
Der finanzpolitische Ausschuss der Isländischen Zentralbank hat sich entschlossen, den Leitzins um 0,5 Prozent auf 5,5 Prozent anzuheben.
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Früher haben die Isländer melgresi, den „Strandhafer“, zu Mehl und Grütze verarbeitet. Heute wird er zur Erosionsbekämpfung eingesetzt und soll im Mündungsgebiet der Gletscherflüsse Jökulsá á dal und Lagarfljót den Treibsand befestigen.
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Vier Grundschulklassen erlebten anlässlich der Leipziger Messe die Geschichte von Maximus Musikus, der zufällig in einen Orchesterraum gerät und sich von der Musik verzaubern lässt. Klicken Sie auf das Bild um die Diaschau zu sehen.
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Es war schon etwas seltsam, an einem Sonntagabend auf dem Bahnsteig des Berliner Hauptbahnhofs auf und ab zu gehen, tief versunken in ein buchstäbliches Schneegestöber, während die spätsommerliche Hitze Schweissperlen auf die Haut zauberte.
Plötzlich blieb ich stehen, liess das Buch sinken und starrte auf den weissen Strich, der auffordert, der Bahnsteigkante nicht zu nahe zu treten. Was, dachte ich, wenn ich nun mitten im isländischen Schneetreiben die Orientierung verloren hätte und auf die Gleise gestürzt wäre, gerade in dem Moment, in dem der ICE einfährt? Könnte ich mich dann nicht auch als Opfer der Poesie bezeichnen?
Jeder der „Himmel und Hölle“ gelesen hat, weiss wovon ich rede. Poesie kann tödlich sein, das lernt der Held, der auch in „Der Schmerz der Engel“, dem zweiten Band von Jón Kalman Stefánssons geplanter Trilogie, nur „der Junge“ heisst.
Die Eltern des Jungen wollten ihren Kindern die Bildung angedeihen lassen, die ihnen verwehrt war. Doch die Familie wurde aufgelöst, nachdem das Meer den Vater verschluckt hatte. Der Junge kam in Pflege, nur Briefe hielten den Kontakt zur Mutter aufrecht. Bis sie dann am „schwarzen Husten“ starb. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, muss der Junge das harte Leben der Fischer teilen.
Zusammen mit seinem Freund Bárdur hatte er im Ort aus der Bibliothek des blinden Kapitäns „Das verlorene Paradies“ von John Milton (in der Übersetzung von Jón Thorláksson) ausgeliehen und auf gefahrvollem Weg zu der abgelegenen Fischersiedlung gebracht.
Nach dem schrecklichen Tod Bárdurs will der Junge nur schnell das Buch zurückbringen, um dann dem Freund zu folgen, doch allmählich kehren seine Lebensgeister zurück.
Hier endet „Himmel und Hölle“ und der „Schmerz der Engel“ beginnt. Man kann die beiden Romane voneinander unabhängig lesen; es empfiehlt sich aber doch, mit dem ersten Band, der 2009 bei Reclam erschienen ist, zu beginnen.
Die Handlung spielt Ende des 19. Jahrhunderts in den Westfjorden; der Ort wird Vík genannt und bezeichnet wohl das heutige Städtchen Bolungarvík, damals ein wichtiger Handelsposten für die Fischindustrie der Westfjorde.
Zunächst wendet sich für den Jungen alles zum Guten, zwei Frauen nehmen ihn unter ihre Fittiche, ihn erwartet der erste Kuss und die Aussicht auf höhere Bildung. Wenn da nicht Jens wäre, ein baumlanger Kerl mit zu grosser Nase, der verlässlichste Postbote und zugleich der rücksichtsloseste Halbtroll, der sich selbst am wenigsten schont. Gerade ist er von einem waghalsigen Ritt nach Reykjavík zurückgekommen, da schickt ihn Sigurdur, einer der mächtigsten Männer am Ort auf ein Himmelfahrtskommando.
Jens soll im April – noch mitten im Winter – die Post auf Strandir austragen. Wenn Sie die Westfjorde auf der Karte betrachten, sehen Sie ganz im Nordosten die Scheren des skorpionförmigen Strandir, die den Jökulfjördur (im Buch Dumbsfjördur, „Dumpf-Fjord“ genannt) in die Zange nehmen.
Und dort, wo die obere Schere zupacken will, ist eine kleine Landspitze mit einem Leuchtturm, Sléttunes, der ehemalige Handelsposten Sléttueyri. Dorthin muss der Bote: In einer Nussschale über den Ísafjardardjúp hinüber zum Snaefjallaströnd rudern, dann in einer zweiten Bootstour über den Dump und wieder zurück.
