Halldór Sigurdsson, ein junger Journalist, der in Minneapolis studiert hat. Sie sind ein Paar, wollen es aber noch geheim halten.

Doch es gibt in dem Buch „Godafoss“ keine Lovestory. Es dokumentiert, es erfindet nichts. Wir erfahren „nur“ von dem, was die Überlebenden gesehen haben, was sie berichten. Wir erfahren: Sigrídur hätte es beinahe geschafft, frisch verliebt, mit unbändigem Lebenswillen. Und die Berichte der Zeitzeugen treiben uns die Tränen in die Augen.

Kaum hat die Godafoss New York verlassen stellt Arnar, der Kaltkoch, fest: Die grossen schwarzen Ratten, die auf der Hinfahrt die Mannschaft geplagt haben, sind verschwunden, im Vorratsraum ist kein Brot mehr angeknabbert. Arnar hat Angst. Er denkt an die düstere Prophezeiung bei der Séance, die seine Tante im Vorjahr abgehalten hat. 

Sigurdur Gudmundsson hält die Berichte über die unheilvollen Voraussagen und Träume für glaubwürdig. Der nun 85-Jährige ist nach Frankfurt gereist, um den ein Jahr älteren Horst Koske zu treffen, der Besatzungsmitglied des U-Bootes U-300 war.

Der ehemalige Funkmaat erzählte dem Autor Stefan Krücken, wie man gegen Kriegsende die „Freiwilligen“ für die „schwimmenden Särge“ rekrutierte, berichtete von dem gerade mal 24 Jahre alten Kommandanten des U-Bootes und unter welch entsetzlichen Bedingungen 50 Mann wochenlang in dem engen Gefährt ausharren mussten, ohne Sonne, ohne Frischluft, in Gestank und Angstschweiss. 287 deutsche U-Boote waren allein 1943 versenkt worden, drei Viertel der Besatzungen blieben in den Meeren.

Die Albträume von Horst Koske schwanden erst im Alter, als er über seine Erlebnisse zu schreiben und zu reden begann. Autor Stefan Krücken weiss, welche Erleichterung es auch für die Nachgeborenen ist, wenn die Kriegsgeneration ihr Schweigen bricht. Sein Grossvater, so erzählt er in Frankfurt, war Panzerkommandant und weigerte sich mit seinen Kindern und Enkeln über die Kriegszeit zu reden.
 
Der kleine Konvoi, der von der schottischen Küste nach Reykjavík weiterfuhr, wurde von der Godafoss angeführt. Ich kann hier nicht auf die einzelnen verhängnisvollen Verkettungen eingehen.

Viele Fragen sind bis heute ungeklärt. Wäre die Katastrophe verhindert worden, wenn der Kapitän der Godafoss nicht eine von Humanität geprägte Entscheidung getroffen hätte? Warum drehten die Begleitschiffe ab und kamen erst zur Hilfe, als es für viele der Schiffbrüchigen schon zu spät war?

Die Autoren der „Godafoss“ dokumentieren, sie werten nicht. Sie beleuchten mit Fotos das Leben vor dem Grauen, Momentaufnahmen einer unbeschwerten Normalität, die nie mehr wiederkehrte.

Das sorgfältig recherchierte, engagiert geschriebene und liebevoll gestaltete Buch dokumentiert ein in Deutschland nie thematisiertes Stück Zeitgeschichte, das in Island ein nationales Trauma war. Es erzählt viele bewegende Geschichten: Tragische und gut endende wie die von der Ehefrau Thóra, die an einem meterlangen Schal strickte, damit der Lebensfaden ihres Mannes nicht abriss.

Der Reporter des Morgunbladid, der grössten isländischen Tageszeitung, der bei der Buchvorstellung im Island-Pavillion dabei war, ist ihr Enkelsohn.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net

Ottar Sveinsson (Hrsg.) mit Stefan Krücken: Godafoss

Ankerherz Verlag, 192 Seiten mit zahlreichen historischen Fotografien, 29,90 Euro

Hier finden Sie einen Bericht über den Frachter Hekla und hier über den Schleppnetzdampfer Jarlinn, deren Besatzungen Opfer von deutschen U-Boot-Angriffen geworden sind.








January 27 | Seelenverkäufer BRIM










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