Aus gutem Grund bestehen die fürsorglichen Frauen darauf, dass der verwegene Jens diese Tour nicht alleine macht und geben ihm den Jungen mit. Doch nach der ersten Bootstour, die Jens wegen eines Missverständnisses fast das Leben kostet, zieht er den unwegsamen Landweg vor.
Heute ist Hornstrandir, der Nordteil der Halbinsel mit seinem mächtigen Gletscher Drangajökull unbewohnt, ein Naturschutzgebiet, das nur im Sommer per Schiff angelaufen werden kann. Doch damals lebten Fischer in den zahllosen Buchten und Fjorden. In Torfhütten, die im Winter unter Schneewehen kaum mehr zu erkennen waren, monatelang von der Aussenwelt abgeschnitten.
„...es ist dumm, so an den Höfen hier vorbeizumarschieren, das Einzige, dem sie auf diese Weise näher kommen, ist der Gletscher, der über allem hier in der Landschaft thront. Hinter Schnee und Sturm wartet er auf sie, ragt in die Höhe, füllt den halben Himmel aus. Wer ihm zu nahe kommt, der verliert Gott, und vielleicht ist es genau das, worauf Jens aus ist, Gott zu verlieren ...“
Viele isländische Gegenwartsschriftsteller widmen sich vergangenen Zeiten, in denen noch der Grossteil der Menschen auf dem Lande lebte. Isländer, sagte Jón Kalman Stefánsson in einem IR-Interview, sind eigentlich keine Stadtmenschen: „Unsere Wurzeln liegen auf dem Land.“
Mag ein Stück Nostalgie im Rückgriff auf die Vergangenheit liegen – es ist eine bitterharte Realität, die Stefánsson schildert: Kampf ums Überleben, Armut, Abhängigkeit und die Unbarmherzigkeit der Mächtigen wie der Naturgewalten. Existenzielle Fragen, Erinnerungen und Geister treiben den Jungen weiter durch den Schnee.
„Es fallen Engelstränen, sagen die Indianer im Norden Kanadas, wenn es schneit.“ So wird nebenbei im Buch der Titel erläutert und brachte mich auf den Gedanken, ob nicht auch die isländischen Skalden einst poetische Umschreibungen für den Schnee gefunden haben.
Doch ich stiess nur auf „die Krankheit des Gewürms“, eisige Drachenkotze also und nichts, was die Schönheit und Reinheit der weissen Daunen betont, die den Jungen mehrfach locken, einfach in ihnen einzuschlafen.
„Poesie und Salzfisch sind Gegensätze, keiner kann seine Träume essen.“ Poesie kann tödlich sein. Ohne Träume verkümmert der Mensch. Doch erst recht ohne den Austausch über das Wort:
„Könnte es passieren, dass wir abstürzen, ruft der Junge ... Wir finden es heraus, wenn es so weit ist, ruft Jens zurück, es sind seit langer Zeit die ersten Worte ... die erste Kontaktaufnahme, nach dem Muster: besorgte Frage, beschwichtigende Antwort, isländischer Umgang miteinander in nuce, alle sind wir unfähig, anderen unsere Gefühle offenzulegen – komm meinem Herzen bloss nicht zu nah!“
Solche Zeilen lesen sich beunruhigend und nehmen ein Stück der Bestürzung voraus, die sich gegen Ende einstellt. Es ist der zweite Band einer Trilogie und ich habe keine Vorstellung, wie es weitergehen könnte.
In einem aber bin ich mir sicher: „Der Schmerz der Engel“ ist eine der bedeutendsten Neuerscheinungen im Sagenhaften Herbst; das Werk von Jón Kalman Stefánsson wird Bestand haben und nicht in der kurzlebigen Messeflut untergehen.
Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net
Jón Kalman Stefánsson: Der Schmerz der Engel, Piper Verlag, 19,99 Euro.
Jón Kalman Stefánsson liest am 13. September in Niebüll, am 14.9. in Schleswig und am 15.9. in Osnabrück aus „Der Schmerz der Engel“; Näheres im Kalender von Sagenhaftes Island.
Über Jón Kalman und sein Werk erfahren Sie ebenfalls mehr bei Sagenhaftes Island.
Dort finden Sie auch ein Interview mit dem Autor und mit seinem bewährten Übersetzer Karl-Ludwig Wetzig.